Neunte Szene

[288] Rüdeger tritt auf.


RÜDEGER.

Du schenkst das halbe Königreich schon weg?

KRIEMHILD.

Doch hab ich dir das Beste aufgehoben.


Zu den Heunen.


Seid tapfer! Um den Hort der Nibelungen

Kauft ihr die Welt, und wenn von euch auch Tausend

Am Leben bleiben, braucht ihr nicht zu zanken,

Es sind noch immer tausend Könige!


Die Heunen zerstreuen sich in Gruppen.


KRIEMHILD zu Rüdeger.

Hast du nicht was zu holen aus Bechlarn?

RÜDEGER.

Nicht, daß ich wüßte!

KRIEMHILD.

Oder was zu schicken?

RÜDEGER.

Noch wen'ger, Fürstin.

KRIEMHILD.

Nun, so schneide dir

Mit deinem Degen eine Locke ab,

Da stiehlt sich eine unterm Helm hervor –

RÜDEGER.

Wozu?

KRIEMHILD.

Damit du was zu schicken hast.

RÜDEGER.

Wie! Komm ich denn nicht mehr nach Haus zurück?

KRIEMHILD.

Warum?

RÜDEGER.

Weil du ein Werk, wie dies, verlangst.

Das tut bei uns die Liebe an dem Toten,

Wenn sich der Tischler mit dem Hammer naht,

Der ihn in seinen Kasten nageln soll.

KRIEMHILD.

Die Zukunft kenn ich nicht. Doch nimms nicht so!

Zu deinem Boten wähle Giselher

Und gib ihm auf, an keinem Blumengarten

Vorbei zu reiten, ohne eine Rose[288]

Für seine Braut zu pflücken. Ist der Strauß

Beisammen, steckt er ihn in meinem Namen

Ihr an die Brust und ruht sich aus bei ihr,

Bis sie aus deiner Locke einen Ring

Für mich geflochten hat. Daß ich den Dank

Verdiene, wird sich zeigen.

RÜDEGER.

Königin,

Er wird nicht gehn.

KRIEMHILD.

Befiehl es ihm mit Ernst,

Du bist ja jetzt sein Vater, er dein Sohn,

Und wenn er den Gehorsam dir verweigert,

So wirfst du ihn zur Strafe in den Turm.

RÜDEGER.

Wie könnt ich das!

KRIEMHILD.

Lock ihn mit List hinein,

Wenns mit Gewalt nicht geht. Dann ists so gut

Als wär er auf der Reise und bevor

Er sich befreien kann, ist alles aus,

Der Jüngste Tag ist auch der kürzeste!

Erwidre nichts! Wenn deine Tochter dir

Am Herzen liegt, so tust du, was ich sage,

Ich machte dir ein königlich Geschenk,

Denn – – Doch du kannst wohl selber prophezein!

Die blutigen Kometen sind am Himmel

Anstatt der frommen Sterne aufgezogen

Und blitzen dunkel in die Welt hinein.

Die guten Mittel sind erschöpft, es kommen

Die bösen an die Reihe, wie das Gift,

Wenn keine Arzenei mehr helfen will,

Und erst, wenn Siegfrieds Tod gerochen ist,

Gibts wieder Missetaten auf der Erde,

So lange aber ist das Recht verhüllt

Und die Natur in tiefen Schlaf versenkt.


Ab.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 288-289.
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