I

»Wahrhaftig, auch hier! Hier, wo doch das viele Obst aufgeschichtet liegt. Also überall, auf dem Boden, in den Stuben, in den Kellerräumen« –

»Herr!«

Emmerich Tralgoth wandte sich um. Auf der Schwelle der Vorratskammer stand die Wirtschafterin.

»Peter Nad ist unten, Herr.«

»Peter Nad? Ah ja, ich weiß schon. Gieb ihm einstweilen zu trinken, ich komme gleich.«

Die Alte entfernte sich. Tralgoth folgte ihr zögernd. Seine Blicke irrten unsicher über die Steinfliesen des langen Ganges. Auf der breiten Treppe, die hinab ins Erdgeschoß führte, atmete er tief auf und blickte zurück.

Nein, so konnte es nicht weiter gehen, so nicht. Das war ja quälend.

Unten im Erdgeschoß begegnete ihm Kathinka, die mit einer Flasche Rotwein aus dem Keller[103] kam und in die Stube wollte. Er gab ihr einen Wink.

»Du hör', sorg' dafür, daß wir diesen vermaledeiten Geruch endlich aus dem Hause kriegen.«

»Geruch? Welchen Geruch?«

»Ach Gott, nun thut sie so, als ob ihre Nasenlöcher verkorkt wären. Spürst du es nicht? Es riecht nach Tod im ganzen Haus. Oben, unten, hier, überall. Das kommt davon, weil ihr zu faul gewesen seid, um ordentlich zu lüften.«

Die Wirtschafterin war erbleicht.

»Heilige Maria, was habt Ihr gesagt?«

Tralgoth machte eine unwillige Handbewegung, stieß die Thür auf und befand sich Peter Nad gegenüber.

»Grüß dich, Peter! Ja ja, schon recht, setz' dich nur.«

»Ihr seht sehr gut aus, Herr.«

»Nicht wahr, ausgezeichnet? Der Tod meiner Eltern hat mir gut angeschlagen. – Gesundheit, Peter!«

»Eljen!«

Sie stießen mit den Gläsern an, die Tralgoth vollgefüllt hatte.

»Ein schöner Tropfen!«

»Heißes Blut. Na, Peter, rück' also heraus mit der Sprache. Was willst du von mir? Oder bist du nur gekommen, mir zu versichern, daß ich hübsch und gut aussehe?«[104]

Der junge Bauer grinste.

»Nein, Herr, wenn Ihr erlaubt –«

»Ja, ich erlaube, schieß los.«

»Aber was ist das für eine prächtige Stube! Die Dielen glatt und sauber, und der weiße Sand darauf, fein genug, um ihn als Streusand für einen Liebesbrief zu benutzen. Die feingeschnitzte Bank um den Ofen, Teufel, ich wünscht', ich hätt' eine solche für die Feiertag-Nachmittage.«

Tralgoth begann ungeduldig auf dem Tisch zu trommeln.

»Ja, Herr, Ihr seid ein glücklicher Mann. Wenn ich den zehnten Teil von dem besäße, was sich in diesem großen braunen Schrank da befindet –«

»Oder den zwanzigsten Teil meiner Ungeduld, endlich zu erfahren, was du von mir willst.«

»Auf Euer Wohl.«

Peter hob langsam das Glas zum Munde, leerte es und schnalzte mit der Zunge.

»Ihr wollt also in mein Herz schauen, Tralgoth Emmerich! Nun, schaut nur hinein. Ihr seht Ergebenheit und Liebe für Euch darin. Schon der selige Herr Vater und die hochselige Frau Mutter –«

»Peter, sag's ohne Umschweife, du willst mir Vieh verkaufen.«

»Ich will mich verheiraten.«

»Ei Tausend! Na also, heirate doch! Soll ich Trauzeuge sein?«[105]

»Der Schlächter Janko hat mir gute Angebote gemacht.«

»Auf was, auf deine Braut?«

»Auf die Säue, die ich aus der Zucht des Herrn Grafen Pejazevich habe.«

»Na also, gieb ihm doch die Säue.«

Peter schmunzelte schlau. »Wenn Ihr sie Euch früher ansehen wolltet – Ihr wißt, ich häng' Euch mehr an als andern Leuten. Ich möchte Euch das beste wünschen –«

»Ja, ja, schon recht, Peter, du bist ein guter Agent für deine eigene Firma, das wissen wir. Sag' mir bloß, wie hängen die Säue mit deiner Verheiratung zusammen?«

»Weil ich Geld dazu brauch'.«

»Ah so. Tappsack, weshalb hast du das nicht gleich gesagt? Wen heiratest du denn?«

»Die Vilma Lipp, dem Taubenwirt seine Nichte.«

»Wie? Das Kind?«

»Was heißt Kind, Herr. Vilma ist sechzehn.«

»Sie reicht dir nicht an die Schulter.«

»Was braucht sie mir bis an die Schulter zu reichen?«

»Sie hat ja erst die Schule verlassen.«

»Eben deshalb heirat' ich sie. Ich kann die Nullen nicht leiden, am wenigsten im Taufschein der Frauen.«

»Du bist ein Narr. Was wirst du mit dem Kind im Hause beginnen?«[106]

»Was beginnen? Was beginnen? Nun so. Sie wird Lärm machen, singen, tanzen, lachen, was weiß ich. Wozu nimmt unsereiner eine Frau, Herr, als um ein Singvögelchen im Haus zu haben, das die Zeit verkürzt.« Er trank das Glas leer, das ihm der Hausherr vollgeschenkt hatte, und strich vergnügt die Enden seines dunklen Schnurrbarts.

