Dem durchleuchtigen, Hochgebornen Fürsten

vnnd Herrn, Herrn PHILIPPO II. Hertzogen zu

Stettin, Pommern, der Cassuben vnnd

Wenden, Fürsten zu Rügen, Graffen

zu Gützkow, vnd der Lande

Lawenburg vnd Büthow

Herrn etc. Meinem

gnedigen Fürsten

vnd Herrn.

[6] Die Gnad Gottes, sampt der liebe vnsers Immanuels Jesu Christi, Glück, Fried vnd Frewd des heiligen Geistes, neben wünschung eines glückseligen frölichen newen Jahrs, meinem andechtigen Gebeth, vnd vnderthenigen diensten zu jeden zeiten bevor.


Durchleuchtiger, Hochgeborner gnediger Fürst vnd Herr, wir lesen das der König Salomon, welchem von anfang der Welt her, vnter allen Monarchen vnd Potentaten, keiner an Weißheit oder Reichtumb gleich ist gewesen, da er den vberschlag vnsers gantzen lebens gemachet, entlich exclamirend beschlossen: Vanitas vanitatum, et omnia vanitas. Das dieses war sey, bezeugen, neben der teglichen experientz, so woll die Exempla vnd Apophtegmata der weisen Heyden, als die heilige Göttliche Schrifft.

Etliche der Heyden, wann sie die grosse eitelkeit dieses müheseligen lebens angesehen vnd betrachtet, haben sich an dem hochgelobten Ehrenkönige vnd Schöpffer aller Creaturen, als Himmelsbellende vnd Gottschmehende lestermeuler, versündiget vnd gesagt: Optimum non nasci, wie der Silenus.

Etliche haben das Menschliche thun vnd wesen mit einem vbermessigen lachen verspottet, wie der Democritus.

Andere haben immerzu lamentiret, vnd jhr leben mit zähren hingebracht, wie der Heraclitus.

Andere, wann sie das vnordendiche, eitele, torhafitige weltleben etwas tiefier behertziget, sind Menschenflüchtig geworden, vnd haben aus vberdruß solchs ferner zusehen, sich vom Volck hinweg in die Wüsten gethan. Wie der Timon von Athen, welcher alle gemeinschafft der leute gemitten, vnnd sein leben in einer Wiltnis vnter den Thieren vber den Menschlichen Jammer, biß an sein end, philosophirend zugebracht.

Fast gleiches schlags ist gewesen Diogenes Cynicus, ein wunderbarlicher kautz, aber guter Philosophus, welcher in einem[7] faß gewohnet, vnd nicht eigens haben wollen. Denn da er gesehn, das einer mit der hand wasser geschöpffet, vnnd es daraus getruncken, hat er auch seinen höltzernen trincknapff, welchen er bißdaher, wie bey vns die Bettler, bey sich getragen, von sich geworffen, vnd sich damit hinfort nicht wollen schleppen. Vom Alexandro Magno, der jhm viel vnd grosses gut angeboten, hat er kurtzumb nichts nehmen wollen. A Sole mihi non obstes, sagt er zu jhm. Vnd schreibet Valerius Maximus, es habe Alexander viel ehe Darium, den mechtigen König der Perser, mit Waffen bezwingen, als den Diogenem, sordidae appellationis, sed robustae virum præstantiae, aus seinem Stande, das ist erwehleten einsiedler leben, bringen können.

Es sind auch viel artige Philosophische ingenia vnter den Heyden gewesen, die haben schreckliche Tragœdias geordnet, darin sie den jammer vnd eitelkeit dieses lebens haben fürbilden, vnd also die Menschen zu betrachtung desselben deduciren wollen, wie der Euripides, Seneca, vnd andere bey den Griechen vnnd Latinern.

Etliche habens auff andere weise, als mit kurtzen, subtilen Sprüchen, vnnd bequemen gleichnussen proponiret.

Epictetus vom Keyser Hadriano gefraget, quæ eßet optima vita? Hat er geantwortet, Brevißima. Da er ferner gefraget was der Mensch sey? hat er geantwortet: Lucerna in vento posita, loci hospes, calamitatis fabula.

