Sechstes Kapitel

[181] Nach dem »Napoleon«, welcher 1831 erschienen war, schwieg er einige Jahre. Inzwischen hatten seine Arbeiten großes Aufsehen erregt, selbst die Gelehrten und Philosophen nahmen von ihm Notiz, was jetzt bei uns viel sagen will. Auch in ausländischen Blättern rühmte man ihn; besonders priesen ihn die Engländer, die in ihm einen Geistesverwandten Shakespeares zu erblicken glaubten. Charakteristisch ist es, daß der so vielfach, diesseits und jenseits des Kanals Erhobene, der »zweite Shakespeare«, inzwischen unbemerkte Tage in einer kleinen westfälischen Stadt ableben mußte.

Aus seiner ersten Periode ist auch noch der Aufsatz »Über die Shakespeareomanie« zu erwähnen, welcher mannigfachen Anstoß gegeben hat. Shakespeare wird darin ziemlich herab und unter die Franzosen gesetzt, die begeisterte Liebe zu ihm meistens aus unlautern Quellen abgeleitet. Die Widerlegung ist nicht schwer, wenn man sich einfach daran hält, wie dieser Dichter seit einem halben Jahrhundert den innern Sinn der Deutschen ausgeweitet und bereichert hat, wie selbst manche Entwicklungen der Spekulation bei uns durch den Geist des Briten vermittelt und bedingt worden sind. Aber man würde Grabbe unrecht tun, wenn man seine Meinung, die er um eines besondern Zweckes willen äußerte, mit Beziehung auf diesen verwürfe.

Er dachte an die reale deutsche Bühne, und hielt der Erschaffung eines nationalen Theaters Shakespeare eher schädlich als fördersam. Ich muß gestehen, daß ich, durch Erfahrung belehrt, mich dieser Meinung nur anschließen kann. Das Ziel, nach dem unser Drama, wenn es noch eine neue Entwicklung[181] erleben sollte, zu streben hat, ist ein anderes, leider ein ärmeres und beschränkteres, als welches die englische Bühne in den Zeiten ihrer Vollkommenheit erreichte. Die Kräfte vergeuden sich also eigentlich, ohne Früchte anzusetzen, wenn sie einem Stile und einer Auffassung nachjagen, von deren Schönheit niemand inniger überzeugt sein kann, als ich es bin, welche uns aber gänzlich fremd sind. Shakespeare arbeitete für ein phantasievolles, eben von der Brust des Mittelalters entlassenes, märchentrunkenes See- und Inselvolk, dessen Erinnerung und Auge ganz voll war von seltsamen Bildern, und dessen innerer Blick daher sah, wovon der Dichter wollte, daß es gesehen werde. Und wir? – Ich will die Vergleichung nicht ausspinnen, gewiß ist es aber, daß bei uns die Leute kaum sehen, was ihnen sichtlich vor Augen gelegt wird. Man muß einer Bühne einige Jahre lang vorgestanden und eine Reihe Shakespeareischer Dramen mit Liebe und Sorgfalt in die Szene gesetzt haben, um zu wissen, wie diesen Dichtungen unter dem Zwange unserer Einrichtungen, auch bei der achtsamsten Behandlung, der feinste Duft doch abgestreift wird, und wie auch das, was von ihrem geheimen Zauber zwischen den Kulissen übrigbleibt, nur wenigen Ohren erklingt. Sei daher Shakespeare auch fernerhin der Liebling der Besten, aber gebe man endlich den Gedanken auf, ihn im eigentlichen Sinne des Worts bei uns auf den Brettern einheimisch zu machen oder gar eine der seinigen verwandte Herrlichkeit in unsern Tagen dichtend hervorzurufen.

Grabbe, dem endlich alle Detmolder Verhältnisse unleidlich geworden waren, brach dieselben mit einem raschen Schritte, jedoch so, daß seine Dienstverbindungen sich in ehrenvoller Weise lösten. Er flüchtete nach Düsseldorf, wo er Freiheit zu finden, Ruhe und Heiterkeit wiederzuerobern hoffte. Er meinte, von seiner Feder leben zu können. Will man dieses Handeln auch gewagt heißen, so läßt es sich doch nicht anders als natürlich nennen. Nur hätte er eins bedenken sollen. Wer ein Bad besucht, um seine Gesundheit herzustellen, muß die Diät des Orts beobachten, und wer sich einem neuen Lebenskreise anschließt, um ihn gleichsam als ein geistiges Bad zu gebrauchen, tut wohl, sich den Forderungen dieses[182] Kreises zu bequemen, und darf nicht mit Haut und Haar nach der Weise, durch die er eben sein Glück eingebüßt, fortleben wollen.

An die ersten Zeiten unseres Umgangs, den Winter 1834 und Frühling 1835, werde ich mich immer mit Vergnügen erinnern. Nachdem sich die Reisewellen bei ihm gelegt hatten, und er in einen einfachen Tagesgang gefördert war, ließ sich mit ihm fertigwerden, obgleich er auch in dieser ruhigen Verfassung noch anders war, als alle übrigen Menschen, die ich kenne. Wir sahen uns fast täglich. Meistens besuchte ich ihn in seinem stillen Hinterstübchen, wo ich ihn dann in der Regel halbangekleidet unter Büchern, Papieren, Schnitzeln aller Art vergraben, oder auf dem Bette liegend, antraf und er dann mit einem polternden: »O Herr Gott! O Herr Gott!« aufsprang, mich zu begrüßen. Zuweilen kam er aber auch zu mir, wenn die verdrossenen Füße ihm den Gang nach meiner entlegenen Wohnung erlauben wollten. Da gab es denn den lächerlichsten Anblick. Weil er sich nämlich nie in den Wegen finden lernte, so mußte ihn seine Magd jederzeit zu mir begleiten. Auf diese Weise aber langte das Paar in meinem Garten an: Grabbe mit ernsthaftem Gesichte hinter der Magd unsicher einherschreitend, die Magd aber ihr errötendes Antlitz halb in der Schürze verborgen, sich schämend, »daß sie einen so großen Herrn bei Tage über die Straße führen müsse«.

Indessen, wo und wie wir uns trafen, es war immer gleich das lebhafteste Gespräch im Gange. Wenn er bei guter Laune war, so jagte ein toller Witz den andern, die barocken Einfälle überstürzten sich. Doch auch in ersterer Weise fühlte ich mich angezogen. Er gehörte zu den Menschen, die über nichts gleichgültig die Lippen bewegen können. Die unbedeutendsten Dinge, die gewöhnlichste Tagesrede, eine Wetterbemerkung setzten sich ihm in sein eigenstes Leben, in Fleisch und Blut um. Am tiefsten aber zeigte sich diese Mitleidenschaft des ganzen Menschen bei dem, was die Hauptnahrung seines Geistes ausmachte, bei der Geschichte. Sehr genau mit ihr bekannt, streckenweise selbst mit ihren einzelsten Dingen vertraut, lebte und litt er mit den historischen Personen, auf welche eben sein Blick fallen mochte.[183]

Sein Mitteilungsbedürfnis war grenzenlos. Trotz unserer häufigen Zusammenkünfte schrieb er mir täglich einmal, auch wohl zweimal über seine Arbeiten, seine Lektüre, aber auch über das Geringfügigste: über einen Zank mit der Wirtin, oder was ihm sonst gerade einfiel. Ich bewahre diese Zettel und Briefe, auf welche er nie eine Antwort erwartete, noch sämtlich. Sie machen einen starken Folioband aus.

Ebenso gewaltsam brach sich die lange verhaltene Arbeitslust Bahn. Seine Tragödie: »Hannibal«, lag ihm besonders am Herzen. Das Manuskript brachte er fast vollendet mit und zeigte es mir in den ersten Tagen nach seiner Ankunft. Die Dichtung hält sich im ganzen der Manier des »Marius und Sulla« nahe, nur ist die Behandlung noch weit knapper. Der Gedanke, einen tatkräftigen, weitblickenden Helden zum Opfer des Krämergeistes in einem Handelsstaate zu machen, gehört zu den glücklichsten. Es ist schade, daß sich Grabbe auch hier, durch die Grenzen seiner Natur genötigt, mehr auf die Darstellung der äußerlichen Konflikte beschränken mußte; die Idee hätte verdient, aus den tiefsten Gründen hervorgearbeitet zu werden. Kaum aber, daß wir Hannibal in unmittelbare Berührung mit den punischen Kaufherren treten sehen. Die beiden Potenzen des Stückes sind durch Länder und Meere, Armeen, Flotten und Gesandte auseinandergehalten. Die Rückkehr des Helden nach Afrika und die Vorbereitungen zur Schlacht von Zama boten sich zu jener engeren Schürzung des Knotens wie von selbst dar. – Dennoch weht durch die Dichtung ein Atem der Größe. Manches darin ist hinreißend schön, so unter andern die Todesszene Hannibals. Auch in der Schlußszene der ersten Abteilung fühle ich mich vom Hauche des wahrsten poetisch-historischen Geistes umwittert. Hannibal muß von Rom abziehen und sich nach Capua wenden. Er sagt zu seinem getreuen Negerhäuptlinge Turnu:


Und fragen dich deine Landsleute, warum wir aufbrechen, so sage ihnen, weil der Winter nahe sei und es sich in Capua wärmer lagere.
[184]

Turnu

Ich verstehe.


Hannibal

Der versteht mehr als ich.


Da ich den Vers auf eine Weise gehandhabt fand, gegen welche die Lizenzen des »Gothland« noch für Formenstrenge gelten konnten, oder da, richtiger zu reden, das, was er als Jamben hingeschrieben hatte, gar kein Vers, ja nicht einmal rhythmische Prosa war, so riet ich ihm, diese Unform aufzulösen und das Stück in wahre Prosa, welche mir überhaupt für ihn das gemäßeste Ausdrucksmittel zu sein schien, umzuschreiben. Er folgte diesem Rate und hatte bald das Werk in der neuen Gestalt fertig. Auch die Abteilungen und ihre Überschriften rühren von mir her. Ich schlug sie ihm vor, um von der Arbeit selbst den Schein eines sogenannten regelmäßigen Dramas zu entfernen und sie auch äußerlich als das zu bezeichnen, was sie ist: eine Reihe bedeutender Bilder aus jenem großen Kampfe.

Gleichzeitig mit »Hannibal« vollendete er sein Märchen: »Aschenbrödel«. Die Feenszenen sind nicht ohne Anmut; an dem komischen Ingrediens habe ich mich aber nicht erfreuen können. Diese Späße mit dem verschuldeten Baron, dem Juden, mit der zum Kutscher metamorphosierten Ratte und der Kammerjungferkatze schienen mir absichtlich und gequält zu sein. Er hatte auch vor, ein Lustspiel: »Eulenspiegel«, zu schreiben, und ich glaube, daß, hätte ihm die scherzende Muse einmal ihren Besuch gönnen mögen, dieser hausbackene, lustige, niederdeutsche Gesell sie noch am ehesten zu ihm geführt haben würde. Überhaupt summten ihm die mannigfaltigsten Pläne durch den Kopf. Den Entwurf zu seiner »Hermannsschlacht« hatte er neben allen jenen Dingen schon durchdacht. Auf diesen Plan gab er sehr viel. Er hielt es für einen Umstand günstiger Vorbedeutung für das Gedicht, daß er auf dem Boden des Teutoburger Waldes geboren und erwachsen sei, und hoffte, daß ihm die individuellsten Lokaltöne bei der Ausführung zu Gebote stehen würden. Es bedurfte damals nur eines hingeworfenen Wortes, ja nur eines[185] Winkes, um ihn produktiv zu machen, wenn ihm sonst die Anregung behagte. So sprachen wir eines Tages über den alten, bei Fleischer herausgekommenen »Hamlet« vom Jahre 1603, und ich äußerte gelegentlich, daß eine Übersetzung dieses ersten Textes mit historisch-kritischen Noten und Vergleichungen gegen die letzte Gestalt, von Interesse sein müsse. Er wurde still, und schickte mir bald darauf die Übertragung mehrerer Szenen, nebst Andeutungen über den räsonierenden Teil der Arbeit, an welcher er auch nachmals noch eine Zeitlang fortschrieb.

Um ihm eine tägliche Unterhaltung zu sichern, war ihm ein für allemal sein Platz im Theater gegeben worden. Er gehörte zu den ersten, welche die Eigentümlichkeit der werdenden Bühne erkannten und begriffen, worauf es mir ankam, welche Mittel ich wählte, meine Überzeugungen durchzuführen. Er mäkelte nicht an dem Gelungenen, und sah er auch zuweilen mehr, als ich wirklich bereits erreicht hatte, so war doch dieser Glaube und ein solches Vertrauen, welches in der Knospe schon die aufgeschlossene Blüte erblickt, gerade das, was ich bedurfte und was jeder bedarf, der an einem schwierigen Werke nicht erlahmen soll. Es währte nicht lange, so fühlte er sich auch durch das Theater zu einer Arbeit bestimmt. Anfangs wollte er über dasselbe nur einen kurzen Aufsatz ausgehen lassen; der Stoff schwoll ihm aber unter den Händen an und so erwuchs die Abhandlung: »Das Theater zu Düsseldorf« genannt, welche im Sommer 1835 herauskam. Sehr abweichend von diesem war ein anderes, zwar auch theatralisches Werk, welches er in jener Zeit lieferte. Er fühlte sich ein paar Tage hindurch unmustern und unaufgelegt zu freier Tätigkeit und sagte mir, daß ihn aus solchen Verfassungen eine ganz mechanische Arbeit am ehesten herstelle. Er bat mich, ihm etwas zum Abschreiben zu geben. Da er nicht abließ, so gab ich ihm Töpfers »Hermann und Dorothea«, wovon er dann auch binnen kurzem eine saubere und getreue Kopie gefertigt hatte.

Ich erwähne dieser Schreiberei, einmal, weil der Töpfersche »Hermann«, von Grabbes Hand kopiert, unleugbar eine Kuriosität ist, und dann, weil jener Umstand Gelegenheit gegeben[186] hat, das Märchen, selbst durch öffentliche Blätter, zu verbreiten, ich habe Grabbe zum Rollenschreiben gebraucht. Er hat nie etwas anderes für die Bühne abgeschrieben, als das genannte Buch, und das auf die erzählte Veranlassung.

Ich habe mich dessen, was ich für ihn getan, nicht gerühmt, und tue es auch jetzt nicht. Es war wenig, was mir meine Lage gestattete, und dieses wenige hielt ich und halte ich für nichts weiter, als für die ganz gewöhnliche Schuldigkeit eines jeden Menschen, der den andern in Not sieht. Keinenfalls aber verdiente mein guter Wille in den Schmutz des Journalgeklätsches getreten zu werden.

Quelle:
Immermann, Karl: Memorabilien. München 1966, S. 181-187.
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