3. [173] Immanis pecoris custos, immanior ipse.

Nun, im Jahre 1482, war Quasimodo herangewachsen. Er war seit mehreren Jahren Glöckner von Notre-Dame, Dank seinem Pflegevater Claude Frollo, welcher Archidiaconus von Josas durch seinen Oberlehnsherrn Louis von Beaumont geworden war, der dagegen 1472, nach Wilhelm Chartiers Tode, durch Vermittlung seines Gönners Olivier Le-Daim, des Barbiers König Ludwigs des Elften von Gottes Gnaden, Bischof von Paris geworden war.

Quasimodo war also Glockenläuter von Notre-Dame.

Mit der Zeit hatte sich ein gewisses inniges Band gebildet, welches den Glöckner mit der Kirche verband. Auf immer von der Welt geschieden durch das zwiefache Mißgeschick seiner unbekannten Herkunft und seiner verkrüppelten Leibesbeschaffenheit, von Kindesbeinen an in diesen unüberschreitbaren Doppelkreis gebannt, hatte sich der arme Unglückliche daran gewöhnt, jenseits der frommen Mauern, die ihn in ihren Schatten aufgenommen, nichts von dieser Welt kennen zu lernen. Notre-Dame war, je nachdem er heranwuchs und sich entwickelte, für ihn nach einander das Ei, Nest, Haus, Vaterland und Weltall geworden.

Und sicher ist, daß zwischen diesem Geschöpfe und dieser Kirche eine Art geheimer und vorher bestehender Harmonie bestand. Als er, noch ganz klein, schlangenartig und sprungweise unter ihren düstern Wölbungen sich hinschlich, so erschien er mit seinem menschlichen Antlitze und seinem thierischen Gliederbau als das leibhafte Reptil dieses feuchten und dunkeln Bodens, auf welchen der Schatten der romanischen Säulenkapitäle in so vielen seltsamen Figuren niederfiel.

Später, als er sich maschinenmäßig zum ersten Male an dem Glockenstrange festhielt, sich daran schaukelte und die Glocke in Bewegung setzte, so machte das auf Claude, seinen Pflegevater, den Eindruck von einem Kinde, dessen Zunge sich löst und das zu sprechen anfängt.[174]

Weil er im Verständnis des Wesens der Kirche sich immer mehr entwickelte, in ihr lebte, dort schlief, sie fast niemals verließ, ihre geheimnisvolle Einwirkung stündlich auf sich wirken ließ, so kam es, daß er ihr allmählich ähnlich wurde, sich ganz in sie versenkte und gewissermaßen einen ergänzenden Theil von ihr zu bilden begann. Die hervortretenden Ecken seines Körpers fügten sich (man gestatte uns dieses Bild) in die zurückweichenden Winkel des Gebäudes, und er erschien nicht nur als ihr Insasse, sondern vielmehr ihr verkörperter Inhalt. Man möchte fast sagen, daß er ihre Gestalt angenommen hätte, wie die Schnecke die Gestalt ihres Hauses annimmt. Sie war seine Behausung, sein Loch, seine Hülle. Zwischen der alten Kirche und ihm fand eine so tiefe und instinktive Uebereinstimmung, so große magnetische Wahlverwandtschaft, so viel thatsächliche Aehnlichkeit statt, daß er an ihr in gleicher Weise, wie die Schildkröte an ihrem Gehäuse hing; die furchige Kirche war sein Rückenschild.

Es ist überflüssig, den Leser daran zu erinnern, die Bilder nicht buchstäblich zu verstehen, die wir hier zu gebrauchen gezwungen sind, um diese sonderbare, gleichmäßige, unmittelbare, fast wesengleiche Verbindung zwischen einem Menschen und einer Kirche zu schildern. Ebenso überflüssig ist es zu sagen, wie sehr er sich mit der ganzen Kathedrale in einem so langen und innigen Zusammenleben vertraut gemacht hatte. Dieses Haus war ihm ganz zu eigen; es gab keine Tiefe, in die Quasimodo nicht gekrochen wäre, keine Höhe, die er nicht erstiegen hätte. Es geschah unzählige Male, daß er die Front der Kirche mit ihren zahlreichen Erhebungen erklomm und sich dabei nur an die Vorsprünge der Steinhauerarbeit klammerte. Die Thürme, an deren Außenfläche man ihn häufig wie eine Eidechse, die an einer senkrechten Mauer hinschlüpft, herumklettern sah, diese zwei so hohen, drohenden und furchtbaren Zwillingsriesen hatten für ihn nichts Entsetzendes, Schreckhaftes, noch Schwindelerregendes. Wenn man sie unter seinen Händen so ruhig, so leicht zu erklimmen sah, hätte man sagen mögen, daß er sie gezähmt hätte. Durch vieles Umherspringen, Klettern und dadurch, daß er sich inmitten[175] der Untiefen der gigantischen Kathedrale herumtummelte, war er in gewisser Hinsicht zum Affen und zur Gemse geworden, oder ähnlich dem Kinde in Calabrien, welches schwimmt, ehe es laufen kann und schon in zarter Jugend mit dem Meere spielt.

Uebrigens schien sich nicht allein sein Körper, sondern auch sein Geist nach der Kathedrale geformt zu haben. Zu welchem Zustande befand sich diese Seele? Welche Richtung hatte sie angenommen, welche Form hatte sie unter dieser geschlossenen Hülle, in dieser ungeselligen Lebensweise erlangt? Das zu bestimmen würde schwer halten. Quasimodo war einäugig, bucklig und hinkend auf die Welt gekommen. Nur mit großer Mühe und nicht weniger Geduld hatte Claude Frollo es erreicht, ihn sprechen zu lehren. Aber ein Verhängnis hatte das arme Findelkind betroffen. Nachdem er Glöckner von Notre-Dame im vierzehnten Lebensjahre geworden, hatte sich ein neues Gebrechen eingestellt, jenes vollständig zu machen, die Glocken hatten ihm das Trommelfell zersprengt: er war taub geworden. Die einzige Pforte, welche ihm die Natur zur Welt hin ganz offen gelassen hatte, war plötzlich auf immer geschlossen.

Als sie sich schloß, schnitt sie den einzigen Licht-und Freudestrahl ab, der noch in die Seele Quasimodo's fiel. Diese Seele versank in eine tiefe Nacht. Die Schwermuth des Unglücklichen wurde unheilbar und völlig, wie seine Häßlichkeit. Außerdem machte ihn seine Taubheit in gewisser Hinsicht stumm. Denn um andern keine Veranlassung zum Lachen zu geben, verdammte er sich von dem Augenblicke an, wo er sich taub fühlte, entschlossen zu einem Stillschweigen, welches er selten und nur dann brach, wenn er allein war. Er fesselte freiwillig diese Zunge, die zu lösen Claude Frollo so viele Mühe gehabt hatte. In Folge davon geschah es, daß, wenn ihn die Notwendigkeit zum Sprechen zwang, seine Rede schwerfällig, ungeschickt war und einer Thüre glich, deren Angeln verrostet sind.

Wenn wir nun versuchten, durch dieses dicke und harte Aeußere bis in Quasimodo's Seele zu dringen; wenn wir die Tiefen dieses übelbeschaffenen Wesens untersuchen könnten,[176] wenn es uns vergönnt wäre, mit einer Leuchte hinter diese undurchsichtigen Theile zu schauen, das düstere Innere dieses unerforschlichen Geschöpfes zu ergründen, seine dunkeln Falten, seine unbegreiflichen Schlupfwinkel aufzuhellen und plötzlich einen hellen Lichtstrahl auf die in der Tiefe dieser Höhle gefesselte Psyche fallen zu lassen, so würden wir diese unglückliche ohne Zweifel in einer ähnlichen elenden, geknickten und verkrüppelten Lage finden, wie jene Gefangenen der Bleidächer in Venedig, welche in einem sehr niedrigen, kurzen Steinkasten liegend und zu zwei Hälften zusammengekrümmt hinaltern.

Es steht fest, daß in einem mißgestalteten Leibe der Geist verkrüppelt. Quasimodo empfand kaum, daß sich in seinem Innern blindlings eine Seele rege, die nach seinem Aeußern geformt war. Die Eindrücke der Gegenstände erlitten eine beträchtliche Strahlenbrechung, ehe sie zu seinem Denkvermögen gelangten. Sein Gehirn war ein sonderbarer Vermittler: die Ideen, welche es durchkreuzten, gingen alle verkehrt daraus hervor. Die Vorstellung, welche von jener mangelhaften Anschauung herrührte, war nothwendigerweise eine abweichende und schiefe. Die Folge davon waren zahllose Sinnestäuschungen, zahllose Urtheilsirrungen, zahllose Gedankensprünge, in denen sein theils thörichtes, theils blödsinniges Denken abschweifte.

