Achter Auftritt.

[22] Madame Ruhberg. Ruhberg Vater.


MADAME RUHBERG. Sie sind doch wohl?

RUHBERG VATER steht auf. O ja.

MADAME RUHBERG. Sie vermeiden es mich anzusehen.

RUHBERG VATER. Nicht doch. Sieht sie freundlich an.

MADAME RUHBERG. Sie haben geweint –

RUHBERG VATER fast. Die Zeit des Lächelns ist vorüber!

MADAME RUHBERG. Seit einiger Zeit sind Sie besonders unruhig und schwermütig; das bekümmert mich!

RUHBERG VATER. Das weiß ich. Ich danke Ihnen dafür. Auf der Bekümmerniß, welche Ihre Liebe mir widmet, beruhet alle meine Hoffnung!

MADAME RUHBERG. Gott mache mich so glücklich, daß die Erfüllung einer Hoffnung, welche Sie beseelt, bei mir stehen kann!

RUHBERG VATER. Ja, Madame, meiner Hoffnungen Erfüllung steht ganz bei Ihnen! Nun bitte ich um Ihre ganze Aufmerksamkeit für das, was ich Ihnen zu sagen habe. Sie haben bei unserer Verheirathung mir ein ansehnliches Vermögen zugebracht.

MADAME RUHBERG. Ach!

RUHBERG VATER. So wie ich sahe, daß der Hang zum großen Leben bei Ihnen sich nicht verlor, so habe ich dies Vermögen genau nur für Ihre Bedürfnisse und Plane verwendet. Sie haben bis jetzt Ihrer Geburt gemäß gelebt. – So lange ich Ihnen dabei sparen konnte – that ich es redlich – aber es war vergebens. Ich habe die pünktlichste Rechnung über Ihr Vermögen geführt. – Liebe Frau, dies Vermögen? es ist ganz dahin![23]

MADAME RUHBERG. Dahin?

RUHBERG VATER. Hier Er gibt ihr die Rechnungen. ist die Rechtfertigung meiner Verwaltung. Die Belege wird man Ihnen diesen Nachmittag übergeben.

MADAME RUHBERG Pause. Sie kränken mich empfindlich! – Mir Rechnung abzulegen? Sie mir? Edel. Wenn ich unglücklich bin, verdiene ich auch noch Spott?

RUHBERG VATER. Sie verkennen mich. Beweisen mußte ich Ihnen, daß ich Ihr Herz suchte, nicht Ihr Vermögen, nicht die Pracht Ihres Ranges; daß in meinen Nutzen nichts davon verwendet worden, selbst nicht einmal für die anständige Erziehung meiner Kinder. – Nun bleibt uns nichts, meine Liebe, als mein Gehalt. Sie sehen, es ist un möglich, ferner ein Haus zu machen. Die nöthigen Einschränkungen sehen Sie selbst. – Es wird Sie nicht kränken, wenn ich Ihnen sage, daß Sie von meiner Seite gemacht sind.

MADAME RUHBERG. Schon gemacht? – Schon? – Freilich wohl – es muß sein! – Aber es ist hart!

RUHBERG VATER. Nur wenige kehren von Irrthümern mit guter Art zurück! und von der Art Ihrer Rückkehr hängt meine Ruhe, mein Leben ab. Was Louisen betrifft, so hat sich eine anständige Partie gefunden. Der junge Ahlden. – Was sagen Sie dazu?

MADAME RUHBERG. Hm –

RUHBERG VATER. Wie?

MADAME RUHBERG. Es ist eine kleine Partie.

RUHBERG VATER. Sie sind also nicht dafür?

MADAME RUHBERG. Stand, Erziehung und unsere Verbindungen, berechtigen Louisen auf ein glänzendes Glück noch Rechnung zu machen.[24]

RUHBERG VATER Ausdruck einiges Unwillens.

MADAME RUHBERG. Geschweige, daß ein solches Wegwerfen – schlechterdings den Aussichten ihres Bruders im Wege wäre.

RUHBERG VATER. Ihr Bruder muß thörichten Träumen entsagen, ein bürgerliches stilles Leben anfangen, und nach unsern jetzigen Glücksumständen sich genau richten. Entweder fordert er heut von dem Fräulein Erklärung, oder er hört auf, dieses Haus zu besuchen, und mit der Schimäre der projektirten Heirath sein Glück zu verscherzen.

MADAME RUHBERG. Wie? Im Begriff, das glänzendste Glück zu machen – soll er ihm entsagen? Wollen Sie mich öffentlich dem Hohngelächter aussetzen. – Die Närrin! Sie hat ihre Plane nicht ausführen können, nun muß sie doch zu uns herunter. – So würde es heißen. Selbst die Summen, welche verwendet worden sind, erfordern, daß wir diesen Plan durchsetzen. – Ich willige in alles – gehe jede Einschränkung ein. Ich versage mir alles – alles! – Nur bis Morgen lassen Sie mich gewähren. Ist dann nicht zu Ihrer Zufriedenheit gehandelt, so unterwerfe ich mich gerne Ihren Anordnungen.

RUHBERG VATER. Es sei so. Aber nicht länger, denn –

MADAME RUHBERG. O wenn dies nicht noch gewonnen würde, so wäre alles verloren!

RUHBERG VATER. Wir werden dies verlieren.

MADAME RUHBERG. Mein Gott! –

RUHBERG VATER. Und es wird mir lieb sein, daß es verloren ist.

MADAME RUHBERG. Lieb? Wenn Ihr Sohn ein Glück verliert – das –

RUHBERG VATER. Ich werde Gott mit Vaterfreude danken,[25] daß ein guter, fähiger Jüngling aus der Gesellschaft spielender Müßiggänger in das Leben des thätigen Bürgers zurück geführt wird, wozu er bestimmt war.

