Achtzehnter Auftritt.

[182] Graf Bardenrode. Figaro.


BARDENRODE. Ah Baron –

FIGARO. Pst – nicht so.

BARDENRODE. Sie sind nun hier – Sie sehen nun selbst, was Sie bisher nur aus Erzählungen kannten. Was hoffen Sie für mich?

FIGARO. Alles!

BARDENRODE. Wahrlich? – Niemand erkennt Sie?

FIGARO. Die alte Baronin nimmt mich für den Sieur Caron de Beaumarchais selbst.

BARDENRODE. Ich könnte lachen, wenn ich nicht noch immer so viel fürchten müßte.

FIGARO. Wenn sie wüßte, daß ich der – sehr deutsche Baron – Forst bin; vergiften würde sie mich für das Freundschaftsstück meiner Verwandlung, daß ich Ihnen, lieber Graf, so herzlich dedicire.

BARDENRODE. Und was fordern Sie von mir? – Was habe ich jetzt zu thun?

FIGARO. Ich verlange von Ihnen nichts, als daß Sie meinem Plan nicht entgegen sind. Haben Sie gegen die Baronesse von Ihrer Liebe für das Fräulein mit vieler Lebhaftigkeit gesprochen?

BARDENRODE. Nein – Ich habe diese Saite nur berührt.

FIGARO. Bravissimo! – Die Baronesse, so viel ich[182] merke, rivalisirt mit einer Gräfin Altenhain, hier in der Nähe –

BARDENRODE. An Jahren, Rang, Geschmack für Frankreich –

FIGARO. Hat diese keine Nichte – Tochter? – Ist keine Seele um diese Dame, die der Bewerbung lohnte?

BARDENRODE. Die junge Gräfin ist ein liebes Mädchen.

FIGARO. So weiß ich auch, daß Sie um diese junge Gräfin sich bewerben.

BARDENRODE. Was? – Ich sollte –

FIGARO. Nur ruhig! – Dem Fräulein hier entdecken wir die List zuvor – Sie waren zu Paris? Von dieser Reise sind Sie entzückt? –

BARDENRODE. In mancher Rücksicht.

FIGARO. Sie sind dem König vorgestellt? –

BARDENRODE. Das heißt – ich bin – ich mit vielen andern – Sr. Majestät, indem Sie durch die Gallerie –

FIGARO. Ihr Haushofmeister wird dies in der Zeitung schon zu benennen wissen. Sie sind genau und brüderlich liirt mit den Ministern?

BARDENRODE. Durchaus nicht.

FIGARO. Nicht? – Nun gut! – so bitte ich Sie, es dennoch zu behaupten – mit kaum halb gelesenen Briefen der Prinzen vom Geblüte nachlässig umzugeh'n – die Namen eines halben Dutzend von Düchessen in das gleichgiltigste Gespräch anständig zu verwickeln. – Nun wird ein Kästchen an Sie kommen – ein Kästchen mit Moden, von Mamsell Bertin aus Paris –

BARDENRODE erstaunt. Und diese Moden?

FIGARO. Zu erfinden – zu besorgen – ist der Lohn,[183] den ich mir vorbehalte. – Diese Moden schicken Sie der Mutter, Gräfin Altenhain. Sie reden von der nächten Reise nach Paris – daß ohne Damen es Ihnen nicht gefalle, dort ein Haus zu halten.

BARDENRODE. Und das Ende davon?

FIGARO. Macht Ihre Heirath mit dem Fräulein.

BARDENRODE. Nicht möglich! – Nein! – Sollte die Baronesse durch eine solche Farce von plötzlicher Bekehrung –

FIGARO. Der Eifer der Gallomanie in Deutschland ist fanatisch. – Fanatiker sind immer blind.

BARDENRODE. Die Grafen? –

FIGARO. Fallen in Ihre Hand.

BARDENRODE. Nicht einen Schritt, der meiner Vettern Ehre –

FIGARO. Wir bessern sie inkognito.

BARDENRODE. Ja, könnten Sie in Ihrem Plan die Klagen, die Noth der armen Unterthanen auch umfassen!

FIGARO. Dem allen – wird abgeholfen.

BARDENRODE. In lauter Scherz und Lachen!

FIGARO. Abgeholfen. – Mit Ernst das Gute wollen, und es mit heiterm Sinn verbreiten – ist Wohltat. Heiterkeit der Seele ist Mutter großer Thaten.

BARDENRODE. Mein lieber, mein bester Freund – den der Himmel mir – –

FIGARO. Pst – pst – Gemach!

BARDENRODE. Ich muß Sie umarmen, lieber Baron, und Ihnen herzlich danken –

FIGARO. Figaro, Figaro! Kein andrer Name –

BARDENRODE. Die List ist meine Rettung, kann ich das jemals wohl verdanken?[184]

FIGARO. Sie fanden mich zu Paris, des Lebens müde – im Glück, mit einer schönen Frau des Lebens müde – abgeschliffen von Intrigue und fader Politik. Ich sah in Ihnen jede Tugend herzlicher Gefälligkeit sich mit den Künsten paaren – sah jedes Gute häuslicher Zufriedenheit, in allem Sturme unserer prächtigen Welt, mit Ihnen festen Schrittes wandeln – Ich warf mich ganz in Ihre Arme – Sie stimmten mich herab, um mich noch höher zu erheben – Sie lehrten mich, wie reich ich bin – durch Heiterkeit und durch mein Weib. Ich komme in mein Vaterland zurück, finde meinen Freund verwickelt, gequält von Vorurtheil und Bosheit. – Schnell erwacht der Gedanke, mit angenommenem Stempel ihm zu nützen. Es gelingt – Bin ich nicht glücklich, da das Schicksal Dankbarkeit mir möglich macht?

BARDENRODE drückt ihm die Hand. So handeln Sie. – Doch, was die Baronesse betrifft – sie kommt – so ist sie meiner Leopoldine Mutter. Geht ab.

FIGARO ihm nachsprechend. Wir lachen, bessern, helfen und genießen inkognito.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 4, Wien 1843, S. 182-185.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Figaro in Deutschland
Revolutionsdramen: Figaro in Deutschland. Die Kokarden. Das Erbtheil des Vaters.

Buchempfehlung

Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich

Deutsche Lieder aus der Schweiz

Deutsche Lieder aus der Schweiz

»In der jetzigen Zeit, nicht der Völkerwanderung nach Außen, sondern der Völkerregungen nach Innen, wo Welttheile einander bewegen und ein Land um das andre zum Vaterlande reift, wird auch der Dichter mit fortgezogen und wenigstens das Herz will mit schlagen helfen. Wahrlich! man kann nicht anders, und ich achte keinen Mann, der sich jetzo blos der Kunst zuwendet, ohne die Kunst selbst gegen die Zeit zu kehren.« schreibt Jean Paul in dem der Ausgabe vorangestellten Motto. Eines der rund einhundert Lieder, die Hoffmann von Fallersleben 1843 anonym herausgibt, wird zur deutschen Nationalhymne werden.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon