XIII

[216] »War er nicht ein kleiner Held, als er Abschied nahm?« sagte Kyrilla zu ihrem Gatten.

»Erst Nachricht von Blankö abwarten,« gab Emmerich zurück. Sie traf bald ein.

»Er gefällt mir nicht,« schrieb der Institutsvorsteher. »Er ist still und folgsam, aber gerade das gefällt mir an ihm nicht. Es verbirgt sich etwas dahinter. Jedenfalls warten Sie mit Ihrem ersten Besuch noch eine Zeitlang.«

Nach einer Woche erschien abermals ein Brief.

»Der Junge giebt sich redliche Mühe. Aber ich fürchte, er wird zusammenbrechen oder von einer plötzlichen Krisis erfaßt werden. Er geht wie geistesabwesend umher. Mit den andern Knaben verkehrt er nicht. Sie necken ihn und spötteln natürlich über ihn. Vielleicht tragen diese kurzen dunklen Wintertage mit bei zu seiner Stimmung. Vor der Hand: Geduld, werter Herr!«

Drei Tage später kam ein reitender Bote[216] aus Oedenburg. Tralgoth, der ihn kommen sah, riß ihm den Brief aus der Hand und las: »Heute, mitten in der Schulstunde, sprang Ihr Junge plötzlich auf und stürzte sich wie ein wildgewordenes Tier mit dem Kopf gegen die Wand. Zum Glück scheint er keine innern Verletzungen davon getragen zu haben. Er blutete nur heftig aus Nase und Mund. Jedenfalls wird es angezeigt sein, wenn Sie ihn wieder nach Haus nehmen. Mit Kindern von solcher Veranlagung kann ich nichts beginnen, und sie wirken schädlich auf die andern. Hochachtungsvoll Dr. Blankö, Institutsvorsteher.«

Tralgoth warf seinen Pelz um, ließ einspannen und fuhr, ohne jemand ein Wort zu sagen, nach der Stadt. Man führte ihn in den Krankensaal. Bela lag, ein nasses Tuch um die Stirne geschlungen, im Bette. Der Arzt war eben da. »Der Junge hat einen dicken Schädel,« sagte er lächelnd zu Tralgoth, »ein anderer hätte sicherlich eine Gehirnerschütterung davon getragen. Er kommt mit einigen Beulen davon.«

»Meinen Sie sicher,« fragte Emmerich, »daß es keine üblen Folgen nach sich ziehen wird?«

»Ich glaube es bestimmt sagen zu können,« entgegnete der Doktor. »Ich habe ihn genau untersucht.«

»Kann ich ihn mitnehmen?«

»Lassen Sie ihn lieber bis morgen hier. Wir wollen ihn noch diese Nacht beobachten.«[217]

Bela schlief, und Tralgoth wollte ihn nicht aufwecken. Er fuhr wieder nach Hause zurück. Er lächelte in sich hinein. Wenn Kyrilla und Ösz eine Ahnung davon gehabt hätten! Er wollte kein Wort verraten, bis der Junge da war. Er selbst würde ihn holen und bringen.

Andern Tags gegen Abend fuhr er wieder in die Stadt.

Bela saß blaß und ganz verändert ausschauend zwischen den Kissen. Bei seines Vaters Anblick füllten sich seine Augen mit Thränen. Er sagte kein Wort.

»Deine Mutter meinte, du wärst ein kleiner Held,« bemerkte Tralgoth, »ich hab' ihr gleich gesagt, sie soll erst abwarten. Nun ist dein Heldentum bewiesen.« Der Wärter half den Jungen ankleiden; dann gingen beide hinunter. Ein paar neugierige Buben drückten sich die Nasen an den Fensterscheiben platt. »Nun, ich wünsche dir Vernunft,« sagte Doktor Blankö ernst, »du hast dich wie ein Tier benommen. Hoffentlich erteilt dir dein Vater, wenn du gesund bist, die verdiente Lektion dafür.«

Er wechselte noch einige Worte mit Tralgoth, dann setzten sich Vater und Sohn in den Wagen und fuhren ab.

Eine Zeitlang sprach keiner ein Wort, dann sagte Emmerich:

»Ich werde dir einen Lehrer aus der Stadt kommen lassen; wenn du aber bei dem nicht[218] gut thust, stecke ich dich in eine Anstalt für verwahrloste Kinder. Da giebt's Prügel und Brot und Wasser, merk' dir's.« Er hatte umsonst geredet. Bela war eingeschlafen. Sein blasses Gesichtchen lag seitwärts in die Kissen gelehnt.

Er murmelte etwas. Emmerich beugte sich über ihn. »Onkel Hendrik!« hörte er ihn zärtlich flüstern ...

Die Leute liefen im Hof zusammen. Was war das? Kyrilla schob die gaffenden Mägde weg und eilte auf ihr Kind zu.

»Da bring' ich dir deinen Sohn wieder,« sagte Tralgoth ironisch.

»Was fehlt ihm?« rief Kyrilla und zog den Knaben, der vor Scham halb ohnmächtig war, an sich.

»Sag's nicht!« flehte der Junge.

»Heute nicht, aber einmal, wenn du nicht gut thust.«

Er war froh, eine Waffe gegen das Kind zu besitzen, wodurch er es gefügig machen konnte.

Sie gingen nach der Wohnstube. »Hinauf, hinauf,« rief Bela, vor der Thür umkehrend, »ich will ins Bett.«

Herr des Himmels, dachte Kyrilla und trug ihn halb die Treppe hinauf. Oben, als er die Mütze ablegte, sah sie die riesige Beule, die seinen Kopf entstellte. Sie brach in Thränen aus. Wie er sie weinen sah, begann er ebenfalls zu weinen. Und dann bekannte er ihr alles.[219] Wie er Hendrik versprochen hatte, auszuhalten, wie er es aber nicht vermocht hätte. Weil er keinen andern Ausweg gesehen, habe er zu sterben beschlossen und sei mit aller Kraft an die Mauer gerannt. »Aber ich hab' einen so dicken Kopf,« klagte er, »bloß die Haut ist hin, der Kopf ist ganz geblieben. Aber du, sag's ihm nicht, schwör' mir's!« Er faßte der Mutter beide Hände.

»Nein, nein,« lachte sie unter Thränen, »ich red' kein Wort mit ihm darüber.« Beide wußten, wen sie meinten.

Kyrilla wich nicht von seinem Bett. Sie machte ihm Eisumschläge um die heiße Stirn. Abends klopfte es kurz an, und Hendrik trat ein.

»So, du bist wieder da,« sagte er trocken, »wie kommt das, und weshalb ist dein Kopf eingebunden?«

Bela schwieg und drehte sich gegen die Wand.

Kyrilla warf ihm einen bittenden Blick zu. Er schien ihn nicht zu bemerken.

»Ich will Antwort haben,« fuhr er barsch fort.

»Der Vater hat's dir ja doch schon gesagt,« heulte der Junge jetzt hinter den Kissen hervor.

»Nein, der Vater hat mir nichts gesagt. Ich erfuhr durch die andern Leute, daß du da seiest. Was ist los mit dir?«

Kyrilla runzelte die Brauen und schritt aus dem Zimmer. Sie wollte diese Folter ihres Knaben nicht mit ansehen. Hendrik konnte sehr[220] grausam sein, wenn es sich um die Wahrheit handelte. Sie ging im Gang auf und nieder.

Wenn sie ihn irgend ein lautes, heftiges Wort sagen hörte, würde sie sich hinein mischen, denn das Kind war krank; gequält durfte es nicht werden. Aber sie vernahm keinen Laut. Sie ging hinab und machte sich in der Stube zu schaffen. Nach einiger Zeit wurde sie unruhig. Ösz kehrte nicht wieder.

Sie wartete, sie fühlte Feuer in ihre Wangen steigen. Was mochten denn nur die zwei mit einander haben? Es war ihr, als wenn sie selbst es wäre, die sich allein mit Hendrik befand. Sie ging hinauf und trat in Belas Stube. Auf dem Rand seines Bettes saß Hendrik, den Kopf des Knaben an seiner Brust. Sie drückte die Zähne in die Lippen und wandte sich geschäftig in die Ecke, wo der Waschtisch stand. Hendrik erhob sich.

