Siebenzehntes Kapitel

[307] Andern Tages ließ ihn der Herzog rufen. Auch diesen fand er verwandelt, blaß und abgespannt. »Ich habe Ihnen etwas zu eröffnen und Sie um eine Gefälligkeit zu bitten«, hob der Fürst an. »Der Anspruch Ihres Oheims ist Ihnen bekannt, der entscheidende Adelsbrief meiner Urgroßmutter bleibt verborgen; ich habe mit verschiednen Rechtsfreunden wegen dieser Angelegenheit Rücksprache genommen; sie meinen, der tollste, widersinnigste Ausgang des Streites sei bei der jetzigen Verwirrung der Begriffe nicht undenkbar.

Werde ich vom Schlosse meiner Väter getrieben, so bin ich vernichtet. Andre verhärten sich dem Unglück gegenüber, und werfen stolz den Nacken empor. Ich bin nicht so stark; der schreckliche Gedanke hat mich gebeugt, ich habe ein Vorgefühl, wie das eines Sterbenden. Empfangen Sie in diesen Geständnissen den Beweis meines vollen Zutrauens. Ich wünsche das Unrecht, welches ich etwa zugefügt, gutzumachen, und für den Fall, daß ich aus Glanz und Macht abzuscheiden bestimmt bin, nur versöhnte Herzen hinter mir zurückzulassen. Ich habe um eine Kleinigkeit, um eine Grille, wenn Sie wollen, die Entfernung eines treuen bewährten Dieners zugegeben, auch nach seiner Rückkehr merke ich wohl, daß sein Gemüt verletzt geblieben ist, ich sehe, daß er auf andre Lebenswege sinnt. Er tue, was er will, ich werde ihn in seiner Laufbahn nicht hindern, aber er nehme, wenn er geht, das Gefühl mit, daß ich nicht schlimm war und nachzugeben verstanden habe. Empfangen Sie hiemit den Hauptschlüssel, der auch die Türe des Archivs öffnet, lassen Sie den Schrank, welcher unsern Hader veranlaßte, aus dem Gewölbe irgendwohin bringen, wo er nicht im Wege steht, sagen Sie dann Wilhelmi, daß die Stelle frei geworden sei, und daß er dort die Umändrungen vornehmen möge, welche ihm belieben.«

Der Fürst hatte dieses alles so niedergeschlagen und doch so edel gesprochen, daß Hermann, trotz der Geringfügigkeit des Gegenstandes, um den es sich hier handelte, eine innige Rührung empfand. Mehr um etwas zu sagen, als weil ihm daran gelegen gewesen wäre, es zu erfahren, fragte er den Herzog[307] bescheiden, warum er überhaupt einen so großen Wert auf den unverrückten Stand jenes Schranks gelegt habe.

»Ich hatte dazu einen allgemeinen und einen besondern Grund«, versetzte der Fürst. »Wilhelmi ist die eigenste Zusammensetzung von Pedanterie und unruhiger Neuerungssucht. Wie er die Sachen stellt und legt, so müssen sie stehn und liegen bleiben, und wehe dem Sonnenstäubchen, welches sich unterfinge, störend dazwischen zu kräuseln! Aber dann fällt ihm auf einmal selbst ein, alles umzukramen, und die neue Einrichtung wird nun, bis sich eine dritte Laune meldet, ebenso streng, wie die frühere gehalten. Ich fürchte, wenn er den Schrank erst aus dem Archive weg hat, so wird ihm das Archiv selbst bald nicht mehr gerecht sein, er fordert dann von mir wohl einen andern Raum, und ich habe wieder Verdruß mit ihm. Darum bestand ich auf meinem Willen wegen dieses Schrankes, welcher mir aber auch insonderheit als ein altes schön ausgelegtes Stück lieb und wert war. Nun weiß man wohl, wie es mit solchen vorzeitigen Dingen sich verhält. Sie werden ihn schwerlich unzertrümmert aus dem Gewölbe bringen; ich habe gesehn, daß die Würmer ihr Werk an ihm getan haben. Mein Großvater ließ ihn, als die Franzosen in den neunziger Jahren heranrückten, in das Archiv schaffen. Der Feind kam, es gab eine furchtbare widerwärtige Nacht, die dem Greise einen Schlagfluß zuzog. Mein Vater war auf Reisen abwesend, mich hatte der Großvater um sich, ich tat ihm alles zu Sinne und war ihm besonders lieb. Nun ist mir der Augenblick immer gegenwärtig geblieben, wie er sich mit gelähmter Zunge und starr gewordnen Händen von mir in das Archiv führen ließ. Er deutete auf den Schrank; er umfaßte ihn mit sonderbarer Gebärde, er wollte mir etwas vertrauen, was so gleichwohl sein Mund nicht mehr auszusprechen, seine Hand nicht mehr niederzuschreiben wußte. Bald darauf starb er. Mir aber hat die kindische Erinnerung nicht schwinden wollen, und sie mag denn wohl auch mitgewirkt haben, mich zu bestimmen, daß das altväterische Behältnis nicht von dem Platze gerückt werden sollte, welchen ihm der Großvater offenbar aus Sorge für seine Erhaltung vor der zerstörenden Hand des Feindes angewiesen hatte. Sehr traurig, daß ihn der[308] Tod damals überraschte; viel bares Geld, welches notwendig bei seinem Absterben vorhanden sein mußte, war verschwunden; er hat es wahrscheinlich irgendwo für immer den Augen entzogen. So bin ich auch im stillen überzeugt, daß er die Urkunde, welche uns jetzt retten konnte, zum Unheil seiner Nachkommen damals versteckt hat. Doch dies führt uns von der Sache ab, die Sie so bald als möglich ins Werk richten wollen.«

Hermann ging in den Marstall und ließ das Pferd satteln, welches ihm der Herzog zur Erkenntlichkeit für seine Bemühungen geschenkt hatte. Heute wollte er aus dem Schlosse scheiden, wo ihm so manches begegnet war. Die Stunde rückte heran, die ihm die Herzogin zur letzten Unterredung gönnen wollte. Mit klopfendem Herzen überlegte er sein Verhalten.

Er hatte unter der Büste von Schiller einige Stanzen gedichtet, die aus der tugendhaftesten Regung hervorgegangen waren. Mit großer Wärme schilderten sie eine leidenschaftliche Situation, gingen dann zu einer Apostrophe an die Heiligkeit der Pflicht über, und schlossen mit schwunghaften Zeilen, welche eine begeisterte Entsagung predigten. Er hatte sie, reinlich abgeschrieben, auf das Postament der Büste gelegt, wollte nur kurze Worte des Abschieds zur Herzogin reden, jedem Gespräche mit ihr vorbeugen, und stumm auf die Verse deuten, in welchen sie seine Gesinnung, und was ihnen beiden not tue, lesen sollte.

Es setzte ihn in nicht geringe Verlegenheit, und störte seinen ganzen Plan, daß er beim Eintreten die Herzogin schon beschäftigt sah, seine Stanzen zu lesen. »Ich habe da zufällig etwas von Ihrer Hand gefunden, was ja auch wohl kein Geheimnis sein soll«, sagte sie unbefangen. »Es sind recht hübsche Verse, aber so allgemein, daß ich vergebens nach irgendeinem Bezuge geforscht habe. Das ist mir immer das Unbegreiflichste an der Poesie gewesen, daß sie, was wir andern mit blutendem Herzen empfinden, wieder in ein leichtes Spiel auflöset, wobei der Dichter kaum etwas fühlt, wenigstens nicht in unsrem Sinne.

Möchte ich doch auch mit schweren Dingen so leicht scherzen können. Setzen Sie sich, mein Freund, so darf ich Sie nennen;[309] wir sind eine geraume Zeit vertraulich nebeneinander hergegangen. Lassen Sie mich zum letzten Male Ihre Wirtin sein, und sehn Sie mich nicht an, ich bin auch gegen Sie in Schuld.«

Sie bereitete ihm hierauf in einer zierlichen silbernen Schale Erdbeeren mit Zucker. Er sah zerstreut dem anmutigen Spiele der schönen Finger zu, und aß, um nur etwas vorzunehmen, denn er war in großer Verlegenheit.

»Als Sie in das Schloß kamen«, fuhr die Herzogin fort, »hätte ich Sie anfangs gern entfernt gesehen. Da ich Sie aber näher kennenlernte, segnete ich mein Geschick, welches mir in Ihnen den Helfer gesendet zu haben schien. Ich vertraue Ihnen ein Unglück unsres Hauses. Ein Frevel an Sitte und Gebrauch ist hier geschehn. Ich fühlte mich berufen, die verletzte Würde der Familie wiederherzustellen, und doch war ich zu schwach; ich bedurfte eines männlichen Arms. Diesen werden Sie mir leihen, wie ich hoffe.«

Sie erzählte ihm hierauf mit errötenden Wangen die Geschichte von Johanna und Medon, legte den Brief, dessen wir uns aus einem der vorigen Bücher erinnern, auf den Tisch, und sagte ihm den Inhalt desselben, daß er nämlich den Versuch enthalte, die Irrgeführte auf die rechte Bahn zurückzuleiten. Er wußte durchaus nicht zu erraten, wohin das alles zielte, hörte es jedoch nun sogleich.

»Wer sollte mein Bote an die Unglückliche sein?« sagte die Herzogin. »Nur ein zarter, feiner, kluger Mann war imstande, dieses Geschäft zu vollführen. Der Arzt ist hier durch seinen Beruf gefesselt; Wilhelmi hätte alles durch Laune und trübes Wesen verdorben. In Ihnen sah ich die Eigenschaften, die den Freunden fehlten; Sie erkor ich im stillen zu dem Dienste, welcher der wichtigste ist, der dem Herzoge und mir geleistet werden kann.

Ich hätte Ihnen nun offen mich und die Sache entdecken sollen. Aber nach Frauenart tat ich das nicht, ich liebte es, mich auf Umwegen dem Ziele zu nahn. Ich wollte Sie erst recht tief ergründen, prüfen, ausforschen. Ich suchte jede Gelegenheit, mit Ihnen unter vier Augen zu sein. Wissen Sie, Lieber, daß Walter Scott und das Englische für Lucie mir eigentlich wenig[310] am Herzen lagen, als ich Sie zum Korrektor meiner Übersetzung und zum Lehrer des jungen Kindes ernannte. Diese Dinge sollten nur den Faden spinnen, an dem ich Sie zu meinen Zwecken festhielt. Jeden Tag wollte ich meine Lippen öffnen, und verschob es dann doch wieder. Ich bin Ihnen gewiß oft mit meiner Verlegenheit und Unruhe rätselhaft erschienen. Als Sie abreisten, empfand ich die größte Not. Nun mußte gesprochen werden; doch ich vernahm, daß Sie wiederkehren würden, und schwieg abermals.

Wie durch einen bösen Dämon wurde ich darauf in den Feststrudel getrieben. Ich vergaß die so ernste Pflicht. Ernüchtert, bin ich von meinem Gewissen hart gescholten worden über das Vergessen, über den Leichtsinn, auch über das heimliche und künstliche Betragen gegen Sie.« Sie erhob sich. »Wollen Sie nach dieser Beichte einer Sünderin vergeben?« sagte sie, liebenswürdig, wie nie. »Darf ich diesen Brief noch in Ihre Hände legen? Werden Sie ihn nach der Residenz tragen, sagen, was er nicht ausspricht, handeln, vermitteln, leise, schonend, wie ich es an Ihnen kenne? Ich bitte Sie darum, machen Sie es mir möglich, daß ich mich als die treue, die helfende Gattin des Herzogs erweise, bringen Sie uns seine verleitete Schwester heim.«

Er empfing den Brief, bejahte nicht, verneinte nicht. »Was ist das?« sagte er draußen. »Nur eine Absicht war alles? Aber das Tagebuch! Das Tagebuch!«

Er nahm abermals die Blätter in die Hand. Zum ersten Male fiel ihm auf, daß das Papier etwas ausgebleicht war, wie von langem Liegen. Hastig blickte er nach der letzten Seite, wo das geschrieben stand, was er bis dahin immer übersehn hatte. Es war eine so unleserlich kleine Hand, und so blasse Dinte, daß es auch jetzt am Tageslichte ihm schwer ward, den Inhalt zu entziffern. Doch gelang es ihm endlich. Wer schildert seine Bestürzung, als er folgende Zeilen in französischer Sprache abgefaßt, lesen mußte:


»Ich bin, meine Ulrike in ihrem Zimmer erwartend, über ihr Tagebuch geraten. Vergib mir, Geliebte! Alles, was von Deiner Hand ausgeht, übt eine magnetische Gewalt[311] über mich; unwiderstehlich zog es mich; ich mußte in den Bekenntnissen Deines unschuldigen Herzens blättern. Mein Närrchen! Was für seltsame Sorgen machst Du Dir über unser Verhältnis, auf welches der Segen der Eltern und die Gnade aller Heiligen, mit denen Du so vertraut umgehst, herniederträuft! Also den lieben Gott habe ich bei Dir so etwas verdrängt? Nun sieh, das könnte einem bescheidnen Bräutigam fast den Kopf verrücken. Laß es gut sein; er ist groß, und größer, als wir denken. Er kennt keine Eifersucht. Weißt Du den Spruch nicht, daß der Künstler sich am meisten geehrt fühlt, wenn man seiner bei dem Werke vergißt?

Teuerste, schaffe Dir besseres Schreibzeug an. Diese Dinte ist unglaublich flüssig, und Deine Federchen sind viel zu zart für meine rauhe Hand. Nun schiebe ich das Blättchen mit diesem Postskript wieder unter die übrigen. Du wirst es finden, böse werden, ich werde reuig tun, Du wirst großmütig verzeihn, und zuletzt ...?

Hermann.«


Nach diesem ward unsrem Freunde alles zum Schrecken klar. Er erinnerte sich aus dem genealogischen Kalender, was er zwar immer gewußt, aber seither nicht bedacht hatte, daß auch der Herzog Hermann hieß. Nicht also eine in sich selbst entzweite Frau, sondern eine junge devote Braut hatte in den geraubten Blättern ihre Gewissensbedenken niedergeschrieben, an denen er völlig unschuldig war. Die erhabnen Stanzen waren also auch ohne Not unter Schillers Büste abgefaßt worden.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 307-312.
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