Eilftes Kapitel

[53] Nun war er mit sich allein, in tiefster nächtlichster Stille, die nur von dem einförmigen Schlage des Perpendikels belebt wurde. Er ging in die Krankenstube, wo er jetzt erst in einer Ecke allerhand aufgespeichertes Reisegerät: Koffer, lederne Behälter, Körbe und dergleichen bemerkte. Was diese Zusammenhäufung von Dingen in einem Wohnzimmer, denn das schien jene Stube zu sein, bedeuten sollte, war ihm unerklärlich. Einige Bücher lagen unter den Sachen umher, eins derselben nahm er zur Hand. Er wollte versuchen, am Herde, dessen Glut er mit einigen Kienscheiten erfrischte, zu lesen.

Es waren die Schriften von Novalis. Blätternd stieß er auf das schöne Märchen von Hyacinth und Rosenblütchen, welches so lieblich die Lehre ausspricht, daß wir mit allem Suchen nur unsre Kindheitswonne wiederzufinden streben. In den Fragmenten umhersehend, fand er den Satz: »Wer rechten Sinn für den Zufall hat, der kann alles Zufällige zur Bestimmung eines unbekannten Zufalls benutzen. Auch der Zufall ist nicht unergründlich, er hat seine Regelmäßigkeit.«

Ihm schmerzten die Augen, er tat das Buch hinweg. »Kann man doch alles behaupten, wenn man nur den Mut dazu hat«, sagte er. »Wir haben so ziemlich jegliches Ding nach Schnur[53] und Maß geordnet, nur der Zufall hatte sich noch seine weltalten Launen vorbehalten. Nun will uns der schlafengegangne Magus überreden, daß wir auch diesen äußersten dunkelsten Winkel der Welt mit unsrem Lichte erleuchten können. Wohlan, welche Regel ist in dem Gastmahle, vom Zufall mir in diesen letzten vierundzwanzig Stunden aufgetischt? Was für eine Lehre hat mir das Begegnen Flämmchens, das sonderbare Benehmen der Herzogin, und meine letzte improvisierte Hausvaterschaft geben wollen?«

Noch einmal das Buch in die Hand nehmend, schüttelte er ein Blatt, lose eingelegt, heraus. Er hob es auf. Es war eine kolorierte Zeichnung; ein tiefes gewundnes Tal, mit weißen langen Gebäuden besetzt. Er las mühsam die Unterschrift; wie erstaunte er, als er den Namen der Fabriken seines Oheims fand! »Wie mag diese Landschaft sich hieher verloren haben?« fragte er. »Willst du mir vielleicht ein Zeichen deiner Regelmäßigkeit geben, rätselhafter Gott Zufall? Lauscht hinter den Geldsäcken des Oheims mein Rosenblütchen?«

Die Augen sanken ihm vor Müdigkeit zu. Er fand einen Lehnstuhl, in dem er sich bequem zurechtsetzte. Doch schlief er nicht ein. Er befand sich in dem überreizten Zustande, worin die Phantasie, unwillkürlich, aus eigner, losgebundner Kraft nicht müde wird, ihr mischbuntes Arabeskengedicht zu spinnen. Die Figuren des Tages wuchsen ihm aus Blumen entgegen, zerstäubten in Flocken, setzten sich aus den Flocken wieder zusammen, strichen hinüber und herüber. Zwischen allen diesen Phantasmen kehrte eine Erscheinung am öftersten wieder. Aus weiter Ferne sah ihn ein Haupt erblichen, sanft an, schwebte dann näher, und je näher es kam, desto deutlicher erkannte er das Medusenantlitz, welches ihm zuletzt voll furchtbaren Ernstes, und doch unendlich milde, tief in die Augen blickte. Darauf wich es zurück, und so schwankte dieses wache Traumbild zwischen Nähern und Entfernen, Milde und Schreck einige Male hin und her, bis es plötzlich wie eine Maske umfiel, und eine lachende Gestalt, die sich dahinter verborgen, hervorsprang, welche Flämmchens Züge trug.

Sanfte Töne erweckten ihn nach einigen Stunden aus dem dumpfen Morgenschlafe, in welchen sich denn doch zuletzt[54] jene Spiele der Einbildungskraft verloren hatten. Ein roter Schein zitterte durch das Haus. Noch war es leer. Sein erster Gedanke suchte die Kinder. Er stieß eine Tür auf, da ward ihm ein Anblick, der nicht schöner sein konnte. Auf einer über den Fußboden gebreiteten Matratze ruhten die Unschuldigen lächelnden Gesichts nebeneinander. Die trotzigen Züge des Knaben waren gemildert, der Kopf des Mädchens lag auf der Brust des Bruders, sie hielt ihre Hände gefaltet. Der Knabe hatte seine Schwester im Arme. Das Morgenrot beleuchtete die Gruppe, und gab dem dunkelblauen Pfühle, auf dem die Kinder schliefen, eine tiefe Purpurfärbung. Dazu erklangen von draußen die gehaltnen Töne der Blasinstrumente.

Doch nur wenige Augenblicke dauerte dieses schöne Gesicht. Das Morgenrot setzte sich schnell in den gelben Schein des Tages um, die Gestalten der Kinder erbleichten, und die Farbe des Pfühls wurde ein kaltes Blau. Draußen fielen die Instrumente mit einem hallenden Jägerstückchen ein.

Hermann ging hinaus. Vier bis fünf Grünröcke standen im Kreise und bliesen. Nachdem sie ihr Stückchen vollendet, wandte er sich an den, der ihm der Herr und Meister der übrigen zu sein schien. »Herr Förster«, sagte er etwas bitter, »Ihre Frau lebt noch, aber Ihre armen Kinder sind fast vor Angst gestorben.«

Der Förster, der sich seines Hagestolzenstandes in Ehren bewußt war, und schon mit Verdruß einen Fremden aus seinem Hause hatte kommen sehn, musterte Hermann vom Kopf bis zum Fuß, und entgegnete nichts, als ein langgezognes: »Was?«

Man erklärte sich indessen bald. Die Kinder waren mit ihrer kranken Mutter tags zuvor angekommen, und hatten den Förster um den Liebesdienst gebeten, sie aufzunehmen, weil die Mutter vor übergroßen Schmerzen nicht einen Schritt weiter fahren konnte. Woher sie gekommen? Wie die Familie heiße? Was der Frau fehle? um alles dieses hatte sich jener Westfale nicht bekümmert. Denn er war der Meinung, daß das Wissen aufblase, und unnütze Neugier vom Übel sei. Es war gleich nach dem Arzte geschickt, die Kinder selbst hatten, entschlossen, wie Hermann sie kannte, einen Boten an ihren Vater gedungen. Somit war alles Nötige geschehen, und der Förster hatte[55] sich nicht weiter um die Sache bekümmert, sondern seinen gewöhnlichen Holzgang gehalten.

»Es war keine Seele im Hause. Wie konnten Sie die Unglücklichen über Nacht allein und hülflos lassen?« fragte Hermann mit Heftigkeit.

»Mein Herr, was geht Sie denn eigentlich meine Handlungsweise an?« entgegnete kaltblütig der Förster. »Ich war auf dem Tanz bei dem Hofschulzen, wohin ich alle Jahre mit meinen Leuten gehe. Engel sollte zu Hause bleiben, ist Engel fortgelaufen, so kriegt Engel die Karbatsche!« – Er verstand unter diesem Engel seine Magd Angela, welchen Namen das Volk dort solchergestalt zusammenzieht.

Hermann war überzeugt, daß er hier ins Mittel treten müsse, um die Gefühllosigkeit des Grünrocks durch das Interesse zu bezwingen. Die Goldstücke der Herzogin, die ihm freilich zu einem andern Zwecke gegeben waren, brannten in seiner Tasche; er rief: »Ich bezahle alles, was die Kinder mit ihrer Mutter bei Ihnen verzehren, aber ich bitte mir aus, daß Sie gewissenhafter sich ihrer annehmen. Heute abend oder morgen früh bin ich wieder hier.«

Er ging, ohne den Förster nach dem Wege zu fragen, was auch unnötig war. Denn nur die Nacht hatte ihn getäuscht. Das Försterhaus lag auf einer Waldblöße, und hinter einem dünnen Saum von nahem Gebüsch lief der große Heerweg.

In kurzer Entfernung sah er den wohlbekannten Turm des Städtchens. Er hatte sich also am Abend zuvor im Zirkel umhergetrieben.

Der Förster stand nach der leidenschaftlichen Anrede Hermanns einige Minuten schweigend, als müsse sich seine Seele erst besinnen, wie sie solche Beleidigungen aufzunehmen habe. Dann brach er mit einem grimmigen Fluche los, und rief zornig, daß seine Rüden zu bellen begannen: »Brauche ich denn dein Geld! Bin ich denn ein Schenkwirt? So soll doch das Donnerwetter dareinschlagen!«

Er ging eiligst in sein Haus, entschlossen, wie rohe Menschen in solchem Fall zu sein pflegen, für die Schuld eines Dritten die Unschuldigen büßen zu lassen.[56]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 53-57.
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