59. Der Zauberring und das Zauberschloss.

[324] Es war einmal ein alter Jude, das war ein grosser Zauberer, und durch seine Zauberei hatte er es zuwege gebracht, dass er einen Berg in die Höhe steigen liess, der sich jeden Johannistag um Mittag zwischen elf und zwölf öffnete. Er wäre nun gerne selbst hineingegangen, doch er konnte nicht; denn seiner Sünden Last war zu gross, als dass ihn der Berg in seinem Innern gelitten hätte. Er befahl darum seinem Kutscher, die Pferde vor den Wagen zu spannen, damit er ausführe und einen Menschen suche, wie er ihn brauchen konnte. Er war schon eine gute Weile gefahren, da führte ihn sein Weg bei einem Hofe vorbei, in dem ein Bauer mit seiner Frau und seinen sieben Söhnen hauste. Dort stieg er aus und trat in die Stube. »Ich habe nichts zu handeln!« rief ihm der Bauer zu. – »Das will ich auch gar nicht,« antwortete der Jude, »ich will für guten Lohn eins eurer Kinder auf ein Jahr dingen.« – »Das lässt sich hören,« versetzte der Bauer, »such dir von den Jungen einen aus; nur den ältesten darfst du nicht nehmen, der muss mir in der Wirtschaft zur Hand gehen!« Der Jude liess darauf die sechs anderen Söhne vor sich treten und sah einem jeden scharf in's Gesicht; endlich griff er den dritten heraus und sprach zu dem Bauern: »Den will ich haben! Für Kleidung werde ich sorgen, und über's Jahr bring' ich ihn Euch zurück, und er trägt einen Lohn in der Tasche, dass Ihr Eure Freude daran haben sollt.« Da wurde der Handel abgeschlossen, der Junge musste zu dem Kutscher auf den Bock, und sie fuhren in des Juden Wohnung zurück.

Dort hatte es der Bursche besser, als bei seinem Vater. Der Jude zog ihm schöne Kleider an und gab ihm täglich Braten zu essen und Wein zu trinken, dass er sein Lebtag keinen bessern Dienst wünschen konnte. Als nun der Johannistag kam, nahm der Jude den Jungen mit sich hinaus und führte ihn an den Berg; und als die Uhr elf schlug und der Berg sich von einander that, steckte er ihm einen Ring an den Finger und sprach zu ihm: »Mein Sohn, geh in den Berg! Und wenn du ein Endchen gegangen bist, so wirst du ein kleines Häuschen finden. Darin ist eine Stube, und in der Stube steht ein Ofen, und unter dem Ofen liegt ein altes, verrostetes Schloss. Das nimm zu dir und bring es mir eilends heraus. Halte dich auch nicht drinnen auf, es wäre dein Unglück.« Der Junge versprach dem Juden, dass er genau so thun wolle, und ging in den Berg. Er fand alles so, wie es ihm der Jude beschrieben[325] hatte; doch nachdem er das Schloss unter dem Ofen gefunden und zu sich gesteckt hatte, konnte er sich nicht abwenden von den glimmernden, glitzernden Kugeln, die in der Stube lagen und funkelten, wie die Sterne. Er machte sich dabei und steckte die Taschen davon voll; doch, o weh, gerade als er aus dem Häuschen trat und wieder zurückkehren wollte, schlug der Berg zu, und er war gefangen und wusste nicht, wo aus noch ein. In seiner Not fing er an zu weinen und rang die Hände, und dabei drehte er den Ring, den ihm der Jude an den Finger gestreift hatte. In demselben Augenblicke stand auch schon ein schwarzer Kerl vor ihm und sprach: »Was befiehlt mein Herr König?« – »Ich habe dich gar nicht gerufen,« antwortete der Junge voll Furcht; da verschwand der schwarze Kerl wieder. Eine Zeit lang rückte und rührte er sich nicht; endlich stürzten ihm die Thränen wieder aus den Augen, und er rang verzweifelt die Hände, so dass sich der Ring um den Finger drehte. »Was befiehlt mein Herr König?« fragte es da wieder, und der schwarze Kerl stand vor ihm. »Ich habe dich nicht gerufen,« versetzte der Junge zum zweiten Male und war froh, dass der Schwarze verschwand. Indem er aber so nachdachte, was der Kerl eigentlich bei ihm wolle, fiel ihm ein, die Kraft möge vielleicht in dem Ringe sitzen. »Du willst es doch noch einmal versuchen,« sprach er bei sich und drehte den Ring mit den Fingern. Da stand der schwarze Kerl zum dritten Male vor ihm und fragte: »Was befiehlt mein Herr König?« – Jetzt sah der Junge ein, dass es ein Geist sei, der ihm um des Ringes willen gehorchen müsse, und er antwortete dreist: »Ich befehle dir, dass du mich aus dem Berge heraus schaffst.« Kaum hatte der Junge die Worte gesprochen, so ergriff ihn der Schwarze mit beiden Händen, und es dauerte gar nicht lange, so hatte er ihn dicht vor seines Vaters Hof auf die Erde niedergesetzt und war verschwunden. Der Junge aber schritt durch das Thor auf den Hof und sagte Vater und Mutter guten Tag. »Ist dein Jahr aber zeitig aus!« rief der Bauer verwundert. »Hat dich dein Herr nicht brauchen können, und was für einen Lohn hat er dir gegeben?« Der Junge griff in die Taschen, zog die glänzenden Kugeln heraus und sprach; »Dies ist mein Lohn! Vater, fahrt in die Stadt und verkauft mir die Dinger bei dem Juden.« – »Es sind hübsche Kugeln,« dachte der Bauer, »die mögen wohl drei Thaler wert sein oder auch vier.« Dann steckte er sie alle in die Tasche hinein; nur fünf behielt der Junge zurück, und das waren die schönsten und grössten, die unter allen zu finden waren.

Als der Bauer in der Stadt war, kam sogleich ein Jude auf ihn zu, wie die Juden zu thun pflegen, und rief: »Bauer, nichts zu handeln, nichts zu schachern?« – »Nicht viel, aber etwas,« sagte der Bauer und zog eine Hand voll Kugeln aus der Tasche heraus. »Das Geschäft machen wir zu Hause, nicht auf der Strasse,« sagte der Jude hastig und zog ihn mit sich in seine Wohnung. Als sie in der Stube waren und der Bauer die Kugeln auf dem Tische ausgepackt hatte, sagte der Jude: »Bauer, ich gebe Euch für den ganzen Kram[326] dreihundert Thaler.« – »Nee Ken, nee Ken, nee Ken, nee!« antwortete der Bauer, welcher glaubte, der Jude wolle ihn zum Narren halten. »Gut,« erwiederte der Jude, »du willst haben Geld! Hier sind sechshundert Thaler!« Der Bauer rief aber wieder: »Nee Ken, nee Ken, nee Ken, nee!« denn dass die Kugeln so viel wert seien, das konnte er gar nicht glauben. »Ich gebe neunhundert,« schrie der Jude; der Bauer blieb bei seinem: »Nee Ken, nee Ken, nee Ken, nee!« »Jetzt sprichst du kein Wort,« rief der Jude, »und ich zahle dir tausend Thaler.« Und da der Bauer vor Verwunderung nicht wusste, was er sagen sollte, zahlte er schnell die tausend Thaler auf das Brett. Wer war froher, als der Bauer; er liess dem Juden die Kugeln und machte, dass er mit dem Gelde nach Hause kam.

»Vater, was hast du bekommen?« rief ihm der Junge schon von weitem entgegen. »Mein Sohn,« antwortete der Bauer, »du warst mit dem Dienste nicht betrogen! Ich habe tausend Thaler für die Kugeln erhalten.« – »Das dachte ich mir gleich, Vater,« erwiderte der Junge, »dass es keine gewöhnlichen Kugeln, sondern eitel Edelgestein sei. Hier sind noch die fünf grössten, die habe ich zurückbehalten. Geh damit noch einmal in die Stadt, Vater, und bring sie der Prinzessin, dass sie dieselben als Geschenk von mir nehme.« Der Vater dachte: »Hat dir der Junge tausend Thaler eingebracht, so kannst du auch einen Gang für ihn thun,« nahm die fünf Kugeln, steckte sie in die Tasche und ging damit in des Königs Schloss, wo die Prinzessin neben ihrem Vater sass. »Dies schickt Euch mein Sohn!« sagte er und reichte ihr die Kugeln dar. »Hast du solch einen Sohn!« riefen die Prinzessin und der König mit einem Munde; denn die fünf Edelsteine waren mehr wert, als ihr halbes Königreich. »Bring ihn schnell her, dass er vor uns erscheine!« Der Bauer machte seinen Kratzfuss und kehrte wieder auf seinen Hof zurück. »Das hast du davon,« sagte er ärgerlich, »nun sollst du zu dem König kommen! Ich geh' aber nicht mit. Iss du nur die Suppe allein aus, die du dir eingebrockt hast!« Der Junge zog sich darauf seine besten Kleider an und ging in die Stadt auf des Königs Schloss. »Du sollst unsern Dank haben für die fünf schönen Edelsteine,« sagte der König; die Prinzessin sagte aber gar nichts, die sah dem Jungen immerfort in's Gesicht; und je mehr sie ihn ansah, um so mehr verliebte sie sich in ihn. Sie nahm darum den alten König beiseite und sprach zu ihm: »Väterchen, der Mann hat Euch so viel Reichtümer geschenkt, den könntet Ihr mir wohl zum Manne geben!« – »Aber, Kindchen,« antwortete der König, »sein Vater ist ja nur ein ganz gemeiner Bauersmann!« – »Zu den dummsten gehört sein Sohn aber nicht,« versetzte die Prinzessin, »sonst hätte er die Edelsteine nicht eben mir geschickt,« und sie bat und quälte so lange, bis der König ihren Worten willfahrte und sie mit dem Jungen verlobte.

