Sechste Szene


[334] Zar Peter im Mantel. Gordon. Die Bauern.


DIE BAUERN.

Wer da? Sprecht, oder wir hauen zu.

PETER.

Freunde Rußlands.

ERSTER BAUER.

Wenn das ist, so trinkt mit uns einen Schluck.

PETER.

Wir nehmen's an.


Er setzt sich mit Gordon an das Feuer, etwas gesondert von den Bauern.

Zu Gordon.


Dies ist ein Meuterhaufen;

Wahnblödes, armes, irrgeführtes Volk.

Die schick' ich nun vorerst nach Hause.

GORDON.

Herr,

Wenn sie nur gehn.[334]

PETER.

Sie tun's. Ich kenn' das Volk.


Laut zu den Bauern.


Landsleute, warum sind eurer so viele um das Feuer versammelt?

ERSTER.

Da ihr Russen seid, müßt ihr's wissen.

PETER.

Wir kommen aus der Fremde.

ERSTER.

Es hat sich eine Veränderung begeben in Moskau.

ZWEITER BAUER.

Der alte Wüterich ist gestorben und verdorben.

DRITTER.

Und unsre Hoffnung, unser Leben, der Zarewitsch soll nun regieren.

VIERTER.

Und darum sind wir zusammen.

FÜNFTER.

Und den wollen wir emporhalten gegen den Blutsauger, den Menzikof.

SECHSTER.

Nämlich, weil unsre gnädigen Herrn es uns befohlen haben.

PETER.

Habt ihr den alten Zaren gekannt?

ALLE.

Nein.

PETER.

Warum nennt ihr ihn einen Wüterich?[335]

ERSTER.

Weil er uns nicht eine Stunde Ruhe gönnte.

ZWEITER.

Weil er unsre Söhne vom Schweden totschießen ließ.

DRITTER. Weil wir seine neue Stadt bauen mußten, und uns das Fieber dort aus den Sümpfen holten.

VIERTER. Weil er uns auf die Schiffe führte, auf die leidige See.

FÜNFTER. Weil er alles um und um kehrte, und die Zeit sogar verrückt hat, daß man nicht mehr weiß, wie man mit Gott und den lieben Heiligen dran ist.

SECHSTER. Weil unsre gnädigen Herrn sagen, er tauge ganz und gar nichts.

PETER. Das sind schwere und harte Beschuldigungen. Ich will den Zaren nicht verteidigen. Er gönnte euch keine Ruhe? – Er gönnte sie sich selber noch weniger. Er hat sein Brot gegessen im Schweiße seines Antlitzes.

ERSTER. Er hatte gut schwitzen! Er tat's, weil er Vergnügen dran fand; wir armen Bauern schwitzen, wir mochten wollen oder nicht.

PETER. Er ließ eure Söhne vom Schweden totschießen? – Der Schwede trotzte und prahlte an der Grenze. Da dachte der Zar, das dürfe ein Russe nicht leiden.[336]

ZWEITER. Ist hier die Grenze? Sind wir für die Grenze da? Wir haben nichts vom Trotzen und Prahlen des Schweden gespürt.

PETER. Ihr mußtet seine neue Stadt baun? Sie soll schön werden, diese neue Stadt. Er meinte, euer Land sei es wert, die schönste Stadt auf der Erde zu haben.

DRITTER. Wer am Fieber verreckt, sieht die neue Stadt nicht fertig.

PETER. Auf die Schiffe führte er euch? – Kinder, habt ihr das Meer, so besitzt ihr die Welt.

VIERTER. Was sollen wir mit der Welt. Wir sind Russen. Unser Land ist das schönste auf der Welt, wir brauchen das übrige nicht.

GORDON. Dennoch freßt ihr bloß Grütze.

ALLE. Willst du ein Freund Rußlands sein? Und sprichst so? Die Grütze ist die erste Kost auf der Welt!

PETER. Alles soll er umgekehrt haben? Das ist nicht wahr. Aber vieles stand auf dem Kopfe. Die Zeit hat er geändert und den Kalender. Ihr zählt von der Ernte euer Jahr; er dachte, es sei dem Menschen wohlanständiger, seine Tage zu rechnen nach dem Wandel der Lichter am Himmel, als nach dem Wachsen des Krautes auf der Erde.

ALLE. Das verstehn wir nicht.[337]

PETER.

Sein ganzes Leben war ein Dienst für euch,

Trug dieser Dienst ihm euren Fluch nur ein,

So ist sein Leben unnütz.


Er steht auf und wirft den Mantel zurück.


Seht ihn vor Euch!

Wer tötet ihn?

DIE BAUERN sich tumultuarisch erhebend.

Der Zar! Der Zar! Er ist's!

Wir sind gehangen!


Sie werfen sich auf die Knie.


Gnade! Gnade! Batuschka!

PETER.

Das Feu'r brennt trüb'; ich kenn eu'r Antlitz nicht.

Die Rache schleicht nur um das Haupt der Fürsten;

Euch kenn' ich nicht. – Wer morgen Warfen trägt,

Stirbt übermorgen früh. Geht, arme Toren!

Müht ihr an eurer Scholl' euch ab, so denkt,

Daß ich noch härtern Acker bauen muß.

O, wenn wir rechneten, so stände wohl

Die Summe eurer Freuden höher. Geht!


Die Bauern ab.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 334-338.
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