Zweite Szene

[207] SCHMERZENREICH stürzt atemlos herbei.

O Mutter, Mutter!

GENOVEVA.

Fasse dich! Was ists?


Man hört Jagdhörner in der Ferne.


SCHMERZENREICH.

Hör doch! Hör doch![207]

GENOVEVA.

O Gott!

SCHMERZENREICH.

Das ist gewiß

Der Böse! Alle Tiere fürchten sich,

Die Vögel fliegen weg, denk dir, ein Bär

Lief hart an mir vorbei, und noch ein Tier

Mit einem spitzen Horn, das wir im Wald

Noch niemals sahn! Wie zittern mir die Knie!

Halt mich, ich fall sonst um!

GENOVEVA beugt sich auf ihn nieder.

Mein Kind, du weißt,

Daß dich dein Vater schützt! Als Auerochs

Und Bär hier einmal kämpften, schriest du auch

Und meintest zu vergehen. Dennoch wars

Nur unsrer Kleider wegen, daß der Herr

Sie hergetrieben hatte! Jeder fand

Den Tod durch seinen Feind, dann ward das Fell

Des Ochsen deins, das Fell des Bären meins.

Wer weiß, was heut geschieht, drum zag nicht so,

Bete ein Vaterunser!

SCHMERZENREICH betet still.

GENOVEVA.

Was ist das?

Jagdhörner! Hier?

SCHMERZENREICH.

Du liebe Mutter, sprich:

Wer ist mein Schuldiger? So lange schon

Versprech ich im Gebet dem lieben Gott,

Daß ich ihm seine Schuld vergeben will!

Auch tät ichs ganz gewiß von Herzen gern,

Allein ich kenn ihn nicht!


Man hört die Jagdhörner ganz in der Nähe.


GENOVEVA.

Schau hin! Schau hin!

Die arme Hirschkuh, deine Amme! Gott,

Wie blickt sie wild und scheu! Sie wird gejagt.

Hieher, du frommes Tier! Sie schlüpft hinein,

Nun komm auch du! Wenn ihr nur keiner folgt!


Flüchtet mit Schmerzenreich in die Höhle.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 207-208.
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