12. Vom Königssohn, der noch zu jung zum Heiraten sein sollte.

[70] Es war einmal ein König, der hatte in seinem Schloss zehn Stuben, die für jedermann im Hause offen standen. Nur die elfte Stube durfte niemand ausser dem König betreten, und den Schlüssel dazu trug er bei Tage stets in der Tasche, und des Nachts legte er ihn unter sein Kopfkissen. Alle Welt war neugierig, was wohl in dem Zimmer enthalten sein möchte, dass es der König so vor den Augen der Seinen verbarg, und am neugierigsten war des Königs junger Sohn. Endlich konnte er der Lust nicht länger widerstehen. Er schlich sich bei Nacht in das Schlafzimmer des Vaters und stahl ihm den Schlüssel unter dem Kopfe fort; dann zündete er ein Licht an und ging zu der Thüre, steckte den Schlüssel in das Schloss, drehte ihn um und öffnete das Zimmer. Drinnen waren alle Wände mit schönen Bildern behängt, doch das schönste darunter war das Bild der Prinzessin von Engelland; das war so schön, dass der Königssohn auf der Stelle liebeskrank ward und keinen andern Gedanken hatte, als die Prinzessin zu heiraten.

Zu dem Ende liess er am andern Tage alle Maler des ganzen Königreiches auf seines Vaters Schloss kommen und befahl ihnen, dass sie ihn abmalten, wie er leibte und lebte. Und als das Bild fertig war, rüstete er ein Schiff aus und übergab dem Steuermann das Bild, damit er es der Tochter des Königs von Engelland brächte, die über See wohnt. Auch liess er ihr sagen, dass er in Liebe zu ihr entbrannt sei und sie heiraten möchte. Der Steuermann that, wie ihm geheissen war, und überbrachte das Bild und erzählte der Königstochter, was sein Herr ihm aufgetragen. Die Prinzessin lachte aber bei dem Anblick des Bildes hell auf und sprach: »Sage nur deinem Prinzen Milchbart, dass er noch nicht alt genug zum Heiraten sei. Die grünen Jungen sollten warten, bis sie trocken hinter den Ohren wären!« Mit Schimpf und Schande musste der Steuermann wieder sein Schiff besteigen und nach Hause zurück kehren.[70]

Als der Königssohn gehört hatte, wie sein Bote in Engelland aufgenommen sei, ward er gelb vor Ärger und rief: »Das wär' mir ein schöner Splitter! An den Milchbart soll sie denken!« Dann ging er hinab in die Küche zu seines Vaters Koch und lernte bei ihm die schönsten Speisen bereiten, dass kein Fürst sich seiner zu schämen brauchte. Und nachdem er ausgelernt hatte, verliess er das Schloss und fuhr nach Engelland und meldete sich bei dem König als Koch. Der König war ein rechtes Leckermaul, und als er gesehen hatte, dass der neue Koch seine Kunst besser verstände, wie der alte, jagte er diesen zum Hause hinaus, und der Prinz ward des Königs von Engelland oberster Koch.

Wenn er nun sein Tagewerk verrichtet hatte, nahm er seine Harfe und setzte sich unter der Königstochter Fenster und spielte darauf und sang dazu, und das konnte er beides so schön, ei so schön, dass die Knechte und Mägde darüber ihrer Arbeit vergassen und die Leute auf der Strasse stehen blieben, um den Liedern zu lauschen. Es dauerte auch gar nicht lange, so litt es die Königstochter nicht mehr, sie musste den wundersamen Spielmann schauen und wissen, wer es sei. Die Kammerjungfer stieg hinab, um ihn zu holen; lief aber sogleich wieder hinauf und sagte: »Prinzessin, es ist nur der neue Koch, den Euer Vater jüngst über die Küche gesetzt hat.« Ihr Herz war aber so sehr von dem wundersamen Gesänge bethört, dass sie sprach: »Ach was, Koch, ein Koch ist ein Mensch, so gut, wie jeder andere!«, und die Kammerjungfer musste sich eilen, dass sie die Treppe herunter kam, um den Sänger herauf zu holen.

