Fünfter Akt


[134] Studierzimmer Niemeyers

auf dem Tisch brennt die Lampe.


NIEMEYER Lodenmantel, Schlapphut; erschöpft durch die Tür im Hintergrund. Nichts! Nach dem Vordergrund zu sich setzend. Nirgends! Nach seiner Uhr sehend. Dreiviertel elf!

OLGA durch die Tür. Ich habe Sie garnicht kommen hören. Herr Direktor gehn doch jetzt nich noch mal fort?

NIEMEYER. Ich muß mich erst ... einen Augenblick ausruhen.

OLGA dem sich schwer Erhebenden den Mantel abnehmend. Der junge Herr wird schon kommen.

NIEMEYER. Gott gebs! ... Meine Frau noch nicht da?

OLGA. Die gnädige Frau ist eben aus dem Theater.

NIEMEYER bitter. Aus dem Theater! ... Und mein Sohn?

OLGA. Herr Fritz ist schon seit Nachmittag fort.[137]

NIEMEYER. Hat Kurt denn zu gar keinem mehr was gesagt?

OLGA. Nein.

NIEMEYER. Zu Niemand?

OLGA. Nein, Herr Direktor. Kein Wort.

NIEMEYER. Und seine Kameraden? Haben die Ihnen nicht wenigstens irgend eine Andeutung gemacht?

OLGA. Nein. Die wußten auch nichts. Die haben blos immer gefragt, ob er schon da war, und dann sind sie gleich wieder weggelaufen.

NIEMEYER. Wenns doch was nützen würde?

JADWIGA im Theatermantel in der Tür, leise ungeduldig. Ist denn noch immer alles in dieser Aufregung? Zu Olga, die ihr den Mantel abnimmt. Tragen Sie die Sachen raus. Olga mit den Sachen Beider ab; Jadwiga, mit gemachter Besorgnis. Die Jungens sind auch noch nicht zu Bett. Soll denn das die ganze Nacht so gehn?

NIEMEYER den ihr Eintritt kaum berührt hat. Hätt ich ihm doch geglaubt! Hätte ich ihn doch nicht so von mir gestoßen![138] Das erste Mal, daß ich hart war! Und so bitter soll ich gestraft werden!

JADWIGA. Mein Gott, Du tust wirklich, als hätte sich der Junge schon den Hals abgeschnitten! Dies ewige Kokettieren mit solchen Gräßlichkeiten! Das solltest Du doch bei Deinen Herren Primanern nachgerade schon gewohnt sein!

NIEMEYER schmerzlich. Ja, wenns nicht Zedlitz wäre!

JADWIGA. Ach, Du machst viel zu viel aus ihm. Is ja n netter Mensch, von besten Manieren, ich hab ihn gewiß ganz gern: aber so haben wir schon viele gehabt!

NIEMEYER. Nein. So haben wir noch keinen gehabt! Du kannst darüber wirklich nicht so urteilen. Ich werd es mir nie verzeihen, daß ich ihn so wenig verstanden habe!

JADWIGA. Ja, wenn ich das nicht beurteilen kann ... Nervös. ich geh also schlafen.

NIEMEYER mühsam. Das weiß ich: kommt der Junge nicht zurück, ist das Schrecklichste wirklich geschehnSicher steigernd. das ertrage ich nicht! Nein, nein! Das[139] kann ich nicht! Fast flüsternd. Dann ist es aus mit mir! Dann bin ich fertig!

JADWIGA vollständig verständnislos. Ich verstehe Dich nicht.

NIEMEYER wieder wie zu sich selbst. Mit einer solchen Schuld auf dem Gewissen ...

JADWIGA fragendes Stutzen.

NIEMEYER. Ich könnte niemand mehr unter die Augen treten.

JADWIGA. Was soll das heißen? Willst Du damit sagen, Du würdest Deine Entlassung einreichen?

NIEMEYER. Ja!

JADWIGA von hier ab immer hysterischer. Eines solchen verzogenen Muttersöhnchens wegen? Wegen einer solchen Exaltiertheit? ... Und was soll ans uns werden? Aus Deiner Familie? Aus Deinem Sohn? Und aus mir?

NIEMEYER. Wir würden unser Schicksal eben tragen müssen.

