Fünfzehntes Kapitel

[494] Man hat den Maler gelobt, welcher, die Grenzen seiner Kunst erwägend, auf dem »Opfer der Iphigenia« dem Vater Agamemnon das Haupt verhüllte. Zu diesem oft angeführten Beispiele müssen auch wir unsre Zuflucht nehmen, wenn wir bekennen, daß unsre Feder die Empfindungen nicht schildern mag, welche Hermanns Brust zerrissen, als der Tag in sein Gemach schien. Es gibt ein Bewußtsein, von welchem kein menschliches Wort das Genügende aussagen kann. Ach, und dennoch sind die Dinge möglich, die so wütende Schmerzen in uns hervorrufen, und werden uns Armen auferlegt!

Im tiefsten Dunkel war er nach seinem Lager zurückgekehrt. Aus unerquicklichem Schlummer mit dem Morgenrote emporfahrend, wollte er sich überreden, das Erlebte sei nur ein[494] lasterhafter Traum gewesen. Aber da brannten und schmerzten seine wunden Lippen noch von wilden Küssen, da fehlte seinem Finger der goldne Ring, den er zu tragen pflegte, und der ihm unter reizenden Liebesspielen entschmeichelt und abgestreift worden war.

Er war unglücklich, ganz unglücklich. Ein Heiligtum war geschändet, ein Götterbild von seinem hohen Stande schmählich in den Kot gestürzt worden. Er ging in den Garten, die Bäume schienen ihm falbe Asche statt des Laubes auf ihren Zweigen zu tragen, Luft und Sonne waren ihm zuwider. In die Laube, worin er sich niedergesetzt, flog ein Vögelchen und sah ihn unschuldig – neugierig an. »Willst du meiner spotten?« rief er und schlug nach dem Tiere.

Im Garten, wie im Hause war alles still. Die jungen Leute, die Diener verschliefen ihre Anstrengungen. Flämmchen war nicht zu sehen.

Die Alte kam, ein dampfendes Getränk auf silbernem Teller tragend, und sagte feierlich – höhnisch: »Ich bringe Euch Stärkung, Ihr muntrer Ritter. Seht Ihr wohl? Nun habt Ihr doch getan, was der Starke, Dunkle mir versprochen hatte. Ihr lagt so recht der Tugend im Schoße, nicht wahr?«

»Fort, du Scheußliche!« rief Hermann, und schleuderte heftig die Alte zurück, daß die Tasse auf den Boden fiel und das Getränk verschüttet wurde. »Ei behüte und bewahre, laßt nur meine Knochen ganz!« murrte sie und schlich davon.

Ein Reiter sprengte an das Gittertor, in welchem Hermann den nach dem Schlosse des Herzogs gesendeten Boten erkannte. Er zog einen paketartigen Brief aus der Tasche und sagte: »Ich bringe Antwort.« – »Gebt sie an die gnädige Frau ab«, versetzte Hermann.

Er zitterte, Johannen zu sehn. Er schauderte vor dem Gedanken, ihr Zimmer zu betreten, auf dessen Schwelle sich die Erinnerungen der Nacht mit Furienantlitzen lagerten. Die Vernichtung wäre ihm willkommen gewesen.

Ein Knabe kam und sagte: »Sie werden im Birkenholze erwartet.« Bewußtlos schwankte er hin; Johanna trat ihm dort entgegen und rief: »Ich selbst in schlimmer Lage, soll noch andern helfen. Medon, seiner Haft entwichen, ist hier in unsrer[495] Nähe, spricht mich um Rat an. Sie ließ ich holen, um Schutz und Beistand bei diesem unseligen Wiedersehen zu haben, da ich doch schwächer bin, als ich meinte.«

Eine Gestalt im Mantel näherte sich, schlug die Verhüllung zurück und Medons bleiches, verwildertes Antlitz wurde sichtbar. Er stürzte vor Johannen nieder. »Vergeben Sie mir alles, was ich an Ihnen getan!« war sein erstes Wort.

»Stehen Sie auf, Medon«, versetzte Johanna. »Sie sind unglücklich; wie vermöchte ich, Ihnen zu zürnen? Wir Frauen haben die Eigenheit, selbst unsre Irrtümer zu lieben, in diesem Worte werden Sie eine Beruhigung über mich und mein Gefühl für Sie jetzt und künftig finden. Es war ein Irrtum, daß ich Sie liebte, aber ich habe Sie geliebt; vor dieser Wahrheit zerschmilzt alles Bittre und Zürnende.«

Der Unglückliche brach in ein unendliches Weinen aus. »Ist keine Hoffnung, daß wir uns je wiedersehen?« fragte er leise.

»Keine«, versetzte sie. »Ich habe abgeschlossen mit Ihnen und mir. Ich könnte noch für Sie dulden und leiden, aber nicht mehr mit Ihnen leben.«

»So höre denn, daß in diesem Augenblicke, der mich auf ewig von dir scheidet, mein Herz sich für ewig an dich knüpft!« rief Medon mit aller Glut der heftigsten Leidenschaft. »Ja, nun, da ich dich einbüße, sehe ich, was ich verscherzt habe! Diese Anmut und Hoheit konnte mein sein und ich Sinnloser warf sie hin um Nichtiges!«

»Enden wir«, sagte Johanna, »auch mich verläßt die Kraft. Gehen Sie aus Europa; meine Briefe, welche ich Ihnen nach Ihrem verborgnen Aufenthalte senden werde, öffnen Ihnen durch Freunde die Mittel und die Wege. Hier nehmen Sie die Hälfte dessen, was ich besitze. Sie dürfen nicht Mangel leiden. Und nun gehn Sie, daß Sie kein Späher ausforscht. Fassen Sie sich. Die Verzweiflung ist für schwache Seelen.«

Er bedeckte ihre Hand mit inbrünstigen Küssen, dann verschwand er zwischen den Bäumen. Johanna wandte sich zu Hermann und sagte zu ihm mit der himmlischen Ruhe und Klarheit, welche ihre Worte an Medon durchleuchtet hatte: »Auch wir scheiden. Die Herzogin schreibt mir, daß sie bei ihrem Anerbieten, mich wieder aufnehmen zu wollen, beharre.[496] Mein Wagen ist bestellt. Dieses Paket sendet sie für Sie. Leben Sie wohl. Ich fühle keine Reue, daß sich mein Wesen Ihnen in schrankenloser Zärtlichkeit ergab. Vielleicht löset das Leben, gewiß der Tod dieses schöne Rätsel des Gemüts; die selige Nacht, in der es aufblühte, gehört uns beiden zu unveräußerlichem Eigentume.«

Hermann war unvermögend, zu antworten. Er sank auf eine Steinbank, als sie ging. Die Welt wankte vor seinem Geiste in ihren Grundfesten. »Erhalte mir das Licht im Haupte, du heilige Macht da droben!« rief er, und rang die Hände. »Diese war Johanna, die Reine, die Unbefleckte! Sie lächelte und redete auch noch ganz so, wie mein lieber hoher Engel von ehedem.«

Er erbrach das Paket. Die der Herzogin einst anvertraute Brieftasche, das geheimnisvolle Vermächtnis seines Vaters, war in demselben. Folgende Zeilen hatte die Herzogin in französischer Sprache dazu geschrieben:


»Mir ist hinterbracht worden, welche Unsittlichkeit Sie auf unsrem Schlosse sich erlauben zu dürfen meinten. In dem durch Ihr Verhalten mir aufgeregten Gefühle bin ich außerstande, länger, was Ihnen gehört, zu bewahren, und entlaste mich durch die Rücksendung der bisher geübten Pflicht.«


»Recht so!« rief Hermann und lachte ingrimmig. »Unsre Sünden werden uns zu Tugenden, und um das Unschuldige verwerfen uns die Menschen. Es ist nur eine kleine Zugabe zu großem Elend. Venus Urania ist bei Nacht nichts als die Hetäre Kallipygos, aber wenn die Sonne wieder scheint, stellt sich die Göttin in Worten und Mienen unverletzt her. Schein und Schaum die Welt und die Wahrheit, oder umgekehrt: Schein und Schaum das allein Wahre! Nun wäre ich ja wohl auf dieser hohen Schule der Folterkünste, aus welchen böse Geister das Leben wirken, genugsam vorbereitet, zu erfahren, was die Lippen meines alten Vaters mit in das Grab genommen haben.«

Er öffnete das Portefeuille und las den Inhalt.


*
[497]

Wenn es erlaubt ist, bei einem Werke des Orts und der Stunde, welche ihm das Dasein gaben, zu gedenken, so sei dem Verfasser gegönnt, ein solches Taufzeugnis hier niederzuschreiben. Wunderbar übereinstimmend war der Boden aller Verhältnisse, auf welchem das gegenwärtige Buch dieser Denkwürdigkeiten wuchs, mit dem Inhalte desselben. Denn seltsame Ereignisse mußten beschrieben, die unvereinbarsten Gegensätze in den Schicksalen der Personen, welche uns beschäftigen, dargelegt werden. Und heimatlos war der Verfasser zu der Zeit, zwischen zwei Städten flüchtig hin und her geschleudert, in ein labyrinthisches Geschäft mit Menschen und Dingen verstrickt, an welchen selbst die Götter ihre Meister finden könnten. Was Wunder, daß diese grause Harmonie der Äußerlichkeiten und Stimmungen mit seiner Aufgabe ihn oft fürchten machte, letztere werde ungelöst in jenen Knäuel der Umgebung sich verlieren.

Da tat ihm ein ehrwürdiger, geistlicher Freund die stille Arbeitszelle in dem aufgehobnen Kloster hinter ruhig – säuselnden Bäumen und friedlich – dunkeln Bachwellen auf. Für diese Freistatt sei dem guten Abte Beda der Dank auch hier bezeugt, dessen ihn mein Mund schon oft versichert hat. Der Liebesdienst wurde zur rechten Zeit erwiesen, und war daher wie alles, was zur rechten Zeit kommt, ein unschätzbarer.[498]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 494-499.
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