»Bela hat mir versprochen, tüchtig zu lernen und sich weniger um mich zu bekümmern. Ich hab' ihm gesagt, daß ich dies beständige mir auf Schritt und Tritt Folgen nicht mag.«

»Gehorcht er diesmal, dann verzeihe ich ihm seinen dummen Streich, gehorcht er wieder nicht, dann sind wir geschiedene Leute. Also!« Er blickte dem Jungen fest in die Augen und schritt hinaus.

Etliche Tage später einigte man sich dahin, Bela in eine Schule nach Oedenburg zu schicken.[221] Es war zwar ein weiter Weg bis zur Stadt, aber auch andere Kinder von entfernten Gehöften legten ihn täglich zurück. Diesmal hielt sich der Junge tapfer. Tralgoth war froh darüber.

Was er jetzt für ihn fühlte, war nicht mehr als das Pflichtbewußtsein eines Vaters, für sein Kind sorgen zu müssen. Damals, als er ihn insgeheim aus der Stadt abholte, hatte sein Herz noch einmal zu hoffen gewagt. Jenes zärtlich geflüsterte Wort Belas hatte ihn der letzten Hoffnung beraubt. –

Bela stapfte, seinen Schulranzen auf dem Rücken, mutig durch den Schnee, in die Stadt hinein. Er gab sich redliche Mühe und lernte gut. Zu Hause wiederholte die Mutter die Aufgaben mit ihm. Er war jetzt ganz auf sie angewiesen. Hendrik sollte er sich nicht anschließen, sein Vater kümmerte. sich nicht um ihn, so blieb ihm nur die Mutter übrig. In ihren Armen weinte und tobte er seine Knabenwildheit aus. Ihr vertraute er das meiste an. Nicht alles. Die letzten Gefühle der Vergötterung, die er für Hendrik empfand, verschwieg er ihr schamhaft. Manchmal suchte er sich für Hendriks Verbot, sich an ihn anzuschließen, dadurch zu trösten, daß er der Mutter Haar strich und sagte: »Es wird schon besser werden, weißt du. Wenn ich nur erst groß bin!« Sie lächelte dann schwach und sagte garnichts. Manchmal stürzte er sich ihr auch wild an die Brust, gab ihr allerhand[222] Liebkosungsnamen und weinte zornig. Dann löste sie ihn bewegt von sich los.

Das Kind erschien ihr wie die eigene Seele. Alles, was sie bewußt und unbewußt fühlte, ging in ihm verkörpert herum. Sie konnte noch so ängstlich verbergen wollen, was in ihr vorging, das Gesicht, die Augen, das Benehmen des Knaben verrieten es. Einmal, als Bela traurig einher schlich, sagte sie zu ihm: »Du dummer Junge, du! Wenn man etwas Gutes und Schönes in der Welt weiß, muß man denn dieses Gute und Schöne gleich in die Arme nehmen? Es genügt doch, zu wissen, daß es da, uns nah ist.« Zuerst sah er sie verständnislos an, dann begriff er. –

Sie wurde immer reifer, je mehr sie verschweigen mußte. – Eines Tages, als Bela seinen ersten Fleißzettel heimbrachte, schickte sie ihn damit zum Vater. Der Knabe zögerte erst, dann gehorchte er. »Das ist ja recht brav,« meinte Tralgoth. »Wenn dein Eifer nur auch anhält. Hänge deiner Mutter weniger an der Schürze, dann kann noch ein guter Student aus dir werden.«

Der Junge sah ihn groß an und ging langsam zum Ausgang. Dort packte ihn ein Zornanfall. Wütend schlug er die Thür hinter sich zu. Mit einem Satz war Tralgoth hinter ihm.

»Unverschämter Kerl, wirst du dich unterstehen! Hast du Blankö und die Anstalt für Verwahrloste schon vergessen? Noch einen solchen[223] Auftritt, und ich lasse dich gebunden von Panduren hinüberführen.«

»Was ist denn?« fragte Kyrilla, bestürzt in den Hausflur tretend.

»Deine Erziehung trägt Früchte. Der Knirps erlaubt sich frech zu werden.«

»Bela!« rief die Mutter.

»Ich hab' nichts gethan,« verteidigte sich der Kleine keuchend. »Vater sagte, ich soll dir weniger an der Schürze hängen, und – und da lief ich davon.«

»Geh hinauf,« gebot Kyrilla.

Er rannte laut schluchzend die Treppe empor. Kyrilla sah ihrem Gatten traurig ins Gesicht. »Jemand muß das Kind doch haben, mit dem es sprechen kann.«

Emmerich rieb sich lächelnd die Hände.

»Meinst du, ich hätte keine Augen? Meinst du, ich wüßte nicht, was dieses stete Beisammenhocken bedeutet? Mit keinem Menschen, außer mit dir, geht er. Mit keinem Menschen, außer mit dir, redet er. Mit dir, nur mit dir, hä!« Er ging hinein und wollte die Thür hinter sich schließen. Eine Hand steckte sich durch den Spalt und öffnete sie wieder. »Na, was predigst du da draußen?« rief Hendrik hereinkommend und trat sich den Schnee von den Füßen ab. »Könntest das gerade auch wo anders abmachen als unter der Thür.« Er hing seinen Pelz über den Stuhl. Emmerich machte eine geringschätzige Handbewegung.[224]

»Es ist die alte Geschichte.«

»Welche alte Geschichte?«

»Meine liebe Frau hat ihren Sohn verteidigt.«

Hendrik runzelte die Brauen. »Was hat er sich zu Schulden kommen lassen?«

»Er ist unverschämt gegen mich.«

»Wieso?«

»Das kann ich dir nicht so erklären. Es würde mich übrigens Wunder nehmen, wenn es nicht so wäre. Hat sie ihn doch den ganzen Tag neben sich hocken und flüstert in ihn hinein.«

Hendrik griff nach seinem Pelz.

»Gehst du nochmals aus?«

Hendrik überlegte einen Augenblick, dann sagte er mit leiser, rauher Stimme: »Bist du wirklich noch nicht zufrieden?« Seine Augen hafteten starr auf dem Boden.

»Zufrieden? Womit sollte ich wohl zufrieden sein? Hä, du stellst lustige Fragen an mich.«

»Was möchtest du noch, sag's.«

Hendrik starrte noch immer zu Boden, und Tralgoth sah, wie seine Hände zitterten.

»Wie sonderbar bist du denn? Du thust ja, als ob du dich vor mir fürchtetest.«

»Vor dir?« Hendrik hob langsam das Gesicht auf. »Vor dir? Nein, vor mir fürchte ich mich.« Er schritt nach der Thür. Auf der Schwelle bückte er sich nach einem kleinen violetten Zettel. ›Für Fleiß und gute Sitten‹ stand[225] darauf. Er steckte ihn zu sich und ging hinaus.

Was dieser Mensch für schreckliche Augen machen kann, dachte Tralgoth, sich auf die Bank am Ofen ausstreckend. Wenn ich ihn nicht so brauchte! ... Aber verläßt er das Haus, was weiß ich, was dann geschieht. Sie ist mit dem Kinde im Bunde. Sie lehrt es Haß gegen mich. Es sind ihrer zwei. Er allein hält ihnen das Gegengewicht. Übrigens – mit rascher Bewegung setzte er sich aufrecht. Er spricht kein Wort mit dem Jungen. Bloß manchmal wechseln sie einen langen Blick miteinander. Sie haben etwas miteinander. Sie, das Kind und er! Natürlich. Natürlich haben sie etwas miteinander. Was bin ich doch für ein kurzsichtiger Narr gewesen! Er stand auf und begann in der Stube auf und nieder zu gehen.

Gegen Abend kam Ösz wieder herein. Er setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben. Hier und da fiel ein geschäftliches Wort zwischen beiden. Als später Kyrilla erschien, um aufzudecken, und die Magd das Essen herbeibrachte, herrschte ein drückendes Schweigen. Jeder von ihnen war in seine eigenen schweren Gedanken vertieft.[226]

Quelle:
Maria Janitschek: Frauenkraft. Berlin 1900, S. 216-227.
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