Erste Szene

[617] IRAD.

Du bist gerettet!

ASSAD.

Und ich hab den Stein!


Er zieht den Rubin hervor.


O, wie er strahlt! Ich glaube, wenn wir beide

Die Lichter alle löschten, die hier brennen,

Und wenn dann Allah auch mit seinen Händen

Die Sterne deckte, die am Himmel flammen,

Es würde doch nicht finster auf der Welt!

IRAD.

Meinst du?

ASSAD.

Vergib, vergib, ehrwürdger Greis,

Daß ich dir noch die Füße nicht geküßt!


Er tuts.


Wer bist du? Doch, was frag ich! Weiß ichs nicht?

Du kannst kein andrer sein, als der Prophet,

Du sprachst ja auch in meiner Eltern Hütte

Schon einmal ein!

IRAD.

Wie war das?

ASSAD.

Meinst du, daß ichs

Vergessen hab? O nein! So klein ich war,

Ich habs mir wohl gemerkt! Mein Vater lag

An schwerer Krankheit auf den Tod darnieder,

Und wie er selbst, so konnte auch die Mutter

Nichts mehr verdienen, denn sie mußt ihn pflegen

Und durft ihn nicht verlassen! Was wir hatten,

War bald verzehrt, obgleich mein Mund allein[617]

Den Vorrat schmälerte, da ihr so gut,

Wie ihm die Eßlust fehlte. Was geschah,

Als sie zur Nacht das letzte Stücklein Brot

Mir weigerte, um für den nächsten Morgen

Nicht ganz mit leeren Händen dazustehn?

Die Tür ward aufgemacht, ein voller Beutel

Mit Geld flog in die Stube und zugleich

Rief eine Stimme: Allah leiht euch das,

Gebrauchts, solange ihr es nötig habt,

Und zahlt es, wenn ihr könnt, dereinst zurück

An einen, der so hülflos ist, wie ihr!

IRAD.

Und dieses, glaubst du –

ASSAD.

Glaubst du? Nein, ich weiß,

Daß der Prophet es war, daß – du es warst!

Wie solltest du im Paradiese auch

Dich freuen können, wenn die Deinen unten

Im Elend schmachten!

IRAD.

Assad, halte ein!

Ich bin nicht, was du meinst!

ASSAD.

Wer bist du denn?

Wer bist du, wenn du der Prophet nicht bist?

Wer bist du, daß vor deinem Wink die Erde

Sich spaltet, daß sich zum kristallnen Gang,

In dem man wandeln kann, ihr Innres wölbt,

Und daß –

IRAD.

Ich bin der, der dich retten konnte!

Das sei genug für dich! Und jetzt vernimm,

Warum ichs tat!

ASSAD.

Laß erst noch einmal dir,

Auf meinen Knieen, danken für mein Leben!

Jetzt schauderts mich! Zwar weiß ich es gewiß,

Daß ich ins Paradies gekommen wäre,

Denn einer Sünde, die mir seine Pforten

Verschließen könnte, zeiht mein Herz mich nicht.

Allein, wie hätt ich dort erröten müssen!

Und nicht vor Omar bloß und Abubeker,

Die Mahomed am nächsten stehn und die

Wohl nie auf Erden ihresgleichen finden,[618]

Ach nein, vor jedem, der die Hungernden

Gespeist, die Durstigen getränkt und nicht,

Wie ich, die Vögel bloß gefüttert hat.

Ja, selbst vor meinem Vater, denn ich trug

Die Schuld, die er zurückließ, noch nicht ab,

Und das gelobt ich ihm, bevor er starb;

Sie war erst halb bezahlt, als er verschied!

IRAD.

Verkaufe jetzt den Stein, so kannst dus tun!

ASSAD.

Den Stein?

IRAD.

Du zweifelst, ob in dieser Stadt

Des Glanzes und der Pracht auch ein Verlaßner

Zu finden sei, der dein bedarf? Doch ich,

Vor dessen Blick die Erde selbst sich spaltet,

Ich schau von hier durch Mauern und durch Wände

Und kann dich gleich zu einem führen, der

Vor wütgem Hunger in sein eignes Fleisch

Hineinbeißt und in grimmiger Verzweiflung

Sich selbst und Allah mit verflucht. Den sollst

Du trösten und mit Gott und Welt versöhnen,

Deswegen ward dir der Rubin zuteil!

Drum gib ihn hin!

ASSAD.

Ihn hin? Mein Blut viel lieber!

IRAD.

Assad!

ASSAD.

Da ist er! Mach nun, was du willst!

Mir aber sage, wie ich den Kadi

Am schnellsten wieder finde!

IRAD.

Den Kadi?

Du Undankbarer! Allah hat die größte

Der irdschen Freuden dir bestimmt und du –

ASSAD.

Geht, geht! Ich fall Euch an, wenn Ihrs nicht tut!

Hier ist mein Dolch! Nehmt ihn, damit ich ihn

Nicht brauche oder Ihr Euch wehren könnt!

IRAD.

Ich werd den Stein verkaufen! Tröste dich,

Es bleibt, auch wenn du diese Schuld bezahlst,

Genug noch für dich übrig!

ASSAD.

O, zu viel!

Zu viel! Und wenns auch nur ein Pfenning wäre,

Ich brauch von jetzt an keinen Pfenning mehr![619]

IRAD schickt sich zum Abgehen an.

Begleite mich und sieh –

ASSAD.

Wohin Ihr geht?

O nein! Ich mach die Augen lieber zu,

Sonst könnte ich Euch folgen und den Mann

Ermorden, der – Ich bitt Euch, zögert nicht!

IRAD.

Ich hab dich nur geprüft! Nimm ihn zurück!


Er reicht Assad den Stein.


Auch diesen brauchst du noch!


Er reicht ihm den Dolch.


Ich wog die Krumen,

Die du den Vögeln vor dein Fenster streutest,

Und schwerer in die Wage fielen sie,

Als all die Schätze, welche der Kalif

Den Darbenden verteilen ließ, denn du

Gabst alles, was du übrig hattest, hin,

Er nicht, und das hat Mahomed befohlen!

ASSAD.

Ehrwürdger Greis, mein Alles war ein Nichts!

IRAD.

Ich sah an deines Vaters Sterbebett

Dich sitzen, tief bekümmert, daß du nur

Die Fliegen ihm verjagen, nicht die Frucht

Ihm reichen konntest, die vielleicht die letzte

Equickung ihm geboten oder ihm

Das letzte Lächeln abgewonnen hätte –

ASSAD hält die Hand vors Gesicht.

O Gott! Ich dachte –

IRAD.

An des Nachbars Garten

Und an die Trauben, die darin gereift!

Allah verzieh es, ja auf seinen Wink

Trug der Prophet ins goldne Buch dich ein!

Und darum stehst du jetzt vor mir und hältst

In deiner Hand ein Kleinod, das, so köstlich

Es dir und aller Welt auch scheinen mag,

Doch noch viel mehr ist, als du ahnen kannst!

ASSAD.

Was ist es denn?

IRAD.

Es ist ein Grab!

ASSAD.

Ein Grab?

IRAD.

Es ist ein Grab für eine, die noch lebt![620]

ASSAD.

Für eine, die – für eine! O, mein Herz,

So war es dies!

IRAD.

Die allerschönste Jungfrau,

Die auf der Erde jemals wandelte,

Ist durch die Tücke eines bösen Geistes

In diesen Stein hinein gebannt und schläft

Den Schlaf des Todes, ehe sie noch starb!

ASSAD schaudernd.

Den Schlaf des Todes!

IRAD.

Rot ist der Rubin

Zwar immer, doch in einen Purpur, wie

Er diesen schmückt, war keiner noch getaucht.

Wie Feuer schimmert jeder Edelstein,

Denn tief in seinen Kern hat die Natur

Den Sonnenstrahl, den flüchtgen, eingeschlossen,

Doch einen Blitz, wie dieser deinem Blick

Entgegen sendet, wenn du ihn betrachtest,

Hat selbst der Diamant noch nie versprüht!

ASSAD.

Es ist ihr Blut und ihres Auges Glanz!

IRAD.

Das ists! Ja wohl! Denn beides sog er ein!

ASSAD.

Und Allah ließ es zu?

IRAD.

Die bösen Geister

Sind mächtig bis zum jüngsten Tag! Und doch

Nicht mächtig gnug. Was halfs, daß der Rubin

Schon, tief verscharrt, im Schoß der Erde lag?

Ich fand ihn dennoch!

ASSAD.

Kannst du denn die Jungfrau

Nicht auch erlösen?

IRAD.

Ich nicht! Nur ein Mensch!

ASSAD.

Ein Mensch! Ich selbst bin ja ein Mensch! Doch wie?

IRAD.

Das weiß ich nicht! Der Zaubrer fiel in Schlaf,

Als ich erwachte, denn wir wechseln stets,

Wie Tag und Nacht, doch nur umsonst belauschte

Ich seine Träume, er verriet sich nicht!

ASSAD.

Weh! Weh!

IRAD.

Verzweifle nicht zu früh! Er hält

Den Schlaf nicht ewig aus, und dennoch weicht

Der Schlaf erst dann von ihm, wenns mir gelang,

Das zu befrein, was er gefesselt hat.[621]

Sobald der Traum in den verruchten Sinn

Ihm eine neue, größre Bosheit bringt,

Deckt er die alte selber auf! Das kann

Auch dieses Mal geschehn! Noch weiß ich nur,

Daß du die Jungfrau einmal wecken kannst!

ASSAD.

Ich kann sie wecken?

IRAD.

Ja! Um Mitternacht!

Wenn du auf den Rubin drei Küsse drückst,

Erscheint sie dir!

ASSAD.

Ist es nicht Mitternacht?

IRAD.

Noch nicht! Doch bald! Vielleicht kann sie dir selbst

Das Mittel nennen, das den Zauber bricht,

Vielleicht entdecke ichs. Zwar blickte er

In jener Nebelhöhle, die ihn birgt,

So selbstzufrieden, tückisch-stolz darein,

Als hätte er sein Äußerstes vollbracht,

Und dieses deutet auf ein schweres Werk.

Doch über ihm ist Allah! Was ich nur

Zum Teil durchschaue, das durchschaut er ganz

Und gibts dir wohl in Träumen ein! Leb wohl!


Er verschwindet.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 617-622.
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