Achte Szene

[174] MATER SCHOLASTICA kommt mit Lisiska, die festlich geschmückt ist. Sie widerwillig vorwärtsdrängend. Ich bitte dich, Kind ... komme in Ruhe ... Sie drängt sie in den eingehegten Platz. ich flehe dich an, Lisiska ... wir müssen aus dem Wirbel fliehen ... schließe deine Augen ... schließe nicht nur deine Augen ... schließe alle deine Sinne ... werde mit deiner Seele noch einmal ganz einsam ... laß noch einmal alles Mauer um dich sein ... laß Stille sein wie im Klosterhofe ... die Nacht in diesem Parke ist schwül ... solche Nächte sind verbrecherisch ... solche Nächte wollen in dich einbrechen wie ein Raubwolf, um deine kindliche Seele zu zerfleischen ... und zu verschlingen ...

LISISKA. Nein, Mater ... das ist nicht wahr ... es ist ja doch meines Vaters seliges Parkgehege ... es ist ja doch meines Vaters Schloß und Erde ... es glitzert und glänzt und jubelt alles in dieser Heimat ... auch Salomo sagte doch: »Komm, Geliebter, in meinen Garten ... und iß von den Früchten meiner Apfelbäume« ...[174]

MATER SCHOLASTICA. Wie die Gitarren im Nachtwind zittern ... über See und Gesträuche fliegen die Töne ... es sind nicht Choräle ... es sind Wesen um uns, die du nicht kennst ...

LISISKA. Nein doch ... nein doch ... mein Vater wohnt hier ... Sie wollen mein Blut wider meinen Vater erregen ... nur weil er seine Freude in Glanz und Jubel einhüllt ... umtanzt und umklungen ...

MATER SCHOLASTICA. Es sind Wesen um uns, die du nicht kennst ... geheimnisvolle ... verschlingende ... auch ich kenne sie nicht ... die Gitarren schwirren wie wilde Hummeln ... und zerschneiden die Nachtluft ... Lisiska ... es schreit Wehe ... raffe dich auf zur Kraft ... bis in meine innerste, reine Mutterseele gellt es in den Lüften ... hörst du es nicht unselig rufen ... Mater Scholastica ... Wehe Wehe ... die Gewalten wollen auch mich jetzt bezwingen ... nein, Lisiska ... die Klosterstille war unser Trank ... die Klosterstille war unsere Speise ...

LISISKA. Nein doch, Mater ... Sie sollen mich nicht zermartern mit Ihrer Inbrunst ... Vater und Tochter sind von Gotte ein Leib und ein Leben ... mein Vater hat eine Macht wie ein reicher König ... auch Salomo lebte in Prunk und Seide ... auch Salomos Harfen fangen: »Tue auf, meine Taube ... meine Schwester ... meine Fromme ... denn mein Haupt ist voll Tau ... und meine Locken voll Nachttropfen« ... »o komme, Geliebter« ...

MATER SCHOLASTICA. Wer kennt die Mächte ... wer kann seinen Vater kennen ... was wissen wir denn ... Raubmächte können wie Cymbeln erklingen ... werfen unsere Unschuld wie Spreu in den Wind ... raffe ich auf, Lisiska ... auch ich zerschmelze unter dem schmelzenden Zittern dieser Saiten ... auch ich bin ein Weib ... aber du bist die mir vom Himmel vertraute Seele ... birg dich nur an mich ...[175]

LISISKA. Nein ... nein ... Musik überschwemmt mich ... im Seewasser verlocken mich die tanzenden Sterne ... Prunk und Jauchzen klingt aus meines Vaters Garten in meine Stille ... ein Geheimnis der Sehnsucht ist laut ... meine Seele sehnt sich ... meine Seele zerfließt in Weibeshoffnung und Abenteuer ... Sie möchten mir noch einmal die Hand vor die Augen halten, daß ich nur die Samtschwärze Ihrer hohlen Hände noch sähe ... Glanz und Zauber werde ich sehen durch Ihre Samthände hindurch... o Mater ... auch Sie sind nur eine irdische Frau ... nicht die himmlische Herrin, die die Erde bewältigt ...