Den andern Tag sollte die Hochzeit sein. Da machte der Junge schnell, dass er nach Hause kam und den Ring und das Schloss[327] holte; denn die Sachen pflegte er niemals bei sich zu tragen, aus Furcht, er möchte sie verlieren. Als er nun wieder in der Stadt war, ging er an einen heimlichen Ort in des Königs Garten, rieb seinen Ring und sprach zu dem schwarzen Kerle: »Ich will ein Schloss haben, so schön und noch schöner, wie des Königs Schloss, und dort drüben auf dem Berge, da soll es stehen!« Antwortete der Schwarze: »Mir ist die Luft unterthan; ich kann dir das Schloss nicht bauen. Doch was braucht Ihr auch mich dazu! Schüttelt das alte verrostete Schloss, das Ihr in dem Häuschen im Berge unter dem Ofen gefunden habt, und Ihr werdet haben, was Ihr haben wollt.« Nachdem der schwarze Kerl wieder verschwunden war, ergriff der Junge das Schloss und schüttelte es aus Leibeskräften. Sogleich standen drei gewaltige Riesen vor ihm und riefen: »Was befiehlt unser Herr König?« – Der Junge kannte solche Besuche durch seinen Ring schon, darum erschrak er auch gar nicht und antwortete ohne Zögern: »Ich befehle, dass ihr mir bis morgen früh ein Schloss baut, dort drüben auf jenem Berge, so schön, wie des Königs Schloss, und noch schöner.« Die Riesen verschwanden, und der Junge kehrte zur Prinzessin zurück. Am andern Morgen fuhren sie mit dem König und dem ganzen Hofstaat zur Trauung. Da rissen aber allesamt die Augen auf, als sie das prächtige Schloss auf dem Berge erblickten. »Wer hat sich das Schloss über Nacht erbauen lassen!« rief der König verwundert. »Das habe ich gethan,« antwortete der Junge, »denn wer eine Frau hat, muss auch ein eigenes Haus haben, dass er darin wohnen kann.« – »Siehst du, Väterchen,« sprach die Prinzessin, »mein Mann ist der Dummste nicht.« Das muste der König jetzt auch zugeben, und nachdem die Hochzeit gefeiert war, zog der Junge als ein Prinz und des Königs Schwiegersohn auf das prächtige Schloss, und er wohnte dort mitsamt der Prinzessin lange Zeit. Den Ring und das alte verrostete Schloss aber hatte er in ein kleines Kästchen gepackt und in ein besonderes Zimmer im Schlosse gestellt, und damit niemand hinzukäme, hatte er der Prinzessin den Schlüssel übergeben und ihr geboten, ja nicht hineinzugehen. Und das war nötig; denn er hatte sich, als er Prinz geworden war, wie alle Königssöhne, das Jagen angenommen, damit er sich die Zeit vertriebe, und er war oft den lieben langen Tag draussen im grünen Walde hinter den Hirschen und Rehen her.

Inzwischen hatte der alte Jude eines Tages in den Zauberspiegel geguckt, und da hatte er denn gesehen, wie des Bauern Sohn die Prinzessin geheiratet habe und ein königlicher Prinz geworden sei. Auch konnte er in dem Spiegel das prächtige Schloss sehen und in dem Schlosse in dem besonderen Zimmer die beiden Wunschdinge, wie sie in einem Kasten lagen, der mitten in der Stube auf dem Tische stand. Das ärgerte den alten Juden sehr, und er kleidete sich als ein Baumeister aus und sprach an einem Morgen, als der Prinz eben wieder auf die Jagd geritten war, in dem Schlosse vor. »Prinzessin,« sprach er, als er vor der Königstochter stand, »rettet mir[328] das Leben! Der König, in dessen Lande ich wohne, hat mir befohlen, ein Schloss zu bauen, genau so, wie dieses ist; und bringe ich es nicht fertig, so lässt er mich an den höchsten Galgen hängen. Darf ich mir das Schloss wohl beschauen?« Der Königstochter that es im Herzen wohl, dass ein Baumeister so weit gereist komme, um ihres Mannes Schloss zu sehen, und sie erlaubte ihm, es von aussen und von innen abzuzeichnen. Nur in die verbotene Stube liess sie ihn nicht. Nachdem der Zauberer jedoch mit allem andern fertig geworden war, wollte er auch das letzte Zimmer sehen. »Wird das Schloss nicht ganz so, wie dieses ist, so ist mein Leben Gras!« sprach er, und das that der Königstochter so leid, dass sie sagte: »Ich darf nicht hinein, mir hat es mein Mann verboten. Doch du magst es geschwind einmal beschauen. Halt aber reinen Mund und sag meinem Mann nichts davon!« Kaum hatte sie den Schlüssel im Schloss herumgedreht und die Thür geöffnet, so war der Jude auch schon drinnen, hatte den Kasten geöffnet, das verrostete Schloss herausgenommen und geschüttelt. »Was will der verfluchte Jude von uns?« sagten die drei Riesen; denn sie ärgerten sich, dass sie dem Erzschelm gehorchen sollten. »Ich befehle euch,« sprach der Zauberer, »dass ihr das Schloss samt der Prinzessin auf eine Insel im Meere tragt. Den Bauernprinzen aber nehmt ihr und tretet ihn auf der Nachbarinsel in den Sumpf hinein.« Kaum hatte der Jude die Worte gesprochen, so flogen auch die drei Riesen mit dem Schlosse und allem, was darinnen war, durch die Luft davon und setzten es auf der Insel nieder. Dann griffen sie den Prinzen im Walde und trugen ihn auf die Nachbarinsel und traten ihn mit ihren Füssen in den Sumpf hinein; sie machten es aber nicht allzu arg, so dass er das Leben behielt und, nachdem die Riesen verschwunden waren, sich wieder aus dem Moraste herausarbeiten konnte.

Da sass er nun auf der kleinen Insel und konnte über das Meer weg von der andern Insel her sein Schloss schimmern sehen und durfte doch nicht hinüber. Und als er Hunger hatte, war kein Diener da, der ihm Braten und Wein auftrug; er musste sich von dem Kräuterwesen nähren, das in dem Sumpfe wuchs. So verging eine geraume Zeit, und wenn er sich Kräuter genug gesucht und damit seinen Hunger gestillt hatte, ging er immer am Strande auf und ab und schaute nach dem Schlosse hinüber, in dem seine Prinzessin wohnte. Als er nun eines Tages wieder am Strande umherwandelte, erblickte er eine weisse Katze, die im Wasser Fische fing, sie mit den Pfoten auf den Sand warf und dann frass. »Kätzchen,« sagte er freundlich und strich dem Tiere mit der Hand den weissen Buckel, »Kätzchen, wir wollen halb Part machen; ich brate die Fische, und wir verspeisen sie dann gemeinsam.« Damit fachte er ein Feuer an, steckte die Fische, welche das Kätzchen gefangen hatte, an den Spiess und briet sie über der Flamme. Und als sie gar waren, gab er dem Kätzchen einen Teil, und einen Teil behielt er für sich. Das gefiel dem Kätzchen, und es wurde mit dem Prinzen gut freund, und fing noch[329] einmal so viel Fische, als es früher gefangen hatte, damit sein Kamerad nicht mehr das Kräuterwesen zu essen brauche. Und wenn sie satt waren, erzählten sie einander etwas. Der Prinz wusste die schönsten Geschichten, und das Kätzchen hörte ihm gerne zu; aber antworten konnte es ihm nicht, sondern sprach nur: »Miau, miau, miau!«

Eines Morgens sagte der Prinz: »Kätzchen mein, du könntest mir helfen! Schwimm über den Meeresarm zu dem Schlosse. Darin ist ein verschlossenes Zimmer; und in dem Zimmer liegt in einem Kästchen auf dem Tisch ein goldener Ring. Bringst du mir den Ring, so ist es mein Glück und soll dein Schade nicht sein.« – »Miau!« rief das Kätzchen und sprang in das Meer, und es dauerte gar nicht lange, so war es über das Wasser geschwommen und stand vor dem Schlosse und kratzte mit den weissen Pfötchen an die Thüre und rief: »Miau, miau, miau!« Die Prinzessin hörte das Schreien, dachte: »Was will das Kätzchen?« und that ihm auf. »Miau, miau, miau!« rief das Kätzchen wieder und lief in das Schloss hinein und sprang von einem Zimmer zum andern. Bei der verbotenen Stube machte es halt, kratzte mit den Pfötchen an die Thüre und rief: »Miau, miau, miau!« – »Miaue nur, mein weisses Kätzchen,« sprach die Prinzessin, »hier darfst du doch nicht hinein.« Das Kätzchen that aber so freundlich und sah die Prinzessin so liebevoll an, und dann kratzte es wieder und rief dabei: »Miau, miau, miau!« Dachte die Königstochter: »Du hast den fremden Baumeister hineingelassen, dann darf am Ende auch das weisse Kätzchen die Stube besehen,« und schloss ihm die Thür auf. Husch! war das Kätzchen drinnen, hatte den Deckel aufgethan und lief mit dem Ring im Maule wieder davon. »Kätzchen, wo willst du mit dem Ring hin!« rief die Prinzessin und wollte es greifen; aber das Kätzchen war schneller, und ehe die Prinzessin an die Thür gekommen war, war es schon im Meere und schwamm der andern Insel zu. Der Prinz sah es von weitem kommen, freute sich und sprach: »Kätzchen, hast du den Ring?« – »Miau!« antwortete das Kätzchen; da fiel ihm aber der Ring aus dem Maule und sank in das tiefe Meer hinab.

Nun war die Freude in eitel Traurigkeit verkehrt. Der Prinz weinte, dass ihm die Thränen die Backen herabflossen, und das Kätzchen hätte auch geweint, wenn ein Kätzchen weinen könnte. So aber machte es nur ein betrübtes Gesicht. Als der Prinz das sah, strich er ihm seinen weissen Buckel und sprach: »Du bist unschuldig, mein gutes Kätzchen; hätte ich dir nicht zugerufen, du hättest mir den Ring gebracht.« Sie waren darauf noch ein paar Tage traurig, endlich dachten sie nicht mehr an den Ring und lebten fort, wie sie vorher ihr Leben zugebracht hatten. – Eines Tages steckte der Prinz wieder die Fische an den Spiess, die das weisse Kätzchen aus dem Meere gefangen hatte, und diesmal war auch ein ganz grosser darunter, so gross, wie sie ihn noch niemals gehabt hatten. Als er gebraten war, nahm ihn der Prinz und brach ihn auseinander, damit er einen Teil ässe und einen Teil das Kätzchen. Da machte es:[330] Kling! kling! und ein goldener Ring fiel auf die Kieselsteine herab. »Das ist ja mein Ring,« rief der Prinz erfreut, »Kätzchen, jetzt haben wir die längste Zeit selbstgefangene und selbstgebratene Fische gegessen!« Und damit rieb er den Ring zwischen den Fingern, und sogleich stand der grosse, schwarze Kerl vor ihm und sprach: »Was befiehlt mein Herr König?« – »Bring mir das verrostete Schloss hierher!« befahl der Prinz, und alsbald war der schwarze Kerl verschwunden, und es dauerte gar nicht lange, so legte er das verrostete Schloss vor ihm nieder. Jetzt schüttelte der Prinz auch das Schloss, und als die drei Riesen erschienen, sprach er zu den vieren: »Jetzt greift mir den bösen Zauberer und reisst ihn auseinander und legt in die vier Ecken der Welt je ein Stück von ihm.« Das thaten die Riesen und der schwarze Kerl, und als sie damit fertig waren, befahl ihnen der Prinz, dass sie das Schloss und die Prinzessin und ihn samt seinem Kätzchen wieder dahin brächten, wo sie es auf das Geheiss des alten Juden her genommen hatten. Die Riesen gehorchten, und über ein kleines Weilchen, so stand das prächtige Schloss wieder auf dem Berge, gerade gegenüber des Königs Haus. Dort lebte der Prinz mit der Königstochter und dem weissen Kätzchen noch lange Jahre in Glück und in Frieden, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 324-331.
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