JADWIGA. Wir? Du bist wirklich köstlich! Was können wir[140] denn dafür? Du wirst doch nicht verlangen, daß wir das Opfer Deiner Sentimentalität werden?

NIEMEYER aufgestanden; erstaunt. Wie sprichst Du zu mir?

JADWIGA. Genau, wie Du es in diesem Augenblick verdienst. Du kannst noch zwanzig Jahre lang Direktor sein. Und Du wirst es sein. Dafür werde ich sorgen, wenn Du's nicht tust. Ich lasse mich nicht ins Unglück stürzen!

NIEMEYER. Ich glaube ... wir verstehn uns wirklich nicht mehr.

JADWIGA. Ich bin mit Dir gegangen, als man Dich gemaßregelt hat! Kein Wort habe ich gesagt! Aber ich wehre mich, jawohl ich wehre mich, wenn Du mich jetzt auch noch zur Bettlerin machst.

NIEMEYER. Zur ... Bettlerin?

JADWIGA. Du scheinst Dir so eine Pensionierung furchtbar einfach vorzustellen. Du bekommst die Hälfte von dem, was wir bisher hatten, Vermögen außer unsern Schulden Niemeyer stutzt. hast Du nicht, unsre Pensionäre fallen auch weg, Dein Sohn steckt seine Carriere auf, ich fang n kleinen Blumenhandel an und Du suchst durch Kaisergeburtstagsprologe die[141] allgemeine Finanzlage zu verbessern! Kann gemütlich werden.

NIEMEYER. Wo haben wir Schulden? Bei wem haben wir Schulden?

JADWIGA. Wo! Bei wem! Du bist wirklich naiv! Glaubst Du, die Verminderung Deines Einkommens wäre so spurlos an uns vorüber gegangen? In welcher Welt lebst Du eigentlich? Und dann wunderst Du Dich, wenn Du nachher nicht blos Dich, sondern auch noch andere ruinierst! Niemeyer »starr«. Du hasts doch eben selbst gesagt: den armen Zedlitz hast Du auch auf dem Gewissen!

NIEMEYER. Wie? Du wagst es, mir diesen furchtbaren Schicksalsschlag vorzuwerfen? Du, die überhaupt alles Unglück über mich heraufbeschworen hat? ..... Deine Eitelkeit war es, die mich zu dieser kindlichen Festspieldichterei gedrängt hatte! Ohne mein Wissen hattest Du Dich hinter das Komitee gesteckt! Hinter meinem Rücken wurde von Dir über mein Manuskript verfügt. Alle Hebel hast Du in Bewegung gesetzt! So daß ich schließlich gar nicht mehr anders konnte! Und als ich dann auf jenen unglückseligen Einfall mit den Jungens verfiel, um mir diese aufgezwungene Last wenigstens erfreulicher zu machen, kröntest Du Dein Werk, indem Du mir diese ... Dirne aufschwatztest![142]

JADWIGA gezwungenes Lachen.

NIEMEYER zornig. Schweig! ... Ich zittre hier um das Leben eines Menschen, ich härme mir das Herz aus dem Leib und Du feilschst um elende Groschen, wie ein Marktweib! Das ist niedrig! Das ist gemein! Kennst Du denn wirklich nichts Höheres, als Dein bischen Prunk und Bequemlichkeit? Geht Dir Dein Modejournal über mein Gewissen? Soll ich deswegen vor mir selbst zum Lumpen werden, weil Dich die Angst zerreißt, Du könntest nicht mehr im ersten Rang sitzen? Oder es könnte eine andre beim Kasinoball die Polonaise anführen? ... Ich habe Dir all den Flitter und Kram gegönnt die ganzen Jahre! Ich habe die Nächte durch hier gesessen und gerechnet und gerechnet, wie ichs schaffen könnte! Deinetwegen habe ich mir diese Pensionswirtschaft, unter der ich litt, keiner weiß wie, aufgebunden wie eine Zuchtrute! Und das Resultat? Jetzt? Das Resultat? Du, bei der ich in dieser schweren Nacht den letzten Halt, die letzte Zuflucht zu finden hoffte – Du bist die erste, die mich verläßt! Mein größter Feind war mit mir in Wetter und Schnee draußen, wildfremde Menschen haben mir auf der Straße ihre Hülfe aufgedrängt, unser einfaches Zimmermädchen ließ mich fühlen, wie ihr meine Sorge nahe ging! Du ließst mich allein und saßst im Theater! Und schon der bloße Gedanke jetzt, dies Leben aus dem Vollen könnte für Dich aufhören, macht Dich rasen. Ich verachte Dich![143]

