IV

[132] Der Sommer kam stolz ins Land gezogen, wie ein siegesbewußter Herrscher.

Auf dem Tralgothhof regten sich geschäftige Hände. Da gab's zu graben, umzuackern, zu jäten, einzuheimsen, Gutes von Minderwertigem zu scheiden. Kyrilla war nicht müßig. Mit wahrem Hunger stürzte sie sich auf die Arbeit. Sie nahm für sich keine Ausnahmestellung in Anspruch und griff überall selbst mit an, wenn's nötig war. Sie war wortkarg und sprach wenig mit den Leuten. Nur manchmal stand sie plötzlich hinter einer oder der andern Taglöhnerin und lächelte sie an, daß die Frau nicht wußte, wie ihr geschah.

Emmerich hatte noch immer ›Geduld‹. Ein bißchen herrischer behandelte er sie, aber immer noch gut.

Sie bot ja auch keine Veranlassung zur Unzufriedenheit, ebenso wenig als er ihr. »Vielleicht wäre es besser, einer von euch hätte ein wenig[132] Beelzebub im Leibe,« meinte der Pfarrer einmal zu Emmerich.

Im Herbst sollte sich übrigens der Geistliche einmal verwundern. Eines Werktags Nachmittags – Emmerich war vom Hause abwesend – trat Kyrilla bei ihm ein. Zu lesen möchte sie etwas, bat sie. Der Wirtschafterin ihr Traumbuch hätte sie bereits dreimal ausgelesen. Auf des Pfarrers erstauntes Gesicht sagte sie:

»Abends sitzen wir immer so dumm nebeneinander, Emmerich und ich. Er raucht und redet nicht, ich nähe und rede auch nicht. Wenn ich ein Buch hätte, könnte er mir daraus vorlesen, oder ich könnt' ihm vorlesen. Dann würden wir uns nicht langweilen.« Der Priester schüttelte den Kopf und gab ihr die Legende vom heiligen Crispin. Sie brachte das Buch bald zurück. Es wäre eine merkwürdige Geschichte. Sie hätte sie zweimal durchgelesen. Ob er nicht noch einen Heiligen hätte. O ja. Er gab ihr eine Sage von ihrer Namenspatronin, was sie ganz stolz machte. Auch dieses Buch brachte sie bald wieder. Nun erhielt sie andere fromme Werke. Schließlich erlaubte er ihr, sich unbehindert, so oft sie wollte, Lektüre zu holen. Er besaß ein paar Hundert Bände, die sauber aneinander gereiht in einer Kammer neben der Pfarrkanzlei standen. Einige Male war er nicht anwesend gewesen oder schlief oben in seinem Zimmer, da hatte die Wirtschafterin sie ohne weiteres zu dem Bücherschatz[133] ihres Herrn gelassen. Einmal gestand sie dem Pfarrer, daß sie allein lese, Emmerich wollte nichts hören. Er sagte, er wäre des Abends zu müde zum Aufpassen. Sie holte sich Heiligenlegenden und brachte sie rasch wieder zurück, schließlich bekümmerte er sich nicht mehr darum, was sie sich wählte. Schädliche Bücher besaß er nicht. Und daß sie sich wissenschaftliche Werke, die er in seiner Jugendzeit als Student sich gekauft, aussuchen würde, konnte er nicht voraussetzen.

Sie aber las und las. Was sie aufs erstemal nicht verstand, las sie dreimal durch. Und schließlich blieb doch ein oder der andere Gedanke oder für sie neue Ausblick in ihr zurück. Meistens las sie, wenn Emmerich in seine Rechnungsbücher vertieft oder abwesend war, oder nach Tische schlief. Vorlesen mochte er nicht hören. Lieber rauchte er stumm die Pfeife, oder sah ihr zu, wie sie Nadel und Faden regierte. Entfernte er sich, so hatte sie flugs eins von den geliehenen Büchern zur Hand. Und war's auch nur eine Seite in einem Buche, die sie begriff, für sie war diese Seite oftmals eine Offenbarung. Eines Tages entdeckt sie ein stockfleckiges Buch: Gregor von Tours. Sie verschlingt die wundersamen Legenden, die der Alte erzählt. Ein andermal entdeckt sie den ›Geist des Christentums‹. Die Philosophie in dem Buche versteht sie nicht, aber sie vergießt Thränen über die entweihten Leichnahme[134] der französischen Könige. Das rein Menschliche erfaßt sie überall, findet sie überall heraus.

Manchmal entsinkt ein Buch ihrer Hand; sie sinnt nach. Sie versteht etwas nicht; Emmerich zu fragen, wagt sie nicht. Kathinka würde ihr Weihwasser ins Gesicht sprengen bei einigen Fragen, die sie auf dem Herzen hat. Die Taubstumme begreift sie nicht. Da läuft sie denn in den Garten hinaus und starrt die Bäume und Gräser an. Und ihr ist, als fügten sich die grünen Zweige zu einem Ganzen zusammen, zu einem fremdartigen Gesicht mit tausend Linien und geheimen Zügen und Runen. Und die Gräser liebkosen ihre Füße, und das Gesicht neigt sich auf sie. Da gehen ihre Augen, ihre Ohren, ihr Herz groß auf. Der Inhalt der Bücher hat ihre Phantasie befruchtet, und die Natur nährt das junge Leben in ihr weiter. Sie giebt ihm Gestalt, Form. Sie haucht ihm Schönheit ein. Jetzt sucht Kyrilla nicht mehr die Küche auf, um den Arm der alten Kathinka zu streicheln, sie vermag allein zu bleiben. Sie träumt. Die Umrisse einer neuen Welt dämmern in ihr auf.

