Siebente Szene.

[113] DER FREMDE hat die Tür leise geöffnet und steckt den Kopf herein. Leise. Johannes Habundus ist da ...

DER ALTE RASCHKE ganz für sich, unter seinen grauen Augenbürsten mürrisch hervoräugend. Wer? ... das muß ein Händler sein ...[113]

JOHANNES HABUNDUS tritt vorsichtig herein. Goldene Äpfel ... Pfirsichen ...

DER ALTE RASCHKE. Draußen bleiben Sie!

JOHANNES HABUNDUS einschmeichelnd. Da ... da ... nehmt doch ...

DER ALTE RASCHKE. Was ... goldene Äpfel ... ich brauch' keine goldenen Äpfel ...

JOHANNES HABUNDUS. Nehmt doch ...

DER ALTE RASCHKE. Was sollten einem alten fünfundsiebenzigjährigen Manne noch goldene Äpfel? Johannes Habundus sieht sich neugierig um. Was wollen Sie dem hier? ... es ist sinkende Nacht ... es wird Schlafenszeit ...

JOHANNES HABUNDUS. Es ist kaum Abend ... Ihr schlaft früh ...

DER ALTE RASCHKE. Wir werden doch nicht erst noch Licht verbrennen ... Traumlicht kost't nichts ... Johannes Habundus[114] geht neugierig durch das Zimmer. Der alte Raschke steht noch immer auf demselben Platze und rührt sich nicht. Für sich. Das möcht' ich nun aber wirklich wissen, was der Kerl hier will? ... wer sind Sie denn?

JOHANNES HABUNDUS. Ein fremder Händler ... nehmen Sie doch einen goldenen Apfel ...

DER ALTE RASCHKE. Da hätte ich wirklich noch keine Zeit, mit goldenen Äpfeln zu spielen ... ich habe einstweilen noch an anderes zu denken ...

JOHANNES HABUNDUS lacht für sich. Und die Menschen alle schlafen ...

DER ALTE RASCHKE. Lassen Sie die ruhig schlafen ... da stehlen sie nicht ... ich schlafe noch nicht ... ich wache ... denn wachsam bin ich immer ... Für sich. Ich getrau' mich nicht, den Kerl geradezu anzureden ... er sieht zwar sehr lieblich aus ... Mutter ... die Mutter ist oben auf dem Boden? ... das Faulenzerpack hat sich wieder in die warme Stube gelegt? ...


Johannes Habundus hat seinen Korb abgestellt.
[115]

DER ALTE RASCHKE den Fremden beobachtend. Der läuft auf Zehen, wie der Versucher ...

JOHANNES HABUNDUS hat sich über Rapunzel gebeugt, ihr leise zuflüsternd. Johannes Habundus ist da ...

DER ALTE RASCHKE. Was wollen Sie denn überhaupt von dem Mädel? ... was wollen Sie denn von der Rapunzel? ...

RAPUNZEL im Traume. Erzähl' mir wieder die Geschichte, Großvater ... ich höre ...

DER ALTE RASCHKE. Die schläft nämlich gar nicht ... die ist wie der Großvater ... wenn die die Augen zumacht, da sieht die erst scharf ... denn nämlich ... wie ich's Ihnen grade sage ... mit einem Fuße stecken wir immer noch wieder in der Sünde und Schande ... ja ... ich sag's der Mutter immer ... der eine Sohn, den ich zuerst mit meinem Weibe hatte ... das ist ein Halunke ... ein Klotz ... ein Dieb ... hahahaha ... aber mit dem anderen Fuße ... ach was ... was geht das Sie an ... Für sich. Der Mann ... mit dem Manne könnte ich, weiß Gott, einmal ganz offen reden ... der sieht sehr lieblich aus ...


[116] Johannes Habundus steht in der Stubenmitte und blickt starr an die Decke.


DER ALTE RASCHKE ruft leise. Rapunzel ... Rapunzel ...

RAPUNZEL im Traume. Erzähl' mir doch wieder die Geschichte, Großvater ... ich höre ...

