Siebente Szene

[285] Etzel und Dietrich treten auf.


DIETRICH.

Nun siehst du selbst, wozu Kriemhild sie lud.

ETZEL.

Ich sehs.

DIETRICH.

Mir schien sie immer eine Kohle,

Die frischen Windes in der Asche harrt.

ETZEL.

Mir nicht.

DIETRICH.

Hast du denn nichts gewußt?

ETZEL.

Doch, doch!

Allein ich sahs mit Rüdegers Augen an

Und dachte, Weiberrache sei gesättigt,[285]

Sobald sie ausgeschworen.

DIETRICH.

Und die Tränen?

Das Trauerkleid?

ETZEL.

Ich hörte ja von dir,

Daß eure Weise sei, den Feind zu lieben

Und mit dem Kuß zu danken für den Schlag:

Ei nun, ich habs geglaubt.

DIETRICH.

So sollt es sein,

Doch ist nicht jeder stark genug dazu.

ETZEL.

Auch dacht ich mir, als sie so eifrig trieb,

Die Boten endlich doch hinab zu senden,

Es sei der Mutter wegen, denn ich weiß,

Daß sie nicht all zu kindlich von ihr schied,

Und auch, daß sies bereut!

DIETRICH.

Die Mutter ist

Daheim geblieben, und ich zweifle selbst,

Daß man sie lud. Die andern aber haben

Den Hort, um den sie doch so viel gewagt,

Die Nacht vor ihrer Fahrt bei Fackelschein

Auf Nimmerwiedersehn im Rhein versenkt.

ETZEL.

Warum denn blieben sie nicht auch daheim?

Sie fürchteten doch nicht, daß ich den Geigern

Mit Ketten und Schwertern folgte?

DIETRICH.

Herr, sie hatten

Kriemhild ihr Wort gegeben, und sie mußten

Es endlich lösen, denn wen gar nichts bindet,

Den bindet das nur um so mehr, auch war

Ihr Sinn zu stolz, um die Gefahr zu meiden

Und Rat zu achten. Du bist auch gewohnt,

Dem Tod zu trotzen, doch du brauchst noch Grund,

Die nicht! Wie ihre wilden Väter sich

Mit eigner Hand nach einem lustgen Mahl

Bei Sang und Klang im Kreise ihrer Gäste

Durchbohrten, wenn des Lebens beste Zeit

Vorüber schien, ja, wie sie trunknen Muts,

Wohl gar ein Schiff bestiegen und sich schwuren,

Nicht mehr zurückzukehren, sondern draußen

Auf hoher See im Brudermörderkampf,[286]

Der eine durch den anderen, zu fallen

Und so das letzte Leiden der Natur

Zu ihrer letzten höchsten Tat zu stempeln,

So ist der Teufel, der das Blut regiert,

Auch noch in ihnen mächtig, und sie folgen

Ihm freudig, wenn es einmal kocht und dampft.

ETZEL.

Seis, wie es sei, ich danke dir den Gang,

Denn nimmer mögt ich Kriemhilds Schuldner bleiben,

Und jetzt erst weiß ich, wie die Rechnung steht.

DIETRICH.

Wie meinst du das?

ETZEL.

Ich glaubte viel zu tun,

Daß ich mich ihrer nach der Hochzeitsnacht

Sogleich enthielt –

DIETRICH.

Das war auch viel.

ETZEL.

Nein, nein,

Das war noch nichts! Doch so gewiß ichs tat,

Und noch gewisser, tu ich mehr für sie,

Wenn sies verlangt. Das schwör ich hier vor dir!

DIETRICH.

Du könntest –

ETZEL.

Nichts, was du verdammen wirst,

Und doch wohl mehr, als sie von mir erwartet,

Sonst hätt sie längst ein andres Spiel versucht.


Im Abgehen.


Ja, ja, Kriemhild, ich schlage meine Schwäher

Nicht höher an, wie deine Brüder du,

Und wenn sie nur noch Mörder sind für dich,

Wie sollten sie für mich was Beßres sein!


Beide ab.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 285-287.
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