Ich brauche viel Geduld, dachte Emmerich. Zuerst gab's diese dumme Jungfrauenblödheit zu überwinden, jetzt ist wieder etwas anderes da, dessen Natur ich nicht kenne. Sie besitzt etwas für sich, an dem ich nicht teilnehmen kann. Wenn's doch ein Mensch wär', den könnt' man niederschlagen! Aber so! Oft, wenn sie schon[135] zur Ruhe gegangen war, trat er vor das Bett, packte sie am Handgelenk und zerrte sie heftig. Sie öffnete die fest geschlossenen Lippen nicht, oder sie sagte ruhig: »Was hab' ich Unrechtes gethan?« Dann ließ er sie los. Nur seine zornfunkelnden Augen klagten: So erlöse mich doch, einfältiges Weib! Ich verstehe dich nicht, vielleicht verstehst du auch mich nicht. Ich bin kein böser Mensch. Ich bin kühl, weil mich keine Glut erwärmen will. Weshalb giebst du mir keine, Elende, du?

Einmal kamen Zigeuner auf den Tralgothhof. Sie saßen unten in der Stube und spielten. Emmerich hatte einige Bekannte bei sich. Sie rauchten und tranken. Kyrilla saß stumm wie ein Marmorbild da und verlor keinen Ton der Geigen. Tralgoth gab unter den Scherzen der Freunde den Musikanten die Themen zu den Stücken an, die sie spielten. Als es zwei Uhr nachts geworden war und die Gäste mit Ausnahme der jungen Frau Müdigkeit zeigten, sagte er: »Nun, Kinder, hört auf. Mir fällt nichts mehr ein!« Der Primas lachte.

»Darf ich zum Schluß selbst einen Stoff wählen?«

»Thu's!«

»Ein Herd voll von knisterndem Holz, aber niemand, der es anzündet.«

»Bravo!« brüllten lachend die Männer. Die Geigen begannen zu singen. Der Primas schleuderte seine dunklen Blicke hinüber zu dem[136] schönen Weibe, das stumm und blaß an dem dunklen Eichentische inmitten wogender Rauchwolken saß.

In dieser Nacht konnte Emmerich keinen Schlaf finden. Er fühlte eine tiefe Unzufriedenheit mit seinem Leben. Er fragte sich, wo eine Schuld an ihm wäre, für die er zu büßen hätte. Er hatte allezeit recht gehandelt, so wie sich's gehörte; daß er, um seine persönliche Freiheit zu retten, nicht Ilka, sondern Kyrilla zum Weibe genommen, war vielleicht sein einziges Unrecht. Er grübelte sich in einen Zustand der Erbitterung hinein. Ich bin ein gerechter Mensch, weshalb werde ich ungerecht vom Schicksal behandelt? Oder kümmerte sich Gott überhaupt nicht um das Leben eines bescheidenen Weinbauern? Er glaubte bemerkt zu haben, daß die Natur oder Gott gleichgiltig über die Kleinen wegschreitet, um der Ausgestaltung des Schicksals bedeutender Menschen größere Sorge zuzuwenden. Verunglückten jährlich nicht Tausende armer Fischer, Bergleute, Maurer? Wer kümmert sich viel darum, wer beweint sie, was verändert ihr Leben oder Sterben im Gang der Dinge? Und er erschien sich plötzlich ganz verlassen, selbst vom Himmel verlassen. Er war zu gering, als daß sich Gott seines Hauses erinnerte. Weshalb war er nicht in seiner Kindheit gestorben, damals, als die Eltern sich ängstlich über sein Bett geneigt hatten?

Der Herbst brach an. Die Trauben wurden[137] abgenommen und kamen gekeltert in Fässer. Eine Zeitlang ging's noch lebendig her. Kincs trabte munter zwischen den Weingärten und dem Tralgothhof hin und her. Dann sank die Ruhe des Winters herab. Emmerich saß tagelang rechnend an seinem Schreibtisch. Aber auch die Abrechnungen nahmen ihr Ende. Dann blieb nur die Pfeife übrig. Oben in den steinernen Gängen pfiff und klagte der Wind. Im Treppenhaus, auf den Stiegen lagerte eine quälende Kälte. »Heizt doch ein!« herrschte Emmerich die Mägde an. »Ihr seid zu faul, um zu heizen, man erfriert ja. Weshalb sind alle Scheunen voll Holz, wenn nicht, um damit warm zu machen?«

Sie heizten, aber es wollte nicht warm werden. Oder war's die Stille, die so kalt machte, die Gleichgiltigkeit, die auf den Gängen herumlungerte und mit ihrem eisigen Atem die Leute frieren ließ?

Kyrilla konnte infolge der schlechten Wege jetzt weniger nach dem Pfarrhaus gehen, um sich Bücher zu holen. Sie war ganz auf sich selbst angewiesen. Die Stunden, die sie nicht in Küche und Keller verbrachte, verträumte sie. Sie sah in das graue Schneegestöber hinaus und wünschte sich, daß etwas vorgehen möchte. Die Stille war gar so erdrückend. Manchmal, wenn ihre Wangen langsam zu brennen begannen und ihr Herz in kurzen, bangen Stößen schlug, daß sie sich hochaufatmend[138] zurücklehnen mußte, dachte sie, was das wohl zu bedeuten habe.

Fehlte ihr etwas? Wünschte sie sich etwas.

O ja, sie wünschte sich etwas! daß die Thüre sich aufthäte und jemand herein träte ... Sie krampfte die Finger ineinander. Nicht, nicht! Wie das draußen schneite und schneite! ...

Lag wirklich über der Thür ein lichter Schein? ...[139]

Quelle:
Maria Janitschek: Frauenkraft. Berlin 1900, S. 132-140.
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