DER ALTE RASCHKE. Wenn doch wenigstens Rapunzel aufwachte ... aber nein ... zu was auch ... sie muß morgen zeitig in der Fabrik sein ... da muß sie jetzt schlafen ... darauf habe ich immer gehalten ... und darauf werde ich auch heute halten ... ja ... Wieder für sich. Und werde tun, als wenn mich der Mann nichts anginge ... der Mann hat eine wunderbare Stimme ... und tut mir durchaus nichts ... wenn er sich hier umsehen will ... warum denn nicht ... da kann ich mich unterdessen auf die Bank hier legen ... denn ich habe die zwei Nächte im Amtsgefängnis nicht ein Auge zugetan ... Er beobachtet den Fremden. Nein, nein, nein ... hinlegen paßt sich jetzt nicht ... Er prüft neugierig den Korb, den Johannes Habundus auf die Kiste gestellt hatte. Und solche Ketten und Ringe hat dieser Mann auch ... vielleicht hat dieser Mann gar die schönen Sachen der Rapunzel zugesteckt ...[117] wie schreit er immer? ... Johannes ... Habundus ... Johannes ... Habundus ... na da ... ach, du meine Güte ... gar Seine Erlaucht ein Graf ... nein ... das wäre doch nicht möglich ... werde du nur rapplig, alter Besenbinderschädel ... Versuchungen habe ich immer kräftig widerstanden ... Johannes ... Johannes ... tue, alter Grauschimmel von geplagtem Besenbinder, als wenn dich ein Johannes nichts anginge ... Seine Erlaucht, ein Graf ... und heißt Johannes Habundus ... reich genug säh der aus ... das Glück könnte dem schon begegnet sein ... nun also ... da werde ich mich doch nicht etwa jetzt auf die Ofenbanke strecken und schlafen ... wenn auch der Mann einstweilen durchaus nicht zu mir sprechen will ... wenn der Mann bloß immerfort zum Fenster 'nausstarrt ... starre nur zum Fenster 'naus ... ich gehe unterdessen zu meinem alten Stuhle hier ... und setz' mich ruhig nieder ... denn müde bin ich heute ... da mache ich für eine Weile ruhig meine Augen zu ...


Johannes Habundus steht noch immer abgewandt, zum Fenster hinausstarrend.


DER ALTE RASCHKE macht die Augen sofort wieder auf. Scharf nach Johannes Habundus beobachtend. Ich weiß nicht ... es wird mir sehr sausend zumute ... es wird mir sehr purzelig zumute ... richtig, als wenn auf einmal alles Kinder in dieser Stube wären ... ja ... als wenn ich zum Beispiel[118] ein Kind von diesem feinen Manne wär' ... ach, Unsinn ... höchstens könnte ich doch der Vater zu dem feinen Manne sein ... Sohn ... oder Tochter ... oder Vater ... oder Mutter ... das ist von oben nach unten und von unten nach oben immer alles dasselbe ... nur ja ruhiges Gemüte und Geblüte jetzt ... also ... Johannes Habundus ... ich fühl's immer deutlicher in meinem Blute kreisen ... wart' nur, Bürschel ... Er schwippt mit den Fingern. Jetzt fängt's doch an, im alten Besenbinderschädel aufzugehen ... pst ... lassen wir den Grafen ruhig zum Fenster 'nausgucken, so lange er nicht in die Stube sehen will ... der Mann ist von selber hereingetreten ... der Mann hat so gütig zu mir geredet, als spräch' er zu seinem Vater ... mag der Mann jetzt mit sich auszumachen haben, was er will ... mag der feine Mann gesehen haben, daß wir noch immer mit einem Fuße in der Sünde und Schande stecken ... jajajajaja ... jetzt begreife ich die ganze Schikane ... jetzt sehe ich auf einmal ganz klar ... das ist nämlich ein Johannes Habundus, den ich sehr genau kenne ... also rühre ich mich nicht ... fünfundsiebenzig Jahre hab' ich's ausgehalten ... jetzt werde ich doch die zwei Minuten noch aushalten können ... und wenn mein jüngster Sohn ... der Johann ... gleich Seine Erlaucht, ein Graf, wär' ... und ich bin bloß der alte, armselige Besenbinder ... da werd' ich ihn noch lange nicht bitten ... und wenn's mich gleich schmeißt, als wenn jetzt die Glückseligkeit[119] kein Ende mehr nähm ... hahahahaha ... ich bin und bleibe doch der Vater zu dem Grafen ... und was ein guter Sohn ist, der wird schon von selber zum Vater kommen ... hahahaha ... 's ist der Johann ... jetzt kenn' ich ihn ganz genau ... 's ist der Johann ... hahahaha ... nun kann ich ruhig sitzen und warten ... und auf meine Knie trommeln vor Ungeduld ... der Korb ist von lauter goldenen Äpfeln voll ... Er hat tändelnd zwei goldene Bälle ergriffen, jeden in eine Hand. Der Graf ist jetzt zu seinen Bettelleuten heimgekommen ... die Sonne scheint wunderbar ... ich bin schon wie im Traume ... ich bin schon wie im Traume ...


Quelle:
Carl Hauptmann: Die armseligen Besenbinder. Leipzig 1913, S. 113-120.
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