Vierter Auftritt

[83] Amtmann. Oberförster.


OBERFÖRSTER. Nun, Herr Amtmann, jetzt sind wir allein. Sie wollten mir ja nach Tisch etwas anvertrauen –

AMTMANN. Das wollte ich. Allein dem Anschein nach ist meine gute Meinung überflüssig. – – Die Frau Oberförsterin hat eine gewisse Idee gehabt, und nach Zuredung von meiner Seite hat meine Frau es sich gefallen lassen wollen, daß Ihr Anton meine Tochter heiratet.

OBERFÖRSTER. Wenn Ihnen das Zureden sauer geworden ist, so tut mir es leid; denn aus der Heirat kann nichts werden, weil mein Sohn Friedriken zur Frau nehmen wird.

AMTMANN. So? Also hat meine Tochter recht gesehen? Die Frau Oberförstern dachte vermutlich –

OBERFÖRSTER. Links und ihr Sohn rechts.

AMTMANN. Hm! Was so ein junger Mensch will oder nicht, darauf kömmt es nicht allemal an.

OBERFÖRSTER. Aber hierbei denn doch wahrlich! Wenn er heiraten soll, so muß er, beim Blitz, doch dabei sein!

AMTMANN. Wenn die Väter über die Zahl einig sind, welche den drei Nullen vorgesetzt werden soll, so gibt sich das übrige von selbst. Ich hätte ihm gewiß in Ansehung seines Dienstes ansehnliche Verbesserung verschafft, und –

OBERFÖRSTER. Wenn Sie meinen Sohn glücklich machen können, so werden Sie es, auch wenn er Ihre Tochter nicht heiratet.

AMTMANN. Ja, o ja. – Nur –

OBERFÖRSTER. Dem Geschickten steht der Ungeschicktere nach. Das versteht sich. Zu leben hat mein Sohn. Um Reichtum habe ich Gott noch nie gebeten. – Indes – Er nimmt ein Glas. Gutes Wohlsein! Trinkt.

AMTMANN kalt. Höflichen Dank.

OBERFÖRSTER. Apropos – Bei den Diäten haben Sie mir fünfzig Taler zuviel geschickt. Ihr Schreiber hat sie zurückbekommen.[83]

AMTMANN mit viel Aufhebens. Das muß ein Irrtum von dem Menschen gewesen sein, denn ich – –

OBERFÖRSTER. Freilich ein Irrtum. Das sagte ich gleich –

AMTMANN. Daß Sie nicht denken, als –

OBERFÖRSTER. Ich schickte es fort, ehe ich darüber dachte.

AMTMANN. Die Gedanken sind oft mancherlei – man lästert mich immer – Sie könnten glauben – als ob ich Sie – als ob ich den Weg der Erkaufung –

OBERFÖRSTER. Bewahre! Etwas kaufen zu wollen, das keinen Preis hat, dazu sind Sie zu vernünftig, und zu sparsam, um fünfzig Taler wegzuwerfen.

AMTMANN. O ich habe so viele Feinde, nicht einen Freund, der es redlich mit mir meinte –

OBERFÖRSTER. Das ist Ihre eigne Schuld. Das macht – – Nun ein Glas! Es ist ein reiner Wein, ein guter Wein, macht fröhlich und öffnet das Herz. Mir ist so zu Sinne. – Ist Ihnen auch so – so sprechen wir jetzt wohl ein Wort mehr als sonst!

AMTMANN. Ja – wieso?

OBERFÖRSTER. Sehen Sie – was wir einer von dem andern halten, wissen wir. Aber wes das Herz voll ist – Sie kennen das Sprichwort – nun, und ein Glas Wein löset die Zunge. Allein sind wir jetzt – sagen Sie, was Sie gegen mich auf dem Herzen haben; ich will's auch so machen. Wer weiß? Kommen wir nicht näher zusammen! Die Geschäfte gehen denn doch besser, wenn wir einig sind, und das sind wir dem Fürsten und den Untertanen schuldig.

AMTMANN. Lieber Mann! Einigkeit ist ja mein täglicher Wunsch. Ich biete hiermit die erste Hand zur Freundschaft.

OBERFÖRSTER. Wollen Sie, wie ich will? – Hand in Hand! – Alte deutsche Treue!

AMTMANN schlägt ein. Und reziprokes Verständnis, amikable Behandlung.

OBERFÖRSTER. Ich hoffe ja, wir werden uns noch miteinander verstehen.

AMTMANN. Es ist Ihnen also Ernst darum?

OBERFÖRSTER. So denke ich.[84]

AMTMANN. Nun gut. Wenn Sie denn nur einigermaßen von Ihren Grillen abgehen, so sollen Sie einen dankbaren Mann an mir finden. Ich kann mich Ihnen also ohne Rückhalt anvertrauen?

OBERFÖRSTER. Völlig!

AMTMANN. Mein guter Freund! Luxus – Bedürfnisse aller Art sind gestiegen. Verdienst allein wird nachgrade eine magre Empfehlung zu einer Stelle.

OBERFÖRSTER. Leider!

AMTMANN. Bis man zu einem einträglichen Posten gelangt, kostet es Aufwand von aller Art. Will man fest im Sattel bleiben, so kostet es noch mehr. Das muß wieder herausgebracht werden. Mit den Herren in der Stadt ist das eine eigne Sache; wer nicht helfen kann, kann schaden. Die Helfer kosten weniger, sie kriegen von allen Ecken; daher fordern sie weniger. Aber die schaden können, die Müßiggänger, arme Teufel aus der Antichambre, die, sozusagen, vom Schadentun leben, die kosten mir schrecklich viel.

OBERFÖRSTER. So?

AMTMANN. Schrecklich viel. Denn wenn Seine Durchlaucht in langweiligen Stunden sich nach Neuigkeiten erkundigen, so kann mir ein einziges bedeutendes Lächeln von so einem Menschen viel schaden. Darum muß den Herren alles zu Gebote stehen. Spielpartie – Schlittenfahrt, Ball – Logis auf ganze Monate für Herren, Bediente, Jäger, Postzug und Hunde. Woher nehmen? Da langt die Besoldung wahrlich nicht zu.

OBERFÖRSTER. Das ist begreiflich.

AMTMANN. Die Ordnung der Natur hat den Bauer zum Lasttragen ausersehen. Rechte er darüber mit ihr. Genuß der Welt ist nur für die feinern Geschöpfe. – Ob eine Kreatur, die nichts bedarf als Essen und Schlaf, etwas mehr oder weniger trägt, ist gleichgültig, wenn nur dadurch denen geholfen wird, die Mangel oder Genuß fühlen. Mit Unrecht versagen Sie also Ihrer Familie Glücksgüter, welche Sie ihr erwerben könnten. Sein Sie in Zukunft weniger skrupulös, so soll von jedem Gewinn, wo das Forstwesen und das Amt zusammentreffen, die Hälfte[85] Ihre sein. Das ist hiermit so gut wie akkordiert. Dagegen bekomme ich, erforderlichenfalls, Ihr Zeugnis, wie ich es jedesmal vorschreibe.

OBERFÖRSTER. Daß dich alle Wetter! Den Teufel auf Ihren Kopf sollen Sie bekommen! Was unterstehen Sie sich? Mir das zu sagen – in meinem Hause? Mir?

AMTMANN. Nun, Herr Oberförster?

OBERFÖRSTER. Tausend Sapperment! In Ihrer Amtsstube, wo die heilige Gerechtigkeit blinde Kuh spielt, mögen Sie Ihren Bauern so rechts, links machen; aber wenn Sie einen alten, treuen Diener des Fürsten zum Schurken machen wollen, so soll Ihnen – Herr! Wenn Gastrecht nicht wäre, so lägen Sie jetzt Hals über Kopf auf der Treppe.

AMTMANN. Ich habe gesagt, was ich wolle; so waren wir ohne Zeugen, und solche Grobheit kann ich vergelten.

OBERFÖRSTER. Herr, ich halte mich nicht an Seine Papiere, sondern an Seine Person, habe noch feste Knochen, bekümmere mich nicht um das bedeutende Lächeln bei Seiner Durchlaucht, sondern gehe grade zum Fürsten und sage: Ich habe Ihrer Durchlaucht schlechten Amtmann geprügelt, weil er es verdiente. Rudolph! – He, Rudolph!

RUDOLPH. Herr Oberförster!

OBERFÖRSTER. Der Schulz soll heraufkommen.

AMTMANN. Mir so zu begegnen! Aber – Will gehen.

OBERFÖRSTER. Halt! – Wir haben von Dienstsachen zu reden. Sie wollen für tausend Taler Holz aus dem Gemeindewald hauen lassen?

AMTMANN. Ja.

OBERFÖRSTER. Das kann nicht sein, und soll nicht sein.

AMTMANN. Die Gemeinde hat Schulden, es muß sein.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Die Jäger. Stuttgart 1976, S. 83-86.
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