Als er nun vor ihr stand und die Harfe so wundervoll schlug und seinen Gesang so herrlich dazu erschallen liess, gewann die Prinzessin ihn so lieb, dass sie ihm sagte, sie wolle ihn heiraten. »Das ginge wohl, aber es geht nicht,« sagte der Koch, »denn wenn mein Herr, der König, davon hört, so hängt er mich an den Galgen.« Das sah die Prinzessin ein, und darum wurde sie mit dem Koch einig, sie wollten fliehen über das Meer, wo sie vor ihrem Vater sicher wären. Ein Schiff war bald gefunden, und am andern Morgen in aller Frühe segelten sie ab und fuhren drei Tag und drei Nacht über die wilde See, bis sie die Stadt, wo des Prinzen Vater König war, in Sicht bekamen. Dort liessen sie sich am Strande aussetzen, und das Schiff fuhr weiter.

Vom Strande zur Stadt war aber noch ein weiter Weg, den mussten sie zu Fusse zurück legen. »Kind,« sagte der Koch, »du bist jetzt nicht mehr Prinzessin! Wir müssen sehen, wie wir die Groschen zusammen nehmen. Zieh darum Schuhe und Strümpfe aus und lauf barfuss, damit du das Schuhzeug für den Feiertag hast.« Die Prinzessin that, wie er ihr geheissen; aber bald lief sie sich die zarten Füsschen wund auf den harten Kieselsteinen und jammerte und klagte, sie könne nicht weiter. »Dann leg dich ins Gras und warte auf mich,« sagte er grob, »ich werde derweile sehen, ob ich in der Stadt nicht bei dem König als Koch ankommen kann.«[71]

Nach einer kleinen Zeit kam er wieder und sagte: »Mit dem Koch ist es nichts; die Stelle ist schon besetzt, und der König hier zu Lande schickt seine Diener nicht fort, wenn ein anderer kommt. Damit wir aber eine Unterkunft haben, habe ich vor der Stadt ein kleines Häuschen gemietet, da wird für dich und mich Raum genug sein.« Der Prinzessin bluteten die Füsse; aber sie musste mitgehen, bis sie endlich an das Häuschen gelangten. Das war nett und sauber eingerichtet und hatte Küche, Stube und Kammer. » Väterchen,« sagte sie traulich, »hier wollen wir glücklich und zufrieden leben.« – »Ach was, glücklich und zufrieden,« brummte er, »wovon sollen wir denn leben? Hacken und graben kannst du nicht mit deinen wunden Füssen, ich werde in den Wald gehen und Weidenruten schneiden, du magst dann Körbe daraus flechten.«

Als er aber die Weiden gebracht hatte, stachen ihr die harten Ruten die zarten Händchen wund, dass sie nicht flechten konnte. »Mit dir ist gar nichts anzufangen,« schalt der Mann, »Füsse wund, Hände zerstochen, zum Graben und Hacken und auch zum Flechten nicht zu brauchen! Du bist mir zum Unglück geboren! Was soll ich mit dir nur anfangen!« Da bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen und weinte und jammerte und sprach: »Ach versuch's doch noch mit etwas anderem, das werd' ich gewiss lernen.« – »Wir werden's sehen,« sprach der Prinz, ging in die Stadt und kaufte ein Spinnrad; darauf sollte sie spinnen.

Aber sie hatte ihr Lebtage das Spinnen nicht leiden mögen und wusste auch gar nicht, wie sie's anfangen sollte. Da schalt der Mann und zeigte es ihr; doch das harte Garn schnitt tief in die von den Weidenruten zerstochenen Finger, dass sie es vor Schmerzen nimmer aushalten konnte. »Sagte ich's nicht,« fuhr er sie an, »das Geld war wieder auf die Strasse geworfen. Nicht hacken und nicht graben, nicht flechten und nicht spinnen verstehst du, jetzt setz dich hinter den Ofen und lass mich für dich sorgen!« Dann nahm er die Axt auf den Rücken und that, als ginge er in den Wald, Holzkloben hauen; er machte aber, dass er in seines Vaters Schloss kam. Von dort kehrte er am Abend zurück und gab ihr einen Thaler, den hätte er den Tag über verdient. Und so that er eine ganze Woche lang, und die Königstochter war über die Massen froh, dass sie am Sonnabend sechs harte blanke Thaler in der Tasche hatte. So war ihr Stolz und Übermut vergangen. Doch der Prinz dachte bei sich: »Noch ist sie nicht genug gestraft; der Milchbart, der grüne Junge und das Nicht-trocken-hinter-den-Ohren soll ihr so leicht nicht verziehen sein.«

