Erster Auftritt

[77] OBERFÖRSTER. Nun – uns wohl! Niemand übel!

OBERFÖRSTERIN zum Burschen, der eben einen Teller mit Äpfeln etwas zu hoch an ihrem Kopfe vorbei aufträgt. Gemach, guter Freund – gemach! Wie oft soll man Euch das noch sagen? Nun, gafft mich nicht an! Weiter – wie ich gesagt habe – Ihr wißt schon. Was ist das? – Warum bringt Ihr denn die Äpfel schon? Die sollten ja hernach erst kommen und dort hingestellt werden. Im Hinausgehen. Das ist ein Kreuz und ein Elend mit den Leuten! Ab.

AMTMANN. Wir verursachen der Frau Oberförsterin gar zu viel Mühe –

PASTOR. Gewiß nicht. Sie hat ihre Freude daran, pünktlich und für ihre Gäste besorgt zu sein.

OBERFÖRSTER lächelnd. Wenn nur nicht etwa eine Birn anders liegt, als sie sie gelegt hat; denn sonst kriegen wir sie, mitsamt den Birnen, vor einer Stunde nicht wieder zu sehen.

SCHULZ. Ein herrliches, schönes Obst hat es gegeben vorigen Herbst! Auf dem Amthofe haben Sie auch viel Obst gehabt – nicht wahr, Mamsell?

KORDELCHEN ohne ihn zu bemerken. Papa, schicken Sie mir Ihre Dose, ich habe meine vergessen.


Er nimmt sie dem Amtmann ab und übergibt sie Kordelchen.


OBERFÖRSTERIN mit den Birnen. Dummes, einfältiges Zeug! Ja wenn man nicht die Augen überall selbst hat, so – –[77]

OBERFÖRSTER. Nun was gibt's?

OBERFÖRSTERIN ihm halblaut ins Ohr. Da komme ich herunter, so hat der große Kerl die schöne Torte in den Sand geworfen –

OBERFÖRSTER. Sonst nichts?

OBERFÖRSTERIN. Nun, ich denke doch –

OBERFÖRSTER. So setz dich und laß es gut sein.

OBERFÖRSTERIN. Der Herr Amtmann und Mamsell werden doch ja nicht ungehalten – Auf den leeren Platz hier – hat meine Torte kommen sollen – aber – aber –

OBERFÖRSTER. Die Torte ist verunglückt.

OBERFÖRSTERIN. Verunglückt? Empfindlich. Aber, liebes Kind! durch mich nicht; denn fertig war sie. Aber –

OBERFÖRSTER zur Gesellschaft. Der Kerl hat sie die Treppe herunterfallen lassen. So – nun ist dein Gewissen befreiet.

OBERFÖRSTERIN. Sie könnten etwa denken, daß – –

OBERFÖRSTER. Du nicht die beste Köchin im Lande wärest – Ja, das Wäre freilich ein Unglück!

OBERFÖRSTERIN. Der Herr Amtmann essen auch gar nicht –

AMTMANN. O ich habe mit großem Appetit gegessen.

KORDELCHEN. Es ist alles recht deliziös.

AMTMANN. Scharmant, wahrhaftig.

KORDELCHEN. Frau Oberförsterin haben sehr guten Geschmack, eine Tafel zu arrangieren.

OBERFÖRSTERIN. Ich bitte –

AMTMANN. So ein herrlicher Tisch und die angenehme Gesellschaft –

OBERFÖRSTERIN. Mein werter Herr Amtmann – essen Sie doch noch etwas Kuchen – ich bitte!

AMTMANN. Bin nicht imstande.

OBERFÖRSTERIN. Ei, nur etwas noch – ich bitte recht sehr.

AMTMANN. Ganz unmöglich, liebe Frau –

OBERFÖRSTERIN steht auf und hebt den Teller nach ihm hin. Nur die Hälfte – ich bitte.

AMTMANN. Alles dergleichen ist mir zu schwer.

OBERFÖRSTERIN. Zu schwer? Erlauben Sie mir, hochgeehrtester[78] Herr Amtmann, der Kuchen ist sehr gut aufgegangen – dafür stehe ich. – Ohne mich zu rühmen, aber gut ist er, besonders gut – und leicht: Sehen Sie, man könnte ihn wegblasen – er schmilzt auf der Zunge. Nun, ich bitte –

OBERFÖRSTER. Ei, so nötige du und –

OBERFÖRSTERIN. Nun, ich sage kein Wort mehr. Setzt sich.

OBERFÖRSTER. Essen Sie sich doch ihrer Kochkunst zu Ehren ein Fieber.

AMTMANN. Hahaha.

KORDELCHEN. Hahaha.

SCHULZ. Gutes weißes Mehl haben die Frau Oberförstern, das muß wahr sein!

AMTMANN sieht über die Tafel hin.

OBERFÖRSTERIN. Befehlen der Herr Amtmann – –

AMTMANN etwas nieder, die Hand über die Äugen. Ist das Glace, was –

OBERFÖRSTERIN. Glas? – Glasscherben? Glas im Essen? Ei um Gottes willen! Einen andern Teller.

AMTMANN langsam. Nicht doch!

OBERFÖRSTERIN. Peter! He, Peter, einen andern Teller! Peter kömmt. Einen andern Teller für den Herrn Amtmann. Peter gibt ihn.

KORDELCHEN lacht. Sie mißver – –

OBERFÖRSTER. Tausend Element! Da ist nichts zu lachen! Von Glasscherben kann man des Todes sein auf der Stelle.

AMTMANN. Nein, ich frage, ob das dort vor dem Schulzen Glace ist?

SCHULZ hält das Glas gegen das Licht und klopft mit dem Messer daran. Meines ist ganz.

AMTMANN. Ob das Gefrornes ist, was dort vor Ihm steht?

SCHULZ. Zu dienen untertänig, das ist Käse.

AMTMANN. So – Käse –

SCHULZ. Ist gefällig? Steht auf und will präsentieren.

AMTMANN. Nein. Stell Er nur wieder hin. Setze Er sich, Schulz, Käse esse ich nicht.

KORDELCHEN. Ich kann ihn gar nicht leiden, ich bitte, schicken Sie ihn fort.[79]

OBERFÖRSTERIN. Peter, nehmt weg.

OBERFÖRSTER. Nun, munter Riekchen! Munter! Du bist ja ganz stumm –

FRIEDRIKE. Nicht doch, lieber Vater – ich bin recht munter.

OBERFÖRSTER. Nun ja, das sieht man.

OBERFÖRSTERIN. Er wird schon wiederkommen.

FRIEDRIKE. Wo er nur sein mag!

OBERFÖRSTER. Wer? – Anton?

FRIEDRIKE. Ja.

KORDELCHEN. Apropos – darauf wäre ich denn doch auch neugierig.

OBERFÖRSTER. Hm – wo wird er sein –

PASTOR. Sie wissen es also?

OBERFÖRSTER. Ich weiß es nicht, aber das läßt sich raten.

KORDELCHEN. Nun?

OBERFÖRSTER. Vormittags ist ihm etwas im Kopfe herumgegangen, darüber lief er fort – und nun – wird er seinen Zorn an einem Stück Wildpret auslassen.

OBERFÖRSTERIN. Ja, ja.

OBERFÖRSTER. Mag austoben. Ich will ihn schon wieder zurechtbringen, wenn er nach Hause kömmt. – Nun, Riekchen – ohne Sorgen. Es war so böse nicht gemeint. Wunderliches Ding! Ich bringe dir es zu auf seine Gesundheit.

SCHULZ. Ja, das trinke ich mit. Er soll leben und so brav und so alt werden wie sein guter Vater!

PASTOR. Das soll er!

AMTMANN. Dieses Prognostiken stelle ich ihm gleichfalls.

OBERFÖRSTER. Das gebe Gott: so erleben wir Freude!

FRIEDRIKE steht rasch auf und geht hinaus.

KORDELCHEN. Was fehlt der Jungfer?

OBERFÖRSTER. Hm – lassen Sie sie nur – sie ist ein braves Mädchen, aber gewaltig weich.

KORDELCHEN hämisch. Gewaltig! Ja, so scheint es.

OBERFÖRSTER. Gleich kommen ihr die Tränen in die Augen, wenn –

SCHULZ. Sie mag wohl auch eben keinen Haß auf ihn haben, auf Monsieur Anton – – Pause. Alle bezeichnen[80] ihre Verlegenheit, jeder nach seinem Interesse. Ich denke, die beiden sehen sich recht gern.

KORDELCHEN. Wenn's gefällig wäre – – Steht auf. Nach ihr alle andern.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Die Jäger. Stuttgart 1976, S. 77-81.
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