Dreizehnte Szene


[729] Turnierplatz. Die Zuschauer sind auf ihren Tribünen schon versammelt. Der Marschall steht vor den Schranken, ein Buch unterm Arm. Großer Zug; Fahnen, Trophäen, Trompeten.


ERNST tritt auf, von seinen Rittern begleitet. Unter diesen befinden sich Wolfram von Pienzenau, Otto von Bern, Ignaz von Seyboltstorff und Hans von Preising. Preising geht ihm zur Seite. Die Ritter stellen sich bis auf Preising rechts vom Marschall auf.[729]

PREISING. Gnädiger Herr, mißdeutets nicht, daß ich noch einmal anklopfe, aber die Stunde ist ernst, was Ihr zu tun gedenkt, kann vielleicht nicht mehr zurück getan werden, und Ihr pflegt ja doch sonst meinen geringen Rat nicht zu verschmähen!

ERNST. Gegen jedermann kann ich Euch schützen, nur nicht gegen meinen Nachfolger, darum rat ich mir diesmal allein!

MARSCHALL ruft. Wolfram von Pienzenau! Otto von Bern!

PIENZENAU und BERN. Hier! MARSCHALL läßt sie ein.

PREISING. Ich fürchte zu erraten, was Ihr vorhabt, der Marschall hat das Buch gewiß nicht umsonst unterm Arm! Überlegts noch, ich bitt Euch, und seht in der raschen Antwort, die er Euch vorhin gab, nicht den Trotz eines Sohns, sondern die Hartnäckigkeit eines Verliebten, der sein Gefühl für eine Agnes nicht sogleich auf eine Anna übertragen kann!

ERNST. Ihr werdet augenblicklich aufgerufen werden!

PREISING geht zu den Rittern.

ERNST. Ein Schnitt ins Fleisch tut not. Wirkts nicht gleich, so wirkts später! Ei, ei, wer hätte das gedacht! Einer Dirne wegen!

ALBRECHT tritt mit Nothhafft von Wernberg und Törring auf.

ERNST an Albrecht vorbeischreitend. Noch einmal! Darf ich der Ritterschaft Eure Verlobung mit Anna von Braunschweig ankündigen lassen?

ALBRECHT. Ich habe zu viel von Euch im Leibe, um auf eine und dieselbe Frage an einem und demselben Morgen zwei Antworten zu geben! – Mein Gott, lag ich denn ganz umsonst auf den Knieen vor Euch?

ERNST. Gut! Er geht weiter. Marschall, ich habe Euch nichts zu sagen! Er besteigt seine Tribune. Nur fort!

MARSCHALL ruft. Hans von Preising! Ignaz von Seyboltstorff!

PREISING UND SEYBOLTSTORFF. Hier! Treten an die Schranken.

ALBRECHT. Preising! Seyboltstorff! Zurück! Wittelsbach ist da! Tritt an die Schranken.

MARSCHALL. Halt!

ALBRECHT. Marschall von Pappenheim, aufgeschaut! Den Blinden, dem ich den Star stechen muß, bedien ich mit der Lanze![730]

ERNST. Artikel zehn!

MARSCHALL öffnet das Buch und liest. Weiter wurde zu Heilbronn für ewige Zeiten beschlossen und geordnet: welcher vom Adel geboren und herkommen ist und Frauen und Jungfrauen schwächte –

ALBRECHT schlägt ihm das Buch aus der Hand. Der darf nicht turnieren! Werden hier Krippenreiter zugelassen, die das nicht wissen?

MARSCHALL. Ihr seid angeklagt, auf Eurem Schloß Vohburg mit einem Schwabenmädchen in Unehren zu leben!

ALBRECHT. Mein Kläger?

ERNST erhebt sich.

ALBRECHT. Herzog von München-Baiern, laß deine Späher peitschen, sie haben deine Schwieger verunglimpft! Die ehr- und tugendsame Augsburger Bürgertochter, Jungfer Agnes Bernauer, ist meine Gemahlin, und niemand, als sie, befindet sich auf Vohburg! Hier stehen meine Zeugen!

ERNST. Preising! Das ist ja zum – Wiederjungwerden!

ALBRECHT. Da man nun mit seinem angetrauten Weibe nicht in Unehren leben kann, so – – Schildknapp, zeig dem Mann mit dem Buch da, wie man öffnet!

SCHILDKNAPP öffnet rasch.

ALBRECHT tritt ein. Nun, ihr Herren? Man pflegt: ich wünsch Euch Glück! zu sagen!

ERNST greift zum Schwert und will hinunterstürzen. Ich komm schon!

PREISING wirft sich ihm entgegen. Gnädiger Herr, erst müßt Ihr mich durchstoßen!

ERNST. Ei, ich wills ja nur als Knüttel brauchen, ich will nur für die Überraschung danken! Doch, Ihr habt recht, es ist auch so gut, was erhitzt der Vater sich, der Herzog genügt. Er ruft. Edle von Baiern, Grafen, Freiherren und Ritter, auch Wilhelm, mein Bruder, hat einen Sohn –

ALBRECHT. Was soll das?

ERNST. Wer den Weg zur Schlafkammer seiner ehr- und tugendsamen Jungfer – allen Respekt vor ihr, es muß eine gescheite Person sein! – durch die Kir che nehmen mußte, der nimmt die Benediktion mit und die Gnade aller Heiligen obendrein,[731] aber Krone und Herzogsmantel läßt er am Altar zurück! Er fährt fort. Dieser Sohn heißt Adolf, und ihn erklär ich –

ALBRECHT. Bei meiner Mutter, nein!

HANS VON LÄUBELFING. Albrecht von Wittelsbach, Ingolstadt steht hinter Euch, fürchtet nicht für Euer Recht, Ludwig der Bärtige zieht!

ERNST. Ludwig von Ingolstadt, oder wer hier für ihn spricht, das Reich steht hinter mir mit Acht und Aberacht, weh dem, der seine Ordnung stört!

MARSCHALL nebst vielen andern Rittern, mit den Schwertern klirrend. Ja, weh dem!

ERNST. Bürger von Augsburg, Eidam des Vaters, empfangt jetzt Segen und Hochzeitsgabe zugleich! Fährt fort. Es lebe mein Nachfolger! Er steigt von der Tribune herunter. Wer ein guter Baier ist, stimmt mit ein: es lebe Adolf, das Kind!

MARSCHALL mit vielen andern Rittern um Ernst sich scharend. Es lebe Adolf, das Kind!

ALBRECHT zieht und dringt auf den Marschall ein, auch um ihn scharen sich einige Ritter. Otto, mein Ahnherr, für Treu!

ERNST schlägt ihm mit der Faust aufs Schwert. Das Turnier ist aus!

ALBRECHT. Nein, es beginnt! Die Ritterschaft verläßt mich! Bürger und Bauern, heran! Er schwingt sein Schwert gegen die Zuschauer. Großes Getümmel.

Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 729-732.
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