Charakteristik.

[125] Graf Hyazinth. Sechsundsechzig Jahre alt. Einst ein guter Tänzer und auf gewisse Weise galant. Davon sieht man die Reste in der Art seines Benehmens. Keinen Verstand, aber guten Ton; doch ist dieser etwas verjährt, also förmlich. Verlegen jemand anzureden, Feind von Erklärungen, Gewohnheitsmensch. Kennt von Deutschland nichts, als die Genealogien ebenbürtiger Häuser. Liebt Kabinetchen, Schränkchen, und überhaupt Quinquallerien. Nicht ohne gutes Herz, Schwärmer aus Kränklichkeit und langer Weile.

Graf Christoph. Im achtundfünfzigsten Jahre. In den ersten Dienstjahren, wahrscheinlich durch schlechte Gesellschaft, ruinirt. Hat den Militärton beibehalten, weil er ihn für regentenmäßig hält. Ist in feiner Welt genirt. Schnitzt Stöcke mit Vogelköpfen, geht auf den Birschgang. Nicht ohne natürlichen Verstand, läßt sich aber aus Gemächlichkeit leiten. Seine Reden poltert er heraus.

Graf Baptist. Fünfundfünfzig Jahre. Durchaus mißtrauisch, kalt, hinterhältig, höchst förmlich, fast einfältig. Liebt nichts. Zeitungen, Staatskalender und Chroniken liest er gern. Er ist platt hochmüthig.

Baronesse. Siebenundvierzig Jahre alt. Ton de l'ancienne cour. Spricht schnell, mit viel Minauderien und kleinen Pantomimen. Affektirt kurzen Odem und Nervenschwäche. Sie ist schmutzig geizig, herrschsüchtig, rachgierig, lebt und webt in Intrigue. Haßt Deutschland hämisch. Glaubt sich überall bemerkt und bekannt. Ohne alles Herz und Gefühl. Nicht ohne List.

[126] Leopoldine. Ein gutes Kind. Etwas empfindelnd. Achtzehn Jahre alt.

Graf Bardenrode. Achtundzwanzig Jahre. Ein edler, sanfter, gutmüthiger Mann. Hochherzig für Vaterland und Menschheit. Im Besitz feinen Welttons und leichten Anstandes.

Rath Greif. Vierzig Jahre. Ein gewandter Dieb, wenn er der Intrigue in seinem Gleise begegnen kann; paßt aber nicht leicht in andere Form. Hochmuth, Eifersucht auf Herrengunst, blinde Geldgierde. Spricht schnell, und hat Lackeiendemuth bei der Baronesse, Ministerton bei den Grafen.

Inspektor Willner. Sechsundvierzig Jahre. Biedersinn und Offenheit. Verlegen bei den Vornehmen.

Figaro. Vierunddreißig Jahre. Ueberall zu Hause.

Haushofmeister Stock. Sechzig Jahre. Deutlich, langsam, aufpassend und aufschnappend. Das Parket gewohnt. Pflegt sich umzusehen, ob jemand zuhöre. Umständlich und leer.

Friedrich. Achtundvierzig Jahre vorbei. Ein gesetzter Hausbedienter.

Ludwig. Achtundzwanzig Jahre. Aus der Stadt hieher verschlagen, nett, listig und galant.

Jakob. Zwanzig Jahre. Nicht lange erst vom Lande genommen, steif, doch munter und gutmüthig.

Die Grafen müssen im Spiel nicht überladen werden. Sie wissen's nicht anders, und thun in vollem Ernst, was sie thun. Eben so die Baronesse.


Vorschläge zum Kostüme.

[127] Graf Hyazinth. Seidener Frack, von hoher Farbe, mit leichter Stickerei, etwas weit und hängend. Schwere Weste, schwarze Beinkleider, weiße Strümpfe, moderne Schnallen. Orden und Stern, reichliche Spitzenmanschetten, Ministerialfrisur. Chapeaubas.

Graf Christoph. Kavallerieuniform. Stiefel, Stiefelmanschetten, wenig Haar, langer Zopf. Hut und Stock.

Graf Baptist. Ganzes Kleid, schwer gestickt. Kleine goldene Schnallen. Haarbeutelperücke. Chapeaubas und Degen.

Baronesse. Weiße Chemise, weißer Morgenmantel, mit vielen gelben Spitzen. Ein nicht weißes Tuch, hoch unter das Kinn gepufft. Spazirstock von Schilfrohr mit Porzellanknopf, halbe Frisur, oder auch ganze, ungepudert. Vom dritten Akte an grande parure.

Leopoldine. Leichtes Modekleid.

Graf Bardenrode. Frack von Drap naturel, modernes Gillet, runder Hut und Stock. Im dritten Akte seidenes Kleid ohne Stickerei, reiche Weste, Chapeaubas und Degen.

Rath Greif. Ordinärer Tuchrock, genähte Weste. Kleine ängstliche Frisur. Im dritten Akte bordirtes Kleid von schlechtem Geschmack.

Inspektor Willner. Braunes Kleid, schwarze Weste und Beinkleid. Bescheidene runde Locke von eigenem Haar.

Figaro. Schwarzer Frack mit Stahlknöpfen. Elegantes Gillet, blaue Beinkleider, Haarbeutel. Im dritten Akte das spanische Figarokleid, doch das Haar mit Chignon, ohne Netz.

[128] Haushofmeister Stock. Grauer Rock, hellrothe Tuchweste mit Gold. Haarbeutelperücke. Rauhlederne Schuhe, kleine Schnallen, gefaltete Manschetten. Schwarze Soubise.

Friedrich. Die Frisur altmodig, lange Manschetten, Mittelschnallen.

Ludwig. Vom ersten Ton, in Schnallen, Wäsche und Frisur.

Jakob. Genau nach Herrn Stock's Schloßreglement.

Laufer. Grauer kleiner Zopf, feste Buckeln, Steifrock.

Der alte Bauer. Rock und Hut.

Die Bauern. Aermlich, doch nicht bettelhaft.


Dekoration und Ameublement.

Ein großer Saal mit Mittelthüre und zwei Seitenthüren. Im alt-prächtigen Geschmack, etwa eine Gallerie der Ahnen. Ueber der Thüre das gräfliche Wapen.

Stühle, Kanapee und Tisch mit Tressen und Franzen besetzt, die Gestelle reich vergoldet.

Von den Angaben der Kostüme und der Dekoration gilt, daß alles nach Möglichkeit der Bühnen gemacht werde. Ich habe nur meine Idee sagen wollen. Uebrigens bin ich überzeugt, keine Gesellschaft werde es an Nettigkeit und gutem Ton mangeln lassen.[129]


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 4, Wien 1843, S. 125-130.
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