IX

[180] Ehe man dessen recht gewahr wurde, war der Winter hereingebrochen.

Die Dienstboten brachten kleine Wälder in die Öfen geschleppt. Es herrschte in allen Räumen Wärme, wenn nicht sogar Schwüle. Hendrik ließ auf den Gängen, wo früher Halbdunkel herrschte, Lampen anbringen und Strohmatten auf die Steinfliesen legen. Emmerich rieb sich die Stirn.

»Woher soll ich all' das bezahlen?«

»Laß' mich nur machen. Es wird alles wieder hereingebracht.«

»Dann wäre es besser, dieses Geld auf die Sparkasse zu tragen, als Schulden damit zu tilgen.«

Darauf entgegnete Hendrik gar nichts, sondern deutete hinter sich in die Stube, wo Bela eben hereingeschlüpft war und mit sehnsüchtigen Augen auf den ›Onkel‹ sah.[180]

»Der darf sich doch nicht die kleinen Zehen erfrieren oben in eurem Kältemagazin.«

Emmerich begann sich innerlich zu ärgern, daß sein Bub' sich so ganz an Hendrik hing. Der Junge folgte diesem überall wie sein Schatten. Hatte er draußen in den Scheunen zu thun, so krabbelte ihm plötzlich etwas am Bein. Wenn er dann unwirsch nieder sah, erblickte er Bela in irgend einem abenteuerlichen Aufzug. Dann gab's die wunderlichsten Fragen, auf die Hendrik, ob er wollte oder nicht, antworten mußte. Manchmal brach er über irgend eine gar zu drollige Frage in ein schmetterndes Lachen aus, in das die dünne Stimme jauchzend einfiel. Dann hob er den Jungen hoch und warf ihn ins Heu. Aber nicht immer scherzte er mit ihm. Zuweilen gab's auch Schelte und Schläge. Trotzdem hing der Knabe fanatisch und mit jedem Tage fanatischer an ihm. Vater und Mutter kamen in seinem Herzen erst nach dem ›Onkel‹.

Zu Weihnachten sagte Hendrik zu Tralgoth: »Nun thu' deinen Säckel auf, wir brauchen Geld für die Leute.« Emmerich stritt sich mit ihm herum. »Du bist ein Verschwender. Ein Mensch, der Häuser verschenkt. Bis zu einer Grenze bin ich dir gefolgt, nun kann ich's nicht mehr. Die Leute brauchen nicht so reich beschenkt zu werden.«

»Freut's dich nicht,« fragte Hendrik, »wenn du glänzende Augen um dich siehst und du weißt,[181] ein paar arme Teufel sind für einige Stunden glücklich gemacht?«

»Gewiß, das ist ganz hübsch; wenn ich aber für die Fremden alles ausgebe, bleibt mir für die eigne Familie nichts übrig.«

»Eigne Familie?«

»Nun ja, das Kind und die Frau. Zählst du die für nichts?«

»Der Frau würde ich nichts schenken, die erfreut kein Geschenk.«

»Wahr ist's eigentlich,« meinte Emmerich, »aber wer weiß – hm. Nein, ich kaufe ihr lieber doch etwas, mag sie's wie immer beiseite legen.«

»Du thust gerade so, als ob du sie fürchtetest.«

Emmerich sah ihn mit einem sonderbaren Blick an und schwieg.

Zu Weihnachten brannten alle Lampen und Lichter im Hause. Alle Gänge waren durchwärmt. Hinten aus dem Wirtschaftsgebäude tönte Gesang und Gelächter. Hendrik hatte trotz Tralgoths Protest für die Leute reiche Geschenke kommen lassen. Der Hausherr hatte tausend Danksagungen erhalten, aber die Blicke der Leute waren Hendrik zugeflogen.

Nach dem Essen fühlte Tralgoth seine Schläfe heiß werden. Es brannte etwas in ihm; er wußte nicht, war es Schmerz oder Ärger. Er gab das Geld her zu all diesen Veranstaltungen, er war der Herr, und Hendrik galt ihre Dankbarkeit.[182] Nachdem Bela, der heute ausnahmsweise mit ihnen am Tische hatte essen dürfen, hinaufgeschickt worden war, entfernte sich Emmerich. Er warf seinen Pelz über und ging in die Winternacht hinaus. Er lief auf der Landstraße hin. Er fühlte sich höchst elend. Er verstand sich und die Welt nicht. That er nicht, was recht und billig war, vernachlässigte er seine Pflichten? Und doch. – Keine Rosen blühten auf seinem Weg, kein Singvogel sang ihm Lieder. Sein Kind liebte ihn nicht, obgleich er für dasselbe sorgte und dachte. Seine Frau war ein Rätsel für ihn. Sie gehorchte ihm blind, aber – das alles war nicht das Rechte. Es fehlte irgendwo etwas. Das Letzte, das Tüpfelchen auf dem I. Und er gab doch, er schenkte, er blieb nichts schuldig. Wie gleichgiltig hatte sie zum Beispiel heute Abend das goldene Armband entgegen genommen, das er ihr gereicht hatte! Er hatte gehofft, in Hendrik einen Freund an sich zu fesseln. Es war nur ein tüchtiger Ratgeber, nicht mehr, den er in ihm gefunden. Und ob seine Ratschläge gute waren, würde sich überhaupt erst noch zeigen. Die Früchte der Saat mußten noch kommen; würden sie es auch?

Tralgoth seufzte und rechnete. Er war nicht geizig, aber verschwenden durfte er nicht, dazu war sein Vermögen nicht ausreichend. Bestand es doch zumeist in Grund und Boden, der hier wenig Wert hatte. Er hüllte sich dichter in seinen[183] Pelz und begann rascher zu gehen. Seine Gedanken trieben ihn weiter.

Indessen saß Hendrik Kyrilla gegenüber. Zum erstenmal allein. Anfänglich dachten sie, Emmerich würde gleich wiederkehren. Sie redeten eine Zeitlang nichts, dann begann Hendrik ein gleichgiltiges Gespräch. Er lehnte sich in den Stuhl zurück und sah den Rauchwolken seiner Pfeife nach, wie sie zur Decke emporstiegen. Kyrilla spielte mit einem Bleistift, mit dem sie allerlei Figuren auf den Tisch zeichnete. Als Viertelstunde auf Viertelstunde verging, erhob sie sich unruhig und ging hinaus. Sie kam gleich wieder und bemerkte beklommen: »Sein Pelz ist fort, er ist weggegangen.«

Hendrik fühlte ihre Blicke auf sich gerichtet. Er zuckte die Schultern. »So, weggegangen. Vielleicht um in der Stadt ein Glas Wein zu trinken.«

»Aber so spät, und heute! Das hat er noch nie gethan.«

»Sind Sie eine besorgte Gattin!«

Sie entgegnete nichts, ihre Hand langte wieder nach dem Bleistift. Auf ihren weißen Wangen begann es zu glühen. Sie wollte nach dem Fenster sehen, aber auf halbem Wege sanken ihre Wimpern nieder. Die Uhr tickte schwerfällig in dem alten massiven Gehäuse. Aus dem Leutehaus tönte Gläserklingen und Gelächter herüber. Mit einemmal stand Kyrilla auf.[184]

»Gehen Sie ihn suchen?« fragte Hendrik, die Pfeife hinlegend. Sie nickte. »Dann geh' ich mit,« meinte er kurz.

»Weshalb?«

»Weil Sie zu dieser Stunde nicht allein in die Winternacht hinausdürfen.«

»Meinen Sie, mir geschähe etwas?«

»Vielleicht.«

»Wissen Sie nicht, daß mich die Leute fürchten? Keiner würde es wagen, mich anzurühren.«

»Weshalb nicht?«

»Sie halten mich für eine Hexe.«

»Sie?« Seine Blicke glitten an ihr herab. »Das ist lustig.«

»Ich finde es traurig.«

»Weshalb? Freilich, ein Weib ist feige.«

»Ich bin nicht feige.«

»Das sehe ich. Weil Ihr Mann für eine Viertelstunde fortgeht, ergreift Sie gleich Bangen nach ihm.«

»Das verstehen Sie nicht.« Ihre Augen flammten auf. Er sah sie einen Augenblick lang selbstvergessen an, dann zwang er sich, gleichmütig zu lächeln. »Vielleicht, vielleicht verstehe ich es nicht. Aber jedenfalls muß Ihr Gewissen ihm gegenüber nicht ganz rein sein, sonst wären Sie ruhiger. Nun also, kommen Sie!« Er schritt nach der Thür.

»Ich gehe lieber allein.« Sie sah wie eine beleidigte Königin aus.[185]

»Das kann möglich sein. Aber ich lasse Sie nicht allein gehen. Ich bin nicht Emmerich Tralgoth, der Sie thun läßt, was Sie wollen.«

»Nein, Sie sind sein Verwalter.«

Hendrik preßte die Zähne in die Lippen.

»Ja, sein Verwalter, nicht er selbst. Deshalb habe ich auch größere Rechte auf Sie.«

Sie streckte die Hand nach der Thürklinke aus. Er legte die seinige darauf. »Fürchten Sie sich vor mir, Kyrilla Tralgoth?«

»Ich bitte, lassen Sie mich hinaus.«

»Kyrilla!«

Sie schloß die Augen und stützte sich an die Wand. Sie war totenblaß. Er öffnete ihr die Thür. Sie trat unsicher hinaus, und zugleich erschien Emmerich.

»Na, da wär' man wieder. Ich hab' ein wenig Luft geschnappt. Gehst du schon schlafen?«

»Nein, ich bin gleich wieder da, nur einen Augenblick,« rief Hendrik und eilte Kyrilla nach. Er erreichte sie auf der Treppe und legte die Hände auf ihre Schultern.

»Frau, eher soll mich Gott verdammen, ehe ich dir Elend schaffen will. Du kannst ruhig neben mir sein, ich will dich heilig halten.«

»Das weiß ich.« Sie sah ihn mit wehem Lächeln an.[186]

Er kehrte wieder in die Stube zurück. Seine Knie zitterten. Er warf sich in einen Stuhl.

»Ist das ein Leben,« sagte Emmerich düster, »ist das ein Leben.«

Hendrik zündete seine Pfeife an. »Wo warst du denn?«

»Meine Sorgen etwas spazieren tragen.«

»Sorgen? Du?!«

»Ja, ich! Oder kannst du mir sagen, weshalb ich mich glücklich fühlen sollte?«

»Hm ja, können thät' ich das schon, aber ich will's nicht.«

»So? Bitte, dann wolle es doch, es wird mich erheitern.«

»Ach, laß doch die Narrenspossen,« rief Hendrik rauh, »du bist vom Glück übersättigt, das ist das Ganze.«

»Ich?«

Hendrik sah ihn an. »Wenn du nicht glücklich bist, liegt es wahrhaftig nur an deinem Willen. Du besitzest alles, was dazu gehört.«

»O, ja, o ja. Übrigens – weshalb nur so viele Lampen brennen, jetzt so spät abends. Es sieht aus, als ob eine Illumination wäre! Sie sollen sie auslöschen.«

»Laß sie doch brennen,« meinte Hendrik, »früher war es dir zu dunkel und kalt im Hause, jetzt ist's dir zu warm und zu hell.«

»Mit Kerzen und Lampen bannt man nicht böse Geister.«[187]

»Nein, da hast du recht, die bannt man nicht damit, da giebt's, glaub' ich, nur ein Mittel für dich.«

»Und das wäre?« Emmerichs Augen richteten sich gespannt auf den Freund.

»Eine Schlinge um den Hals.«

Emmerich lachte gezwungen. Bald darauf suchten sie ihre Schlafzimmer auf.[188]

Quelle:
Maria Janitschek: Frauenkraft. Berlin 1900, S. 180-189.
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