5. Tulifäntchens Auszug

[424] O du freud'ges Waffenblitzen!

Edle Waffen, rechte Waffen!


Tulifant, der Vater, sitzet

Bei dem Licht in seiner Kammer,

Schafft das Schwert dem tapfern Söhnlein.

Eine Federmesserklinge,

Stark und scharf und spitz und stahlblank

Hält er in den Händen, schmelzet

Siegellack, und macht den Griff dran

Von dem Siegellack in Kreuzform.[424]

Welch ein Prachtgewehr, unscheltbar!

Federklinge mit dem Lackgriff!


Ritterrüstung! Panzerrüstung!

Gute Rüstung, tücht'ge Rüstung!


Donna Tulpe sucht in Zähren,

Frommen Zähren, Mutterzähren,

Einen Silberling, durchlöchert.

Fäden zieht sie, seidne Fäden

Durch die Löcher, schlingt die Knoten.

Ei, welch mächtig Silberschildlein,

Mit den Riemen, seidenfadig!

Donna Tulpe geht im Baumhof

Zur Kastanie, liest die Frucht auf,

Schnitzet aus der braunen Hülle

Armesschienen, Beinesschienen,

Und den Küraß, den gewalt'gen.

Eine halbe hohle Nußschal'

Holt sie aus der Vorratskammer,

Macht daraus dem Sohn das Helmdach.


Aus der Türe tritt der Vater,

Führet seinen Sohn und saget:

»Nun beweiset, edle Donna,

Mut, gleich der spartan'schen Mutter!

Denn es geht zum Scheiden jetzo,

Doch es geht in hohe Tatbahn.«


»Kehre mit ihm oder auf ihm!«

Spricht die Mutter, reicht dem Sohne

Den betränten Silberlingsschild.

»Decke dich der Panzer treulich!«

Spricht die Mutter, wappnet sorgsam

Ihren Sohn mit der Kastanie.

»Sei dir stets der Helm ein Schutzdach!«

Spricht die Mutter, setzt aufs Haupt ihm

Ihre halbe hohle Nußschal'.[425]

Spricht der Vater: »Kniee, Junkherr!«

Nieder kniet Don Tulifäntchen,

Und der Vater gibt ihm Schwertschlag

Dreimal mit der Federklinge:

»Führ' dies Schwert zum Heil der Waisen,

Führ's zum Hort der Witwen, Jungfraun,

Führ's zum Trutz der schnöden Unbill!«


Freudig sprang der neue Ritter

Auf vom Boden, rief: »Mein Vater,

Laßt mir bringen nun mein Schlachtroß,

Unsern Schimmel, den bewährten,

Den loyalen Zuckladoro,

Denn ich reite gleich auf Taten.«


Gines brachte, der getreue,

Jetzt den alten, guten Schimmel,

Den loyalen Zuckladoro.

»Wollt Ihr, Ritter, fraunhaft querwärts

Sitzen, oder männlich schrittlings?

Fast zu kurz sind Eure Beinlein

Für des Rückenteils Beschreitung.«


Sprach der Held, Don Tulifäntchen:

»Nicht will schrittlings, nicht will querwärts

Ich auf diesem Schimmel reiten.

Nein, ich setze mich ins Ohr ihm,

Und gebiet' ihm, wie er gehn soll.«


Drauf versetzt der treue Gines:

»Pferde dulden nichts im Ohre,

Kitzeln wird es unsern Schimmel,

Und hinaus Euch schütteln wird er.«


Sprach der Held, Don Tulifäntchen:

»Dulden wird mich Zuckladoro.

Kitzel ist ein Wort des Pöbels,

Dieser Schimmel ist ein Schimmel,[426]

Welcher durch Vernunft besieget

Der Natur gemeine Regung.«


Alles dies verstand der Schimmel,

Und er bog das Knie. Der Held nun

Schwang von Haar zu Haar sich aufwärts,

Bis er kam zum Rand des Ohres.

Drinnen setzt' er sich zurechte

Auf dem Knorpel, auf dem festen,

Grüßte mit dem Schwerte höflich

Seine Eltern, grüßte huldvoll

Auch den vielgetreuen Gines,

Rief: »Ihr höret von mir Großes,

Oder nichts mehr! Trab, mein Schimmel!«

Schimmel schnob und strich von dannen,

Aus Vernunft hielt er das Ohr steif,

Daß der Held gesichert sitze.


Staunend sahn die guten Eltern

Nach dem wunderbaren Sohne.


Sahn noch lange seiner Augen

Tatendeutungsvolles Leuchten

Unterm Helm von Haselnußschal'

Aus dem Ohr des wackern Schimmels.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 1, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 424-427.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Tulifäntchen
Tulifäntchen
Tulifäntchen: Ein Heldengedicht in Drei Gesängen (German Edition)

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Bozena

Bozena

Die schöne Böhmin Bozena steht als Magd in den Diensten eines wohlhabenden Weinhändlers und kümmert sich um dessen Tochter Rosa. Eine kleine Verfehlung hat tragische Folgen, die Bozena erhobenen Hauptes trägt.

162 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon