[1. Szene]

[77] Hochzeitsschmaus in Ephraims großer Stube, die bäuerisch mit Guirlanden und Papierblumen ausgeschmückt ist. Um den Bauern und Joseph in der Nähe der Stübelthür sitzt und steht eine Gruppe, darunter auch Breite und Mattern. An der Mitte des Tisches spielen einige junge Leute, in deren Nähe die alte Schindlern mit Frau Huhndorf ein leises Gespräch eifrig unterhält, wobei sie dann und wann auf Joseph und den Bauern hinblickt und gestikuliert. Einige Stühle stehen leer am Tisch. Die Bäuerin mit Tine am Herd und Tisch hin und her beschäftigt. Es ist gegen Ende des Mahles. Die Gemüter sind bereits stark erhitzt. Auf der Tafel stehen Weinflaschen, Gläser, Obst wirr durcheinander. Einige rauchen Pfeife oder Cigarre. Es wird hin und her gegangen.


BAUER angetrunken, laut. War bihn ich? War bihn ich? – Ephraims Gotlieb war ich wull noch sein – oder bihn ich's etwa nimmeh, Heinrich? – Ich sa's Euch. Macht mir nee was vir! – Ich war'sch schun wissa, a wan ich meine Werthschaft abzutrata ha'. – Das war ich wissa. – Wenn inse Herrgot suste gewullt hätte, daß mir alles immer glei' ei vuraus wößta, da wörd'r ins wull nee de Auga asu verbunda ha'n.

MATTERN lustig dazwischen. 'r muß doch au noch a wing was mite zu iberlä'n ha'n, inse Herrgot. Is nee wuhr, Gotlieb?

BAUER. Ach, ich ha's immer gewußt, wie's[77] kumma muß. – Die beeda – mit da beeda – das hot alles senne Richtigkeet mit da beeda. – 's is asu gekumma, und 's sohl au asu bleiba. – Nu miega die sich kimmern, wie se mit dar Wertschaft –

BÄUERIN. O mein Gott, mein Gott, Du Du! Asu weit ha'n se nu a Vater gebrucht!

HILDEBRANDT ebenfalls erhitzt und laut. Wenn ma mit suna schwarza Spielleuta zu thun hot, die uf kenner Seite a wing lichte sein, da muß ma sich zum wingsta nee glei' salber ei a Schatta satza, suste kimmt ma' gar nimmeh aus'm Finstern raus.

JOSEPH. Wenn einer schon mal bissel Glick findet, da wird's gleich immer Leite geben, die wullen hinten und vurne am Zeige flicken. Aber mich kann sulcher Lärmmacher wie dieser Heinrich heite nicht auf seine Geige spannen! Gieb Dich keine Mihe! Ich gebe keinen Ton! Heite nicht! Heite keinmals!

SCHINDLERN ruft aus ihrem Gespräch über den Tisch. Wenn Heinrich nicht wird Zank und Streit machen unter die Menschen – Jesus und Maria! er kann gar nicht leben er kann gar nicht leben.

BAUER. Macht mir nee was vir, ich sa's Euch! De Mutter nee! Und die ahla Karle erscht recht nee. Mir wer'n schun wissa, Breitla, wie ma's macha muß. Was, Breitla? Betrunken lachend. Die ahla Karle! die ahla Karle – gar nimmeh grade stihn vur Tummheet – se kinn'n gar nimmeh grade stihn kinn'n se vur Tummheet und wull'n ei inse Sacha neireda –

JOSEPH. Hahaha, Vatter! Su ist es! su ist es!

EINIGE MÄDCHEN umringen die Mattern. A Orakel! Mattern, a Orakel![78]

MATTERN komisch. 's is au noch wuhr, Ihr Madel! Mir wer'n lieber amol a Orakel macha. Das ewige Hie- und Hargezerre mit da Mansleuta! Unterdessa kinn'n mir gut und garne amol a wing 's Schicksal befräu'n. Sie geht zum Geschirrschrank.

HILDEBRANDT lachend. Immer fräu't Kannen und Tippel, Ihr abergläubscha Weibsbilder! Mit Nachdruck. Viellechte sa'n se's Euch amol, wie's hie kumma muß. – Emphatisch. 's stiht ei d'r Bibel –

MATTERN während sie mit der Bäuerin im Schrank kramt. Hiert ock nee uf Heinricha!

BAUER. Was stiht ei d'r Bibel, Heinrich?

HILDEBRANDT laut. 's stiht ei d'r Bibel: Bleibe Du d'r Oberschte ei Denn'n Gitern! ock d'r Oberschte ei Denn'n Gitern!

BREITE leise besorgt zur Mattern über den Tisch. Dar werd schun a Vater noch ei Ufregung brenga, Mattern, der Heinrich! Sa's 'n ock amol! sa's 'n ock amol!

BAUER. Ich ha' ju a Brautleuta de Wertschoft ock asu weit iberga'n, daß ich immer noch a Wort mite zu reda ha' –

HUHNDORF der eben hereingetreten ist und in der Mitte der Stube interessiert stehen bleibt. Mite zu reda! Ma' wiß ju, wie das is. Mite zu reda. 's i manchmol mit dam da, Gotlieb –

HILDEBRANDT schreit. Bleibe Du d'r Oberschte ei Denn'n Gitern! ock d'r Oberschte ei Denn'n Gitern!

MATTERN mit vier Töpfchen in der Hand behaglich an den Tisch kommend. Du machst weeß Gott schun a ganzen Obend an Lärm, Heinrich, als wenn Du hie d'r[79] Bräut'gam wärscht. Alle lachen. Der Bauer ist in sich hineingesunken und starrt vor sich hin. Mattern freundlich zu Hildebrandt fortfahrend. Du sollst iberhaupt gar nee erscht mit sulcha Sacha a'fanga, Heinrich. Ich war Dir amol was sa'n. – A sunes Verwandta Gehetze – nu do! Das ha' ich grade derfahr'n. Sie bekommt allmählich alle Aufmerksamkeit. Mir träumt heute noch d'rvone, wie se mich armes Madel asu behandelt ha'n! – Wu hätt' ich m'r d'n kinn', zum Verzeichnis, an Bihma d'rspar'n. Lustig. Da ha'n se mich doch aber asu a'geschimpft – und a' a Hals ha'n se mich kriega wull'n – Joseph – geradezu a' a Hals.

KRETSCHMER lachend dazwischen. Du werscht a wull au nischt schuldig geblieba sein! Ahle!

MATTERN gewichtig. Nee nee, Ihr söllt lieber gar nee erscht mit sulcha Sacha kumma – das is mir ei'gegraba bis zu menn' Tude. Wenn ich alles asu vurher gewußt hätte, wie's kumma sollte, ich hätt' mir das Heirata noch zahn Mol iberlä't. Ich war gar nee asu, zum Beispiel im Vergleiches, wenn sich de Frauensleute asu närr'sch a' de Mansbilder hänga –

EIN JUNGER BURSCHE vorlaut dazwischen. Mutter, ich muß an Man ha'n, oder ich steck's Haus an!

MATTERN lachend. Nee nee, asu ibertrieben war'sch bei mir gar nee. Da hätt' ich weeß Gott lacha gemußt. Sicher. Nu hälst De endlich amol a Dich, Heinrich! Nu ha'n mir genung vo da Sacha! Unterdessen stellt sie die Töpfchen auf. Bedächtig. Nu stell ich vier Tippla uf a Tisch! Nu paßt uf, Ihr Leute! Sie hebt jedes Töpfchen der Reihe nach hinweisend in die Höh. A Stickel[80] Kohle – an warme Stube! A Stickel Geld – an vullen Beutel! A Stickel Brut – sat zu assa! Verschmitzt lachend. Das Fleckla hie –

EINIGE. An Lumpa! An Lumpa au!

HILDEBRANDT für sich. An Lumpa dam, dar enner war'n sohl.

MATTERN ist zur Breite getreten.

BREITE halblustig. Sull ich a'fanga?

EINIGE. Freilich muß de Braut a'fanga!

BREITE derb. Ach nee, mit Eu'rm Orakel macha!

MATTERN bindet ihr das Tuch um die Augen. Mach, mach, Madel!

BREITE. Au noch das Tichla im de Auga! Bethulich. Sohl ich, Joseph?

JOSEPH. Su laß Dir binden!

BREITE mit verbundenen Augen, drollig. Ach nee! Das wullt ich doch gar nee. Wenn erscht was Bieses kimmt – ich sa' Dir'sch, Mattern – wenn was Bieses kimmt! Ich ha' vorhero heute schun – a Kop –

MATTERN sie in die Ofenecke führend. Immer ei de Ecke mit Dir.

EINIGE. Und nee gucken, Breitla.

FRAU GLUMM. Se guckt ju nee. Se guckt hichstens ei a Backufen 'nei.

MATTERN am Tisch. 's Erschte – 's Zweete – 's Dritte – 's Vierte! Nu nihm Dich ei Obacht!

HILDEBRANDT vor sich hinlachend. Daß De nee uf a Lumpa kimmst!

BREITE erschrocken. Nee! Heinrich! –

MATTERN gemütlich abwehrend. Ach, dar is nee dra! Wart's ab, Heinrich![81]

JOSEPH ruft gespannt. Heite nicht, Heinrich. Heite kummst Du nicht an! Heite nicht! Verstihst Du, Heinrich.

MATTERN ungestört. Immer lus, Breitla!

BREITE. 's Dritte!

MATTERN hebt das Töpfchen auf. 's Geld!

EINIGE. Nee verpucht! die hot Glicke! De Braut hot Glicke!

FRAU KRETSCHMER. Geld hot se ju genung!

HILDEBRANDT höhnend ausbrechend. Wenn ma' mit suna schwarza Harfaleuta zu thun hot, die uf kenner Seite gruß lichte sein –

BAUER wie aus Schlaf plötzlich emporfahrend, schreit. Kenner! Kenner! Ich wihl's nu kenn'n wetter gerota ha'n –

BREITE bindet sich hastig das Tuch ab. Vater! Vater!


Alle blicken auf Hildebrandt und den Bauern.


BAUER noch immer. Kenner! Kenner!

HILDEBRANDT erhebt sich gewichtig. Das is das Forsche! Das is das Forsche! Das is d'r Bauernstand! Gotlieb! Das giht nee raus. Das wull'n mir nee raus kriega bis a inse seliges Ende. Das is bei dam Madel grade au asu, Gotlieb! Ma' muß doch a Charakter festhal'n, Breitla! Was? Ma' muß doch a Charakter festhal'n, Ihr Leute. 's kimmt wie's kimmt!

BAUER stehend vor sich hinstarrend. Ich ha' mei Madel eemol Josepha gega'n – Er setzt sich.

HILDEBRANDT fortfahrend. Und das is bei Breitla' immer asu gewast. Was ma' hot, das hat[82] ma'. Du hust Dich au nee erre macha lo'n. Er stockt. Wenn enner – wenn enner – a Charakter – Er stockt. Gotlieb –

MATTERN fortfahrend. Wenn enner a Charakter verschmeißt, a Mut verschmeißt, a Eegensinn verschmeißt, da is d'r Mensch verlor'n –

HILDEBRANDT während er sich befriedigt setzt. Ha' ich nee recht, Gotlieb?

BÄUERIN. Als wenn nee d'r Vater und's Madel aus Eegensinn gemacht war'n! O mein Gott, mein Gott, Du Du! Das hätta mir wull grade genung d'rfahr'n.

BAUER auf den Tisch schlagend und unbändig. An Freede ha' ich eemol! Ich wihl au dar Freede Ausdruck ga'n. Du hust keene Freede Weib. Derentwegen mußt De halt a guden Wein ei Aerger runder werga.

JOSEPH ruft. Prosit, Vatter!

BAUER ausgelassen lachend. Mutter! da Thaler! da Thaler! Nee, Ihr Leute! ich muß Euch doch amol a Stickla vo menner Ahlen zum besta ga'n –

BÄUERIN abwehrend dazwischen redend. Fang ock a!

BAUER betrunken lachend. Da Thaler, da Thaler!

BREITE. Nee, Vater; das nee Das bringst De nee!

MATTERN. Ach, Gotlieb! Nee – erzahl ins ock lieber amol –

BAUER. Hahaha, die Geschichte vo Blumiga und dam Thaler. Hahaha.

BÄUERIN gereizt. Fang ock a'. Aber ich sa' D'r'sch. Ich ha' heute schun genung vo da Sacha,[83] das sa' ich Dir! Freilich, asu verstell'n, wie Du kan ich mich nee!

BAUER. Hahaha – wie se mich hinga und vurne rim betroga ha'n, de Mutter und 's Jingerla! Plötzlich aufgebracht. Was hust Du wieder gesa't, Mutter? daß ich's genau wiß! Daß ich da Leuta au' amol was d'rzahl'n kan!

MATTERN. Nee – ach! Luß ocks Weib! Gotlieb! Und sa' ins lieber amol, wie Dir asu heute zu Mute is!

BAUER erhebt sich. Was? – Was? – Nu – ich ha' halt ee' Kind – das mir – ich ha' ee' Kind, – ee' Kind – das mir am Herza liegt –, denn, – a Kind, das mir am Herza liegt –. Was sohl ich Euch d'n sa'n –. Strahlend. Ihr saht ju mei' Madel! Ihr saht ju, wie se heute asu aussitt eim Kranze –! Und wenn ich se nu hiega' Gerührt. – da – wenn ich se nu hiega' – Was sullt ich d'n au macha? – Was? – ich – Er setzt sich übermannt.

SCHINDLERN lebhaft. Gotlieb! Auch der Mann muß Vatter und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen –

HILDEBRANDT schreit lachend. Wenn 'r an Vater hot! hahahaha! – Dei' Joseph – Dei' Joseph! A Vater kan dar nee gut verlussen, dar nie kenn' Vater gesahn hot –. Nee wuhr?

JOSEPH emporfahrend. Was ist? Was ist? – Heinrich? Sag noch einmal!

BREITE ängstlich. Joseph – ims Himmels willen Joseph!

JOSEPH sprühend. Ich habe keine Vatter. Ich bin[84] fremd gezeugt und fremd geburn. Ich bin fremd gezogen und bin auch heite fremd unter alle Menschen. Denn Du grober Bauer – Du kannst mir nur ganz fremd erscheinen, wie aus eine ganz andere Welt! Hust Du mich verstanden?

HILDEBRANDT. Ju ju, fremd gebur'n – hahahaha – das nennt ma' fremd gebur'n –

JOSEPH. Aber aus Liebe bin ich doch geburen! Wie der Vogel unter dem Himmel, su bin ich geburen. Wie das Fisch im Wasser, su bin ich geburen! Und ich bin nicht weniger ein Mensch gewurden, wie Deine Suhn und Deine Tuchter.

BREITE sorglich zu Joseph. Nee, Joseph – Joseph! Zu den anderen gewandt. Nee, ach – ich sa's Euch jitzt, war Josepha kränkt, kränkt mich. Ich ha' mir Josepha genumma – und ich ha' nee gefräu't –

HILDEBRANDT. Hahahaha, Breitla! – 'r is fremd geburen – und hot sich jitzte erscht an gude Heimat ausgesicht was, Schindlern?

BAUER versucht sich aufzurichten, wobei er vor sich hinspricht. Stille bist De! Stille bist De!

SCHINDLERN mit unterdrückter Wut. Macht mich nich biese, Ihr Leite!

HUHNDORF. Nee, Ihr Leute, wullt r d'n das Ding asu weit treiba.

JOSEPH lachend. Erzähl' doch, Mutter! Du kannst erzählen vur alle Leite, daß sie wissen –

SCHINDLERN. Ich? – Juseph?

EINIGE. Hahahaha – nee erzal's ock, Schindlern! das mußt Du ins amol d'rzahlen! Mach ock![85]

SCHINDLERN wie gehetzt. Was wullt Ihr? – – Was läßt Du mich nicht in Ruh mit sulche Reden, Juseph? Zornig. Wißt Ihr, ich habe meine Suhn in Mutterschoß getragen, wie jede andere auch. – Verstiht Ihr? Und wenn ich auch ausgestoßen war – und nicht wußte, wu immer ich ein Dach fand und gezogen bin hin und her in diese jämmerliche Welt. – Mein Herz hat auch in glihender Liebe geschlagen, ob kurz, ob lang. – Denn – denn – das Lange is sich kurz genug – und mit die Elle man kann die Liebe duch nicht messen. – Mein Herz hat damals auch in Liebe geschlagen, wie ich Deine Vatter liebte Zornthränen übermannen sie. und daß ich armes Harfenmädel war, das war mein Schicksal. Und daß mich einer nahm und wegwarf, das war mein Schicksal. – Gesteigert. Du bist aus Liebe geburen. Sie beginnt gerührt zu weinen. Ich habe zerrissenes Herz gehabt nach Deine Vatter, so gut wie Breite heite nach Dir. Zornig. Aber mir ist nix gewurden, wie Bauertuchter heite! Und ein ander Weib hat mich rausgebissen aus alle Liebe, so hat sie mich gehaßt, die Hexe. Verstehst Du?


Der Bauer hat sich gesetzt und starrt besinnungslos vor sich hin.


EINIGE gespannt. Wer denn? Wu denn?

SCHINDLERN zornsprühend. Was? Wu? Wer? In der Welt – hier oder durt –. Is sich immer dasselbe. Höhnisch. Ich habe nicht gesessen mit Kranz im Haar, wie eine reine Jungfrau vur gruße Tafel. Mit Pathos. Ich habe einsam am Fluß gesessen und habe die Hände gerungen, ob ich nicht lieber das jammervulle Leben furtwerfen sullte, als alles ertragen.[86]

BREITE sich ratlos umblickend. Schindlern – Schindlern – Du sullst sahn! – Joseph! – Ich wiß gar nee – Du, Joseph – ich sitze ei Ehren hie –? Still und stark. Ich wihl vur a Leuta au nischt scheinen, was ich nee bihn. Ich wihl vur a Leuta au nischt anders gelta, Schindlern! hierscht De! Ich wihl au' menn Kranz Sie löst ihren Brautkranz aus dem Haar und legt ihn hin. runder nahma, Schindlern, dar mir nimmeh zukam, daß Ihr'sch wißt –

BAUER will sich müde erheben. Ach wuhar ock, Breitla! Stille bist De! Stille bist De!


Franzel ist in der Thür erschienen und stehen geblieben.


BREITE ohne auf den Bauern zu hören. ... daß Ihr'sch alle saht – Ihr sullt's alle wissa – ich ha' Josepha meine Ehre au ohne Besinnen hiegega'n – Schindlern – und ha' nach nischte wetter gefräu't – und hätte's au ertra'n missa, wenn'r mich und's Kindla unter menn' Herza –

EINIGE durcheinander. Ach! – Nee, Breitla! – Nee, Breitla!


Andere lachen. Die Frauen umringen Breite.


EINIGE rufen. Franzel! Franzel!

JOSEPH ekstatisch. Breite! Hahaha, Breite!

BAUER. Mei' Madel! Joseph! – hust's gehort! Mei' Madel!

JOSEPH ekstatisch dazwischen. Ich armer Knecht! Ich armer Teifel!


Hildebrandt lacht unbändig. Franzel steht regungslos an der Thür und sieht zu.


EINIGE dazwischen. Franzel! Musicke!

BAUER dazwischen. Mei' Madel! Die hot a Herze! Die hot Mut![87]

JOSEPH wie vorher dazwischen. Was könnt' ich sein! Was könnt' ich sein! Ich armer Knecht! Ich armer Teifel! Ein so guter –! Ein so kühner –! Es bringt mich ganz um mich selber – su was!

BAUER dazwischen verächtlich gegen die andern. De fercht sich vur Euch allen nee! – gar nee! – Er sinkt müde zurück und schläft ein. Der Lärm ist verstummt.

EINIGE ungeduldig. Musicke! Musicke!

EINIGE ANDERE schreien noch einmal. Franzel! Musicke! Musicke!

FRANZEL lacht verächtlich. Ich sull kummen? In Rauch und Lärm ich sull kummen? – und draußen die Nacht ist klar wie Krystall – und der Mond geht still über Welt – und Franzel schaut sich lieber in Mond, als in die alten Bauergesichter, die sind rut von Wein und Geschrei! Sie geht zur Harfe.

JOSEPH. Musik, Franzel! Musik!

FRANZEL ohne Acht auf Joseph, lebhaft. Du Hermann – weißt Du, Hermann, wie Franzel Kind war, Franzelkind hat sich vielmals gesessen vur Thür in armseliges Vatterhaus und hat angehimmelt König David in Mond, was sich sitzt mit d'r Harfe in Mond – und hat gebetten: Lieber, guter König David, luß Franzelkind auch sein gute Harfnerin, luß Franzelkind lernen Harfe schlagen, so schön wie Du in guldner Mond. Sie schlägt einige Accorde an.


Es tritt Stille ein.


HILDEBRANDT. Aber erscht mißt 'r mir noch amol ei'schenka, suste kan ich das Gewinsel nee ertra'n!

FRANZEL gleichgültig. Halt Dein Maul, Du Schwein! Sie spielt eine melancholisch slavische Weise in Begleitungsaccorden durch.[88]

HILDEBRANDT erhebt sich dazwischen und geht geräuschvoll hinaus.

BAUER mitten in die Musik, müde vor sich hin. Mei' Madel fercht sich vur Euch allen nee! – gar nee! –

FRANZEL spielt und singt. »Dem mein Herz gehört, denk an ihn allein. Und er denket nimmer mein!«

EINIGE BURSCHEN rufen in Franzels Musik hinein. Doch asunes Trauriges nee!

BREITE weint.

ANDERE. Mir wull'n doch nee flenn'!

FRANZEL unverwandt Joseph anblickend, während sie in Leidenschaft weiter singt. »Ziehn die Wolken über mich dahin, möchte ich mit ihnen fliehn, weithin über Seen und Land, bis ich meines Liebsten Seele fand!« Sie ist bleich geworden.

JOSEPH aufgeregt. Franzel! – Franzel! –

FRANZEL lehnt sich plötzlich wie vergangen zurück und flüstert fast. Ich weiß nicht – ich weiß nicht – gebt mir Schluck – gebt mir Schluck –

FRAU GLUMM Franzel beispringend. Wasser! Wasser!

HILDEBRANDT der eben eingetreten ist, umfaßt Franzel. Ich war 'r lieber an Kuß ga'n. Da werd'r amol sahn, wie se wieder werd lebendig war'n –

FRAU HILDEBRANDT. Nee, Man!

FRANZEL wütend. Juseph! Juseph! Hilfe! Hilfe! – Heinrich! Du gihst! – Sie ringt.

EINIGe. Hildebrandt! Nee Heinrich!

ANDERE lachen.

JOSEPH ihn zornig abwehrend. Ein sulches Vieh!


Breite sieht ängstlich zu.
[89]

HILDEBRANDT während er sich mit Franzel balgt, höhnisch. Hahahaha! Gotlieb! – Gotlieb!

EINIGE. Gotlieb schläft.

JOSEPH sucht Franzel zu befreien.

FRANZEL wehrt sich wütend. Bauervulk! Bauervulk!

HILDEBRANDT hat sie in die Nähe des Tisches gedrückt. Was ock Gotliebs Schwiegersuhn noch das bihmsche Madel a'giht, mecht ich ock wissa! Lachend und ringend. Verstihst De mich! Bei mir kimmst De nee a'!

EINIGE. Heinrich – Du – Du läßt se!

FRANZEL hat ein Messer vom Tische zu packen bekommen. Ich beiße – ich schneide – Sie bekommt einen Arm frei und bringt Hildebrandt, ehe er sie noch küssen kann, eine kleine Verletzung an der Hand bei, wobei er sie plötzlich los läßt. Franzel, das Messer wegwerfend. Wer mir nahe kummt, den ich nicht liebe, ich schneide, ich beiße, ich steche!

HILDEBRANDT sich seine Hand betrachtend. Hahahaha!

JOSEPH wütend. Ein sulches Vieh!

HILDEBRANDT forsch an Joseph herantretend. Hahaha – a Vieh! – Was giht denn Dich iberhaupt das Harfamadel a'?

JOSEPH verächtlich. Du hust uns schun ganzen Abend die Suppe versalzen. Du Vieh. Kochend. Ich sag Dir, ich will Dir nur guten Rat geben –

FRANZEL plötzlich wild lachend. Juseph! – Juseph! Bauerweib wird halten! – Is sich wahre Liebe doch bluß eine Sach' wie Sturm, und übermurgen is sich vurüber wie Krankheit! Hahaha!

BREITE fährt auf. Franzel! Franzel! Du schamst Dich nee![90]

JOSEPH wild. Hahaha! Franzel! Franzel! Thu nicht zu gruß! Thu nicht zu gruß! Hahaha, man freit sich seiner Stunde und – wirft sie hin! Hahahaha, was giht denn nicht vurüber? – Du auch! Du auch! Hahaha! Mit Deine schwarzen Haare – und schließlich mit die weißen!

BREITE erregt dazwischen. Die schamt sich nee – Joseph! Was sa't die? – Das magst Du sa'n! – Du schlechtes Harfamensch! Asu was magst Du denka –

EINIGE reden auf Breite ein.

SCHINDLERN. Breite! Sie meint nicht schlimm! Sie meint nicht schlimm! Du kennst duch meine Juseph!


