Vierter Auftritt.

[95] Vorige. Baron Ritau.


BARON. Ah – mein Freund –

RUHBERG DER SOHN kehrt zurück. Ha, endlich, endlich! Christian, laß uns allein.

CHRISTIAN geht ab.

BARON. Ich bedaure, die Zeit wird Ihnen lang geworden sein.

RUHBERG DER SOHN. Nun sind Sie ja da. Geschwind – woran bin ich?

BARON. Aber – Sie sind ja so zerstreut –[95]

RUHBERG DER SOHN. Lassen wir das –

BARON. Es ist, als ob Ihre Gesichtszüge nicht mehr dieselben wären.

RUHBERG DER SOHN. Nun wie stehts, haben Sie Antwort bekommen?

BARON. Ich habe sie, aber –

RUHBERG DER SOHN. Sie haben? – her damit, her –

BARON ängstlich und gutherzig. Aber sagen Sie mir nur, wie sich das mit –

RUHBERG DER SOHN. Die Antwort – die Antwort!

BARON. Ihrer Schwester Heirath so schnell gemacht hat.

RUHBERG DER SOHN. Die Antwort!

BARON. Ich fürchte –

RUHBERG DER SOHN. Die Antwort – Herr, wollen Sie mich rasend machen – heraus damit.

BARON sehr verlegen. Womit? –

RUHBERG DER SOHN. Mit dem Billet – der Antwort!

BARON. Sie ist eines Theils mündlich –

RUHBERG DER SOHN. Mündlich! – so! – Nun? –

BARON. Sehen Sie – Sie müssen die Sache nur aus dem rechten Lichte betrachten. Erstlich wissen Sie – das Fräulein ist delikat – sehr delikat – und da mag eben Ihrer Schwester Heirath beigetragen haben, daß – daß – daß –

RUHBERG DER SOHN. Weiter –

BARON. Vor allen Dingen – aber was ich doch fragen wollte, hatten Sie bei Reichberg gesagt, daß Sie den bestellten reichen Linon dem Fräulein zum Geschenke bestimmten?

RUHBERG DER SOHN. Nein, nein! – nun – vor allen Dingen?

BARON. Vor allen Dingen muß ich Ihnen sagen, daß einige Kreditoren dort waren –[96]

RUHBERG DER SOHN. Dort waren? –

BARON. Dort waren, und Bezahlung suchten. Das Fräulein hat unter andern den reichen Linon selbst behalten, weil der Ladendiener merken ließ, daß Sie ihn für das Fräulein bestellt hätten. Auch hat sie hier diesen Wechsel von fünfzig Reichsthalern an eine alte Witwe bezahlt, welche sich dort im Hause sehr insolent aufführte. Sie überschickt Ihnen hier denselben. Er will Ruhberg den Wechsel übergeben, dieser ohne ihn zu nehmen, hört ihm erstarrt zu. Bester Freund, ich leide für Sie –

RUHBERG DER SOHN. Weiter!

BARON. Hier dieses Billet – aber

RUHBERG DER SOHN. Geben Sie her – Erbricht. »Monsieur. Der Herr Baron von Ritau hat mir Entkräftet und ahnend. O lesen Sie, lesen Sie weiter« –

BARON. »Monsieur, der Herr Baron von Ritau hat mir Ihr Billet übergeben. Anlangend Ihre Proposition – so ist es mir unbegreiflich, wie Sie nur daran denken können. Ich wüßte nicht, daß ich etwas gethan hätte, was Sie zu dieser Hoffnung verleitet hätte.«

RUHBERG DER SOHN. Wüßte sie nicht – sie wüßte nicht! – Das ist nicht wahr Herr, das steht nicht da! –

BARON. Leider steht es da.

RUHBERG DER SOHN. Nein, nein, es ist nicht wahr, Sieht hinein und taumelt fast im Zimmer herum. und wenn alle – jeder – Gott, Gott, das ist zu viel: – Weiter, weiter! –

BARON. Eine unschuldige unbedeutende Galanterie berechtiget Sie nicht zu der Hoffnung einer Mesalliance. Ihr Desastre im Spiel wird täglich bekannter, und gibt zu seltsamen Meinungen Anlaß. – – Meine Ehre befiehlt mir, Sie zu bitten, mein Haus ferner nicht zu besuchen.[97]

RUHBERG DER SOHN wirft sich in einen Stuhl.

