Fünfzehnter Auftritt.

[107] Vorige. Madame Ruhberg. Sekretär Ahlden. Oberkommissär. Ahlden.


OBERKOMMISSÄR. Der Mensch an seinem Halse, fort von ihm!

MADAME RUHBERG. Armer, unglücklicher Märtirer!

LOUISE. Er lebt, liebe Mutter!

OBERKOMMISSÄR. Fort mit dem da. Er schleudert ihn weg.

SEKRETÄR. Mein Vater – mein theurer Vater!

RUHBERG DER SOHN. Retten Sie meinen Vater! Ich flehe Ihre Barmherzigkeit an, um Rache gegen mich.

OBERKOMMISSÄR hart. Die will ich nehmen – darum komme ich.

MADAME RUHBERG. Darum führten Sie mich her – Zeuge soll ich sein, wie Sie uns zertreten, unserer Noth spotten?[107]

OBERKOMMISSÄR. Sie sind nicht hilflos. Suchen Sie nur bei Ihren vornehmen Freunden.

SEKRETÄR. Mein Vater!

LOUISE. Schonen Sie unser!

OBERKOMMISSÄR. Sie opferten ihnen ja Vermögen, Ehre, Vaterfreuden, Glück und Himmel auf. Fünftausend Thaler können Sie jetzt vom Verderben retten. – Es ist eine Summe, die vielleicht eben jetzt auf ihren Spieltischen liegt. Gehen Sie, suchen Sie doch ihre Hilfe!

MADAME RUHBERG. Unmensch!

RUHBERG VATER. O mein Herr!

SEKRETÄR. Mein Vater!

LOUISE. Ach Gott!

RUHBERG DER SOHN. Nur zu, mein Herr. Ihre Grausamkeit ist mein Trost. Ich, der Mörder eines theuern Vaters, soll frei ausgehen? Dulden Sie das nicht, gerechter Mann! – Geben Sie mich an; oder haben Sie bereits Ihre Pflicht gethan?

OBERKOMMISSÄR. Ja Herr, das habe ich.

LOUISE. O Gott!

MADAME RUHBERG. Ich unglückliche Mutter!

RUHBERG VATER. Herr, ich fordere mein Kind von Ihnen.

OBERKOMMISSÄR. Und ich, Herr, fordere von Ihnen Rechenschaft für eine Seele, deren Bildung Ihnen Gott anvertraute. – Da steht er, das Opfer von Maximen und Weibererziehung. Jetzt soll er hingehen in Freiheit, und sich vervollkommnen zum Bösewicht, und vollenden als Selbstmörder! Elend, Schande und Verzweiflung sind die Folgen eurer Erziehung. Und du – Mensch! weißt du es, wohin du sie gebracht hast? deine Mutter wollte sich als Thäterin angeben. Ich hielt sie zurück.

RUHBERG VATER. Meine Frau!

RUHBERG DER SOHN. O ich Ungeheuer – meine Mutter![108]

OBERKOMMISSÄR. Auf allen Seiten Elend und nirgends Rettung.

MADAME RUHBERG. Rettet euch – rette dich, unglücklicher Mann!

LOUISE. Fliehen Sie, mein Vater!

SEKRETÄR geht im Hintergrunde heftig auf und nieder.

OBERKOMMISSÄR. Es ist zu spät, meine Veranstaltung mach die Flucht unnütze.

SEKRETÄR. Mein Vater – bei dem Andenken meinem Mutter beschwöre ich Sie!

RUHBERG DER SOHN. Erbarmen für meinen Vater!

LOUISE. Um Gottes willen, Erbarmen!

OBERKOMMISSÄR. Die Thüren eurer vornehmen Freunde sind verschlossen – es ekelt ihnen vor eurer Noth. Mit großer Härte steigend. Mich habt ihr verkannt, vielleicht verachtet, meine altväterische Sitte verspottet. – Meinen Sohn haben Sie für Ihre Tochter nicht gewollt – nun will ich Ihre Tochter nicht für meinen Sohn. – Alle drücken in willkürlichen Worten Verachtung aus. Mein Sohn soll ein reiches Mädchen heirathen – ein Mädchen – Er wirft einen Geldsack hin, und umarmt Louisen. – die allenfalls einen unglücklichen Vater auslösen kann. Alle erstaunen lebhaft in einzelnen unartikulirten Tönen, aber niemand spricht. Ja, ich wäre gern schuldenfrei gestorben – es soll nicht sein. – Nun die Schuld wird mir Gott mit Wucher ersetzen!

RUHBERG DER SOHN. Engel der Rettung!

MADAME RUHBERG. Ich kann Ihnen nicht danken – ich bin außer mir.

OBERKOMMISSÄR. Komm mein Sohn, dir bin ich diese Belohnung schuldig gewesen. Deinetwegen habe ich selbst von Juden[109] und Christen geborgt. Du warst immer ein guter Sohn, ein gehorsamer Sohn, ein fleißiger Bürger – Gott wird dir gute Tage geben, dich segnen, und ich segne dich auch.

RUHBERG VATER. Mann, Sie retten mich vom Verderben.

OBERKOMMISSÄR. Die Kur war etwas hart – aber auch ein böser Schaden. Junger Mensch, – fort muß Er, das versteht sich. Aber ich will Ihm schon Auskunft geben. Apropos – ich höre, das Fräulein hat Ihm eine Rekreation geschickt – die gebe Er mir – im Ernst gesprochen – die gebe Er mir. Ruhberg der Sohn gibt ihm die zwanzig Louisd'or. So, die will ich dem Fräulein Jesabel persönlich zur schuldigen Danksagung restituiren, und noch ein paar Wörtchen im Kauf!

RUHBERG DER SOHN. O mein Herr, Dank ist von mir Unglücklichen zu wenig – Aber Gott sei mein Zeuge –

OBERKOMMISSÄR. Meiner gegen Ihn an jenem Tage, wenn Er jetzt nicht ein braver Kerl wird! – Nun bitte ich euch, vergebt ihm; Unglück mag ihn bessern! Ehre Er eine edle Freiheit, bleibe Er bei seines gleichen – sei Er redlich, gut und froh – und wenn ich schon lange vermodert bin – sage Er seinen Kindern, daß sie es auch so machen – und, wenn es Ihm dann nach geändertem Wandel gut geht, so trinkt ein Glas deutschen Weins zum Andenken des alten Oberkommissärs.

Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 2, Wien 1843, S. 107-110.
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