Neunzehnte Szene

[297] Etzel tritt mit Kriemhild ein.


ETZEL.

Auch hier in Waffen?

HAGEN.

Immer.

KRIEMHILD.

Das Gewissen

Verlangt es so.

HAGEN.

Dank, edle Wirtin, Dank!

ETZEL setzt sich.

Gefällt es Euch?

KRIEMHILD.

Ich bitte, wie es kommt.

GUNTHER.

Wo sind denn meine Knechte?

KRIEMHILD.

Wohl versorgt.

HAGEN.

Mein Bruder steht für sie.

ETZEL.

Und ich, ich stehe

Für meinen Koch.

DIETRICH.

Das ist das Wichtigste!

HAGEN.

Der leistet wirklich viel. Ich hörte oft,

Der Heune haue vom lebendgen Ochsen

Sich eine Keule ab und reite sich

Sie mürbe unterm Sattel –

ETZEL.

Das geschieht,

Wenn er zu Pferde sitzt, und wenns an Zeit

Gebricht, ein lustges Feuer anzumachen.

Im Frieden sorgt auch er für seinen Gaumen

Und nicht bloß für den undankbaren Bauch.

HAGEN.

Schon gestern abend hab ich das bemerkt.

Und solch ein Saal dabei! Auf dieser Erde

Kommt nichts dem himmlischen Gewölb so nah,

Man sieht sich um nach dem Planetentanz.

ETZEL.

Den haben wir nun freilich nicht gebaut! –

Es ging mir wunderlich auf meinem Zug:

Als ich ihn antrat, war ich völlig blind,[297]

Ich schonte nichts, ob Scheune oder Tempel,

Dorf oder Stadt, ich warf den Brand hinein.

Doch als ich wiederkehrte, konnt ich sehn,

Und halbe Trümmer, um die letzte Stunde

Mit Sturm und Regen kämpfend, drangen mir

Das Staunen ab, das ich dem Bau versagt,

Als er noch stand in seiner vollen Pracht.

VOLKER.

Das ist natürlich. Sieht man doch den Toten

Auch anders an, als den Lebendigen,

Und gräbt ihm mit demselben Schwert ein Grab,

Mit dem man kurz zuvor ihn nieder hieb.

ETZEL.

So hatt ich auch dies Wunderwerk zerstört

Und fluchte meiner eignen Hand, als ichs

Im Schutt nach Jahren wieder vor mir sah.

Da aber trat ein Mann zu mir heran,

Der sprach: Ich habs das erste Mal erbaut,

Es wird mir auch das zweite Mal wohl glücken!

Den nahm ich mit und darum steht es hier.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 297-298.
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