BARON. »Ich rathe Ihnen, das Spiel zu abandonniren, denn Sie haben keine Contenance. Uebrigens wünsche ich Ihren Affairen die beste Tournure. Dem Herrn Baron Ritau werden Sie gefälligst meine Briefe und Portrait einhändigen.«

RUHBERG DER SOHN. – Ist das alles?

BARON mitleidend. – Ja –

RUHBERG DER SOHN. Nicht wahr – es ist Ihr Spaß?

BARON. Was?

RUHBERG DER SOHN. Hm – das? – Alles was Sie gesagt haben.

BARON. Leider – es ist Ernst.

RUHBERG DER SOHN. Nicht wahr, Sie haben ein anderes Billet von ihr noch bei sich?

BARON. Wahrlich nicht, ich –

RUHBERG DER SOHN. Geben Sie her –

BARON. Wollte Gott, ich hätte es –

RUHBERG DER SOHN. Geschwind! – nun! – um Gottes willen geben Sie her –

BARON. Ja, ich habe –

RUHBERG DER SOHN. Sie haben – o sehen Sie, Ihn küssend. sehen Sie, mein Herz sagte mir's ja wohl.

BARON. Lassen Sie mich ausreden.

RUHBERG DER SOHN. Nein doch, nein, nur her!

BARON. Sie täuschen sich gewißlich – hören Sie doch: Als ich von Ihrer Situation mit ihr sprach, schien sie – wer weiß – sie war auch vielleicht gerührt.

RUHBERG DER SOHN. O sie war's, sie war es gewiß!

BARON. Sie ging an ihre Chatouille und gab mir dieses.

RUHBERG DER SOHN freudig. Nun weiter –[98]

BARON. – Es ist für Sie –

RUHBERG DER SOHN ohne zu errathen. Wozu?

BARON. Zu einigem Soulagement Ihrer Situation – Es thäte ihr leid – aber sie könnte vor der Hand nicht mehr thun.

RUHBERG DER SOHN wie vom Schlage getroffen. Was?

BARON. Schicken Sie es zurück –

RUHBERG DER SOHN der auf das Papier sieht und es nimmt. Zwanzig Louisdor? Mir? – mir zwanzig Louisd'or?

BARON. Bester Freund!

RUHBERG DER SOHN. Für eine zu Grunde gerichtete Familie – zwanzig Louisd'or?

BARON. Schicken Sie es zurück.

RUHBERG DER SOHN. Für einen ermordeten Vater, zwanzig Louisd'or?

BARON. Um Gottes willen, schonen Sie sich!

RUHBERG DER SOHN. Für eine gestohlene Seligkeit, zwanzig Louis'dor? Gut, ich will hin! Sucht den Hut.

BARON. Was?

RUHBERG DER SOHN. Ich will quittiren über diese Summe!

BARON. Sie werden doch nicht –

RUHBERG DER SOHN hat den Hut gefunden. Kommen Sie – wir wollen Rechnung halten!

BARON umfaßt ihn. Bleiben Sie, ich bitte Sie um Gottes willen!

RUHBERG DER SOHN. Buhlerin – verfluchte Buhlerin, so mit meinen Hoffnungen zu spielen. Teufel – Teufel – so zu locken – mich bis an die Hölle zu locken! – Rache! Rache!


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 2, Wien 1843, S. 95-99.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Verbrechen aus Ehrsucht
Verbrechen Aus Ehrsucht (Paperback)(German) - Common
Verbrechen Aus Ehrsucht
Verbrechen Aus Ehrsucht,: Ein Ernsthaftes Familiengemählde in Fünf Aufzügen (German Edition)

Buchempfehlung

Lewald, Fanny

Clementine

Clementine

In ihrem ersten Roman ergreift die Autorin das Wort für die jüdische Emanzipation und setzt sich mit dem Thema arrangierter Vernunftehen auseinander. Eine damals weit verbreitete Praxis, der Fanny Lewald selber nur knapp entgehen konnte.

82 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon