3. [69] Besos para golpes.

Als Peter Gringoire auf dem Grèveplatze ankam, war er steif und starr. Er hatte den Weg über die Müllerbrücke eingeschlagen, um das Gedränge auf der Wechslerbrücke und die Transparente Johann Fourbeaults zu meiden; aber die Räder aller bischöflichen Mühlen hatten ihn beim Uebergange bespritzt, und sein Kittel war durchnäßt; es schien ihm außerdem, als ob der Fall seines Stückes ihn noch frostiger machte. Deshalb eilte er dem Freudenfeuer näher zu kommen, welches prachtvoll inmitten des Platzes brannte. Aber eine beträchtliche Menge bildete rings um dasselbe einen dichten Kreis.

»Verdammte Pariser!« sagte er für sich (denn Gringoire hatte, als echter dramatischer Poet, die Eigenart, Selbstgespräche zu halten), »wie sie da sind und mir das Feuer versperren! Und doch habe ich eine warme Ecke so sehr nöthig; meine Schuhe schlucken Wasser und alle die verfluchten Mühlen haben mich durchweicht! Der Teufelskerl von Bischof von Paris mit seinen Mühlen! Ich möchte nur wissen, was ein Bischof mit einer Mühle macht! Hofft er aus dem Bischof ein Müller zu werden? Wenn er dazu meines Segens bedürftig ist, so gebe ich ihm denselben, und seiner Kirche und seinen Mühlen! Will doch sehen, ob die Maulaffen da nicht ein wenig den Platz verlassen! Ich frage jemanden, was sie da machen! Sie wärmen sich; ein schönes Vergnügen! Sie sehen zu, wie da hundert Reisbündel brennen; ein schönes Schauspiel!«

Indem er näher trat, bemerkte er, daß der Kreis viel größer war, als nöthig, um sich am Feuer des Königs zu wärmen, und daß dieser Zusammenfluß von Zuschauern nicht einzig und allein von der Schönheit der vielen brennenden Reißigbündel angezogen worden war.

In einem großen Raume, der zwischen dem Feuer und der Menge freigelassen war, tanzte ein junges Mädchen.

Ob dieses junge Mädchen ein menschliches Wesen sei, oder eine Fee, oder ein Engel, das konnte Gringoire, ein[70] so zweifelsüchtiger Philosoph und ironischer Dichter er auch war, im ersten Augenblicke nicht entscheiden, so sehr war er von dieser blendenden Erscheinung bezaubert worden.

Sie war nicht groß, aber sie schien es zu sein, so kühn erhob sich ihre zarte Gestalt. Sie war brünett, aber man errieth, daß am Tage ihre Haut den schönen, goldschimmernden Glanz der Andalusierinnen oder Römerinnen haben müßte. Ihr kleiner Fuß war ebenso andalusisch, denn er zeigte sich knapp und bequem zugleich in den zierlichen Schuhen. Sie tanzte, sie drehte sich, sie wirbelte auf einem alten persischen Teppiche herum, der nachlässig unter ihren Füßen ausgebreitet war; und jedesmal, wenn beim Drehen ihr strahlender Leib vor den Zuschauern vorbeitanzte, warfen ihre großen, schwarzen Augen ihnen einen Blitz zu.

Rings um sie her waren alle Blicke starr, alles stand mit offenem Munde da; und in Wahrheit, wenn sie so beim Schalle der baskischen Trommel, welche ihre runden, nackten Arme über den Kopf hoben, tanzte: zart, fein, lebhaft wie eine Wespe, im faltenlosen Goldleibchen, im buntfarbigen, sich blähenden Gewande, mit ihren nackten Schultern, ihren schlanken Beinen, welche der Rock manchmal enthüllte, ihren schwarzen Haaren und flammenden Augen, – war sie ein übernatürliches Wesen.

»Wahrlich,« dachte Gringoire, »das ist ein Feuergeist, eine Nymphe, eine Göttin, eine Bacchantin vom menaleischen Berge!«

In diesem Augenblicke löste sich eine Haarflechte des »Feuergeistes«, und ein Stück Messing, welches daran befestigt war, rollte zur Erde.

»Ach nein!« sagte er, »es ist eine Zigeunerin.«

Alle Täuschung war vorbei.

Sie fing wieder an zu tanzen; sie nahm zwei Schwerter von der Erde, deren Spitzen sie auf ihre Stirn setzte, und welche sie nach einer Seite drehen ließ, während sie sich nach der andern drehte; sie war in der That ganz wahrhaftig eine Zigeunerin. Aber so enttäuscht Gringoire auch war, das Ganze dieses Bildes war nicht ohne Reiz und ohne Zauber; das Freudenfeuer beleuchtete die Scene[71] mit grellem, rothen Lichte, welches auf den Gesichtern der Menge ringsherum, auf der braunen Stirn des jungen Mädchens lebhaft zitterte, und im Hintergrunde des Platzes einestheils auf die alte, schwarze und furchige Façade des Säulenhauses, anderntheils auf den Arm des steinernen Galgens einen bleichen Schimmer warf, der sich mit ihren wankenden Schatten mischte.

Unter den tausend Gesichtern, welche das Licht mit Scharlach färbte, war eins, welches mehr noch als alle andern in der Betrachtung der Tänzerin versunken schien. Es war eine strenge, ruhige und düstere Männergestalt. Dieser Mann, dessen Kleidung durch die ihn umgebende Menge versteckt war, schien nicht älter als fünfzig Jahre zu sein; dennoch war er kahlköpfig; kaum bemerkbar hatte er an den Schläfen einzelne Büschel weniger und bereits grauer Haare; seine breite und hohe Stirn begann sich mit Runzeln zu durchfurchen, aber in seinen tiefliegenden Augen blitzte eine außergewöhnliche Jugendlichkeit, ein feuriges Leben, eine tiefe Leidenschaftlichkeit. Er hielt sie beständig auf die Zigeunerin geheftet, und während das tolle, junge, sechzehnjährige Mädchen tanzte und zum Vergnügen aller herumsprang, schienen die Gedanken in ihm immer düsterer zu werden. Von Zeit zu Zeit begegneten sich auf seinen Lippen ein Seufzer und ein Lächeln, aber das Lächeln war schmerzlicher, als der Seufzer.

Das junge Mädchen hielt endlich athemlos an, und das Volk klatschte entzückt Beifall.

»Djali!« rief die Zigeunerin.

Da sah Gringoire eine reizende, kleine, weiße, muntere, lustige und aufgeputzte Ziege mit vergoldeten Hörnern und Füßen und einem goldenen Halsbande heranspringen, die er noch nicht bemerkt, und die bis dahin auf einem Zipfel des Teppichs gekauert hatte, und ihrer tanzenden Herrin zuschaute.

»Djali,« sagte die Tänzerin, »die Reihe ist an dir.«

Sie setzte sich nieder und hielt der Ziege freundlich ihr Tamburin hin.

»Djali,« fuhr sie fort, »welchen Monat haben wir im Jahre?«[72]

Die Ziege hob ihren Vorderfuß und that einen Schlag auf die Trommel. In Wahrheit war man im ersten Monate. Die Menge klatschte Beifall.

»Djali,« begann das junge Mädchen wieder, indem sie ihr Tamburin herumdrehte, »welchen Tag im Monate haben wir?«

Djali erhob ihren kleinen vergoldeten Fuß und schlug sechsmal auf das Tamburin.

»Djali,« fuhr die Zigeunerin immer mit neuer Wendung ihres Tamburins fort, »welche Stunde des Tages haben wir?«

Djali machte sieben Schläge. Im selben Augenblicke schlug die Uhr am Säulenhause sieben.

Das Volk war vor Erstaunen sprachlos.

»Darunter steckt Hexerei!« rief eine unheilvolle Stimme in der Menge. Es war die des kahlköpfigen Mannes, welcher die Zigeunerin nicht aus den Augen ließ.

Sie erschrak und wandte sich um; aber das Beifallklatschen brach los und erstickte den mürrischen Ausruf. Dieses verwischte ihn dann so gänzlich in ihrer Seele, daß sie fortfuhr ihre Ziege zu befragen.

»Djali, wie macht's Meister Guichard Grand-Remy, der Hauptmann der Scharfschützen von Paris, in der Prozession beim Feste Mariä-Reinigung?«

Djali richtete sich auf ihren Hinterfüßen in die Höhe, begann zu meckern und marschirte mit einer solchen spaßhaften Würde, daß der ganze Zuschauerkreis bei dieser Nachäffung der interessierten Frömmelei des Scharfschützenhauptmanns in Lachen ausbrach.

»Djali,« fuhr das junge Mädchen, durch den wachsenden Beifall dreister gemacht, fort, »wie predigt Meister Jacob Charmolue, der Procurator des Königs beim Kirchengerichtshofe?«

Die Ziege setzte sich auf ihr Hintertheil nieder, begann zu meckern und bewegte ihre Vorderbeine in einer so sonderbaren Weise, daß, abgesehen von dem schlechten Französisch und schlechten Latein, in Gesticulation, Betonung und Haltung man den Jacob Charmolue, wie er leibte und lebte, vor sich sah.[73]

Die Menge klatschte aus Leibeskräften Beifall.

»Entweihung! Verspottung des Heiligen!« ließ sich die Stimme des kahlköpfigen Mannes von neuem vernehmen.

Die Zigeunerin wandte sich noch einmal um.

»Ach!« sagte sie, »es ist der grobe Mensch.«

Dann zog sie ihre Unterlippe über die Oberlippe und machte ein schiefes Gesichtchen, wie es ihr geläufig zu sein schien, drehte sich auf der Ferse im Kreise herum und begann in ihrem Tamburin die Geschenke der Menge einzusammeln.

Es regnete ganze und halbe Weißpfennige, Schild-und Adlerpfennige. Plötzlich ging sie vor Gringoire vorbei. Gringoire fuhr so leichtsinnig mit der Hand in die Tasche, daß sie stillstand. »Zum Teufel!« sagte der Dichter, als er auf dem Grunde seiner Tasche die Wirklichkeit, d.h. die Leere fand. Doch das hübsche Mädchen blieb stehen, hielt ihm das Tamburin hin und wartete, während Gringoire dicke Tropfen schwitzte.

Wenn er Peru in seiner Tasche gehabt hätte, gewiß er hätte es der Tänzerin gegeben; aber Gringoire hatte Peru nicht, und übrigens war Amerika noch nicht entdeckt.

Glücklicherweise kam ihm ein unerwartetes Ereignis zu Hilfe.

»Wirst du dich fortscheeren, ägyptische Heuschrecke!« rief eine schneidende Stimme, welche aus dem dunkelsten Winkel des Platzes herkam. Das junge Mädchen drehte sich erschrocken um. Das war nicht mehr die Stimme des kahlköpfigen Mannes; es war eine Frauenstimme, eine frömmelnde und garstige Stimme.

Uebrigens versetzte dieser Ruf, der die Zigeunerin erschreckte, einen Haufen Kinder in Freude, welche dort herumstrichen.

»Es ist die Klausnerin vom Rolandsthurme,« riefen sie mit schallendem Gelächter, »es ist die Nonne, welche schilt! Hat sie nicht zu Abend gegessen? Wir wollen ihr ein Ueberbleibsel vom Credenztische der Stadt bringen!«

Alle stürzten nach dem Säulenhause hin.

Währenddessen hatte Gringoire die Verwirrung der Tänzerin benutzt und sich unsichtbar gemacht. Das Geschrei[74] der Kinder erinnerte ihn daran, daß er auch noch nicht zu Abend gegessen habe. Er lief also zum Credenztische. Aber die kleinen Taugenichtse hatten bessere Beine als er; als er ankam, hatten sie bereits reine Bahn gemacht. Es war nicht einmal mehr ein lumpiger Honigkuchen übrig, das Pfund zu fünf Sous. An der Wand befand sich nichts weiter, als schlanke Lilien, mit Rosen untermischt, die Mathieu Biterne im Jahre 1434 gemalt hatte, – fürwahr ein mageres Abendessen.

Es ist etwas Unangenehmes, ohne Abendbrot zu Bette zu gehen; noch weniger spaßhaft aber ist es, nichts zu essen zu haben und nicht zu wissen, wo das Haupt niederlegen. Gringoire war in dieser Lage. Kein Brot, kein Nachtlager; er sah sich von allen Seiten durch die Noth bedrängt, und er fand die Noth sehr sonderbar. Er hatte seit langer Zeit die Wahrheit entdeckt, daß Jupiter die Menschen in einem Anfalle von Menschenhaß geschaffen habe, und daß im Leben des Weisen das Schicksal die Philosophie im Belagerungszustande hält. Was ihn betraf, so hatte er die Blokade noch niemals so vollständig gesehen; er hörte seinen Magen Generalmarsch schlagen, und er fand es recht dumm, daß sein böses Geschick seine Philosophie durch Hunger bedrängte.

Dieser melancholische Gedanke bemächtigte sich seiner mehr und mehr, als ein seltsamer, wiewohl lieblicher Gesang, ihn plötzlich aus seiner Träumerei weckte. Es war die junge Zigeunerin, welche sang.

Mit ihrer Stimme war es, wie mit ihrem Tanze und mit ihrer Schönheit. Es lag etwas Unerklärliches und Liebliches, etwas Reines und Wohlklingendes, so zu sagen Leichtes, Geflügeltes darin. Es waren fortgesetzte Ergüsse, Melodien, unerwartete Cadenzen, bald einfache Worte voll scharfer und zischender Töne, bald Tonleitersprünge, welche eine Nachtigall verwirrt hätten, aber stets voll Harmonie, bald weiche Octavengänge, welche sich hoben und senkten, wie der Busen der jungen Sängerin. Ihr schönes Gesicht begleitete mit seltsamer Beweglichkeit alle Einfälle ihres Gesanges, von der tollsten Begeisterung bis zur keuschesten[75] Würde. Man hätte sie bald eine Wahnwitzige, bald eine Königin nennen mögen.

Die Worte, welche sie sang, gehörten einer für Gringoire unbekannten Sprache an, und schienen ihr selbst unbekannt zu sein, so wenig paßte der Vortrag des Gesanges zum Sinne der Worte. Daher waren folgende vier Verse in ihrem Munde von einer närrischen Lustigkeit:


Un cofre de gran riqueza

Hallaron dentro un pilar,

Dentro del, nuevas banderas,

Con figuras de espantar.


Und gleich darauf, bei dem Tone, mit welchem sie folgende Strophe sang:


Alarabes de cavallo

Sin poderse menear,

Con espadas, y los cuellos

Bellestas de buen echar.


fühlte Gringoire, wie ihm die Thränen in die Augen traten. Doch athmete ihr Gesang vornehmlich Freude, und sie schien wie ein Vogel heiter und sorglos ihr Lied zu singen.

Der Gesang der Zigeunerin hatte Gringoire in seinen Träumen gestört, aber so wie der Schwan das Wasser aufregt. Er hörte ihr mit einer Art Entzücken und gänzlicher Vergessenheit zu. Seit mehreren Stunden war es der erste Augenblick, wo er sich nicht unglücklich fühlte.