»Na, und wie ist's denn mit der Arbeit? Versteht sie etwas davon?«

»Ausgezeichnet. Und was sie nicht versteht, kann sie noch lernen. In diesen Jahren sind die Mädchen weich und gelehrsam und nehmen leicht Rat von erfahrenen Personen an.«

»Du bist ja ganz beredt geworden,« sagte Tralgoth; dann setzte er langsam hinzu: »Na, ich will also dieser Tage auf deinen Hof kommen und mir dein Viehzeug ansehen. Versprechen kann ich aber nichts.«

»O, Ihr seid ein großmütiger Gönner und Freund, Gott soll Euch hundertmal vergelten, was« –

Emmerich erhob sich. »Ich hab' noch allerlei zu thun vor, guten Tag, Vetter.«

Sie schüttelten einander die Hände. Peter torkelte in seinen hohen Stiefeln davon, einen penetranten Hammelgeruch zurücklassend. Emmerich schritt nachdenklich im Zimmer auf und nieder. Der Peter hatte einen Gedanken in ihm erweckt. Das Wort vom »Singvogel« war an ihm hängen[107] geblieben. Jetzt war er sein eigener Herr. Jetzt konnte er sich einen Singvogel nach eigenem Geschmack wählen. Noch vor kurzem hatte die Mutter zu seinem Vater gesagt: »In unserer Gegend wüßte ich keine als Ilka Feher. Aber die wiegt auch ein Dutzend anderer Mädchen auf.« Und der Vater hatte zufrieden genickt. »Das Gute dabei wär' auch noch, daß ihre Eltern verhältnismäßig rüstige Leute sind und uns dem Jungen ersetzen können, wenn wir einmal fort müssen.«

Die Alten hätten Ilka gern als Schwiegertochter begrüßt. Aber Emmerich sträubte sich vor dieser Ehe. Er hatte zu lange unter der Zuchtrute seiner Eltern gestanden, um nicht neue Abhängigkeitsverhältnisse zu meiden. Er war ein kränkliches Kind gewesen, und Vater und Mutter hatten ängstlich jeden seiner Schritte bewacht. Seine Gesundheit war im Lauf der Jahre kräftiger geworden, aber die Eltern hatten, vielleicht auch, weil er ihr Einziger blieb, ihre ängstliche Fürsorge um ihn beibehalten. Mit der Zeit wurde sie ihm zur Qual. Er wäre gern nach der Stadt gezogen, um dort zu studieren. Aber die Eltern befürchteten, daß ihn die geistige Anstrengung, die Stadtluft, alles, was das Studentenleben mit sich bringt, schädigen könnte, und bestimmten ihn, sich der Landwirtschaft zu widmen. So teilte er sich mit ihnen in die Sorge um den Hof und die Weingärten und Äcker, die sie besaßen. So sehr[108] groß war das Anwesen nicht, und sie konnten es gut mit Hilfe tüchtiger Knechte bewirtschaften, ohne einen Verwalter zu halten.

Im letzten Frühling war der Vater erkrankt. Etwas Unerhörtes an dem rüstigen Mann, der der Erste und Letzte im Hause thätig war.

Sein alter Freund, der Doktor Kis, kam von Oedenburg herüber. Er ließ ihn wiederholt zur Ader, verordnete ihm Schwitzkuren und knappe Diät, und als Tralgoths Tod, durch diese Kur beschleunigt, eintrat, wurde der Arzt ganz unwirsch über diesen dümmsten Einfall seines Freundes. Einen Monat später stand der Knecht eines Nachts abermals vor des Doktors Wohnung. Die alte Frau wäre zum Sterben. Als beide auf dem Hof ankamen, hatte sie ihren letzten Atemzug gethan.

Seit dieser Zeit roch es nach Tod im Tralgothhofe.

Jetzt, mit seinen dreißig Jahren, schien es Emmerich zu spät zu sein, um seine alten Pläne zu verwirklichen. Er blieb auf dem Lande. Ein wenig mehr gab es für ihn zu thun, jetzt nach der Eltern Hingang. Aber dafür blieb ihm auch mehr Zeit übrig.

An die Schwiegereltern, die er mitheiraten mußte, um Ilka Feher zur Frau zu bekommen, dachte er nicht mehr. Sie war überdies auch schon einem andern versprochen. Aber Peters Worte vom »Singvogel« hatten ihm merkwürdig[109] eingeleuchtet. Vielleicht röche es dann nicht mehr so nach Tod hier im Hause. Viel leicht hallten die Schritte dann nicht mehr so traurig im Gang oben ...

Er ging ruhelos im Zimmer auf und nieder. Ja, wo denn, wen denn? Nur keine mit Verwandten, Eltern, Tanten, Cousinen! Eine Waise mußte es sein. Und wenn sie schön wär, wär's auch kein Hindernis. Über allzugroße Jugend konnte man sich ebenfalls hinwegsetzen. Geld? Nein, das brauchte sie nicht zu haben, keinen Heller. Daß er jede bekam, um die er warb, daran zweifelte er nicht. Er war nicht gerade hübsch, aber auch nicht abstoßend. Etwas kränklich sah er aus. Sein schlichtes blondes Haar stimmte überein mit den weißen, schwächlichen Händen.

Er sann nach. In der Stadt besaß er eigentlich wenig Bekannte. Das Gehöft stand etwa zwei Stunden weiter draußen inmitten der Felder und Wiesen. Mit einemmal hielt er im Gehen inne und blickte auf einen Fleck. Ein Bild war vor ihm aufgetaucht. Die! die! die gefiele ihm. Wenn daraus etwas würde! ... Er verließ das Haus.[110]

Quelle:
Maria Janitschek: Frauenkraft. Berlin 1900, S. 101-111.
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