Sie sind um Breite beschäftigt.


FRANZEL ohne Breite eines Blickes zu würdigen. Juseph! Juseph! Sie schwingt ihr Glas gegen ihn. Du Abtrünniger!

HILDEBRANDT dazwischen sie äffend. Du – Du Abtrünniger! – Der Brautvater schläft. A Brautkranz braucha m'r d'r Braut nimmeh' runder zu nahma –

JOSEPH. Hahaha – Du wirst auch runzelig werden mit die Jahre – hahahaha – verstihst Du! verstihst Du! hahaha – wie die alten Hexen! – wie die alten Hexen!

HILDEBRANDT dazwischen lärmend. Da kinn'n m'r ju au ei's Bette gihn.

ANDERE. Wer werd ock jitzte schun ei's Bette gihn! Zu Eberesch-Glumm gihn m'r. Zu Eberesch- Glumm gihn m'r! Sie suchen nach ihren Sachen.

FRANZEL. Hahaha! – Weil sie Kind hat, su nimm sie hin! Wild lachend. »Sie nahm das Gläslein in ihre Hand und brach's in der Mitte[91] entzwei! hahaha! Sieh hier, sieh hier, Du junger Knecht –«

JOSEPH hastig zur weinenden Breite gewandt. Was weinst Du? Was weinst Du?

FRANZEL Joseph verächtlich das Glas klirrend vor die Füße werfend. »Hier hust Du meine Trei!« Lachen und Lärmen.

EINIGE rufen. Zu Eberesch-Glumm gihn m'r! Zu Eberesch-Glumm gihn m'r!


Es ist alles im Aufbrauch. Schindlern und Franzel haben Harfe und Fiedel ergriffen und spielen als »Kehraus« eine wilde Tanzweise. Während welche gehen, drehen sich andere.


JOSEPH wie die Musik verstummt, ruft stürmisch. Ihr Leite! Ihr Leite! Zur Bethausschenke giht's! Zur Bethausschenke giht's!

BÄUERIN am Bauern rüttelnd. Vater, die wulln noch ei de Bethausschenke gihn. – Ihr wullt au noch mite gihn, Ihr Beeda?

BREITE sich resolut die Thränen trocknend. Wenn's Joseph wihl, gih ich grade mite, Mutter.


Auch die alte Schindlern und Franzel verschwinden.


BÄUERIN ihrer Tochter ins Stübel folgend. Da war ich D'r wenigstens die guda Sacha bei Seite lä'n, Madel. Da kumm ock.

BREITE von der Stübelthür zurücksprechend. Wart', Joseph, ich kumme glei'.


Beide ab, die Stübelthür schließt sich hinter ihnen.


MATTERN mit Frau Kretschmer als letzte abgehend. Der Brautvater hot's beste Teel d'rwahlt. Ich gih au schlofa.


Das Zimmer hat sich geleert.
[92]

JOSEPH allein, steht vor dem schlafenden Bauern. Wachen Sie auf, wachen Sie auf, Herr!

BAUER brummt gutmütig vor sich hin.

FRANZEL kommt scheinbar gleichgültig etwas Vergessenes eilig suchen.

JOSEPH leise und scheu. Franzel!

FRANZEL kalt. Juseph?!

JOSEPH hat sich ihr unschlüssig und nach dem Stübel horchend genähert.

BAUER redet im Schlaf unverständlich.

FRANZEL leise höhnisch lachend. Den habt Ihr urdentlich in Schlaf gewiegt – den grußen Gotlieb – Deine Alte und Du –

JOSEPH leidenschaftlich bebend. Franzel! –

FRANZEL entgegenkommender, gedehnt. Was?

JOSEPH faßt sie stürmisch in seine Arme und küßt sie. Sie läßt es ruhig hingebend geschehen. Im nächsten Augenblick fährt Joseph auf.

FRANZEL flüstert leidenschaftlich, fast zärtlich. Is sich wahre Liebe doch bluß eine Sach' wie Sturm – und ibermurgen is sich vurüber wie – Seligkeit! Mit einer sorglichen Geste aufs Stübel hastig leise. Juseph! Juseph! Ich gih. Franzel eilt hinaus.

BAUER brummt im Schlafe vor sich hin. Und mei' Madel ha' ich eemol Josepha gega'n –


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Carl Hauptmann: Ephraims Breite. Berlin 1900, S. 77-93.
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