Erste Szene


[418] Einsame Gegend an der Newa. Gegen Abend.

Euphrosyne. Später: Costa.


EUPHROSYNE tritt auf.

Dreimal umkreist' ich den fühllosen Wall,

Flehnd legt' ich meine Brust an seinen Zwinger.

Denn hier, wo alle Menschen grausam sind,

Da, dacht' ich, fühlt Erbarmen wohl ein Stein.

Die Steine blieben Steine! – Luft und Licht

Und Sonnenstrahlen sind der Zärtlichkeit

Dienstbar gewesen in uralter Zeit,

Und kleine Tiere sind gerannt als Boten

Bedrängter Herzen. Ach, ich hab' kein Gold

Für deine Wächter, du mein edles Wild,

Und längst vorüber ist die alte Zeit.

Die Mückchen tanzen überm Strom, das Schilf

Nickt, traulich grüßend. Als ein kleines Kind

Verlief ich mich in vornehme Gesellschaft,

Sie küßten mich und wollten mich behalten,

Sie nannten mich ein hübsches Ding. Ich aber

Schlich mich hinweg, ganz leise, leise, wie

Nur keiner auf mich merkte. Ja, wer blieb' auch,

Wo man nicht hingehört? Nein! Still hinweg!

's wird keiner nach mir fragen! – –


Sie macht einige Schritte gegen den Fluß.


COSTA tritt aus dem Gebüsche. Halt!

EUPHROSYNE. Costa?[418]

COSTA. Derselbe. Ich angelte hinter den Weiden. Im Wasser wollte nichts anbeißen, aber in der Luft fing ich verfängliche Reden.

EUPHROSYNE. Geh!

COSTA. Hast mir nichts zu befehlen. Du bist das Fischermädchen von Abo?

EUPHROSYNE. Das arme Fischermädchen von Abo!

COSTA. Als sie den Prinzen festsetzten, warst du fort.

EUPHROSYNE. Ich fürchtete mich.

COSTA. Es war auch kein Scherz.

EUPHROSYNE. Ich war ein schlechtes Mädchen, o ein feiges Mädchen!

COSTA. Warst du schon über die Grenze?

EUPHROSYNE. Weit, weit, wo sie anders reden.

COSTA. Hättst da bleiben sollen.

EUPHROSYNE. Es litt mich nicht.[419]

COSTA. Hättst bleiben sollen, wo sie anders reden. Eine recht angenehme Gegend hier. Da fließt die Newa.

EUPHROSYNE. Tief und schnell. Geh!

COSTA. Hast du geheime Geschäfte mit den Wassermöwen? Ich dachte, du wolltest zum Prinzen.

EUPHROSYNE. O ich dreimal Ärmste!

COSTA. Mach mich nicht zu weinen, dann werd' ich konfus. Höre, Schwester.

EUPHROSYNE. Schwester.

COSTA. Liebe und Narrheit haben unter einem Herzen gelegen. Wenn ich einen verborgnen Gang in die Festung wüßte?

EUPHROSYNE. Du?

COSTA. Ich. In diesem Raspelhause hat jeder seinen Beruf, und meiner ist der Müßiggang. Da kriech' ich denn so überall umher. Ich hatte meinen Ball ins Gebüsch geschlagen, suchte den Ball und fand den Gang. Ich glaube nicht, daß ihn außer dem Kommandanten noch einer kennt. Ein ehrlicher Schlosser verkauft mir wohl einen Hauptschlüssel, das Gatter zu öffnen.

EUPHROSYNE. Ach, du belügst mich!

COSTA. Was bekäm' ich dafür? Man muß nichts umsonst tun, nicht einmal das Böse. Fort von der Newa! Dazu bleibt's immer noch Zeit.[420]

EUPHROSYNE. Wozu?

COSTA. Sie hat's schon vergessen. Liebe ist im April jung geworden. Halt dich versteckt. Um Mitternacht komm an die Festung, wo die Trauerweiden slehn. Ich führ' dich, und du sollst ihn führen. Fort!

EUPHROSYNE. Um Mitternacht!


Ab.


COSTA allein. Ich tu's weil ich dem Prinzen gut bin. Er hat mir immer sein Konfekt zu essen gegeben, und mich verbunden, als mich Menzikof geschlagen hatte. Nein, das klingt so ordinärrührend, als wär' ich ein Lumpenhund aus einem deutschen Schauspiele. Ich tu's weil ich's tu, das ist der Satz vom zureichenden Grunde. Punktum. Er sitzt gefangen, weil er die Neigung dazu hatte. Eine sehr bedenkliche Neigung! Sie könnte leicht zu einem vertrauten Verhältnisse mit dem Scharfrichter führen. Um eine dumme Schäferstunde möchte ich nicht gern sein Kompagnon werden. Sie soll ihm die Neigung vertreiben. Die liebe Natur wird denn doch endlich einmal hier auch ein Werk tun. Auf jeden Fall geb' ich ihm das Schwert gegen seine Herrn Rhadamanthen in die Faust.


Nach der andern Seite ab.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 418-421.
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