Am Montag sprach er darum: »Mutter, wir haben jetzt ein schönes Stück Geld, davon kannst du einen kleinen Handel anfangen; ich werde Topfgeschirr kaufen, das magst du dann auf dem Markt an die Leute bringen.« – »Väterchen, das will ich gerne thun,« sagte sie erfreut; denn sie wollte ihrem Manne gern zu willen sein. Da ging der Prinz in die Stadt und kaufte für die sechs Thaler Topfgeschirr ein und hing es auf in einer Bude am Markt. Dann liess er[72] den Kaufleuten in der Stadt bekannt machen, sie sollten der Topfhändlerin am nächsten Tage für gutes Geld all ihren Kram abkaufen, sonst würde er ihnen zeigen, dass er des Königs Sohn sei.

Als nun die Prinzessin am Dienstag früh auf den Markt kam, riss sich das Volk um ihr Topfgeschirr, dass sie nach kurzer Zeit ausverkauft hatte und die Bude zumachen konnte. Vergnügt eilte sie in das Häuschen und erzählte ihrem Manne davon. Der sprach: »Wir wollen neues Geschirr einkaufen, und morgen setzt du dich an dieselbe Stelle; vielleicht dass wir noch einmal auf einen grünen Zweig kommen.« Das Geschirr wurde besorgt; als sie aber am andern Tage die Bude geöffnet und ihren Kram ausgebreitet hatte, wartete sie zwei lang und zwei breit, aber kein Käufer wollte sich zeigen; endlich kam eine prächtige Kutsche angefahren, und der Kutscher trieb die Pferde gerade auf die Bude zu und fuhr alles Geschirr kurz und klein, dass kein einziges Stück heil blieb. Sie schrie: »Ach, mein guter Herr, erbarmt Euch doch einer armen Frau;« aber der feine Herr, der in dem Wagen sass und kein anderer, als der Prinz selber war, kehrte sich nicht an ihr Geschrei, sondern fuhr wieder davon, ohne den Schaden zu ersetzen. »Das hast du für den Milchbart!« sagte er.

Wie die Prinzessin in dem Häuschen anlangte, war ihr Mann auch schon da und schalt sie, als er von dem Missgeschick hörte. »Zum Graben und Hacken, zum Spinnen und Flechten nicht zu gebrauchen! Und wenn man dann glaubt, es ginge einmal, so ist am andern Tage alle Hoffnung wieder vereitelt. Was fangen wir nun an! Ein Glück, dass ich noch einige Groschen in der Tasche habe, dafür werde ich Bier und Branntwein, Wurst und Speck, Brot und Semmeln besorgen, und du magst hier im Walde eine Wirtschaft einrichten.« Die Prinzessin war das zufrieden, und ihr Mann schaffte alle die Dinge heran. Zu gleicher Zeit gab er den Soldaten seines Vaters Befehl, sie sollten am Abend kein Wirtshaus besuchen, sondern hinaus in den Wald gehen und dort in dem Häuschen ihr Abendbrot verzehren.

Gegen Abend zogen denn auch Soldaten über Soldaten hinaus, und die Königstochter konnte nicht genug schneiden und schenken, um die Gäste zu befriedigen; und ehe sie's sich versah, war der ganze Vorrat ausverkauft. Ihre Augen waren ganz blank, als sie dem Manne die harten Thaler auf den Tisch zählen konnte, er aber dachte: »Für den grünen Jungen bist du noch nicht genug gestraft,« und hiess sie neue Vorräte für morgen einkaufen. Diesmal erhielten die Soldaten aber den Auftrag, sie sollten bei Leibe nicht der Frau das Genossene bezahlen; und würde sie böse, so sollten sie alles kurz und klein schlagen, nur an ihrem Leibe dürfte sich keiner vergreifen. Das thaten die Soldaten, und am Abend war die Prinzessin ärmer denn je zuvor. Und als sie ihrem Manne von dem Unglück erzählte, wollte er gar nichts mehr von ihr wissen; sie bat und weinte aber so lange, bis er ihr versprach, er wolle noch ein Allerletztes mit ihr versuchen. Auf dem Schlosse sei die Stelle einer Küchenmagd frei geworden, die wolle der oberste Koch ihr geben. Sie müsse dabei aber seiner[73] gedenken und sich ein Töpfchen vor den Leib binden und darein von den guten Sachen thun, die auf den Schüsseln übrig blieben. Und das versprach sie ihm auch.

Als sie nun den ersten Tag auf dem Schlosse gewesen war und am Abend mit ihrem Töpfchen in den Wald zu ihrem Manne gehen wollte, musste sie bei dem grossen Saale vorbei. Da stand die Thüre ein wenig offen, und sie schaute hinein, wie sich die fein geputzten Leute im Tanze drehten. In demselben Augenblicke trat des Königs Sohn auf sie zu und forderte sie auf, mit ihm zu tanzen. Sie wollte nicht, da sie so schlechte Kleider trug und das Töpfchen um den Leib gebunden hatte; aber ihr Sträuben half nichts, sie musste tanzen, und dabei zog der Königssohn die Schleife des Binnfadens auf, dass der Topf zur Erde fiel und zersprang und alle die Bratenstücke und Klösse auf den Fussboden rollten. Da ward sie vor Scham über und über rot und wäre am liebsten in die Erde gesunken; sie entwand sich den Armen des Königssohnes und eilte zum Saale heraus. Der Prinz warf sich jedoch einen schlechten Mantel um, holte sie auf der Treppe ein und that, als habe er sie im Schlosse erwartet. »Der Oberkoch ist mein guter Freund,« sagte er, »komm und versteck dich in dieser Kammer. Wenn es dunkel geworden ist und die Gäste fort sind, machen wir uns auf über alle Berge; denn hier ist unsers Bleibens nicht mehr.« Damit führte er sie in ein prächtiges Schlafzimmer hinein; aber sie sah nichts und hörte nichts; müde und matt, wie sie war, verfiel sie in einen tiefen Schlaf und erwachte auch nicht, als die lichte Morgensonne in ihr Bette schien.

»Jetzt wird sie wohl glauben, dass ich trocken hinter den Ohren geworden bin,« lachte der Prinz und schickte Kammerjungfern zu seiner Frau, die mussten sie wecken und ihr prächtige Kleider anziehen, wie sich's für eine Königin gebührt. Und sie liess sich alles gefallen; doch war ihr, als träume ihr nur. Als aber darauf der Prinz eintrat, mit dem goldenen Stern auf der Brust, und sie in seine Arme schloss, begann sie zu weinen und sprach: »Ach, was wollt Ihr von mir, ich bin nur ein armes Weib und eines kleinen Mannes Frau!« Der Prinz klopfte ihr aber auf die Schultern und antwortete: »Nicht doch, der Koch und ich sind eins; du hättest dir manches Leid ersparen können, wenn du nicht so hochfahrend und stolz gegen meinen Boten gewesen wärest.« Als die Prinzessin das hörte, war sie über die Massen froh und küsste ihren Mann, und es wurde ein prächtiges Mahl angerichtet und noch einmal Hochzeit gefeiert.

Da ging es aber hoch her! Ich muss das wissen, denn ich bin selbst dabei gewesen und habe auftragen helfen. Schuhe gab man mir anzuziehen, die waren von Glas, und ein Kleid bekam ich, das war von Löschpapier, und von Butter einen Hut setzte man mir auf das Haupt. Nun trank ich aber allzuviel von dem köstlichen Wein, da wurde mir dummlich zu Mut, und ich stiess an die Schwelle; da machten die Pantoffeln kling und waren entzwei. In meiner Angst lief ich in die Küche, um nach dem Braten zu schauen; da schlugen[74] die heissen Dämpfe auf meinen Hut, dass er zerrann. Jetzt ward mir kochheiss, und ich lief ins Freie, um mich abzukühlen; draussen regnete es aber, und das Kleid fiel mir vom Körper, dass ich nichts mehr auf dem Leibe hatte und mit Schimpf und Schande vom Hofe gejagt wurde. Da habe ich lange arbeiten müssen, ehe ich wieder soviel zusammen gebracht, dass ich mich unter den Leuten sehen lassen konnte!

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 70-75.
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