Betriegliche Freundschafft.

[36] Einstens sind zwey Fremdlinge in einem Wirthshaus zusamm gekommen / diesen hat der Wirth auf Begehren einen gebratenen Cappaun[36] vorgesetzt / einer aus ihnen zerschnitte denselben / und unter dem Zertheilen / fragte er seinen Mitgast / ob sein Vatter noch beym Leben wäre? der Befragte / als er seines liebsten Vatters melden hörte / fienge bitterlich an zu weinen: fienge auch endlich an mit grossen Leydwesen dessen Todsfall so umständig zu beschreiben / daß er nicht allein die Gattung der Kranckheit / sondern auch so gar deren Währung / Beschwerden / Schmertzen / und endlich den Tods-Kampff selbsten mit langen Umschweiff erklärte: Der andere aber arbeitete unterdessen mit seinem Maul und Zähnen dapfer drauf / und frasse den halben Cappaun / ohnvermerckter des anderen sauber auf; als solches endlich der Mitgast vermerckte / damit er Betrug mit Betrug bezahlen mogte / sprach er / mein Freund / nun wann es dir beliebt /so erzehle mir auch wie dein Vatter ums Leben kommen seye / damit ich dir ebenfalls condoliren könne: worauf jener gantz kurtz sprache: Mein Vatter ist des gähen Tods gestorben / hierauf zehrte er auch das Ubrige vom Cappaunen mit begierigen Zähnen auf.


Frag:


Warum die gehörnten Thier im obern Kihn keine Zähn haben?


Antwort.


Die Materie der Zähnen und Hörnern ist einerley / derowegen die Materie / welche Zähne[37] hervor bringen sollte / zu Hörnern wird / welche die Natur / als ein vorsichtige Mutter dergleichen Thieren zu ihrer Beschützung mittheilet; damit aber der Abgang in dem obern Kihn ersetzet werde / so käuen die gehörnte Thiere die Speiß zweymahl.


Frag:


Wie ist ein Freund zu lieben?


Antwort.


Mit einem Freund muß man also umbgehen / daß man sich allzeit dabey fürchte / er möge etwan in einen Feind verändert werden: hingegen hasse deinen Feind also / als wann er wieder mit dir mögte versöhnet werden.

Quelle:
Hilarius Salustius, / MELANCHOLINI / wohl-aufgeraumter / Weeg-Gefärth, / Vorbringend / Lächerliche, anbey kluge Fabeln, [...]. Gedruckt im Jahr 1717, S. 36-38.
Lizenz:
Kategorien: