Siebenter Auftritt.

[35] Voriger. Louise. In der Folge Christian.


LOUISE. Guten Morgen, Eduard.

RUHBERG DER SOHN. Guten Morgen, meine Liebe.

LOUISE. Du bist wieder diese Nacht nicht zu Hause gekommen?

RUHBERG DER SOHN leichthin. Sehr gegen meinen Vorsatz. In der That.

LOUISE gütig. Du bist ein arger Schwärmer.

RUHBERG DER SOHN. Angenehme Gesellschaft, ein interessantes Gespräch, und dazu das Nachtaufbleiben meine Schooßsünde – da thut man denn manchmal, was man den andern Tag bei sich selbst nicht verantworten kann.

LOUISE. Du hast doch nicht Verdruß gehabt?

RUHBERG DER SOHN. Wie kommst du auf die Frage?

LOUISE. Lieber Eduard – wie eine Schwester, die ihren Bruder herzlich liebt, auf die Frage kommt, wenn sie alle seine Züge entstellt findet.

RUHBERG DER SOHN. Gewöhnliche Folge der Nachtwache. –

LOUISE. Schone doch der väterlichen Sorgen, der mütterlichen Angst.

RUHBERG DER SOHN etwas getroffen. Louise![35]

LOUISE. Denk, wie sie die Nächte mit Schrecken auffahren, um dich und dein Schicksal weinen, während du in der großen Welt, ohne Freund, ohne Rath umherirrst! dein Herz, – unsern Stolz, hat die große Welt uns geraubt; wenn sie gar dich noch mit falscher Hoffnung tröge?

RUHBERG DER SOHN. Unmöglich, ich weiß –

LOUISE. Kann der Unterschied des Standes dir jemals eine Verbindung mit der Kanenstein gewähren –

RUHBERG DER SOHN. Sie liebt mich. Davon bin ich überzeugt.

LOUISE. Ueberzeugt?

RUHBERG DER SOHN. Ueberzeugt – durch – tausend Kleinigkeiten – die – redender noch sind als deutliche Worte selbst.

LOUISE. Man sagt laut – sie würde den Herrn von Dammdorf heirathen. Indeß – das müßte dir zuerst aufgefallen sein, wenn es wäre.

RUHBERG DER SOHN. Schwester, du kränkst mich, wenn du an ihrer Denkungsart zweifeln kannst. Sie ist das edelste Geschöpf – und nur eine Buhlerin kann mit der Hoffnung eines Mannes spielen.

LOUISE. Kann dich die Kanenstein ohne große Entsagung jemals besitzen?

RUHBERG DER SOHN. Das alles wird sich nächstens entscheiden.

LOUISE. Nächstens? nächstens sagst du? bald – jetzt! denn – unsere Kräfte können deinen Aufwand nicht mehr tragen.

RUHBERG DER SOHN. Wahr – wahr! –

LOUISE. Hättest du gestern deine Mutter mit dem Ausdruck des innigsten Schmerzens an dein Zimmer gehen, und von der verschlossenen Thür wehmüthig zurückkommen sehen –[36] hättest du bis Mitternacht sie fragen hören: »Ist Eduard noch nicht da?« – es stünde vielleicht anders um uns.

RUHBERG DER SOHN. Denkst du, ich ringe nach Glück allein für mich? O nicht für mich, um euch, um dich – dir ein glückliches Schicksal wieder zu verschaffen.

LOUISE. Lieber Bruder – ich habe gewählt, und werde Sorge tragen, daß mein Herz deinen Stand nie entehre. – Aber werden wir ruhige Bürger zu dir passen? – – Dein Glanz wird unsere herzliche Anhänglichkeit verschmähen. Wie oft wird deine gute Schwester an deiner Thüre abgewiesen werden, weil ihre ungeschmückte Erscheinung das Gespött der glänzenden Assemblee werden müßte. Doch – eig'nen Verlust wollte ich tragen – wenn du nur glücklich wärst. Aber du würdest es nicht sein. Ich kenne dich. Du hast alles empfangen, um unter den Menschen für sie zu handeln. Im Genuß der glänzenden Schwelgerei, dir selbst zur Last, wird endlich die Urheberin deines Glücks deinen Ueberdruß entgelten.

RUHBERG DER SOHN. Du denkst ohne Noth das Schrecklichste.

LOUISE. Du bist unglücklich, wenn du deinen Zweck erreichst; solltest du ihn nicht erreichen, dann fällst du aus Pracht und Fröhlichkeit in Dürftigkeit und Trübsinn. In deinen Planen hintergangen, von einzelnen Menschen betrogen, verderbende Leidenschaft, umgeben von Ehrgeiz und Heftigkeit – Eduard, du könntest ein gefährlicher Mensch werden!

RUHBERG DER SOHN. Treibt mich Ehrgeiz zu Dingen, die euch Sorge machen können, so wird er mich vor allem hüten, was euch Schande machen könnte.

LOUISE. Nicht das, was war, macht mir diese Sorge, aber daß diese Ehrsucht täglich wächst –

RUHBERG DER SOHN. Du thust mir zu viel.[37]

LOUISE. Daß sie auf die unbedeutendsten Kleinigkeiten sich erstreckt; daß du alles nur aus dem Gesichtspunkte siehst; daß ich zu gut weiß, daß der Ehrgeizige eine Ehre mit dem Verlust der andern – die Ehre, worauf er in dem Augenblick alles setzt, mit Schande sogar erkaufen kann – Das bekümmert mich, wenn ich an die Zukunft denke.

RUHBERG DER SOHN. Der, von dem du sprichst, ist ein Niederträchtiger –

LOUISE. Unser Gespräch hat eine Wendung genommen, die dir mißfällt – verzeihe es mir!

RUHBERG DER SOHN. Mißfällt? Kennen wir uns denn gar nicht mehr!

LOUISE. Manchmal scheint es so!

RUHBERG DER SOHN. Meine gute Schwester, – liebe Louise!

LOUISE umarmt ihn herzlich. Ach!

RUHBERG DER SOHN. Weine nicht – ich bitte dich!

LOUISE. Diese Thränen sind wohlthuend – sie rufen eine schöne Zeit zurück! Eduard! Was soll ein armes Mädchen thun, die sich nur um dich ängsten, und dir gar nicht helfen kann? Wenn du aus dem Hause gehst; ich denke so an alles, was dir begegnen kann, daß du niemand hast, der es gut mit dir meint, als uns, und daß du vor uns verschlossen bleiben mußt – sieh' – das Herz möchte mir oft brechen!

RUHBERG DER SOHN streichelt ihre Wangen. Es soll besser werden, Louise!

LOUISE. Jetzt bist du so gut; jetzt bin ich so glücklich. Aber das dauert ja nicht. Nun kommt Ritau wieder, dann ist alles weggestürmt.

RUHBERG DER SOHN. Nein, nein!

LOUISE. Ich habe eine Bitte – sei aber nicht heftig – sei gut – nimm meinen ehrlichen Willen friedlich auf wie sonst.[38]

RUHBERG DER SOHN. Sprich, liebes Mädchen.

LOUISE. Nimm das wieder. Sie gibt ihm die beiden Uhren. Behalte sie, gib sie nicht weg.

RUHBERG DER SOHN steht beschämt und ruft heftig. Christian – Christian!

LOUISE. Nein, nein! Sie faßt seine beiden Hände. Nimm es so freundlich wie sonst, wenn ich zu einer glücklichern Zeit dir meinen aufgesparten Kuchen bringen durfte.

CHRISTIAN kommt.

RUHBERG DER SOHN gibt ihm heftig die Uhren. Zu Aaron Moses – Kerl!

CHRISTIAN geht ab.

LOUISE. Das ist hart und rauh.

RUHBERG DER SOHN. Ach Gott – Gott!

LOUISE. Du brauchst Geld, das weiß ich. Ich habe freilich wenig – aber ich bin so glücklich, wenn du es von mir annimmst – nimm es doch, lieber Bruder. Sie gibt es ihm.

RUHBERG DER SOHN. Louise! Wirft sich in einen Sessel.

LOUISE. Gönne mir doch die Freude, deinem Bedürfniß abgeholfen zu haben. Ich konnte dir ja so lange schon keine Freude machen.

RUHBERG DER SOHN. Nein, nein! ich will nicht. Ich bin nicht werth, ich bin nicht werth – ich bin ein unglücklicher Mensch.

LOUISE. Du brauchst wohl mehr – freilich dies ist wenig – Aber ich habe nicht mehr. Weinend. Ach! wenn ich es hätte –

RUHBERG DER SOHN. Gib her, Louise, gib her! Ich nahm euch alles – ich will auch das noch nehmen. Bin ich glücklich in der Welt – so habe einen Wunsch, eine Laune, die ich nicht schon befriedigt hätte, ehe sie entstehen, einen Gedanken, dem[39] mein Gedanke nicht zuvorkam. Bin ich unglücklich? Bin ich es! und das muß sich jetzt entscheiden – so nehm ich dies – Es ist dein letztes – nehme es, um dich ganz geplündert zu haben, nehme es, damit der Gedanke an deine herzliche Güte mir Höllenmarter werde, wo ich gehe und stehe.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 2, Wien 1843, S. 35-40.
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