JADWIGA. Du verachtest mich. Ah, sieh, das ist also der Dank dafür, daß ich Dir meine Jugend geopfert habe! Daß ich fünf Jahre mit einem Manne ausgehalten, dessen Sohn mein Bruder sein könnte! ... Soll ich Dir noch mehr sagen? Kleine Pause; mit letztem Haß. Darauf wartest Du. Ich erzähle nichts! Ich habe nichts zu erzählen! Und hätt ichs – ich täts nicht!

NIEMEYER. Und Dich habe ich zu meiner ... Frau gemacht.

JADWIGA. Es war ein erbrechen von Dir, mein bischen Lebensfreude an Deine fünfzig Jahre zu ketten! ... Und wenn Dein talentvoller Sohn Fritz hier seine Bummelferien verliedert, preßt er mich aus, daß ich nicht einmal meine Garderobenschulden bezahlen kann. Netter Herr Dein süßer Sohn von Deiner ersten lieben Frau!

NIEMEYER. Sprich weiter!

JADWIGA. Ja, weiter! ... Damit Du's endlich mal erfährst: die Frau, die Du verachtest, hat dieses Bürschchen, das nicht sein Leder wert ist, vorm Zuchthaus bewahrt!

NIEMEYER. Wie? Was? Bist Du ... Ich ... Drohend auf sie zu.[144]

JADWIGA. Ich habe einen gefälschten Wechsel bezahlt.

NIEMEYER keuchend. Von meinem Sohn?

JADWIGA. Von Deinem Sohn. Auch in Deinem Sohn hast Du Dich verrechnet!

NIEMEYER scheinbar wieder vollständig ruhig. Hast Du den Wechsel noch?

JADWIGA. Nein.

NIEMEYER. Wo ist er?

JADWIGA. Ich hab ihn verbrannt.

NIEMEYER. Eine Spielschuld?

JADWIGA. Ja.

NIEMEYER. Wessen Unterschrift ... war gefälscht?

JADWIGA. Die Deine.[145]

NIEMEYER. Das hättest Du mir ... heute ... nicht sagen sollen. Kleine Pause. Es klopft.

JADWIGA angstvoll, flüsternd. Doch nicht Fritz? Daß Du ihm nichts sagst! Es klopft stärker, Niemeyer auf die Tür zu. Du richtest ihn sonst ... auch noch zu Grunde.

NIEMEYER zu Schimke, der in der offenen Tür steht, hastig. Zedlitz?

SCHIMKE. Leider noch nicht, Herr Direktor. Ne Depesche.

NIEMEYER der das Telegramm sofort aufgerissen hat. Aus Falkenau! Das Papier fliegt ihm in der Hand, er reicht es Schimke. Mir tanzt alles vor den Augen. Lesen Sie.

SCHIMKE. Komme Elf-Uhr-Zug. Wünsche meinen Sohn sofort zu sprechen. Von Zedlitz. Pause.

FRITZ Mantel, Stock, blauweißrotes Band, blaue Mütze; schon hinter der Szene, nachdem er die Flurtür aufgeschlossen, hat man ihn die »Lindenwirtin« pfeifen hören; taucht jetzt, leicht angesäuselt, hinter Schimke im hell erleuchteten Korridor auf. Jadwiga macht ihm ein Zeichen, still zu sein. Nann? Is hier n Biergericht? Nabend, Papachen. Tag, Mamachen. Moin, Schimke.

NIEMEYER scharf. Geh auf dein Zimmer![146]

FRITZ bleibt starr stehn.

NIEMEYER zu Schimke. Wenn er noch kommen sollte, schicken Sie ihn sofort zu mir.

SCHIMKE. Sehr wohl, Herr Direktor. Ab.

NIEMEYER. Ich kann nicht mehr!

FRITZ leise zu Jadwiga. Was du los?

NIEMEYER drohend. Geh auf dein Zimmer!

JADWIGA gedämpft. Fritz, geh! Fritz ab. Er ist nur leichtsinnig. Du hast ihm zu sehr die Zügel gelassen. Er hatte ja gar keinen Ausweg. Er mußte sein Ehrenwort einlösen.

NIEMEYER. Und fälschte die Unterschrift seines Vaters! Möchtest Du mich nicht jetzt ... verlassen?

JADWIGA. Ich sehs ja ein. Ich hätts Dir nicht sagen sollen ... Zweimal ein scharfer Glockenton.

NIEMEYER. Laß![147]

JADWIGA. Das wird endlich Kurt sein! Ab durch die Tür, die sie offen läßt.

NIEMEYER wie ein Ertrinkender, der mit letzter Kraft wieder an die Oberfläche will. Kurt ... Kurt ... alles andre.

FALK noch im Korridor. Entschuldigen Sie tausendmal, gnädige Frau, daß wir noch so spät ...

SANITÄTSRAT ebenfalls noch draußen, wo beide ihre Mäntel ablegen. Es wird Ihren Herrn Gemahl wenigstens beruhigen!

JADWIGA sie ins Zimmer einladend. Bitte meine Herren.

FALK. Danke, gnädige Frau, danke. Ins Zimmer tretend; Jadwiga ab. Liebster Herr Direktor! Wir bringen gute Nachricht. Er ist eben gesehn worden! Es wird noch alles gut werden!

SANITÄTSRAT. Ich hatte ja von der ganzen Geschichte nicht die blasse Ahnung! Erst vor fünf Minuten durch Herrn Rechtsanwalt erfahr ich ... ich hätte ja den jungen Mann sonst gleich in mein Koupé genommen! Ich kam von Obernaundorf. Ich rief ihm noch zu: He! Sie! Zedlitz! Wollen Se mit? Sich plötzlich besinnend. Mir fällt jetzt allerdings auf, er hatte keinen Mantel.[148] Aber du lieber Gott, junges Blut! Ich nahm an, er war wieder bei Seckendorfs.

NIEMEYER. Warum ist er nicht hier? Warum kam er nicht mit? Warum ... quält er mich so?

SANITÄTSRAT. Aber bester Herr Direktor! So beruhigen Sie sich doch! Ich sags Ihnen ja: ich habe sonst nicht das geringste Abnorme an ihm bemerkt. Mir wärs sicher aufgefallen! Es ist noch keine halbe Stunde her.

NIEMEYER. Wir wollen gleich hin!

FALK. Was geschehn konnte, ist ja längst geschehn! Wir kommen eben von der Wache. Herr Hoppe ist sofort selbst losgefahren!

SANITÄTSRAT. Ich habe ihm natürlich meinen Wagen gegeben. Er kann ja nur den einen einzigen Weg kommen: den Steinbruch vorbei über die Langebrücke.

FALK. Herr Sanitätsrat hat sich auch nur heraufbemüht, damit Sie nicht den kleinsten Zweifel mehr hegen!

SANITÄTSRAT. Nicht wahr? Und nun peinigen Sie sich nicht länger! Sie sind ja ganz kaputt![149]

NIEMEYER. Ich muß ihm entgegen! Ich kann doch nicht hier so tatlos ...

SANITÄTSRAT. Sie haben heute wahrhaftig genug hinter sich! Sie klappen uns sonst zusammen! Zu Falk. Herr Rechtsanwalt, Sie stehn mir dafür, daß unser lieber Freund sich endlich n paar Minuten Ruhe gönnt. Wieder zu Niemeyer. Als Arzt verbiete ich Ihnen einfach, daß Sie sich nochmal dieser Januarnacht aussetzen! Hören Sie? Ich verbiete es Ihnen. Sie werden Ihren Jungen schon zurückkriegen. Auch ohne daß Sie sich dabei ne Lungenentzündung holen. Morgen Abend stärken wir uns im Kasino durch ne Flasche Bernkastler Doktor! Abgemacht?

NIEMEYER der ihm die Hand gereicht hat. Lieber Herr Sanitätsrat!

SANITÄTSRAT. Na, denn gute Nacht. Morgen Vormittag seh ich nach Ihnen.

NIEMEYER der sich kaum noch aufrecht hält. Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen herzlich!

SANITÄTSRAT. Aber liebster Niemeyer! Anordnend. Herr Rechtsanwalt! Sie bleiben noch n bischen.

FALK. Versteht sich doch ganz von selbst![150]

SANITÄTSRAT. Also allerseits!

FALK ihm die Hand schüttelnd. Sie dürfen sich auf mich verlassen! Sanitätsrat ab, Falk zurückkehrend. So. Und nun noch ein ganz klein wenig Geduld, Herr Direktor. Das Schwerste ist überstanden. Sie müssen doch schließlich auch an sich denken! Und an Ihre Familie!

NIEMEYER bitter. Meine Familie!

FALK stutzt.

NIEMEYER in einen Sessel gesunken; mit geschlossenen Augen. Ich bin ... wie zerbrochen! Falk schweigt noch immer, wieder kleine Pause. Wer von uns ... hätte gedacht, ... daß der alte Lehrer ... mal bei seinem Schüler Trost suchen würde.

FALK. Lieber Herr Direktor. Sie machen mich glücklich.

NIEMEYER wieder für sich. Mir ist Recht geschehn. Wozu war ich so blind? Ausbrechend. Und auch mit diesem Sohn ..... Wozu bin ichs immer gewesen! Erst jetzt fühle ich, was ich mit diesem Andern vielleicht... schon vernichtet habe. Aus übertriebener Härte!

FALK. So regen Sie sich doch, bitte, nicht wieder von[151] Neuem auf! Sie haben ja eben gehört. es ist alles in bester Ordnung!

NIEMEYER. Ich gebe mir alle Mühe. Ich will ruhig sein. Ich bins ja! Aber wo war er die ganze Zeit, wo war er? Drei Stunden! Wir haben ihn überall gesucht!

FALK. Ja, wo war er! Das wird er Ihnen vielleicht selbst nicht sagen können! Er ist eben ziel- und planlos in die Nacht hineingelaufen. Das sind so Stimmungen. Das will überwunden sein.

NIEMEYER. Dieser eine schreckliche Tag hat mehr über mich gebracht, als alle die Jahre ... Von neuem angstvoll. Er lebt also noch? Sie sind überzeugt, daß er lebt? Er lebt wirklich? Sie wollen mich nicht blos beruhigen? Entsetzt. Sie helfen mir doch nicht über etwas hinweg? Falk! Freund! Ich bitte Sie! Ich beschwöre Sie! Ich ginge daran zugrunde! Daran ginge ich zugrunde!

FALK. Aber liebster Herr Direktor, so hören Sie doch! Sie machen mich ja selbst ganz verzweifelt! Ich stehe Ihnen dafür ein, daß er zurückkommt! Ich hafte für ihn, wie für mich selbst!

NIEMEYER. Ich würde ein neues Leben anfangen! Ich würde all diesen Schmutz, den man um mich aufgehäuft[152] hat, vergessen! Meine fünfundfünfzig Jahre sind ja noch kein Alter! Was könnte ich noch wirken, was könnte ich noch schaffen! Meine ganze Aufgabe liegt ja noch erst vor mir! Ich habe mich noch gar nicht verständlich machen können! ... Zum ersten Mal heute habe ich den Glauben verleugnet, der mich getragen hat. Nein, nein, lieber Freund! Sie sind doch auch ein Beispiel! Ich halte fest an meiner Ueberzeugung, ich lasse sie nicht, auch jetzt nicht, selbst in dieser Stunde nicht: die Jugend durch Güte zu leiten und ihre Fehler nachzusehn und zu verstehn! Ihr zu verzeihn und nicht sie zu verdammen! Eine einzige Untreue gegen sich selbst kann doch unmöglich die ganze Summe eines langen, arbeitsschweren Lebens vernichten! Eines Lebens, nicht für sich, sondern in der hellen Freude an Andern! Vor sich hin; knirschend. Die Welt wäre ein blöder, brutaler Zufall!

FALK. Sie fiebern ja! Kommen Sie doch zu sich!

NIEMEYER. Ich will mich nicht mehr selbst betrügen!

FALK. Es erregt Sie doch nicht, daß ich mir erlaubt habe ...?

NIEMEYER. Aber mein lieber, guter Falk! Wir sind doch Freunde! Wo sollte ich welche finden, wenn nicht unter meinen alten Schülern?[153]

FALK. Ihre treusten und besten. Auch wenn Sie sie vielleicht gar nicht kennen!

NIEMEYER. Schaffen! Wirken! Fühlen, daß man nicht blos ins Leere lebt! ... Ja, Falk! Wenn mir das noch mal bescheert wäre! Handbewegung. Lassen wir! Ich will ja aufrichtig froh sein, wenn ein Verhängnis, das entsetzlich wäre, mir jetzt nicht auch noch das Letzte antut!

