Vierter Auftritt.

[212] Vorige. Ehrenthal. Gustav. Beide maskirt.


EHRENTHAL. Wird man doch wirklich mit angesteckt. Es ist nur gut, daß ich nicht Aufseher in einem Tollhause bin; 's wär' gefährlich.

AMÉLIE. Ein schönes Compliment!

EHRENTHAL. Was ist eine Residenz in solcher Nacht wohl anders, als ein etwas weitläuftiges Tollhaus?

RICHARD. Nur mit dem Unterschiede, daß die Trübsinnigen fehlen. Unsre Tollheit ist lustig.

EHRENTHAL. So lange sie dauert. Morgen wird an Traurigen kein Mangel sein.

GUSTAV. Lassen Sie uns nicht daran denken, Ich bin zufrieden, daß ein heit'res Mahl, ein reiner Wein meine heutige Traurigkeit verscheucht hat. Sie drückte schwer genug.

AMÉLIE. Meinen Mantel!

PHILIPPINE. Dörthe, den Mantel!

DÖRTHE stürzt ab.

GUSTAV. Jetzt, seitdem ich diese Kleider anhabe, fühl' ich mich so froh, so übermüthig, wie durch Zauber verwandelt.[212] Ich will mich extra lustig machen; wirst Du denn auch recht lustig sein, Malchen? Er umschlingt sie.

AMÉLIE sich verlegen losmachend. Ich hoff' es.

GUSTAV. Sans rancune! Ich glaube, Du hegst noch immer Groll? Sag' mir, Malchen, bist Du noch böse?

AMÉLIE. Was fällt Dir ein? Du fragst ja sonst nicht darnach.

GUSTAV. Mir ist zu Muthe, als müßt' ich mich mit allen Feinden versöhnen – wenn ich welche hätte! Wie könnt' ich es da wohl ertragen, daß Du mir zürntest? Sei gut! Gieb mir einen Kuß.

RICHARD für sich. Das ist ja eine unerhörte Begebenheit hier zu Lande.

DÖRTHE bringt den Mantel.

EHRENTHAL für sich. Sie ist unleidlich!

AMÉLIE. Nun, wenn's gefällig wäre –

AUGUST erscheint in der Thüre. Soll ich mitfahren?

RICHARD rasch. Nein, es ist nicht nöthig; ich habe meinen Bedienten.

GUSTAV. Leg' Du Dich nur jetzt gleich nieder, daß Du ein Bischen ausgeschlafen hast, wenn wir heim kommen. – Aber wartet noch einen Augenblick, ich muß erst Gustchen noch einen Kuß geben. Ab, durch die Seite.

AMÉLIE. Ach, auch ich! Folgt ihm.

RICHARD. Wie sie den Knaben lieben.

EHRENTHAL. Ja, schon deshalb wäre zu wünschen, daß diese Ehe glücklicher wäre.[213]

RICHARD wie erstaunt. Ist sie das nicht?

EHRENTHAL halb laut. Daß ich Ihnen auch darauf antwortete!

RICHARD für sich. Flegel.

EHRENTHAL für sich. Ich laß' ihn heute nicht aus den Augen, er und Amélie haben etwas verabredet.

DÖRTHE hat Ehrenthal's Anzug schon immer lächelnd geprüft, jetzt nähert sie sich ihm, lachend. Nein, wer mir das gesagt hätte, daß ich meinen Herrn Ehrenthal noch einmal in so' nem Narrenaufzuge sehen sollte, den hätt' ich allein für 'nen Narren gehalten. Na, ich sage doch! So'n alter, würdiger Herr Papa, und macht solche Schwuiten mit. –

EHRENTHAL. Nicht wahr, ehrliche Dörthe, ich bin possierlich?

DÖRTHE. Was stellen Sie denn vor?

EHRENTHAL. Ich bin zu der Maske gekommen, ich weiß nicht wie? Glaub' ich doch, ich soll ein deutscher Ritter sein.

DÖRTHE. Ein Deutscher! Liegt nicht Berlin auch in Deutschland?

RICHARD. Man spricht stark davon.

DÖRTHE. Aber hier sind ja keine solche Ritter?

EHRENTHAL. Sie sind aufgehoben, und Du möchtest sie so vergebens suchen, wie in Deutschland das deutsche Reich!


Gustav und Amélie kommen Arm in Arm zurück.


RICHARD. In ihre Reichthümer theilte man sich, wie in ihre Rechte.[214]

DÖRTHE immer noch lachend, ohne Amélie zu bemerken. Na nu sind Sie ein armer Ritter! ha, ha, ha, daß ich das noch erleben muß, daß Sie sich vermaschkerieren, so'n ernsthafter Herr – ne, wenn Sie draußen auf dem Gute so in 'nen Kuhstall kämen, die Kühe würden aufstutzig und die Mägde dazu.

AMÉLIE. Schweig, Vorlaute, Dummdreiste –

EHRENTHAL. Es ist ja Niemand, den sie auslacht, als mich.

AMÉLIE. Sie haben die Person so verwöhnt. – Mir ist sie unerträglich.

EHRENTHAL. Morgen sollen Sie von ihr erlöst sein.

RICHARD. Gustchen schläft!

AMÉLIE. So sanft.

GUSTAV. Es ist eine Freude den Knaben anzusehen, wie er blüht und im Traume lächelt. – Nun, meine Theure – Er will seiner Frau den Arm reichen, sie entzieht sich ihm. Richard führt sie, Ehrenthal seinen Sohn. August öffnet die Thüren und folgt dann.

DÖRTHE nimmt einen Leuchter und geht auch nach.

PHILIPPINE allein. Endlich sind sie weg! Nun wollen wir sehen, ob August Wort halten wird? Mein Staat ist fertig: herrlich werd' ich aussehen! Ach, nur einen Cotillon mit vornehmen Herrn, dann will ich ja gerne sterben! Wenn sie so im Kreise 'rum stehen und nun die Tour kommt, wo sie sich die Damen 'rausholen! Ich hab' es oft mit Neid betrachtet. Nun schwebt einer vor meine Nachbarin, nu wiegt er sich – so – von einem Bein[215] auf's and're. Jetzt denkt sie, er hat sie schon bei der Hand, er wird sie 'reinführen – Kuchen! mir nimmt er und läßt sie stehen. Ach und hernachgehends die and're Tour: wo die Damen 'rumrasen und sich die Chapeaux holen! das ist nun gar eine Pracht! Da such' ich mir schon lange vorher, eh' es an mich kommt, den besten Tänzer – und dann – Sie tanzt. immer im Kreise 'rum, als ob ich suchte, immer 'rum – immer 'rum – einmal tanz' ich ganz nonschalant bei ihm vorbei, – immer 'rum –


Quelle:
Karl von Holtei: Theater. Ausgabe letzter Hand in sechs Bänden, Band 1, Breslau 1867, S. 212-216.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Aristoteles

Nikomachische Ethik

Nikomachische Ethik

Glückseligkeit, Tugend und Gerechtigkeit sind die Gegenstände seines ethischen Hauptwerkes, das Aristoteles kurz vor seinem Tode abschließt.

228 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon