16.

[106] Im Föhrenwald. Fast lautlos. Zeitvergessen.

Was leis in Wipfeln saust, singt Ewigkeit.

Sanftkühles Moos. Des Lebens Lasten pressen

Mir nicht die Brust, ich bin von Qual befreit.

Ach, Höhn und Tiefen hab auch ich durchmessen,

Weiß, wie der Mensch in wildem Schmerze schreit,

Wie rasch er jauchzt im Taumel der Sekunde,

Wie stolz er hinstelzt, wie er geht zugrunde.


Geheuchelt hab ich auch in Wort und Mienen –

Wie oft, daß mir der Mut zersplittert war

Und bin doch lächelnden Gesichts erschienen

Und stach dem andern Heuchler noch den Star.

Ich wollte mir den Preis der Welt verdienen

Mit Kraftgeflunker wie ein Janitschar:

Des Herzens Schwachheit hab ich überpinselt,

Stramm dreingeschaut und innerlich gewinselt ...
[106]

Ihr zierlichen, ihr goldbetupften Käfer,

Wie lauft ihr grünlichschillernd durchs Gewirr

Der weichen Mooseshärchen! Minneschäfer

Seid ihr und lockt mit lispelndem Gekirr,

Das gar nicht hört so'n Mammutmenschenschläfer,

Ins Lustgarn euch: ihr lauscht nicht dem Geschwirr,

Dem seltsam wipfelwandernden, der Kronen,

In denen ewige Rätselweisen wohnen.


Ihr seid in eurem süßen Trieb befangen

Und klammert euch gar ernsthaft an das Glück,

Das im Moment euch wonnig aufgegangen,

Ihr seid berauscht und könnt nicht mehr zurück.

Ein Käferlein bleibt an dem andern hangen,

Natur spielt aus den alten Schöpfertrick –

Den Knalleffekt, kurz wie Gewitterschauer,

Die Spinne Willewelt liegt auf der Lauer.


Ist's anders denn mit uns vermummten Tieren,

Die nur durch höchst vollkommne Brillen schaun?

Wir können raffinierter räsonieren,

Traktieren kritisch Denken und Verdaun,

Wir sind zum Platzen reif im Selbstsezieren,

Begierig, über jede Schnur zu haun

Und uns vertrackte Triebobjektsgesellen

Vor Selbstbeguckung auf den Kopf zu stellen.
[107]

Das Menschenhirn schlägt Riesenpurzelbäume

(Zwar das aus Feuer nur, nicht das aus Stroh),

Schwingt sich durch seine eignen Weltenräume

Und ist des Nebelflecks im Auge froh.

Nach innen regt zum Tanz der Zukunftsträume

Sich schon der Übermenschenembryo –

Nur wenn die irdischen Fühler uns erkranken,

Verzichten wir auf Weltherrschaftsgedanken.


Die Atmosphäre will robuste Beine,

Sie ist ein unverschämter Geisttyrann,

Erst läßt sie jubeln: »Freiheit, die ich meine!«

Ein Fingerdruck – die Freiheit liegt im Bann.

Zum Hirne spricht sie: »Du bist nicht alleine

Der Herr im Haus, es sitzt ein Rumpf daran,

Verständige dich – Gedanken können fliehen! –

Gefälligst mit den gröberen Partien!«


Grausamer Witz! Auf ewig Kot und Äther?

Du trägst den Kopf hoch? Naseweiser Wicht!

Du Großhirnriese! Geistesheldentäter!

Der Lump von Leib geht mit dir ins Gericht.

Der hinterlistige Gauch wird zum Verräter

Und speit dir Schleim ins Götterangesicht ...

Sei Übermensch! Gebare dich allmächtig!

Da juckt der Wurm – der Witz wird niederträchtig.
[108]

Ah, ich war auch ein rechter Stelzengänger!

Mit Illusionen päppeln wir uns groß.

Wir ragen zu den Wolken etwas länger

Und sagen keck uns von der Erde los.

Was sind wir für gefangne Bauernfänger!

Ein schlauer Zwerg versetzt uns einen Stoß,

Ein Zweifelmännchen mit Mephistofaxen,

Wie 'n Pilz dort aus gemeinem Grund gewachsen.


Und sieben Meilen lang liegt auf der Nase

Der radikale Siebenmeilendrang ...

Zu stehn probiert behutsam die Ekstase,

Den Allerwertsten reibt der Überschwang.

Der Hutzelwicht gibt von sich böse Gase

Und macht mit giftigem Gesicht uns bang,

Bis wir entschieden ihn ins Auge fassen,

Uns auch vom Erdgeist nicht verblüffen lassen.


Doch wer da aufstand, darf von Glück noch sagen,

Wenn Bein und Rückgrat nicht gebrochen sind.

Sein Dasein kröche hin in müden Klagen,

Von weher Schwermut säng' ihm Wald und Wind.

Die Tragikomik könnt' er nicht ertragen

Und müßte weinen wie ein altes Kind,

Sein Antlitz vor den klugen Leuten bergen

Und trauern mit Schneewittchens Unschuldszwergen ...
[109]

Du lieg im Moos und trinke Tannenlüfte!

Aus Mutter Erde sauge neue Kraft!

Gespenster, hütet weiter eure Grüfte!

Ich fühl's, ich fühl's, noch atm' ich unerschlafft.

Die Welt hat Firnen und die Welt hat Klüfte,

In Höhn und Tiefen rinnt der Lebenssaft,

Durch Schlünde dunkel, um die Gipfel helle,

Schlürf beide Sorten, durstiger Geselle!

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 1: Buch des Lebens, München 1921, S. 106-110.
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