FALK. Aber das ist ja gar nicht möglich.

NIEMEYER erregt auf und ab; sich mit Gewalt in eine freudige Stimmung redend. Nein, Falk, das ist nicht möglich! Solche Dinge geschehn ja nicht! Solche Dinge können nicht geschehn! ... Um Elf kommt sein Vater. Ich werde ihn bitten, mir den Jungen noch zu lassen. Das wird heute noch ein Freudentag für ihn werden, für uns alle! Dieser Mann soll wissen, was er für einen Sohn hat! ... Sehn Sie! Und jetzt spüre ich auch die Kraft wieder, doppelt und dreifach, auszuharren auf meinem Posten, festzuhalten an meiner Ueberzeugung und mich nicht unterkriegen zu lassen von diesem seelenblinden Unverstand eines Menschen, der aus meinem Gymnasium eine Kaserne machen möchte!

FALK erfreut auf ihn zu und ihm die Hand schüttelnd. Lieber Herr Direktor! Jetzt sind Sie wieder ganz der Alte, dem[154] unsre Jungensherzen nur so zuzogen. Jetzt haben Sie doch wieder Freude an sich selbst!

NIEMEYER. Ja! Ja, die habe ich! Sie wissen garnicht, von welchem Entsetzlichsten Sie mich befreit haben!

FALK. Ich wollte Sie heute Abend nicht auch noch damit plagen! Aber jetzt, wo ich Sie wieder zuversichtlich sehe – was ich Ihnen schon heute Nachmittag sagte: ich komme auf meinen Vorschlag zurück! Warten wir nicht erst auf seinen Angriff, kommen wir ihm zuvor! Eine so unerhörte Taktik gegen Sie kann und darf die Regierung nicht dulden! Reichen wir den Antrag schon morgen ein!

NIEMEYER. Nachdem ich eben erst, wenn auch nur einen Augenblick, seine Hand gehalten? Nein! Mag er an mich rankommen! Ich werde jede Attacke zu parieren wissen. Dieser Tag soll mir eine heilsame Lehre gewesen sein. Ich stehe jetzt fester, als je. Ich habe mich selbst wieder!

FALK. Dann wäre dies ja heute trotz allem Ihr größter Glückstag!

NIEMEYER. Ja, Falk! Das ist er! Immer konvulsivischer. Und ob Sie jetzt wollen, oder nicht und wenns zehntausendmal auf Mitternacht geht – diese Stunde muß bekränzt[155] werden! Wir sind heut Nachmittag um unsre Burgunder gekommen! Brechen wir ihr jetzt den Hals! Ein Regal öffnend. Horaz und Pindar in Flaschenform! Mit Flasche und zwei Gläsern. Und die Griechen, siegestrunken, reichbeladen mit dem Raub ... glauben Sie doch nicht, daß ich blos Bücherwurm bin. Einschänkend. Carpe diem quam minimum credula postero! Sein Glas hoch. Und nun, lieber Falk ...

FALK ebenfalls sein Glas hoch. Auf einen frischen Kampf, auf einen fröhlichen Sieg!

NIEMEYER aus seinem Rausch plötzlich erwacht, sein Glas langsam mit zitternder Hand wieder zurücksetzend. Ich ... kann nicht!

FALK. Ja ... Was ist denn?

NIEMEYER. Ich ... kann nicht! Das Glas ... würde zerspringen!

FALK. Ich glaube wirklich, Sie sind abergläubisch!

NIEMEYER. Nennen Sies wie Sie wollen, es käme mir vor ... wie ein Frevel!

FALK. Aber Sie dürfen sich doch nicht so von Ihrer Stimmung übermannen lassen! Ich begreife das ja! Man kann sich schwer solchen Dingen entziehn. In uns allen[156] steckt noch so etwas. Eine Angst wie vorm Butzemann.

NIEMEYER in noch immer sich steigernder Aufregung. Ich hätte nicht hierbleiben sollen! Sich vor die Stirn fassend... diese Polizei! Dieser Hoppe! Das War ja wie eine Verhaftung! Das war ja Irrsinn! Irrsinn! Ich hätte sofort nachfahren müssen! Nur mich durfte er sehn! Nur ich hätte ... Zusammenschreckend. Mein Gott!

FALK angstvoll. Was ist Ihnen?

NIEMEYER. Haben Sie gehört? Was war das?

FALK. Ich habe nichts gehört! Wahrhaftig nicht! Wirklich nicht!

NIEMEYER. Horchen Sie doch! Es zittert ja noch! Es war wie ein Knall. Ganz deutlich!

FALK. Es wird vielleicht das Eis gewesen sein. Vom Fluß her. Wir haben Mondwechsel. Es geht Südwind.

NIEMEYER. Falk! Sie belügen mich! Wenn ich auch sonst nichts mehr tauge – mein Gehör ist noch gut!

FALK. Kommen Sie zu sich. Sie phantasieren! Es ist[157] ja nichts. Er kann jeden Augenblick kommen. Jede Sekunde muß er da sein!

NIEMEYER. Sie belügen mich!!

FALK auf die Tür zu. Ich verschaffe Ihnen sofort Gewißheit.

NIEMEYER. Bleiben Sie! Oeffnen Sie nicht die Tür!! Lassen Sie mich nicht allein! Haben Sie Erbarmen.

FALK. Ich will ja nur ... Es kann auch ein Wagen gewesen sein.

NIEMEYER. Ein Wagen? Fern schlägt die Turmuhr. Es schlägt ja erst elf!

FALK. Allerdings. Der Herr Baron kann noch nicht hier sein.

NIEMEYER. Nein, nein! Das war nicht das Eis. Das war auch kein Wagen! Fast flüsternd. Das war etwas Furchtbares.

FALK. Lieber, liebster Herr Direktor.

NIEMEYER. Lassen Sie mich! Auf die Tür zu. Ich will selbst ... Zurücktaumelnd. Ich kann nicht! Ich will... keine[158] Gewißheit! Ich fürchte mich!! Schrilles Telephongeklingel. Großer Gott, nein, nein, nein! Nicht!! Nicht!!

FALK ans Telephon gestürzt. Hier Rechtsanwalt Falk bei Direktor Niemeyer. Pause. Seine Hand mit dem Hörrohr zittert. Sie, Herr Hoppe? ... Zusammengezuckt. Nicht möglich! ... Am Zollhaus? ... Hastig... Ist ein Arzt bestellt?

NIEMEYER schreiend. Falk!!

FALK Handbewegung, weiter telefonierend. So! Der Herr Landrat hat schon Meldung? ... Seit zehn Minuten? ... Danke. Vom Telephon wieder weg.

NIEMEYER nicht mehr fähig, auch nur noch einen Laut hervorzubringen.

FALK. Er ist verwundet ... Schwer sogar ... Vielleicht hält ers durch ... Es war ein Fehler, daß wir diesen Wagen schickten ... Weiß der Himmel, was für Vorstellungen in dem Aermsten dadurch ausgelöst wurden.

NIEMEYER schwer in seinen Sessel fallend. Und noch heute ...soll ich ihn ... seinem Vater geben!

FALK. Aber liebster Herr Direktor! Wer kann Ihnen einen Vorwurf machen? Das wäre ja ein Schurke!

NIEMEYER. Nun ist alles vorbei![159]

FALK. Sie sind völlig frei von Schuld!

NIEMEYER qualvoll. Nein!!

FALK. Es giebt keine Schuld! Wir sind willenlose Spielbälle eines unbegreifbaren Schicksals!

NIEMEYER. Das sind ja nur Worte!

FALK flehentlichst. Herr Direktor!

NIEMEYER. Ich bin sein Mörder!

FALK. Sie werden morgen ruhiger denken.

NIEMEYER. Ich werde morgen ... mein Amt niederlegen! Ein scharfer Ton der Korridorglocke. Schimke öffnet dem Landrat die Tür.

LANDRAT erschüttert; auf Niemeyer zu, dessen Hand er sofort faßt. Lieber Herr Direktor! ... Wir sind keine Gegner mehr.

NIEMEYER der sich mit letzter Kraft aufrichten will. Lebt er noch?

LANDRAT. Nein.

NIEMEYER zusammenbrechend. Wärs doch mein eigener Sohn!

Quelle:
Arno Holz und Oskar Jerschke: Traumulus. Dresden 1909, S. 134-160.
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