MADAME RUHBERG. Sie sind blind gegen die Verdienste dieser Leute eingenommen – Sie –

RUHBERG VATER. Verdienste? – Es sind Spieler von Profession.

MADAME RUHBERG. Aber das Fräulein –

RUHBERG VATER. Kam mit Reichthümern von Danzig hieher; und wenn sie – Lassen Sie uns abbrechen –

MADAME RUHBERG. Aber –

RUHBERG VATER. Ich bitte – ich fühle, daß ich nicht gelassen bleiben würde.

MADAME RUHBERG. Sie wollen Sich nicht überzeugen, daß eben diese Leute das Glück Ihres Lieblings machen werden, daß das Fräulein –

RUHBERG VATER. Sich die Anbetung eines schönen, bedeutenden jungen Mannes gefallen läßt, ihm verstattet, die Gesellschaft angenehm zu unterhalten – und ihn nun, nachdem er für dies Gnade sein Haus ruinirt hat, trocken, fade, – bürgerlich finden, – und fortschicken wird.

MADAME RUHBERG. Wie hart beurtheilen Sie Leute, welche mit der feinsten Welt –

RUHBERG VATER. Weniger Welt und mehr Ehrlichkeit wäre besser!

MADAME RUHBERG. Sie werden bitter.

RUHBERG VATER. Madame – ich habe diese feinen Leute, diese Leute von Welt kennen lernen. Ich sahe kalt – während Sie im Rausche der großen Welt fortwallten. Ich sah – und zitterte für meinen Sohn.[26]

MADAME RUHBERG. Sein Herz bürgt mir für alles.

RUHBERG VATER. Sein Herz – vollendet sein Unglück! Zu heftig, um den Augenblick zu nützen, zu gut, um Tücke zu argwöhnen, gekränkt, betrogen, verachtet – und seiner doch bewußt – wird ihn sein Elend zum Weisen machen oder zum Bösewicht!

MADAME RUHBERG. Allein er ist doch gleichwohl jetzt in einer Gesellschaft von Menschen – –

RUHBERG VATER. Die freundliches Gesicht für jedermann, redliches Herz für niemand haben. Sie werden ihn lehren, die letzte widerstrebende Faser gutes Herzens durch arglistige Intrigue verschleifen. In dem Gräuel von Kabalen, schwarzer Verläumdung, falscher Devotion, Spiel und Wohlleben werden sie ihn, einfach häusliche Freuden, die Bande der Verwandtschaft, die heilige Treue von Sohn gegen Vater, von Mutter gegen Tochter, als Ueberbleibsel deutscher Pedanterie verachten lehren. – Verzeihen Sie – ich wollte nicht heftig sein – Aber diese Menschen machen mir Galle.

MADAME RUHBERG weint.

RUHBERG VATER. Sagen Sie Eduard, daß er heute auf einer bestimmten Erklärung des Fräuleins beharre. Ist es denn – nun so will ich mich in das Glück zu finden suchen. Ist es nicht? – so bin ich der glücklichste Vater.

MADAME RUHBERG. Verlassen Sie sich darauf – es wird alles gut gehen.

RUHBERG VATER. Nun – daß wir unsere gute Louise nicht vergessen.

MADAME RUHBERG. O gewiß nicht – das gute, liebe Mädchen – Sie sind es doch überzeugt, wie sehr sie mir am Herzen liegt.[27]

RUHBERG VATER. Sie sind eine gute Mutter – aber ich war ein schwacher Mann. Weniger Vorwurf trifft Sie. – Und so mögen wichtige Veränderungen den Tag bezeichnen; er sei deswegen nicht trübe. Ausführung besserer Ueberzeugung muß Heiterkeit geben. Also lassen Sie uns aus dieser feierlichen Stimmung in ruhiges Gespräch übergehen. Wir wollen nicht allein sein. Ich feierte heut so gern einen fröhlichen Abend. Der alte Ahlden hat ohnehin Kassenabnahme bei mir. – Louise liebt ernstlich: was meinen Sie? warum wollten wir ihr Glück verzögern?

MADAME RUHBERG. Aber warum auch die beiden wichtigsten Familienangelegenheiten so übereilen?

RUHBERG VATER. Wollen wir etwas verschieben, das nach aller Prüfung gut ist?

MADAME RUHBERG. Haben Sie es auch überlegt, daß diese Heirath mit einem alten rauhen stolzen Manne uns in Verwandtschaft bringt, mit einem Manne, mit dem niemand auskommt!

RUHBERG VATER. Wenn unsere Tochter nur glücklich wird. Lassen wir dem alten Mann seine Sitte – gehen ihm aus dem Wege – oder begegnen ihm – so gut wir können. Nun?

MADAME RUHBERG. Er ist ein braver junger Mann. Louise liebt ihn – wie Sie sagen – ja denn! Got segne Ihren Willen.

RUHBERG VATER. Ich freue nich Ihrer Einwilligung. Ich hoffe, wir sind der Glückseligkeit sehr nahe, welche Sie so lange vergeblich suchten. Reden Sie ernstlich mit Eduard. Mißtrauen Sie Ihrem Hang nach Größe; handeln Sie als Mutter. – Trauen Sie meiner Prophezeiung; Louisens stille, bürgerliche Haushaltung wird es sein, wo Sie Freuden des[28] einfachen Lebens kennen lernen werden – welche die große Welt nicht gewähren kann. Ab.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 2, Wien 1843, S. 22-29.
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