Die eine Folge jener verhängnisvollen Anschauungsweise war die, den Blick, welchen er auf die Dinge um sich her warf, zu verwirren. Er empfing von ihnen fast keine unvermittelte Vorstellung. Die äußere Welt erschien ihm in einer weiteren Entfernung, als uns.

Die andere Wirkung dieses unglücklichen Seelenzustandes war, daß er boshaft wurde.

Er war in der That boshaft, weil er verwildert war; er war verwildert, weil er mißgestaltet war. In seinem Naturell war gerade so viel Logik, wie in dem unsrigen. Seine außergewöhnlich entwickelte Körperkraft war ein Grund mehr zur Boshaftigkeit: »Malus puer robustus,«[177] sagt Hobbes. Uebrigens muß man ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen: die Boshaftigkeit war ihm vielleicht nicht angeboren. Von seinem ersten Auftreten an unter den Menschen hatte er sich verhöhnt, beschimpft, zurückgestoßen gefühlt, dann gesehen.

Die Worte der Leute hatten für ihn immer eine Verspottung oder eine Verwünschung enthalten. Als er heranwuchs, hatte er nur Haß in seiner Umgebung gefunden. Er hatte ihn verstanden. Er hatte die gewöhnliche Bosheit angenommen. Er hatte die Waffe ergriffen, mit der man ihn verwundet hatte.

Nach alledem zeigte er nur mit Widerwillen sein Antlitz der Menschheit; seine Kirche war seine Welt. Sie war bevölkert mit marmornen Gestalten, Königen, Heiligen, Bischöfen, welche ihm wenigstens nicht ins Gesicht lachten und nur ein stilles, wohlwollendes Mitleid für ihn hatten. Die andern Bildsäulen, die der Teufel und Dämonen, hatten keinen Haß gegen ihn; Quasimodo – war ihnen darin selbst zu ähnlich. Sie verspotteten wohl eher die andern Menschen. Die Heiligen waren seine Freunde und segneten ihn; die Ungeheuer waren es gleichfalls und beschützten ihn. Daher hatte er lange Herzensergießungen mit ihnen. Daher verbrachte er manchmal ganze Stunden, vor einer dieser Bildsäulen niedergekauert, im einsamen Gespräche mit ihr. Wenn jemand unvermuthet dazukam, so entfloh er wie ein Liebhaber, der beim Ständchen überrascht wird.

Und die Kirche war für ihn nicht allein die Gesellschaft, sondern auch das Weltall, ja die ganze Natur. Er träumte von keinen andern Baumgeländern, als den immer in Farbenpracht schimmernden Kirchenfenstern, von keinem andern Schatten, als demjenigen dieses steinernen Laubwerkes, welches, mit Vogelgestalten angefüllt, den Knauf der sächsischen Kapitäle umrankt; von keinen andern Gebirgen, als den riesigen Thürmen der Kathedrale, von keinem andern Oceane, als Paris, welches zu ihren Füßen brandete.

Was er aber vor allem in diesem mütterlichen Gebäude liebte, was seine Seele aufweckte und sie die armen Fittiche ausbreiten ließ, die sie in ihrem Innern so traurig zusammengefaltet trug, was ihn manchmal glücklich machte, das[178] waren die Glocken. Er liebte sie, er liebkoste sie, sprach mit ihnen, verstand sie. Vom Glockenspiele auf der Spitze des Kreuzschiffes an bis zur großen Glocke des Vordergiebels waren sie alle Gegenstände seiner Zärtlichkeit. Der Glockenthurm des Kreuzschiffes, die zwei Hauptthürme waren für ihn gleichsam drei große Vogelkäfige, deren Sänger, von ihm großgezogen, nur für ihn sangen. Und dabei waren es dieselben Glocken, die ihn taub gemacht hatten; aber Mütter lieben oft das Kind am meisten, das ihnen die größten Leiden verursacht hat.

Freilich war ihre Stimme die einzige, welche er noch hören konnte. In dieser Beziehung war die große Glocke seine Heißgeliebte. Sie war es, der er in dieser Familie von kreischenden Töchtern den Vorzug gab, wenn sie an Festtagen um ihn hin- und hersprang. Diese große Glocke hieß Marie. Sie befand sich allein im südlichen Thurme mit ihrer Schwester Jacqueline, einer Glocke von geringerem Umfange, die in einem kleinern Stuhle ihr zur Seite hing. Diese Jacqueline war so nach dem Namen der Gattin Jean Montagu's genannt worden, welcher die Glocke der Kirche geschenkt hatte; was aber nicht verhindert hatte, daß er später ohne Kopf in Montfaucon figuriren sollte. Im zweiten Thurme befanden sich sechs andere Glocken, und die sechs kleinsten Glocken endlich hingen auf dem Thurme des Kreuzarmes zusammen mit der hölzernen Glocke, welche man nur vom Nachmittage des Gründonnerstages an bis zum Morgen des Osterheiligabends läutete. Quasimodo hatte also fünfzehn Glocken in seinem Serail, aber die große Marie war seine Favorite.

Man kann sich an den Tagen feierlichen Geläutes keinen Begriff von Quasimodo's Freude machen. In dem Augenblicke, wo ihm der Archidiaconus die Einwilligung gegeben und zugerufen hatte: »Hinauf«, eilte er die Wendeltreppe zum Thurme schneller hinauf, als ein anderer sie hätte herabsteigen können. Ganz athemlos trat er in das luftige Gelaß der großen Glocke ein; er betrachtete sie[179] einen Augenblick lang mit Andacht und Liebe; dann redete er sie freundlich an, streichelte sie mit der Hand wie ein gutes Pferd, das einen weiten Ritt machen soll. Er beklagte sie wegen der Mühe, die sie haben sollte. Nach diesen ersten Liebkosungen rief er den Gehilfen, die in einem tiefern Stockwerke des Thurmes standen, zu, anzufangen. Diese hingen sich an die Seile, die Gangspille kreischte und die ungeheure Metallkapsel bewegte sich langsam. Quasimodo folgte ihr, am ganzen Körper zitternd, mit seinen Blicken. Der erste Anschlag des Klöppels an die erzene Wand ließ das Gerüst, auf welches er gestiegen war, erzittern. Quasimodo erbebte mit der Glocke.

»Hurtig,« schrie er, in ein unsinniges Gelächter ausbrechend. Währenddem nahm die Bewegung der Baßglocke zu, und in dem Maße, wie sie im immer weiteren Winkel dahinflog, wurde auch Quasimodo's Auge immer glühender und flammender. Endlich begann der volle Schwung der Glocke; der ganze Thurm zitterte: Holzwerk, Bleidachung, Quadersteine, alles zitterte zugleich von den Grundpfeilern an bis zu den Kreuzblättern des Helmdaches. Quasimodo schäumte jetzt vor Aufregung; er lief, er kam zurück, er zitterte mit dem Thurme von Kopf bis zu Füßen. Die hinstürmende und rasende Glocke zeigte abwechselnd den beiden Thurmwänden ihren metallenen Schlund, aus dem jenes Orkanwehen hervorging, das man vier Meilen weit vernimmt. Quasimodo stellte sich vor diesen weiten Rachen; er kauerte sich nieder, erhob sich wieder beim Rückschlage der Glocke, athmete das betäubende Getös ein, sah bald in die Tiefe auf den Platz hinunter, auf dem es, zweihundert Fuß unter seinen Füßen, von Menschen wimmelte, bald auf die ungeheure erzene Zunge, die ihm von Secunde zu Secunde ins Ohr heulte. Das war für ihn die einzige Sprache, die er hörte, der einzige Laut, der für ihn die allgemeine Stille unterbrach. Hier machte er sich breit wie ein Vogel in den Strahlen der Sonne. Plötzlich packte ihn die Raserei der Glocke; sein Aussehen wurde befremdlich; er erwartete die vorbeifliegende Glocke, wie die Spinne auf die Fliege lauert, und warf sich plötzlich mit Ungestüm auf sie. So über dem Abgrunde schwebend, mit dem schrecklichen[180] Fluge der Glocke hin- und hergeworfen, packte er das eherne Ungeheuer an den Ohrzapfen, drückte es mit seinen beiden Knieen, spornte es mit seinen Hacken und verdoppelte mit dem vollen Stoße und dem ganzen Gewichte seines Leibes die Raserei des Geläutes. Während der Thurm bebte, schrie er und knirschte mit den Zähnen, seine rothen Haare sträubten sich, seine Brust hob sich mit dem Geräusche eines Blasebalgs, sein Auge sprühte Flammen, das Glockenungethüm tobte laut schnaubend unter ihm; und das war jetzt nicht mehr die große Glocke von Notre-Dame und auch nicht Quasimodo: das war ein Traumbild, ein Wirbel, ein Sturm, der Koller eines Pferdes beim Entstehen eines Geräusches, ein Geist, der sich an einen dahinfliegenden Sattelsitz angeklammert, ein sonderbarer Centaur, der halb Mensch, halb Glocke ist, eine Art furchtbarer Astolph auf einem seltsamen, lebenden Hippogryphen von Erz durch die Luft geführt.

Die Anwesenheit dieses außergewöhnlichen Geschöpfes ließ in der ganzen Kirche einen eigenthümlichen Lebenshauch sich verbreiten. Es schien, wenigstens um mit dem übertrieben-abergläubischen Vorstellungen der Menge zu reden, als ob eine geheimnisvolle Ausströmung von ihm ausginge, welche alle Steine von Notre-Dame belebte und die tiefen Furchen der alten Kirche zucken ließe. Es war genügend, ihn dort zu wissen, um zu glauben, daß man die Tausende von Statuen der Galerien und der Thore leben und sich bewegen sähe. Und in der That erschien die Kathedrale unter seinen Händen als ein gelehriges und gehorsames Geschöpf; sie war seines Willens gewärtig, um ihre gewaltige Stimme zu erheben; sie war von Quasimodo wie von einem Hausgeiste in Besitz genommen und erfüllt. Man hätte sagen können, daß er dem ungeheuern Gebäude Leben eingehaucht. Er war in der That dort überall, er vervielfältigte sich an allen Punkten des Baudenkmales. Bald sah man mit Schrecken auf der höchsten Höhe eines der Thürme einen wunderlichen Zwerg, welcher kletterte, sich schlängelte, auf allen Vieren kroch, auswärts über dem Abgrunde herabstieg, von Vorsprung zu Vorsprung sprang und das Innere des Leibes einer in Stein[181] gemeißelten Gorgone durchsuchte: es war Quasimodo, welcher Rabennester ausnahm. Bald stieß man in einem finstern Winkel der Kirche auf eine lebende Chimäre, die finster brütend niederkauerte: es war Quasimodo in Nachdenken versunken. Bald bemerkte man unter einem Thurme ein ungeheures Haupt und ein Bündel wirrer Gliedmaßen, welche sich wüthend am Ende eines Seiles schaukelten: es war Quasimodo, der die Vesper oder das Angelus läutete. Oft sah man nachts an dem durchbrochenen, schwachen Geländer, welches die Thürme umkränzt und die Verlängerung des Seitenschiffes hinter dem Chore einfaßt, eine scheußliche Gestalt: auch das war der Bucklige von Notre-Dame. In diesem Augenblicke nahm, wie die Nachbarn erzählten, die ganze Kirche etwas Phantastisches, Uebernatürliches, Schreckliches an; Augen und Mäuler der Figuren öffneten sich hier und da; man hörte die Hunde heulen, die Schlangen- und Drachenfiguren zischen, welche mit vorgerecktem Halse und offenem Rachen Tag und Nacht rings um die ungeheure Kathedrale wachen. Und wenn es in einer Nacht des Weihnachtsfestes war, während die große Glocke zu röcheln schien und die Gläubigen zur lichterglänzenden Mitternachtsmesse rief, hatte die dunkle Façade ein derartiges Aussehen angenommen, daß man hätte glauben mögen, das große Portal verschlänge die Menschenmenge und die Rosette blicke sie wie ein Auge an. Und alles das kam von Quasimodo her. In Aegypten hätte man ihn für den Gott dieses Tempels gehalten; im Mittelalter hielt man ihn für den bösen Geist desselben: er war seine Seele.

Unter diesem Umstande ist Notre-Dame für diejenigen, welche wissen, daß Quasimodo gelebt hat, heute verlassen, entseelt, todt. Man fühlt, daß hier etwas verschwunden ist. Dieser ungeheure Leib ist verlassen; er ist ein Skelett; der Geist ist entwichen, man sieht seinen Platz, aber das ist alles. Sie ist jetzt einem Schädel ähnlich, in dem sich noch die Höhlen für die Augen befinden, aus denen aber kein Blick mehr strahlt.

Quelle:
Hugo, Victor: Notre-Dame in Paris. 2 Bde., Leipzig [1895], Band 1, S. 173-182.
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