Dritter Auftritt.

[76] Delomer. Dominique Vater.


DOMINIQUE V. sieht ihnen nach. Das muß wahr seyn, wir haben da ein Paar hübsche Kinder. Nicht wahr, Herr Delomer? oder lieber – Bruder Delomer! Denn – Herr von Delomer – wie hier alles spricht – daran werde ich mich schwerlich gewöhnen.

DELOMER. Verkennen Sie mich nicht! – Man ist hie und da in Deutschland sehr titelsüchtig und so – so ist es gekommen – daß ich –

DOMINIQUE V. Ach ja! dergleichen ist ansteckend, das begreife ich wohl.

DELOMER. Indeß hat dieß Kapitel auch eine sehr ernsthafte Seite.

DOMINIQUE V. Ja wohl.

DELOMER. Von dieser haben wir jetzt zu reden, und der Vater Dominique, wenn er mit[76] Liebe in meine Plane eingehen will, ist gekommen, meinem Glücke des Kranz aufzusetzen; dem Glücke, was er selbst geschaffen hat.

DOMINIQUE V. reicht ihm die Hand. Lassen Sie hören.

DELOMER. So manches Mal – Sie wissen es –

DOMINIQUE V. Mit Erlaubniß! – Nennen Sie mich – Ihr – wie sonst! Darauf bin ich und mein Rock eingerichtet. Nur nicht Sie –

DELOMER. Nun denn – Du! Du weißt es, lieber Bruder! So manches Mal hat mich das Geschäft des Handels hoch erhoben und dem Abgrund nahe gebracht. Vor drey Jahren – eben da ich am höchsten stand, und ein Zufall – ein ganz besonderer Zufall mir auf einmal eine beträchtliche Summe in die Hand geworfen hatte – da schloß ich mein Buch zu. Lebe, dachte ich, in Wohlthun und Frieden auf schönen Gütern! Es ward ins Werk gesetzt. Die Rangsucht des benachbarten Adels nannte uns gleich bey unsrer Ankunft, Herr von Delomer, und Herr von Dominique, und ich – ließ es geschehen.

DOMINIQUE V. Ja. Und der alte Vater Essigkrämer in der Vorstadt St. Victor zu Paris ward hier zum Edelmann aus Bretagne erhoben. Ey, ey!

DELOMER zuckt die Achseln. Ein Schritt führt zum andern.[77]

DOMINIQUE V. Man muß immer wahr bleiben.

DELOMER. Was hast du aber dabey verloren?

DOMINIQUE V. Aber ihr werdet nun dabey verlieren.

DELOMER. Wahrscheinlich nicht. Davon hernach! Ohne diese unschuldige Lüge –

DOMINIQUE V. Eine Lüge ist nie unschuldig –

DELOMER. Ohne diese hätten wir hier zu Lande wenig gegolten.

DOMINIQUE V. Euer blankes Gold hätte überall gegolten.

DELOMER. So bald der Wunsch, eine unmittelbare Herrschaft zu besitzen, mein Ziel geworden war – änderten sich alle bisherigen Gesichts, punkte.

DOMINIQUE V. Weiter!

DELOMER. Ich habe mir es in der Welt sauer werden lassen.

DOMINIQUE V. Sie haben wacker gearbeitet, das müssen Ihre Feinde Ihnen nachsagen.

DELOMER. In der bisherigen Laufbahn bringe ich es nicht weiter. Nach dem Höheren streben wir alle.

DOMINIQUE V. Nach dem Besseren –

DELOMER. Nach dem Besten![78]

DOMINIQUE V. Das Höchste ist nicht das Beste.

DELOMER. Jedes Alten hat seine Leidenschaft. Wäre eine Art Glanz meine Schwäche, so drücke ich doch Niemand damit. Meine Kinder zu erheben, das ist mein väterlicher Wunsch.

DOMINIQUE V. Zu dem Ende?

DELOMER. – Vater Dominique, sey freundlich und nicht strenge!

DOMINIQUE V. schlägt ihm freundlich auf die Schulter. Weiter, lieber Bruder Delomer!

DELOMER. Zu dem Ende habe ich dem Grafen Warbing, der sehr verschuldet ist, eine Herrschaft abgekauft, mit dem Rechte über Leben und Tod. Diese erbt aus unsre Kinder.

DOMINIQUE V. Wenn unsre Kinder Gold haben für fremde Noth – klares Brot und ein gesundes verdientes Glas Wein aus ihrem Tische – so danke ich Gott dafür. Das Recht über Leben und Tod – macht Kopfschmerzen. Was sollen sie damit?

DELOMER. Mein Freund, dieß Recht in unsers Sohnes Hand –

DOMINIQUE V. Ach! Er soll es vor dem Gesetzbuche niederlegen und in andre Hände geben, dann schläft er ruhiger.

DELOMER. Um den Besitz dieser Herrschaft mit Anstand zu führen, und künftige Verbindungen[79] den Nachkommen zu erleichtern, habe ich ihn in den Adelstand erheben lassen.

DOMINIQUE V. Aber warum das? Wäre das Geld an Leute auf euern Gütern ausgeliehen worden, so wären viele Einwohner dem Wucher entrissen. Die Quittungen der Leute hätten freylich nicht so stattlich ausgesehen, wie der Adelsbrief; aber statt des großen Siegels, was unter jenem leuchtet – wäre wohl auf die Schuldbriefe der Unterthanen hie und da eine dankbare Thräne gefallen; die spräche dann zum Herzen nicht, als das große Siegel.

DELOMER. Ich habe bey dieser Sache an dich gedacht. Der Adel ist auch mit auf dich ausgedehnt worden.

DOMINIQUE V. Auf mich? Ich weiß nichts damit zu machen.

DELOMER. Zum Gedächtniß unserer Rettung enthält Das Wappen in dem einen blauen Felde ein Faß, und im andern gelben Felde ein Rad.

DOMINIQUE V. Wohl gedacht! Aber die Urenkel schämen sich des Dinges –

DELOMER. Nimmermehr! Das Adelsdiplom ist unserm Sohne ausgehändigt –

DOMINIQUE V. So höre ich.

DELOMER. Die Herrschaft ist bezahlt –

DOMINIQUE V. Das ist das Beste –[80]

DELOMER. Und unserm Sohne als Geburtstagsgeschenk übertragen.

DOMINIQUE V. Das Geschenk ist schwer.

DELOMER. Doch vollwichtig.

DOMINIQUE V. Ich sage – überwichtig.

DELOMER. Nun haben wir noch eine Hauptbedingung zu erfüllen.

DOMINIQUE V. Den ehrlichen Namen abzulegen?

DELOMER. Nein.

DOMINIQUE V. Oder gar –

DELOMER. Der Graf hat eine Tochter; ein schönes liebenswürdiges Mädchen von dreyzehn Jahren.

DOMINIQUE V. lacht. Und die wollen Sie heirathen?

DELOMER. Diese soll mit unserm Großsohne verlobt werden.

DOMINIQUE V. Was ist das?

DELOMER. Sie ist freylich älter –

DOMINIQUE V. Mein Großsohn ist jetzt sechs Jahre alt –

DELOMER. Man schließt die Verbindung in seinem siebzehnten Jahre.

DOMINIQUE V. Dann ist sie vier und zwanzig Jahre alt.[81]

DELOMER. Höre mich nur an! – Die junge Gräfin ist die letzte ihres Hauses –

DOMINIQUE V. Warum soll mein Großsohn der letzte seines Hauses bleiben?

DELOMER. Er erbt alle Güter –

DOMINIQUE V. Wird verkauft.

DELOMER. Führt den Namen Dominique von Warbing.

DOMINIQUE V. Ehe er weiß, was Glück oder Unglück ist.

DELOMER. Dazu habe ich mich anheischig gemacht.

DOMINIQUE V. Und das giebt mein Sohn zu?

DELOMER. Die Kinder wissen es noch nicht. Aber –

DOMINIQUE V. Gott sey gelobt! Sie wälzen mir ein Gebirge von der Brust. – Daraus wird nichts.

DELOMER. Durch Zureden –

DOMINIQUE V. Und das wollten Sie?

DELOMER. Durch Ueberraschung. – Ihr Sohn ist zum offenbaren Widerstande zu gutmüthig. Er wird sich sträuben –

DOMINIQUE V. Das hoffe ich zu Gott.

DELOMER. Er wird sich Anfangs betrüben –[82]

DOMINIQUE V. Er soll froh bleiben, und Nein sagen.

DELOMER. Aber zuletzt meine väterliche Absicht und sein Glück erkennen. Dominique! Es ist die Krone auf meine väterlichen Wünsche.

DOMINIQUE V. Nein! Es ist ein Seelenverkauf, und darf nicht seyn.

