Eilftes Kapitel

[393] Inzwischen hatten die Untersuchungen gegen die Demagogen ihren weiteren Verlauf genommen, lieferten jedoch nicht die Ergebnisse, nach welchen die Behörden hauptsächlich hinsteuerten.[393] Die Verschuldungen der Jünglinge lagen so ziemlich klar zutage, ihnen aber war im voraus verziehen; sie sollten mit dem Schreck davonkommen. Was man am eifrigsten suchte, war, das Dasein und die Glieder jenes Männerbundes zu ermitteln, welcher Staat und Thron allerdings ernstlicher mit dem Umsturze bedrohte. In dieser Beziehung waltete noch ein undurchdringliches Dunkel; die geheimen Störenfriede und Verderber waren mit solcher Klugheit zu Werke gegangen, daß trotz aller Korrespondenz nach den verschiedensten Gegenden Deutschlands hin, mehr nur Vermutungen als Tatsachen zum Vorschein kommen wollten.

Der Beamte, welcher jene Nachforschungen zu leiten hatte, ging in Medons Hause viel ein und aus. Er erzählte dort im Vertraun manches von jenen Dingen, und so erfuhr Hermann, daß der grimmige Mecklenburger durch das ihm, wie wir wissen, in größter Sanftmut zuerkannte einsame Gefängnis gezähmt worden sei, und seine Bekenntnisse abzulegen beginne. »Er gesteht«, sagte der Beamte, »daß ihm in Zürich ein Mann erschienen sei, welcher ihm von dem wirklichen Vorhandensein eines Männerbundes Kunde gegeben und ihn aufgefordert habe, einen Bund der Jungen zu stiften, welcher sich an jenen anlehnen solle. Er hat von jenem Manne Zeichen und Symbole empfangen, und ist denn auch wirklich der Stimme der Verführung gefolgt.«

Medon hörte dieser Erzählung mit Gleichgültigkeit zu. »Man sollte«, sagte er, »den jungen Leuten kurzen Prozeß machen, sie sind einmal für ihre Lebenszeit vergiftet, der Staat müßte, wenn er mehr klug als milde wäre, den schädlichen Stoff zerstören, welcher, wenn man ihn bestehn läßt, in wechselnder Gestalt sich immer wieder hervordrängen wird.«

»So sind Sie für strenge Maßregeln?« fragte der Beamte.

»Durchaus«, versetzte Medon. »Auch hierin könnte uns das Altertum zum Lehrmeister dienen. Es vertrug sich nicht mit seinen Feinden, es vernichtete sie.«

»Nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht über sich das Verdammungsurteil aussprechen«, sagte der Beamte scherzend. »Sie können leicht auch in diese Untersuchung verwickelt werden.«[394]

»Wieso?« fragte Medon.

»Sie müssen doppelt in der Welt umhergehn«, versetzte jener. »Der Student beschreibt den Mann, welcher ihn so freventlich verlockt, Zug vor Zug, wie Sie aussehn; selbst das Mal, welches Sie an der linken Handwurzel haben, hat er bei dem Hokuspokus, den der falsche Prophet mit ihm getrieben, bemerkt. Zuletzt muß ich Sie mit ihm konfrontieren, und Sie können noch als Rädelsführer der politischen Verschwörungen unsrer Zeit in meine Gefängnisse wandern.«

Man lachte hierüber, und der Sache wurde eine Zeitlang nicht weiter gedacht. Doch fing der Beamte einmal später wieder an, von dem Gegenstande zu reden, und sagte zu Medon: »Wir Aktenleute sind eine Art von Fetischanbetern, die Dienstpflicht ist unser Götze, dessen Gebote wir erfüllen müssen, sie seien noch so unsinnig. Wollen Sie mir glauben, daß ich bei meinem Mecklenburger Demagogen den Gedanken an Sie nicht mehr aus dem Kopfe loswerden kann? Ich rede mir tagtäglich das Ungereimte dieser Ideenverknüpfung vor, und dennoch, sobald der Mensch wieder anfängt, den Apostel des Männerbundes zu beschreiben, ist es mir, als müsse ich Sie ihm vorstellen, weil das Signalement nun einmal schwarz auf weiß in meinen Protokollen steht, und ich ein Individuum kenne, auf welches dasselbe zu passen scheint. Es läßt mir keine Ruhe; abgeschmackte Träume phantastisch-juristischer Art ängstigen mich. Letzte Nacht träumte mir, ich stände am Jüngsten Tage vor den Schranken des Weltgerichts. Der Engel mit der Posaune fragte donnernden Tons: ›Warum hast du die Konfrontation unterlassen?‹ worauf ich keine Antwort geben konnte. Ich wurde deshalb zur Höllenstrafe verurteilt, welche darin bestand, daß ich alle meine Corpora delicti aufessen sollte, obgleich sich darunter Sachen von Stahl und Eisen befanden. – Etwas Auffallendes, um eines aberwitzigen Spiels des Zufalls willen zu veranlassen, würde ich mir nie vergeben können; allein ich wollte Sie schon ersuchen, doch einmal wie von ungefähr auf mein Verhörzimmer zu kommen, wo Ihnen denn ebenso von ungefähr der Demagoge vorgeführt werden sollte. Dann wäre mein Gewissen beruhigt; versagen Sie mir also diese Gefälligkeit nicht.«[395]

»Ich will das recht gern tun«, versetzte Medon. »Nur müßte ich Sie bitten, noch einige Zeit in Geduld zu stehn. Ich habe eine Reise vor, und bis dahin jede Minute besetzt.«

»Lieb wäre es mir doch, wenn sich ein halbes Stündchen dazu vor der Reise finden wollte«, sagte der Beamte. »Die Sache ist im übrigen zum Spruche reif, und wenn ich gesehen, daß Sie es nicht waren, welcher dem Demagogen in Zürich begegnete, so kann ich das Papier getrost den Herrn am grünen Tische zuschicken.«

»Es wird sich noch davon reden lassen«, versetzte Medon, und brach das Gespräch ab; welchem Hermann, unbemerkt nahestehend, zugehört hatte.

Kurz darnach wurde er zu Johanna berufen. »Wollen Sie mir einen Dienst leisten?« fragte sie ihn. »Jeden«, versetzte er. »Können Sie schweigen?« fuhr sie fort. »Ich hoffe es«, erwiderte er.

»Ich werde diesen Ort vielleicht auf einige Zeit verlassen müssen«, sagte sie mit leiser Stimme. »Bis hieher hat mich ein schlimmes Geschick führen dürfen, weiter aber nicht. Ich werde Sie vielleicht um Schutz und Begleitung ansprechen auf heimlicher Wandrung. Vor allem suchen Sie ein einsames Haus, womöglich mitten im wildesten Walde zu entdecken, darin ich verborgen leben kann.«

Hermann, bestürzt über dieses Ansinnen, tat stammelnd einige Fragen nach dem Beweggrunde eines so leidenschaftlichen Entschlusses. Sie legte den Finger auf seine Lippen und sagte: »Stille! Wollen Sie mir nicht helfen, so wird Gott mir beistehn.« – Verwirrt gelobte er ihr jeden Dienst, welcher sich mit Ehre und Pflicht vereinigen ließe.

Der Charakter Medons, das Verhältnis der beiden Gatten wurde ihm immer rätselhafter. Hier schien kein einzelnes Verschulden, keine besondre Zwistigkeit vorzuliegen, sein und ihr Dasein schien eine große Unseligkeit zu sein.

Medon war gesprächig, belehrend, wie sonst, doch nahm Hermann an seinen Reden und Scherzen etwas Überreiztes wahr. Er ließ fallen, daß er vielleicht den Winter in Italien zubringen werde, doch müsse ein solcher Entschluß, wenn man[396] ihn überhaupt ausführen wolle, urplötzlich ausgeführt werden, denn Reisen gelängen nur, aus dem Stegreife unternommen.

Sein häuslicher Zirkel hatte den höchsten Glanz erreicht. Ein Prinz, der für das Musterbild aller Geistreichen galt, war auf Johanna aufmerksam geworden, hatte sich ihr genähert, Zutritt zu ihren Abenden erbeten, und war seitdem beständig dort. Dieser vornehme Stern zog andre Planeten und Monde nach sich, so daß der Glanz der Kerzen dort bald durch das Blinken aller der Ordenskreuze und Ehrenzeichen beinahe ausgelöscht wurde. Man sprach davon, daß der Staat sich nicht länger so außerordentliche Kräfte, wie die Medons, entgehn lassen werde, daß ihm Anstellung in einem hohen Posten bestimmt sei, wobei man nur von seiner Liebe zur Ungebundenheit eine abschlägige Antwort befürchtete. So viel ist gewiß, daß er noch längere vertrauliche Zusammenkünfte mit obersten Beamten hatte, als früherhin, und daß nach und nach dienstliche Papiere und Hefte von den Zentralstellen zur Begutachtung in sein Kabinett zu wandern begannen.

Der Prinz belebte die Gesellschaft durch Mitteilungen aus seinem Hof- und Reiseleben. Er hatte ein großes Talent im Erzählen, und die gewöhnlichsten Vorfälle bekamen durch eine epigrammatische oder satirische Wendung in seinem Munde etwas Anziehendes. Noch stärker war er im Vortrage von Märchen, zu welchen sich unser lockrer Lebensstoff ihm gern verflüchtigte. Er gab deren mehrere an jenen Abenden, aus dem Stegreife beginnend, ohne Anmaßung von etwas Außerordentlichem, in so schlichter Einfalt nur noch stärker die Zuhörer fortziehend. Eins derselben ist aufbewahrt worden, und mag dieses Buch beschließen.

Johannas Wangen wurden blässer und blässer. Oft kam sie Hermann in ihrem sammetnen Gewande, unter ihren Perlen und Juwelen, wie eine geschmückte Leiche vor, und nur ihre Worte, das tiefste Gefühl atmend, wenn er sich ihr nahte, bewiesen ihm, daß hier noch ein schönes Leben sich rege, aber freilich unter einer ungeheuren Last zuckend.[397]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 393-398.
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