Siebenter Auftritt.

[61] Vorige. Herr Delomer, der die Gräfin führt. Der Graf, das Kind an der Hand, welches ein Körbchen mit Rosen trägt.


DAS KIND macht sich los, läuft zu seiner Mutter, mit der es heimlich und sehr fröhlich redet.

MADAM DOMINIQUE setzt sich, und redet ihm angelegentlich ins Ohr.

DAS KIND nickt dazu mit dem Kopfe, und springt etliche Mal freudig auf.

MADAM DOMINIQUE zieht seinen Hemdkragen zurecht, streicht seine Haare aus dem Gesicht.

GRAF hat indeß Herrn Delomer auf die rechte Seite geführt, wo er ihm zu bedeuten scheint, daß noch alles recht gut gehen würde.

DELOMER hört ihn unruhig zu, und man sieht, daß er seht zerstreut ist.

DOMINIQUE S. hat der Gräfin, welche sich gleich rechts vom Tempel gesetzt hatte, einen Schritt der Höflichkeit entgegen gethan.

GRÄFIN spricht, so bald sie sich gesetzt hatte, während alles obige vorgeht. Mich dünkt, die Luft wäre sehr drückend.[62]

DOMINIQUE. In der That! Er seufzt. Obschon es hier angenehm ist – kühl und freundlich.

GRÄFIN. Die Gewohnheit macht alles erträglich. Ich bin es sonst nicht gewohnt, so früh am Tage in die Luft zu gehen. Also dieß ist der Ort, welcher dem Andenken des alten Herrn Barons von Dominique consacrirt ist?

DOMINIQUE. Dieser Ort ist dem Andenken meines Vaters geweiht.

GRÄFIN. Recht artig! Zu Delomer. Sagen Sie mir doch, Herr von Delomer!

DOMINIQUE tritt zurück, dem Tempel vorbey an die linke Seite.

GRÄFIN. Ist der alte Baron von Dominique in Militairdiensten gewesen?

DELOMER der zur Gräfin tritt. Nein.

MADAM DOMINIQUE geht zu ihrem Manne.

GRAF. Welche Charge hat er denn bekleidet?

DOMINIQUE. Die – eines sehr ehrlichen, Gerührt. höchst edlen Mannes.

DELOMER beachtet sorgsam den Dominique, und sieht so den Schubkarren. Aber was ist denn das? Welche Unordnung! Er deutet in den Tempel.

ALLE sehen neugierig dahin.

DOMINIQUE S. herzlich und laut. Ach! Zu seiner Frau. Ach Gott! Julie, sieh! – siehst du das? Er setzt sich, stützt den Kopf, verbirgt seinen Thränen.[63]

MADAM DOMINIQUE geht zu ihm, küßt ihn auf die Stirne.

DELOMER. Diese Unordnung ist doch unleidlich. Ich will Leute rufen, die das Geräthe da wegbringen.

DOMINIQUE S. Nein, nein, lieber Vater! Halb für sich. Der Zufall feyert mein Fest hier so herzlich.

DELOMER. Aber, lieber Sohn, die Dinge müssen wirklich da weg – denn – nun – sie haben mir die Ueberraschung genommen. – Der Kleine hat da oben ein Wort zu reden.

DOMINIQUE S. verneigt sich, damit er die Thränen verberge. Muß das Geräthe da weggebracht werden, so geschehe es durch mich! Er geht in den Tempel, und erhebt den Karren. Ach! Sie etinnern sich gewiß mit mir eines Augenblickes, wo ich so vor Ihnen stand. Er fährt ihn herunter.

DELOMER gerührt. Allerdings!

MADAM DOMINIQUE. Und da half ich dir. Sie geht zu ihm und führt ihn vollends an die Seite. Weißt du es noch? Sie, setzten den Karren hin, und umarmen sich innig.

DELOMER. Nun, Kleiner!

DAS KIND geht hinauf und bekränzt den Altar mit einer Rosenkette.

GRÄFIN. Weshalb ist Herr von Dominique von dem Karren so saisirt?[64]

DELOMER mit Theilnahme. Eine Anekdote von Paris her. –

GRAF. Gewiß eine Avantüre, oder –

DELOMER. Pst! pst! nicht weiter!

DAS KIND. Lieber Vater!

DOMINIQUE wendet sich um – giebt seiner Frau die Hand und setzt sich.

DAS KIND. Du hast von uns allen schon gute Wünsche für dein Leben empfangen. Ich bin ein Abgesandter, und spreche für den Großpapa in Frankreich zu dir.

DOMINIQUE S. Ach! Er sinkt an den Busen seiner Frau.

DELOMER trocknet die Augen.

DAS KIND. Du bist sehr gut und wohlthätig; darum segnet dich Gott mit vielem Glück. Du bist noch sehr jung; darum sey froh und fröhlich. Denn wir sind nur glücklich, wenn du reche vergnügt bist.

DOMINIQUE S. richtet sich auf, sieht aber vor sich nieder.

DAS KIND. Nun will der Großpapa in Frankreich, daß du ihm schreibst, und bittest, daß er daher komme.

DOMINIQUE V. wird hinter dem Altare sichtbar.

DAS KIND. So kommt er auch zu uns, und wird dich hier an dieser Stelle segnen und uns alle.[65]

DOMINIQUE V. steht zitternd, schwankend, eine Hand ausgebreitet, hinter dem Altar; er will reden und kann es nichts.

DAS KIND. Dann sind wir alle recht glücklich und froh.

DOMINIQUE S. streckt unwillkührlich die Arme nach dem Altar, und wie er die Augen dahin hebt, fährt er auf. Allmächtiger Gott!

DOMINIQUE V. Dominique!

DOMINIQUE S. stürzt hinauf. Mein Vater! mein Vater! Das ist der Vater!

MADAM DOMINIQUE. Er ists – der Vater! Sie umarmt ihn von der andern Seite. Großer Gott!

DELOMER geht an der Rückseite hinauf, umarmt ihn von hinten zu. Gott segne ihn! – Ja, das ist er, das ist er!

GRAF UND GRÄFIN sind aufgestanden von ihren Sitzen, stehen erstaunt.

DOMINIQUE S. hebt das Kind auf den Altar. Dein Großvater! Umarme deinen Großvater!

DOMINIQUE V. Sohn! Enkel! Tochter! – O haltet mich aufrecht – haltet mich!


Von mehreren Seiten stürzen Arbeiter, Bediente, Bauern hinzu, und sehen mit Besorgniß nach dem Geräusch hin.


ETLICHE. Was ist das? – Was ist geschehen?[66]

DOMINIQUE S. Mein alter Vater! Seht her! Das ist mein Vater! Er führt ihn etwas vor. Dieser hier!

DOMINIQUE V. behält das Kind auf dem Altar im Arm, und küßt es innig.

DAS KIND schlingt seine Arme ihm um den Hals.

DOMINIQUE S. stürzt zu seinen Füßen. Ihren Segen auf uns, uns Alle!

ALLE umgeben den Tempel.


Der Vorhang fällt.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Das Erbtheil des Vaters. Leipzig 1802, S. 61-67.
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Revolutionsdramen: Figaro in Deutschland. Die Kokarden. Das Erbtheil des Vaters.

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