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[88] New York, Januar 1900.


Ein kalter, grauer Tag. Zum Malen viel zu dunkel. Ein allgemeines Gefühl des Unbehagens. Das Buch, das man am Kamin sitzend liest, langweilt. Der Blick hinaus durch die Fenster langweilt ganz ebenso. Beinah möchte man die Menschen beneiden, die selbstgefällig sagen, »ich habe mich noch nie gelangweilt«, und die damit nur den Beweis liefern, wie grenzenlos langweilig sie selbst sein müssen, wenn sie wirklich nicht[88] imstande sind, die Langeweile des Meisten zu erkennen, womit das Leben angefüllt ist.

Ich wünschte – ja, was wünsche ich eigentlich? Ich wünschte, ich wäre mit Ihnen auf einer weiten, merkwürdigen, gefahrvollen Entdeckungsreise in irgend ein seltsames Land – womöglich einen unerforschten Stern. Bitte, werden Sie nun aber nicht gleich eitel! Dass Sie nicht eitel sind, ist ja gerade eine Ihrer nettesten Eigenschaften, und jede echte Frau muss einen eitlen Mann unausstehlich finden, denn er nimmt ihr damit etwas weg, worauf sie ihr spezielles, anerkanntes Frauenrecht hat. Ich suche Sie ja auch nur deshalb zum Begleiter auf den unerforschten Stern aus, weil Livingstone, der dort sicher sofort Bescheid gewusst hätte, nun doch schon tot ist.

Aber wahrhaftig und im Ernst – ich habe manchmal eine so brennende Sehnsucht, etwas zu werden, zu sein, zu leisten! Ich komme mir zuweilen vor, als bestände ich aus lauter ungenutzten Fähigkeiten und als gingen alle Gelegenheiten, sich zu betätigen, die die meinen sein sollten, an mir vorbei und zu anderen hin, die nicht wissen, was sie damit beginnen sollen. Wir Menschen bestehen eben aus solchen, von denen nie annähernd das verlangt wird, was sie zu leisten imstande wären, und aus anderen, an die Anforderungen gestellt[89] werden, denen sie in keiner Weise gerecht werden können. – Letztere sind natürlich die glücklicheren, denn ein Teil ihrer Unfähigkeit besteht gerade darin, gar nicht zu merken, wie sehr sie es sind.

Das Ergebnis dieser Welteinrichtung ist, dass niemand da steht, wo er stehen sollte. Wenn jemand plötzlich einen verantwortungsvollen Posten bekommt, gratuliert man ihm und sagt: »endlich, the right man in the right place« und denkt dabei: »what a mess he will make of it!« Und gewöhnlich hat man mit letzterer Vermutung recht.

Und ein grosser »mess« der Weltenregierung ist es offenbar, dass ich hier sitze, abwechselnd in den Kamin oder auf die Strasse starre, und dass alles andere, was ich etwa sonst noch tun könnte, ganz ebenso zwecklos wäre.

Frauen sitzen eigentlich immer da und warten, ob die Türe aufgeht und jemand kommt.

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Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten, Berlin 521903, S. 88-90.
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Der Tag anderer. Von der Verfasserin der, Briefe, die ihn nicht erreichten