29.

[137] Denn manches Lasters könnt' ich mich versehen,

Und Fehler zähl' ich wie der Sand am Meer,

Doch bei der Sonne Licht darf ich gestehen:

Nie bohrte mir durchs Herz des Neides Speer.

Ich müßte völlig aus der Haut mir gehen,

Wollt' ich vergrößern noch der Neider Heer:

Dem Würdigsten möcht' ich zu beiden Seiten

Den Hermelin selbst um die Schulter breiten.


Zwar lächelnd müßte, der mir ganz gefiele,

Mundwinkelzuckend steigen auf den Thron,

Das goldne Zepter nehmen wie zum Spiele

Und sich gebärden als Olympiersohn,

Der flott agiert im Byzantiner Stile

Und selber komisch sich als Kaiser schon,

Der bald nach abgestreiftem Hermeline

Als schlichter Meister seines Volks erschiene.
[137]

Ich lache schmerzlich. Fern mir, daß ich haßte!

Ich möchte lieben, ging' es irgend an.

Mir weht die Flagge silberweiß vom Maste,

Ich traure nur, wo ich nicht lieben kann.

Der Sinn der allerhöchsten Kriegerkaste

Ist Wahnsinn für den echten Edelmann.

Das fordert Blut und ruft dem Geist der Rache

In Jesu Namen! – Schmerz, sei stark und lache!


Mein Herz ist leidenschaftlich, voller Schwächen,

Schon oft hat heißer Zorn mich übermannt,

Daß mir Besinnung schwand in Wirbelbächen

Und mich das liebste Wesen kaum erkannt.

Nur eines wußt' ich nie: Was ist: sich rächen?

Wer mich beleidigt haß- und wutentbrannt,

Soll ich dem armen Schlucker zu Gefallen

Gleich zeigen: »Ecce homo – hier auch Krallen?«


»Ich bin wie du. Brauchst dich nicht zu genieren.

Man stillt sich zur Revanche seinen Durst.

Süß ist die Rache. Laß doch mal probieren!

Famoses Wörtchen das: Wurst wider Wurst!

Wie feige, Kraftinstinkte zu kastrieren!

Fest um sich haun! – Arme Vernunft, du murrst?

Soll ich des Bruders Lehrer sein im Lieben?

Moral heißt: »Zahn um Zahn und Heil den Hieben!«
[138]

Nun gut! Mein Hieb ist: Wiederzuvergelten

Mit einer Geste, die mir ganz entspricht.

Ich will mich selbst nicht einen Narren schelten,

Der Sühne nimmt, wenn er gestochen sticht.

Ob noch so sehr die Zornesadern schwellten,

Ein höherer Trieb sucht höheres Gericht,

Und Kränkungen mit Großmut zu ertragen

Ist majestätischer als wiederschlagen.


Wird Tschandala denn ewig Rache brüllen,

Und mußt du einsam auf die Berge gehn?

Wird die Verheißung nie sich hier erfüllen,

Sich nie die Wahrheit hier verwirklicht sehn?

Soll ewig Herrliches sich nur enthüllen

In wenigen, die »was davon verstehn«,

Und ist es Unsichtbarem vorbehalten,

Ein höchstes Gut für alle zu verwalten?


Vom Protoplasma hab ich's nicht erfahren,

Und Weltgeheimnis bleibt, was mich bedrängt.

Das lernt sich auch nicht mit den Schwabenjahren

Und bleibt mit heiligen Schleiern zugehängt.

Es ist bei Juden, Christen und Barbaren

Dasselbe stets in andre Form gezwängt –

Die Priester zeigen es herum im Bilde,

Mir flimmert's mystisch her vom Sternenschilde.

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 1: Buch des Lebens, München 1921, S. 137-139.
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