Achtes Kapitel

[606] Eine solche Wendung war den Mächten, welchen das menschliche Dasein nur zu leicht verfällt, gelungen. Voraussicht, Klugheit, Berechnung waren zuschanden gemacht worden, ein furchtbarer Blitz hatte sein grelles Licht auf die Nichtigkeit frommer Zuneigung geworfen, den fürsorglichsten Mann riß das Schicksal mitten aus ungeordneten Verhältnissen in Verzweiflung hinweg. In einem Hause, worin nur der Verstand galt und anerkannt wurde, hatte der widersinnigste Aberglaube seine Flügel, bis zum Wahnwitz treibend, schwingen dürfen, und über Lippen, die nicht wußten, was sie sprachen, war das Geheimnis der Familiensünde elementarisch gesprungen.

Diesen Ausgängen war hier niemand gewachsen. Die Arbeit stockte, mutlos schlichen die Geschäftsleute umher. Man mußte an die Bestattung der Leiche denken, und auch da zeigte es sich, daß der Zorn jener dunkeln Gesetze, welche in[606] ihr volles Recht hier eingesetzt zu werden forderten, noch nicht vorüber sei.

Theophilie, von welcher man den Schlüssel zum Erbbegräbnisse wiederverlangte, weigerte sich, ihn zu geben, und berief sich auf die Entsagungsurkunde, welche der Oheim an seinem letzten Lebenstage ausgestellt hatte. Man bewog den Prediger, zu ihr zu gehn, der denn auch alle Beweggründe der Milde und Versöhnlichkeit anwendete, ihren Willen zu beugen.

Sie ließ ihn ruhig ausreden und sagte dann: »Ich ehre diese Grundsätze des Friedens, aber man kann verschiedne Wege gehn, die alle recht und gut sind. Auch die Vergeltung hat ihre Ehren. Ich bin die Rächerin meiner Familie. Er hat uns im Leben aus unsrem Eigentume getrieben, dafür versage ich ihm die Ruhe bei meinen Toten. Immer noch eine sehr glimpfliche Rache, sollte ich meinen. Das Geheimnis, welches ich wußte, wäre mit mir zu Grabe gegangen, der Schlaf verriet es einem fremden Ohre; nun wurden Versprechungen gewechselt, und Briefe den Flammen übergeben, um es ja recht sicher zu bewahren. Aber ein kindischgewordner Geist plaudert es wider Willen und Absicht dem Sterbenden aus, und stößt ihm damit das Herz ab. Ich finde etwas Großes und Göttliches in diesem Hergange; er erinnert an alte Märchen, worin Bachwellen und rauschende Baumzweige das Tiefverborgne an den Tag bringen.«

Da er sah, daß sie nicht zu überreden war, so stand er ab; man beschloß, kein Aufsehn zu erregen, indem man Zwang gegen sie versuchte. Die Menschen hatten durch die stattgehabten Ereignisse alle Besinnung verloren. Einer schlug vor, den Oheim im Mausoleum zu bestatten, wie er ja selbst verfügt habe, und die andern billigten seinen Rat, zu dessen Ausführung alles in Bereitschaft gesetzt wurde.

Aber die Natur hat zuweilen in ihrem tiefen Busen ein Gefühl für Wahrheit, und will nicht dulden, daß das ganz Unschickliche geschehe. In der Nacht wurden die Bewohner des Dorfs von einem Getöse erweckt, in welchem sie bald das Rauschen stürzender Fluten erkannten. Man machte sich mit Fackeln und Windlichtern hinzu, und sah bei deren Scheine[607] den Bergweg zum schäumenden Wasserfalle verwandelt. Unten im Dorfe flossen die Wogen zu einem Bache ab, der an manchen Stellen gürteltief war.

Als es tagte, nahm man ein grauses Schauspiel wahr.

Durch die Eingangspforte des Mausoleums, wie durch einen Brückenbogen, schoß der weißschäumende Strom bergab, und hatte Mauerstücke, Bäume, ja auch die Behältnisse, welche die Gebeine der Mutter und des Sohns bargen, mit sich fortgerissen. Diese lagen, kläglich umgeworfen, von Schlamm und Graswust widerlich umsäumt, am Abhange des Berges. Ein Teil des Gruftgewölbes war eingestürzt, und dem Ganzen drohte dasselbe Schicksal, wenn die Gewalt der immer weiter wühlenden Fluten nicht bald gebrochen wurde.

Die Ursache dieser Zerstörung war nur zu bald entdeckt.

Der Weiher, von der Maschine, an deren Wiederbelebung niemand in der allgemeinen Bestürzung gedacht hatte, nicht mehr ausgeschöpft, und überdies durch Regengüsse in den Bergen über seinen gewöhnlichen Inhalt angeschwollen, hatte mit der ganzen Wassermasse durch die verborgnen Rinnen auf die Auswölbung der Gruft gedrückt, und wahrscheinlich in kurzer Zeit den Widerstand des Gemäuers überwunden.

Es geschah, was geschehen konnte, um die Gefahr einer Überschwemmung von den Talbewohnern abzuhalten. Die Maschine arbeitete wieder unausgesetzt, so daß der Zufluß zum Gewölbe bald vermindert wurde, und man auch von dort dem Elemente entgegenwirken konnte. Das einzige Mittel kräftiger Begegnung war, die Gruft auszuschütten, und den Berg in seiner dichten Ründung herzustellen. Dies geschah mit rastloser Tätigkeit. Felsblöcke, Buhnengeflecht, Lehm- und Schuttlagen mußten die Höhlung füllen, und nach vierundzwanzig Stunden war von dem schönen Werke der Baukunst nichts mehr zu erblicken, als der Marmor der Pforte, welcher unnütz und wehmuterregend aus jenen niedern Stein- und Erdumgebungen hervorblickte. Bei der gewaltsamen Arbeit hatte man natürlich der Wege und Anlagen nicht schonen können, so daß, als die Sache getan war, zertretner Rasen, abgebrochne Stauden, verwüstete Blumenflecke,[608] Sumpf und Nässe den Rahmen um jenes ausgetilgte Denkmal ehelicher Liebe bildeten. Inzwischen wartete der Prediger seines Amtes, ließ im Dunkel des späten Abends Mutter und Sohn erheben, und unbemerkt ohne Geleit auf dem Kirchhofe des Dorfs einsenken. Auch war nach diesen letzten trüben Dingen von ihm sogleich ein reitender Bote an den Rechtsfreund des Oheims in der Standesherrschaft abgesendet worden, dort das Gewölbe für die Leiche auftun zu lassen, und sie so dem Hasse und den wütenden Naturkräften zu entrücken, welche sich hier gegen ihre letzte Rast verschworen zu haben schienen.

Traurig und langsam rückte der schwarzbehangne Wagen in kleinen Tagereisen gegen die Grenze jenes adlich gewesenen Gebietes vor, welches nun die eingefallnen und geschloßnen Augen des bürgerlichen Erwerbers nicht schauten, wo keiner dem neuen Herrn mit verehrendem Gruße entgegenkam. Aber in der Nähe des Schlosses erhielt der Verblichne Gesellschaft; auch der Herzog befand sich auf dem letzten Wege zur Gruft seiner Ahnen. Man hatte, die Bestattung möglich zu machen, die Herzogin unter einem Vorwande zu entfernen gewußt, und jene, sobald man erfuhr, daß auch der Oheim dort ruhen solle, beeilen wollen, um fertig zu sein, wenn diese zweite Leiche einträfe. Allerhand Zufälligkeiten verzögerten indessen die Ausführung der Anstalten, und so kam es, daß die beiden Züge in dem breiten Wege, welcher nach dem Erbbegräbnisse führte, zusammentrafen. Der Prediger trat mit dem herzoglichen Kaplane in kurze Beratung, und beide Männer, von einer religiösen Empfindung erschüttert, ordneten an, daß der Tod keinen Vortritt gewähren, sondern seine stillen Untertanen mit gleichen Rechten empfangen solle. Weg und Pforte waren geräumig genug, zwei Särge nebeneinander aufzunehmen, und so gingen die Gegner einträchtig zusammen in die dunkle Wohnung ein.

Nach diesen Entscheidungen des Todes und der Nacht wandten sich die Hinterbliebnen in das Leben zurück. In den Fabriken trat aus den Vorstehern eine Kommission zusammen, welche die Geschäfte in der bisherigen Weise und im[609] Geiste des Verblichnen fortzusetzen sich bemühte. Auf dem Schlosse des Standesherrn wurde von ihren Bevollmächtigten inventarisiert, auf Feldern und Waldgründen vermessen. Die Maschinen begannen wieder zu klappern, die Arbeiter ihre Packen auf den gewohnten Wegen zu tragen, in den Comptoirs schrieb und rechnete man wie früher.

Wenn sie sich nun aber fragten, wer der Herr der unermeßlich angewachsenen Güter sei, und für wen alle diese Arbeit geschehe, so war die Antwort von der Art, daß sie, selbst nach allen den wunderbaren und erschreckenden Fügungen des Zufalls, noch staunen machen mußte. Wie man sich wenden mochte, die Lage der Sache ließ sich nicht bestreiten. Der Oheim war ohne Testament, kinder- und geschwisterlos gestorben, und Hermann als Neffe daher ohne allen Zweifel sein nächster, gesetzlicher und rechtmäßiger Erbe.

An Verderben und Untergang mag niemand, der seine Hände rüstig bewegt, denken; wie jedoch unter einem solchen Eigentümer ein fast unübersehlicher Besitz, das weitverzweigteste Geschäft sich steigern, ja nur sich notdürftig erhalten lassen sollte, mußte dem klügsten menschlichen Auge verborgen bleiben.

Wilhelmi war angekommen. Auch ihn bewegten die Ereignisse tief, als er ihren Gang und Zusammenhang vernahm. Er meinte einen Augenblick, Hermanns Abspannung durch die plötzliche Nachricht von dem märchenhaften Glücke, welches ihn betroffen, aufzurütteln, aber vergebens. Hermann empfing die Meldung, daß er nun ein Millionär sei, wie etwas Bekanntes, woran er, wie er sagte, gleich bei dem Absterben des Oheims gedacht habe.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 606-610.
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