Einundzwanzigste Szene

[298] HAGEN.

Was war denn das?

DIETRICH.

Was meint Ihr wohl?

HAGEN.

Verrückt?

DIETRICH.

Nicht doch! Ein stolzer Herzog ists.

HAGEN.

Wie kann das sein?[298]

DIETRICH.

Ein hoher Thron steht leer,

Solang er pilgert, und ein edles Weib

Sieht nach ihm aus.

HAGEN lacht.

Die Welt verändert sich.

RÜDEGER.

Man sagt, er sei schon einmal heimgezogen

Und an der Schwelle wieder umgekehrt.

HAGEN.

Fort mit dem Narren! Käm er noch einmal,

So weckt ich rasch mit einem andern Schlag

Den Fürsten in ihm auf.

DIETRICH.

Es ist doch was!

Zehn Jahre sind herum, und endlich kommt er

Des Abends auf sein Schloß. Schon brennt das Licht,

Er sieht sein Weib, sein Kind, er hebt den Finger,

Um anzupochen, da ergreift es ihn,

Daß er des Glückes noch nicht würdig ist,

Und leise, seinem Hund, der ihn begrüßt,

Den Mund verschließend, schleicht er wieder fort,

Um noch einmal die lange Fahrt zu machen,

Von Pferdestall zu Pferdestall sich bettelnd

Und, wo man ihn mit Füßen tritt, verweilend,

Bis man ihn küßt und an den Busen drückt.

Es ist doch was!

HAGEN lacht.

Ha, ha! Ihr sprecht, wie unser

Kaplan am Rhein!

ETZEL.

Wo bleiben aber heut

Die Geiger nur?

KRIEMHILD.

Es ist ja einer da,

Der alle andern zum Verstummen bringt.

So spielt denn auf, Herr Volker!

VOLKER.

Seis darum,

Nur sagt mir, was Ihr hören wollt.

KRIEMHILD.

Sogleich!


Sie winkt einem Diener, welcher abgeht.


GISELHER erhebt den Becher und trinkt.

Schwester!

KRIEMHILD gießt ihren Becher aus, zu Rüdeger.

Du hast dein Haar zu lieb gehabt,

Jetzt wirst du mehr verlieren![299]


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 298-300.
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