Eilfter Auftritt.

[44] Ruhberg Vater. Ruhberg Sohn. In der Folge Christian.


RUHBERG VATER. Die Unterredung mit deiner Mutter scheint lebhaft gewesen zu sein?

RUHBERG DER SOHN. Ja, lieber Vater!

RUHBERG VATER. Du hast geweint – Wären es Thränen der Erkenntniß – so würde ich dich segnen, und den Ausgang ruhig deinem Herzen überlassen.

RUHBERG DER SOHN. Thun Sie es, Sie sollen sich nicht getäuscht haben.[44]

RUHBERG VATER. Aber ich weiß, wo man dich eben jetzt wieder erwartet – und warum – Liebst du das Fräulein von Kanenstein?

RUHBERG DER SOHN. Ja!

RUHBERG VATER. Gut. – Es ist zu spät, zu untersuchen, ob dein Ehrgeiz, ihren Rang, ihr Vermögen – oder deine Liebe ihr Herz bedarf. Ich übergehe alle Einwendungen, die mich gegen diese Heirath einnehmen – Bedenke nur Eines!!

RUHBERG DER SOHN. Das ist –

RUHBERG VATER. Ich bin sehr glücklich verheirathet; deine Mutter hat mich nie fühlen lassen, daß sie von Adel ist; – und doch ist dir, mein Sohn, dein Vater jetzt im Wege, denn er ist ein Bürgerlicher.

RUHBERG DER SOHN. Glauben Sie, daß ich jeder guten Empfindung entsagt habe? Wollen Sie mich so grausam erniedrigen, daß –

RUHBERG VATER. Verweile einen Augenblick bei meiner Geschichte, und sieh, was dir bevorsteht. Das Vermögen deiner Mutter wollte ich ihrer Willkühr nicht verweigern, um ihr zu beweisen, daß ich bei unserer Verbindung darauf nicht sahe. Deine Anlagen sind vortrefflich, allein sie hätten sorgfältiger gepflegt, männlicher geleitet werden sollen. Als Knabe schon waren romantische Ideen deine liebsten. Von da gingst du zur Empfindelei über – dir ekelte vor der schalen Nahrung – du wurdest fleißig – deine Anlagen hatten sich entwickelt – du wurdest bedeutend – gelobt – du fühltest dich – dein Ehrgeiz entstand – stieg – wuchs ungeheuer, und ward durch die schwache Seite deiner Mutter auf einen Punkt gelenkt – Gott woll' es nie von mir fordern, daß ich dich dahin kommen ließ. Dein Vertrauen neigte sich vom Vater weg –[45] hin zu der Mutter, welche deine Einfälle befriedigte. Ich liebe deine Mutter, ich hätte dies alles nicht ändern können, ohne ihr das Herz zu zerreißen – du stehst jetzt auf einem Punkt, wofür ich zittere – heut – nachdem ich fünfundzwanzig Jahre glücklich mit einer vortrefflichen Frau gelebt habe – muß ich deinetwegen wünschen: – ich hätte sie nie gesehen.

RUHBERG DER SOHN. Lieber Vater, Sie schaffen sich schreckliche Folgen einer so glücklichen Heirath. Warum denken Sie mich nicht glücklich unter Leuten, die sich meines Glücks annehmen? Zwar Sie lieben den Adel nicht – Sie sind überhaupt gegen eine Verbindung verschiedener Stände eingenommen –

RUHBERG VATER. Ich halte Unterschied der Stände für Bedürfniß. Aber ich kann nicht leiden, daß man irgendwo sei, wo man nicht hingehört – am wenigsten daß man sich aufdringe, wo man ganz und gar nicht hingehört. Ich liebte deine Mutter ohne irgend eine Rücksicht – doch ist diese Heirath meiner Kinder Unglück. Wenn ich nun sehe, daß ein Bürgerlicher so viel Geringschätzung des freien Willens, so wenig Gefühl seiner eigenen Menschenwürde hat, daß er glaubt, der Abglanz einer fremden Würde – könne seinen Werth erhöhen: – so bedaure ich ihn – und wenn es mein Sohn ist, an dem ich dies sehe, so kränkt es mich.

RUHBERG DER SOHN. Wenn ich Sie doch überreden könnte, eine der Einladungen anzunehmen, Sie würden sehen –

RUHBERG VATER. Was du nicht siehst – was ich mir so gerne verbergen möchte – daß man dich verachtet.

RUHBERG DER SOHN. Wie –

RUHBERG VATER. Wie können sie anders. Was sollen sie von einem Manne denken, der in einer ansehnlichen Klasse mit[46] leichter Mühe der erste sein könnte, statt deß aber eine Familie zu Grunde richtet, um unter ihnen der letzte, der Sklav ihrer Meinungen, der Lastträger ihrer Launen zu sein. Dies alles hat mich diese letzten Jahre sehr beunruhiget – um so mehr, da ich es nicht ändern konnte, so lange das Vermögen deiner Mutter noch da war. Dieses ist nun – doch sie wird mit dir darüber gesprochen haben.

RUHBERG DER SOHN. Ja!

RUHBERG VATER. Auch wegen meines bestimmten Willens in Ansehung deiner.

RUHBERG DER SOHN. Auch deswegen.

RUHBERG VATER. Nun so gehe hin. Spiele nicht mehr. Was du jetzt noch verschwenden könntest – sind die wenigen ruhigen alten Tage deiner Eltern. Es wäre zu hart, wenn du eine Mutter noch Mangel leiden ließest. – Ich bitte dich, spiele nicht mehr. – Jetzt habe ich denn weiter nichts zu sagen. Geh jetzt hin, wo man dich erwartet. Er geht, nach einigen Schritten fällt ihm der Sohn um den Hals.

RUHBERG DER SOHN. Mein Vater –

RUHBERG VATER. Was hast du –

RUHBERG DER SOHN. Ich gehe nicht –

RUHBERG VATER. Wie –

RUHBERG DER SOHN. Ich bleibe hier –

RUHBERG VATER. Mein Sohn –

RUHBERG DER SOHN. Ich gehe nicht wieder hin – ich kann nicht – ich kann Sie nicht verlassen – sagen Sie mir, ob Sie mir verzeihen können? –

RUHBERG VATER. Alles!

RUHBERG DER SOHN. Ob Sie mich wieder lieben können?

RUHBERG VATER. Du willst nicht wieder hingehen?[47]

RUHBERG DER SOHN. Nein!

RUHBERG VATER. Nie wieder?? –

RUHBERG DER SOHN. – Nein! –

RUHBERG VATER nach einer Pause. Du warst von jeher rasch – schnell in Aufwallungen wie deine Mutter. – Du bist es wieder gewesen. Es wäre Mißbrauch, wenn ich dir ein Gelübde abdränge, das du nicht halten kannst.

RUHBERG DER SOHN. Wie?

RUHBERG VATER. Nein, mein Sohn, jetzt sage ich dir, – gehe hin. Christian kommt, macht eine Pantomime aus Ruhberg Sohn. Siehst du – jetzt mußt du hingehen. Wenn du aber zurück kommst – und bei kaltem Blute deine Rückkehr beschließest – dann mein Sohn – hast du etwas Großes gethan: – Du sollst dein Versprechen nicht gebrochen haben – Sieh, ich selbst Er führt ihn an die Thür der Gassenseite. führe dich hin.

RUHBERG DER SOHN. Mein Vater –

RUHBERG VATER reißt sich los, und geht auf der entgegengesetzten Seite ab.

Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 2, Wien 1843, S. 44-48.
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