DELOMER. Aber das Glück –

DOMINIQUE V. Um des Unglücks willen – weg mit dem Glück! – Das arme verhandelte Kind, da springt es in seiner glücklichen Unwissenheit herum, – und Sie haben den armen Wurm schon an die goldne Kette vermäkelt!

DELOMER. Ey, ich weis doch wahrlich auch, was Vaterpflicht ist –

DOMINIQUE V. Sie wissen es; aber Sie empfinden es nicht immer.

DELOMER. Wie?

DOMINIQUE V. Das haben Sie mir damals bewiesen, als Sie Ihre Tochter in ein Kloster sperren wollten, weil sie keine standesmäßige Mitgift hatte.

DELOMER. Damals, mein lieber Freund –

DOMINIQUE V. Damals habe ich Ihnen auch die Wahrheit gesagt. Wissen Sie noch? – Nein, aus dieser Heirath darf nichts werden.

DELOMER. Aber ich habe mein Wort gegeben.[83]

DOMINIQUE V. Das war ein harter Fehler.

DELOMER. Es ist ein geschlossener Handel.

DOMINIQUE V. Handel? Ein Großsohn ist doch kein Sack mit Kaffee. Sie müssen den Handel aufsagen.

DELOMER. Das kann ich nicht.

DOMINIQUE V. Haben Vater und Mutter denn keine Rechte? und glauben Sie, die Stimme der Natur mit Brillanten und Festivitäten zu betäuben? Nun, Gott sey tausendmal gelobt, daß ich mich auf den Weg gemacht habe!

DELOMER. Ich will Gott herzlich dafür danken; nur steh mir jetzt bey, daß ich –

DOMINIQUE V. Ja, ja! Ich will Ihnen gegen Sie selbst beystehen, und das treulich!

DELOMER. Wie?

DOMINIQUE V. Und damit Sie alles selbst gut machen, und bey den Kindern nichts verlieren, so müssen die kein Wort davon erfahren. Bey Leib und Leben nicht! Ich gebe Ihnen meine Hand darauf, ich sage kein Wort von diesem häßlichen Handel.

DELOMER. Ich bin schon zu weit gegangen.

DOMINIQUE V. Ja wohl! Viel zu weit.

DELOMER. Ich kann nicht mehr zurück.

DOMINIQUE V. Ey ja doch! Fassen Sie meine Hand! – Courage! Ich ziehe Sie zurück.[84]

DELOMER. Die gräfliche Familie –

DOMINIQUE V. Ach! diese gräflichen Personen mögen wenig Väterliches in der Brust haben. Lassen Sie mich mit ihnen reden.

DELOMER. Durchaus nicht! Unter keiner Bedingung! Das verbitte ich durchaus, durchaus.

DOMINIQUE V. Nun – so thue ich es nicht.

DELOMER. Unterdeß soll nichts ohne Ihr Vorwissen geschehen.

DOMINIQUE V. Das erkenne ich dankbar.

DELOMER. Nur – nach allem, was ich Ihnen gesagt habe, lassen Sie sich es gefallen, nicht alles, was ich mühsam gebauet habe, niederzureißen. Schonen Sie meiner Verlegenheit! – Und wenn Sie auch nichts bestätigen wollen, stellen Sie mich nicht durch Wiederruf bloß. – Wenigstens im Aeußern entsprechen Sie meiner Angabe.

DOMINIQUE V. Wodurch? Wie kann ich das?

DELOMER. Wenn Sie aus Liebe für mich – einen andern Anzug –

DOMINIQUE V. Das kann ich nicht. Der Rock ist mein Ehrenkleid. In einem andern bin ich fremd.[85]

DELOMER. Bey der Benennung: Herr von Dominique, bleibt es mit Recht; denn Sie sind geadelt. Dabey ist nun keine Unwahrheit mehr.

DOMINIQUE V. Aber Auf das Herz deutend. hier ist die Unwahrheit bekannt, und hier Auf das Gesicht deutend. ist sie zu lesen.

DELOMER. So lassen Sie sich nur so nennen! Das können Sie doch, wenn ich Sie darum bitte.

DOMINIQUE V. Sie mögen mich Herr von Dominique nennen, wenn ich nur das Lachen lassen kann. Nennt mich aber Jemand gnädiger Herr, – so werde ich böse.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Das Erbtheil des Vaters. Leipzig 1802, S. 76-86.
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