Vierzehnte Szene


[384] Marfa und die Äbtissin treten auf.


ÄBTISSIN.

Nun, hat das Mutterherz in dir gesprochen?

MARFA.

Ist er nicht edel?

ÄBTISSIN.

Darnach frag ich nicht,

Doch ist er echt? Denn nicht dem Edelsten,

Dem Echtgebornen nur gehört der Thron,

Und so ists recht.

MARFA.

Glaubst du, daß ers nicht ist?

ÄBTISSIN.

Du weichst mir aus, und das begreif ich wohl,

Denn, wenn dir nur der kleinste Zweifel blieb,

So bist du elend, wie noch nie ein Weib.[384]

MARFA.

Du willst mich schrecken.

ÄBTISSIN.

Ists nicht wahr? Sprich selbst!

Was hat den Feldherrn Boris Godunows

Hieher getrieben? Seine Niederlage?

Er war besiegt, doch nicht zertreten. Reue?

Gewissen? Überzeugung? Nichts von allem,

Dein Beispiel wars! Er hats ja selbst bekannt.

MARFA.

So ists.

ÄBTISSIN.

Und wähnst du, daß in ihm der Eifer

Für Recht und Wahrheit lodert? Glaub es nicht,

Ich kenne die Bojaren! Wär der Zar

Auch ein Zigeuner, gelb, wie eine Quitte,

Und schmutzig, wie der Weg zur Winterzeit:

Sie würden vor ihm kriechen, wenn er sie

Nur schalten ließe, wie sie eben mögten;

Doch, daß er streng und gut regiert und sie

Im Zügel hält, das ists, was sie empört,

Und nun verbrämen sie Verrat und Abfall

Mit ihrer Treu für Ruriks Stamm und Haus.

MARFA.

Ich kenn sie auch.

ÄBTISSIN.

Sie werden alle folgen,

Denn alle sind erbittert, doch auch alle,

Wie Schuiskoi, schwören, daß es nur geschieht,

Weil du voran gegangen – ringsum wird

Der Bürgerkrieg entbrennen, der nicht bloß

Das Reich zerspaltet, sondern auch das Haus

Zerreißt und in die letzte heilge Stätte,

Wo man der Wunden pflegen soll, den Haß

Verpflanzt, der neue schlägt – und jeder Greuel

Wird deinen Namen tragen, weil der Teufel

Das Siegel Gottes führt und Höllen-Frevel

Zu Heldentaten stempelt: wirds dich nicht

Zu Boden drücken, wenn du deines Herzens

Nicht völlig sicher bist?

MARFA.

Wer sagt dir denn,

Daß ichs nicht bin?

ÄBTISSIN.

So hat sich die Natur

In dir geregt, so stark in dir geregt,[385]

Daß jeder Widerspruch beschämt verstummte,

Der sich in deinem Innersten erhob?

Sogar der letzte, der den Menschen zwingt,

Das Wunder zu bezweifeln, das ihn rettet,

Weil er sich keines Wunders würdig fühlt?

So hättest du aus Millionen ihn

Heraus gefunden und an deine Brust

Geschlossen, wenn er auch im Bettlerkleid

Erschienen wäre, weil dein altes Blut

Bei seinem Anblick wieder glühend wallt,

Und weil dir auch das seine jugendlich

Zu freudgem Gruß entgegen steigt?

MARFA.

Spricht denn

Das Blut so klar und laut?

ÄBTISSIN.

Ich weiß es nicht.

Doch denk ich mir die Mutter und ihr Kind

Durch irgend ein geheimnisvolles Zeichen,

Das sie allein erkennen und verstehn,

Für alle Zeit unwandelbar verknüpft,

Denn Zeugen können lügen, Ringe lassen

Sich stehlen, ein Naturspiel wiederholt sich,

Und wenn ein solches innres Zeichen fehlt,

So ist der Mensch zu ewger Nacht verdammt,

Und sollte niemals sagen: Dieser ists!

MARFA.

Ich kenn den Ort, wo sich das Rätsel löst.

ÄBTISSIN.

Was meinst du?

MARFA.

Hast du meinen Wunsch vergessen?

Den einzgen, der mir aus dem Lärm der Welt

Ins Kloster folgte und mich nie verließ?

ÄBTISSIN.

Du wolltest einmal an dem Sarge beten,

Der deines Sohnes blutge Asche birgt.

MARFA.

Ich werd in Moskau an dem Sarge beten,

Der dieses Kindes blutge Asche birgt!

Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 384-386.
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