Dieser Augenblick war kurz.

Dieselbe Frauenstimme, welche den Tanz der Zigeunerin unterbrochen hatte, störte jetzt ihren Gesang.

»Wirst du wohl schweigen, du Höllencikade?« rief sie wiederholt aus demselben dunkeln Winkel des Platzes her.[76]

Die arme »Cikade« blieb stecken. Gringoire hielt sich die Ohren zu.

»Ach!« rief er, »die verfluchte zahnlose Säge zerbricht die Lyra!«

Auch die übrigen Zuschauer murrten wie er. »Zum Teufel mit der Nonne!« sagte mehr als einer. Und die alte, unsichtbare Freudeverderberin hätte ihre Angriffe auf die Zigeunerin bald bereuen sollen, wenn nicht in diesem Augenblicke die Menge von dem Zuge des Narrenpapstes angezogen worden wäre. Dieser war durch eine Menge Straßen und Gassen gezogen, und ergoß sich mit allen seinen Fackeln und mit großem Lärme auf den Grèveplatz.

Dieser Zug, den unsere Leser aus dem Palaste haben abziehen sehen, hatte sich unterwegs gebildet, und aus allem, was an Taugenichtsen, Dieben und Vagabunden in Paris vorhanden war, zusammengesetzt; darum bot er einen beachtenswerthen Anblick dar, als er auf dem Grèveplatze ankam.

Voran ging Aegypten: der Herzog von Aegypten an der Spitze, zu Pferde, begleitet von seinen Grafen zu Fuße, welche ihm Zaum und Steigbügel hielten; hinter ihnen Zigeuner und Zigeunerinnen durch einander, mit ihren schreienden Kindern auf den Schultern; alle zusammen, der Herzog, die Grafen, das gemeine Volk in Lumpen und Flitterstaat gehüllt. Dann kam das Königreich Rothwälschland: das heißt alle Diebe Frankreichs, stufenweise nach ihrer Rangordnung einherschreitend, die Geringsten zuerst. So zogen sie vier und vier vorbei mit den verschiedenen Abzeichen ihrer Würde in dieser befremdlichen Gilde; die meisten gelähmt, diese hinkend, jene einarmig: die Ladendiener, die Pilger, die Einbrecher, die Epileptischen, die kindischen Alten, die Schnorrer, die Zotenreißer, die künstlichen Krüppel, die Spieler, die Siechen, die Abgebrannten, die Krämer, die Rothwälscher, die Diebesgenossen, die Erzgauner, die Meisterdiebe: – ein Volk, dessen Aufzählung Homer ermüden müßte. In der Mitte des Conclaves der Meisterdiebe und Erzgauner konnte man kaum den König der Bettler, den großen Coësre, erkennen, welcher auf einem kleinen, von zwei Hunden gezogenen[77] Wagen hockte. Nach dem Königreiche der Gauner kam das Kaiserreich Galiläa. Wilhelm Rousseau, der Kaiser von Galiläa, schritt majestätisch in seinem weinfleckigen Purpurkleide einher, während Possenreißer vor ihm hergingen, die sich schlugen und Waffentänze ausführten, und seine Scepterträger, Helfershelfer und die Schreiber seiner Rechnungskammer ihn umgaben. Schließlich kam die Gilde der Parlamentsschreiber mit ihren blumenbekränzten Maien, in ihren schwarzen Gewändern, mit ihrer Musik, die eines Hexensabbathes würdig war, und mit ihren langen Kerzen von gelbem Wachs. Im Mittelpunkte dieser Menge trugen die hohen Beamten der Narrenbrüderschaft auf ihren Schultern einen Tragsessel, der mehr mit Kerzen überladen war, als der Reliquienschrein der heiligen Genoveva zur Zeit der Pest: und auf diesem Tragsessel strahlte, mit dem Krummstabe, Bischofsmantel und Mitra geschmückt, der neue Narrenpapst: der Glöckner von Notre-Dame, Quasimodo der Bucklige.

Jede Abtheilung dieses phantastischen Zuges hatte ihre besondere Musik. Die Zigeuner ließen ihre Balafos und afrikanischen Tamburins erschallen. Die Gauner, eine sehr wenig musikalische Sippe, bedienten sich dazu der Viola, des Bockshornes und der gothischen Rebec des zwölften Jahrhunderts. Das Kaiserreich Galiläa war kaum viel fortgeschrittener; mit Mühe bemerkte man bei seiner Musik eine erbärmliche Fiedel aus der Kindheit der Kunst, die noch in drei Töne d–a–e eingeschlossen war. Aber in der Nähe des Narrenpapstes enthüllten sich in einer großartigen Katzenmusik die ganzen musikalischen Reichthümer des Zeitalters: lauter Discant-, Alt- und Tenorgeigen vernahm man da, ohne die Flöten und Blechinstrumente zu zählen. O weh! die Leser erinnern sich, daß es das Orchester Gringoire's war.

Es ist schwer, eine Vorstellung von dem Grade stolzer und seliger Freude zu geben, zu welchem das finstere und[78] scheußliche Gesicht Quasimodo's auf dem Wege vom Palaste bis zum Grèveplatze gekommen war. Das war der erste Genuß der Eigenliebe, den er jemals empfunden hatte. Bisher hatte er nur Erniedrigung, Verachtung gegen seine Lebenslage und Ekel vor seiner Person gekannt. Daher verschlang er, trotz seiner Taubheit, wie ein wahrhaftiger Papst die Beifallsrufe dieser Menge, welche er haßte, weil er sich von ihnen verabscheut fühlte. Daß sein Volk eine Bande von Narren, Lahmen, Dieben, Bettlern war, was thut's? Es war doch immer ein Volk, und er ein Herrscher. Und er nahm für baaren Ernst alle diese spöttischen Beifallsäußerungen, alle lächerlichen Ehrfurchtsbezeugungen, in die sich sicherlich von seiten der Menge etwas wirkliche Furcht hineinmischte. Denn der Bucklige war stark, der Krummbeinige behend und bei seiner Taubheit boshaft: drei Eigenschaften, welche das Spaßhafte an ihm verminderten.

Uebrigens sind wir weit entfernt, zu glauben, daß der neue Narrenpapst sich selbst Rechenschaft gab von den Empfindungen, welche er empfand, und von denen, welche er einflößte. Der Geist, welcher in diesem mangelhaften Körper wohnte, hatte nothwendigerweise selbst etwas Unvollkommenes und Unempfindliches angenommen. Daher war das, was er in diesem Augenblicke empfand, für ihn durchaus unbestimmt, unklar und verworren. Nur die Freude blickte durch, der Stolz herrschte vor. Diese düstere und unglückliche Erscheinung hatte auch ihr Glück.

Nicht ohne Staunen und Schrecken sah man daher, daß plötzlich, in dem Augenblicke, wo Quasimodo im Triumphe und halbberauscht vor dem Säulenhause vorbeizog, ein Mann aus der Menge hervorstürzte und ihm mit zorniger Geberde das Abzeichen seiner närrischen Papstwürde, den Bischofsstab von vergoldetem Holze, aus den Händen riß.

Diese tollkühne Person war der kahlköpfige Mann, welcher kurz zuvor sich in die Gruppe um die Zigeunerin gemischt und das arme Mädchen mit seinen drohenden und gehässigen Reden erschreckt hatte. Er trug die Tracht eines Geistlichen. In dem Augenblicke, als er aus der Menge heraustrat, erkannte ihn Gringoire, der ihn bis dahin nicht[79] bemerkt hatte, wieder. »Halt,« rief er mit einem Ausrufe des Erstaunens, »hei! das ist ja mein Lehrer in der Weisheit des Hermes, Don Claude Frollo, der Archidiaconus. Was Teufel will er von diesem rohen Einäugigen? Er will sich gewiß auffressen lassen.«

Ein Schrei des Entsetzens erscholl in der That. Der furchtbare Quasimodo hatte sich von dem Tragsessel heruntergestürzt, und die Weiber hatten die Augen weggewandt, um nicht zu sehen, wie er den Archidiaconus in Stücke reißen würde. Er that einen Sprung auf den Priester los, sah ihm ins Gesicht und fiel auf die Knien nieder. –

Der Priester entriß ihm seine Tiara, zerbrach ihm den Bischofsstab und zerfetzte seinen Flittergoldmantel.

Quasimodo blieb auf den Knien liegen, neigte den Kopf und faltete die Hände.

Darauf entspann sich zwischen ihnen ein sonderbares Zwiegespräch aus Zeichen und Geberden; denn weder der eine noch der andere sprach ein Wort: der Priester aufgerichtet, erzürnt, drohend, herrisch, Quasimodo niedergeschmettert, demüthig, flehend. Und doch ist es sicher, daß Quasimodo den Priester mit dem Daumen hätte zerreißen können.

Endlich rüttelte der Archidiaconus Quasimodo heftig an der Schulter und gab ihm ein Zeichen, sich zu erheben und ihm zu folgen.

Quasimodo erhob sich.

Jetzt wollte die Genossenschaft der Narren, nachdem das erste Staunen vorüber war, ihren so plötzlich entthronten Papst beschützen. Die Zigeuner, die Gauner und die ganze Gerichtsschreibergilde schaarten sich schreiend um den Priester.

Quasimodo stellte sich vor den Geistlichen, ließ die Muskeln seiner athletischen Fäuste spielen und sah die Angreifer mit dem Zähnefletschen eines gereizten Tigers an.

Der Priester nahm seine düstere Würde wieder an,[80] machte Quasimodo ein Zeichen und zog sich schweigend zurück.

Quasimodo ging vor ihm her und stieß die Menge auf seinem Wege bei Seite.

Als sie durch die Menge hindurch waren und den Platz überschritten hatten, wollte der Schwarm der Neugierigen und Müßiggänger ihnen folgen. Quasimodo bildete jetzt die Nachhut und folgte dem Archidiaconus rückwärts, tückisch, entsetzlich, struppig, indem er seine Gliedmaßen zusammenraffte, wie ein Eber seine Stoßzähne leckte, wie ein wildes Thier brüllte, und der Menge mit einer Bewegung oder Miene das größte Entsetzen einjagte.

Man ließ sie beide in einer engen und finstern Straße verschwinden, wohin sich niemand hinter ihnen her wagte, so sehr versperrte der bloße Gedanke an den zähnefletschenden Quasimodo den Eintritt in dieselbe.

»Wahrhaftig, das ist höchst sonderbar,« sagte Gringoire, »aber wo zum Teufel werde ich etwas zum Abendessen finden?«

Quelle:
Hugo, Victor: Notre-Dame in Paris. 2 Bde., Leipzig [1895], Band 1, S. 69-81.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Glöckner von Notre Dame
Der Glöckner von Notre-Dame: Roman
Der Glöckner von Notre-Dame
Der Glöckner von Notre-Dame (insel taschenbuch)
Brockhaus Literaturcomics Der Glöckner von Notre-Dame: Weltliteratur im Comic-Format
Der Glöckner von Notre-Dame: Roman

Buchempfehlung

Haller, Albrecht von

Versuch Schweizerischer Gedichte

Versuch Schweizerischer Gedichte

»Zwar der Weise wählt nicht sein Geschicke; Doch er wendet Elend selbst zum Glücke. Fällt der Himmel, er kann Weise decken, Aber nicht schrecken.« Aus »Die Tugend« von Albrecht von Haller

130 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon