Sechzehnte Szene

[63] Man hört abgerissen einige Worte einer umständlichen Erklärung über ein zu beginnendes Spiel. Eine Pantomime ohne Musik.


TOBIAS BUNTSCHUH drückt sich durch den Vorhang. Die Stallmeister verneigen sich. Tobias Buntschuh ist hochelegant. Ausgesucht hell gekleidet. Sehr dandyhaft. In farbigem, hohem Hute. Kopf in den Schultern wie ein kranker Geier. Dabei stolzierend. Große Blume im Knopfloch. Monokel im Auge. Blinzelnd suchend. Wo denn ... wo denn ... wo ist er denn ... wo bleibt er denn ewig ...

DER STALLMEISTER sich tief verbeugend. Zu allergehorsamsten Diensten, Herr Buntschuh ...


Gleich hinter Buntschuh sind Zuschauer aus dem Zirkus neugierig herausgetreten, die ihn von ferne begaffen.
[63]

BUNTSCHUH mürrisch. Lassen Sie jetzt nur die Redensarten ...

EIN ANDERER STALLMEISTER tritt hastig, sich tief verbeugend, herzu. Herr Tobias Buntschuh suchen Herrn Wendelborn ...

BUNTSCHUH. Vorwärts ... vorwärts ... da bringt ihn doch endlich ...

EIN ANDERER STALLMEISTER kommt. Herr Wendelborn wird sicher in der Garderobe bei Fräulein Radiana sein ...

EIN ANDERER STALLMEISTER herzutretend. Nein ... in der Garderobe ist er nicht ... diese Garderobe ist bereits leer ...

BUNTSCHUH. Kommen Sie einmal gefälligst beiseite ... Sie sind wohl verschwiegen ...

CLOWN ODEBRECHT kommt von rechts. Erlauben Sie nur in Eile, Herr Buntschuh ... Radiana ist gleich nach dem peinlichen Auftritt mit Fräulein Luisa hastig in die Nacht hinausgeflüchtet ...

EIN ANDERER STALLMEISTER. Ja ... ich habe Fräulein Radiana in einem beliebigen bunten Mantelfetzen in die Nacht hinausstürmen sehen ... und soviel ich bemerkte, ist Herr Wendelborn dann sofort eiligst hinter ihr drein gelaufen ...

BUNTSCHUH ratlos vor Odebrecht. Oooh ...

CLOWN ODEBRECHT ebenfalls die Schultern ratlos hochziehend. Tja ... ich muß leider schon wieder hinein ... entschuldigen Sie mich gütigst ... hochverehrter Herr Buntschuh ...


Ab durch den Vorhang.
[64]

BUNTSCHUH zu seinem Diener, der mit Stock und Mantel hinter ihm steht. Oooh ... die Dame ist in einem bunten Mantelfetzen hastig in die Nacht hinausgeflüchtet ... und Wendelborn ist sofort hinter ihr drein ... ich durchschaue diese animalische Tücke ... ich durchschaue alles ...


Er läßt sich vom Diener jetzt den hellen Mantel umlegen, bleibt aber wie gebannt vor sich hinstarrend stehen.

Im Zirkus klingt unterdessen zu mehreren Gitarren fein und spitzig ein Fistelgesang von Clownstimmen.


Lieder singen dich nicht,

sie alle enden wie Nachhall

fernester Zeiten von dir.


Namen nennen dich nicht,

dich bilden Griffel und Pinsel

sterblicher Künstler nicht nach.


BUNTSCHUH malt mit dem Spazierstock vor sich auf den Boden und tut zögernd Schritte. In welches verfluchte Rattenloch haben sich denn die beiden jetzt miteinander hinverkrochen ... Mit diesen Worten verschwindet er langsam und unentschlossen. möcht ich nur wissen ...


Musik und Gesang säuseln noch immer süß.


Wäre des Herzens Empfindung

nur hörbar – jeder Gedanke

wäre ein Hymnus von dir.


Wie du lebest und bist,

so trag ich einzig im Herzen,

holde Geliebte, dein Bild.


Lieben kann ich dich nur,

doch Lieder, wie ich dich liebe,

spar ich für jene Welt auf.

Der Vorhang fällt.


Quelle:
Carl Hauptmann: Die goldnen Straßen. Leipzig 1918, S. 63-65.
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