Mater Scholastika hat sie auf die Ecke der Bank niedergedrückt, indem sie ihr zuerst die Hände sanft auf die Augen gelegt hat. Aber bei dem letzten Wort ergreift sie das silberne Kreuz, das sie an langer Kette trägt, plötzlich und hält es ihr vor. So daß es Lisiska sogleich anstarrt. Und sich dann jäh mit der Hand selber die Augen zuhält. Den Kopf neigend

und plötzlich in sich hineinkriechend.


MATER SCHOLASTICA inbrünstig. Streng. Siehe ... das Kreuz ... fühle ... seine Wunden ... horche ... die Stimmen der Feinde verhallen ... Lisiska ... jetzt hörst du mich endlich ... auch ich war eines reichen, mächtigen Mannes Lieblingstochter ... jung und unschuldig war ich ... so lose hineingeworfen in diese Welt ... und sehnte mich auch ... und schwelgte auch kindlich in den Köstlichkeiten des reichen Lebens ... da geschah es ... daß ich in einer holden, sternweiten Sommernacht einen blutig zerrissenen, toten Raben im Bachwasser unseres Parkes langsam heranschwimmen sah ... und daß ich dann plötzlich in Herzensangst aufsah und mich in die Tiefen des göttlichen Himmels nach Hilfe einbohrte ... und daß ein Engel mit weiten Flügeln herniederkam, der mir zuflüsterte ... »Groß ist der Himmel ... unermeßlich herrlich ist des höchsten Gottes himmlische Herrlichkeit ... die Erde ist nur ein Jammertal ... alles Irdische ist nur Flugsand ... wirf den Anker in Gotte ... diene auf Erden« ... damals habe ich das Schloß meiner Väter sogleich verlassen ... bin in die Fremde dieser irdischen Welt hinausgewandert ... tat Magddienste fortan ... und trage jetzt schon seit zwanzig Jahren und mehr freudig das harte Kreuz der Liebe auf meinen Schultern ... und straffe[176] meine Arme im Dienste der Leiden ... von der Kraft trotzig, die den Himmel verteidigt ...

LISISKA scheu. Wie alt bist du, Mutter ... du siehst so jung aus ...

MATER SCHOLASTICA gütig lächelnd. Du nennst mich zum ersten Male: du Mutter ... du fühlst es plötzlich, daß ein Duft des Himmelsgefildes meinen Händen entströmt ... die das Kreuz fest umklammern ... daß dieser Duft deine gejagten ... Sinne plötzlich in tiefen Schlummer legt ... nur deine göttliche Seele wach läßt ... Lisiska ... sage noch einmal: du Mutter ...

LISISKA. Du ... Mutter ... o du geliebte, heilige Mutter ...

MATER SCHOLASTICA. Sprich mir nach ... Noch feierlicher. du hast die Kraft ...

LISISKA. Du hast die Kraft ...

MATER SCHOLASTIKA vorsprechend. Deine Stimme ist süßtönend von Gott ...

LISISKA nachsprechend. Deine Stimme ist süßtönend von Gott ...

MATER SCHOLASTICA vorsprechend. Deine Hände süßduftend vom Holze des Kreuzes ... daran der Herr schmachtete ...

LISISKA nachsprechend. Deine Hände süßduftend vom Holze des Kreuzes, daran der Herr schmachtete ...[177]

MATER SCHOLASTICA. Der ewig der Herr bleibt über alle glitzernden Gaukelspiele des nichtigen Lebens ... thronend im Himmel ...

LISISKA verzückt. Ja ... ja ... ich rieche Liliengerüche ... die Erde verschwindet ... eine Glorie sehe ich an dem Nachthimmel ragen ... den Ersehnten sehe ich an dem Nachthimmel ragen am Kreuze ... o komme, Geliebter, in meines Vaters Garten ... und iß von den süßen Früchten meiner Apfelbäume ... Mutter ... ich bin in der Schwebe ...

MATER SCHOLASTICA plötzlich auffahrend, horcht nach der Seite. Hastig. Es kommt wer ... Lisiska ... Lisiska ... die Erde weckt uns aus unsern Träumen ... Lisiska ... erwache ... erwache ... es kommt wer ...


Beide fliehen plötzlich nach links fort.


Quelle:
Carl Hauptmann: Die goldnen Straßen. Leipzig 1918, S. 174-178.
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