Die heilige Göttliche Schrifft hat hin vnnd wieder viele herrliche Sprüche, Gleichnussen vnd verblümte reden, damit sie die eitelkeit dieses vnbestcndigen nichtigen lebens abmahlen, vnd vns armen Erdwürmlein einbilden wil, welche nach der lenge an diesem ort einzuführen ich vnnötig erachte, auch auff dißmahl meines propositi nicht ist.

Der Mann Gottes Moses im 90. Psalmo beschreibet auffs artigst den jemmerlichen zustand vnsers vergenglichen lebens, dasselbe so eigentlich mit seinen farben abmahlend, das wirs meines erachtens in der Bibel nicht klärer haben. Vnter andern vergleichet er vnsere eitele, armselige betrübte lebenszeit, welche im 84. Psalm Transitus per vallem lacrymarum genennet wird, einem schlaff vnd Traum. Wie künte es besser vnd kürtzer beschrieben? wie künte es eigentlicher abgemahlet werden? quid enim Somnijs vaniùs et inaniùs? quid fugaciùs? Wer auff Treume helt, sagt Syrach cap. 34. der greiffet nach dem schatten, vnnd wil den wind haschen. Treume sind nicht anders den Bilde ohn wesen. Vnweise leut betriegen sich selbs, mit törichten hoffnungen, vnd Narren verlassen sich auff Treume.

Also sind es warlich grosse Narren, die sich auff dieses nichtigen lebens flüchtigen schatten, auff Reichthumb, macht, kunst, stercke,[8] schönheit, oder was es auff dieser Erden ist, verlassen. Dieselben werden gewißlich in jhrer törichten Hoffnung vnd fleischlichem Sardanapalischem vorsatz schendlich betrogen, vnd entlich zuschanden, wie Nabal, mit namen vnd that ein grosser Welt Narr. I. Samuel. 25. vnd der Reiche Geck, der seine Scheune abbrechen vnnd grösser bawen wolte, Luc. 12.

Hiemit (das dieses zeitliches leben ein Traum sey) stimmen auch der vernünfftigen vnd gelarten Heyden etliche, wie auch viel frommer Christen.

Pindarus nennet den Menschen Vmbræ Somnium. Oedipus wird von Euripide, nisi me fallit memoria, also redend eingeführet: quid sum nisi evanescens umbra, vel cadaver, vei volatile SOMNIVM?

Palingenius in seinem Zodiaco vitæ, opere mirè erudito planeque Philosophico, singt:

Mera Somnia sunt hæc,

Quaecunque in terris pulcra et miranda videntur. Des berühmbten Poëten vnnd Medici, Petri Lotichij Secundi, Distichon ist bekant:

Nos Dolor, et vitæ mortalis inania versant

SOMNIA, et ambiguis Spesque, Metusque modis.

Dieweil es dann, Durchleuchtiger, Hochgeborner gnediger Fürst vnd Herr, mit diesem zeitlichem gleissenden Weltwesen eine solche beschaffenheit hat, will vns traun gebüren, das wir dieses ja bey zeit wol erkennen vnd beherzigen lernen. Denn solche consideration gibt mancherley lehr, trost vnd warnung. Es will allen der ewigen Seeligkeit begingen Christen obligen, den höchsten fleiß anzuwenden, das sie ja jhre kurze, müheselige vnd alzuschnel dahinrauschende lebetage, zur Ehr Gottes anwenden, in warem glauben viel guter werck verrichten, vnnd sich vmb die immerwehrende Himelfrewde täglich vnd hertzlich bekümmern. Denn es heisset: Vna salus servire Deo, sunt Cætera Nugae. Ja es will allen Getaufften, welche zu der heiligen Creutz vnd Blutfahne Jhesu Christi geschworen haben, obligen, das sie alle minuten zu rück gedencken, worumb sie doch alhie leben, wie sie jhre vergangene vnd schon verflossene zeit zugebracht, vnnd die künfftige recht anwenden mögen. Ideo enim, sagt der fromme Kirchenvater Augustinus, Christiani facti sumus, ut semper de futuro seculo, et de æterno præmio cogitemus, et plus pro Anima, quàm pro Corpore laboremus. Acht was hülffs dem Menschen, wan er die gantze Welt gewünne, und nehm doch schaden an seiner Seele? Matth. 16. cap. Es will einem jeden vnter vns gebüren, zur fleissigen Meditation vnd betrachtung dieses Menschlichen elends vnd irdischen vergengligkeit, wie dann auch zu heiligen, Christlichen, Gott wol gefelligen Glaubenswercken, nicht allein sich selbest, sondern auch seinen Nehsten auffzumuntern. Damit nun dieses auch ich vnwirdigster vnd geringster vnter[9] den dienern des Heren Jesu Christi, nach meinen wenig gaben thun möge, habe ich der tollen vnd immerschwermenden Welt die eitelkeit vnsers zeitlichen lebens in einem öffentlichem Spiell wollen fürbilden. Habe aber fürnemblich dahin gesehen, wie ich ein berühmt vnd warhafftiges Exempel müchte fürstellen, auff das alle so diß spiel würden lesen, oder anschawen, es nicht dafür achteten, als ob dasjennige, was hie mit worten vnnd geberden wird fürgebracht, nur allein vmb guter kurtzweil, vnnd schimpflicher bossen willen geschrieben vnd angerichtet: Sondern damit anzudeuten, das es in der warheit (Comœdiæ enim sunt imagines veritatis et quotidianae vitæ specula) in vnserm gantzen leben auff dieser Welt also daher gehe. Wann ich aber nach einem solchen exempel, bey guten, glaubwürdigen Historicis, fleissig gesuchet vnnd nachgeforschet: So habe ich noch zur zeit kein bessers, vnd zu meinem fürhaben bequemers finden können, als eben diese lustige geschicht von dem löblichen, weisen, vnd mechtigen Fürsten Philippo Bono, weiland Hertzogen in Burgundien vnd der Niederlanden, dieselbe von Davide Chytræo, meinem lieben vnd nunmehr in Gott ruhenden Praeceptore, im dritten buch seines Chronici Saxonici, aus den Epistolis Ludovici vivis, erzehlet, auch von Georgio Ciglero in seinem Discursu de incertitudine rerum Humanarum, repetieret wird.

Dieselbige, Durchleuchtiger Hochgeborner gnediger Fürst vnd Herr, habe vnter E.F.G. hochlöblichen Nahmen, ich ans liecht kommen lassen, das nicht allein von E.F.G. als einem hochverstendigen, gelarten, wollbelesenen, vnd in löblichen peregrinationibus versuchten Fürsten, diese meine wollgemeinte arbeit kegen des Neidharti Calumnias, schütz vnd schirm habe: Sondern weil der allmechtiger Gott E.F.G. dermassen mit allerley hohen, fürtrefflichen, Fürstlichen Gaben, Tugenden, vnnd angeborner frömmigkeit begnadet hat, das menniglich in der hoffnung stehet, E.F.G. dermahl eins diesem Pommerland ein Bonus Philippus, nach dem Exempel jhres lieben Herrn Großvaters, Philippi primi, hochlöblicher gedechtnus, sein werde.

Derwegen E.F.G. ich hiemit zum vnterthenigsten vnd demütigsten bitte, dieselbe wollen dieses mein Poemation, loco strenæ, in Gnaden aufnehmen, vnd jhnen auff dißrnal belieben vnd gefallen lassen.

Der frommer vnd allein getrewer Gott, wolle E.F.G. sampt deroselben hertzlieben Herrn Vätern vnd Herrn Brüdern, auch das gantze hochlöbliche Fürstliche Haus zu Stettin vnnd Pommern, bey guter gesundheit, friedlicher Regierung, vnd glückseligem wollstande, seinem allerheiligsten Nahmen zu ehren, lange zeit fristen, erhalten, schützen vnd segenen. Warumb täglich zu bitten ich mich[10] schüldig vnd willig erkenne. Datum Pölitz, im anfang des Newen Jahrs 1605. nach Christi vnsers Erlösers Seligmachender Geburt welches E.F.G. zu wahrer Seligkeit, bestendiger gesundheit zeitlicher vnd ewiger wolfahrt ich von dem Himlischen Vater aus grund meines hertzen wünschen vnd erbitten thu, Amen, Amen.

E.F.G.

Vntertheniger Ludovicus Hollonius, Pastor daselbst.

Quelle:
Ludwig Hollonius: Somnium Vitae Humanae. Berlin 1970, S. 6-11.
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