VI

[48] »Also dir gefällt unsere Wohnung?«

»Und wie! Bloß die Unmasse Laub, Kräuter, Blumen, die in Vasen und Töpfen herumsteht und sogar an den Wänden befestigt ist, taugt mir nicht recht. Wir sind doch keine Waldgeister, die raschelndes Laub um sich brauchen.«

»Das ist ihre Liebhaberei. Sie bringt alle Tage die Arme voll Grünem mit.«

»Und du erlaubst es?«

»Erlauben?«

»Du Verliebter! Sieh mich nicht so überlegen an! Wir glauben ja gerne, daß deine Frau ein ungewöhnliches Wesen sei. Sie muß es ja sein, könnte sie dich sonst so ausfüllen? Seit den paar Wochen deiner Verheiratung existierst du ja nicht mehr für die Außenwelt. Selbst mich, deinen besten Freund, umgehst du auf die unverantwortlichste Weise. Und wenn ich nicht höchst eigenfüßig auf deine Bude gerückt wäre, dann –«[48]

»Dann wär' ich zu dir gekommen.«

»Das bezweifle ich stark.«

»Guten Morgen, Herr Professor!«

»Guten Tag, gnädige Frau!«

»Sehr hübsch von Ihnen, daß Sie uns einmal besuchen. Leonhart spricht viel von Ihnen. Aber weshalb stehen wir? Setzen wir uns doch.«

»Wünschest du etwas, Liebe?«

»Nein, ich habe nur auf den Knopf gedrückt, Friederike zu rufen. – Friederike, bringen Sie uns die Flasche Sherry und Gläser. Weshalb sehen Sie mich so erschreckt an, Herr Born? O, ich kann tüchtig kneipen.«

»Sie brauchen doch Laub in Ihren Zimmern.«

»Wie?«

»Ich schalt vorhin über Ihren grünen Geschmack. Jetzt, da ich Sie sehe –«

»Aber wir haben uns doch schon einmal gesehen.«

»Auf Ihrem Hochzeitsmahl? Da sahen Sie ernst und eisig, ja noch einmal so alt aus, als Sie sind. Sie waren nicht einmal befangen, wie's doch einer Braut geziemt.«

»Prosit, Herr Professor! Ich glaube, wir könnten gute Freunde werden.«

»Prosit! Prosit, Leonhart.«

»Blicken Sie mich nicht so an, sonst werde ich verlegen.«

»Ich verstehe nämlich nicht, wie ich Sie[49] neulich gesehen habe. Wo hatten Sie denn Ihr Haar? Auf den Zähnen, werden Sie sagen, aber –«

»O, wie häßlich! Machen Sie oft solche Bemerkungen?«

»O, noch viel ärgere. Du mußt dich daran gewöhnen. Er ist banal wie –«

»Eine Wirtschaft auf dem Rigi.«

»Ungezogen –«

»Wie der dickste Tenor.«

»Übermütig –«

»Wie die Gebeine eines Schneiders, die der Herr am jüngsten Tag zusammen sucht.«

»Und was sagen Ihre Studenten?«

»Sie fürchten mich und schelten mich einen Pedanten.«

»Wenn er nämlich den Professor anzieht, kann er furchtbar werden.«

»Macht Jagd auf alle Nullen, da er Mathematiker ist.«

»Wollen Sie mein Hofnarr werden, Herr Professor?«

»Wenn Sie meine Königin sein wollen? Du hast doch nichts dagegen?«

»O nein, nein! Beuge dein Knie vor ihr, so oft du magst.«

»Sie sehen mich in freudiger Stimmung. So hätte ich einen König, einen Hofnarren, nun fehlt noch die Ehrendame. Können Sie mir nicht eine anempfehlen?«[50]

»Ehrendame? Hm! Ich fürchte etwas. Die Frauen werden sich weigern, den Ehrendienst bei Ihnen zu verrichten.«

»Und weshalb?«

»Weil jede Frau gerne selbst Königin ist. Wenn ich Frau wäre, würde ich Sie hassen.«

»Und ich würde Sie zwingen, mir zu dienen.«

»Versuchen Sie's doch mal.«

»Gut. Leonhart, wollen wir eine feierliche Einladung ergehen lassen? Frau Geheimrat Stetting sitzt am Kopfende des Tisches.«

»Du Schalk! Ich bin einverstanden.«

»Frau Geheimrat Stetting wird nicht kommen, das kann ich Ihnen versichern.«

»Weshalb nicht?«

»Sie verabscheut Sie.«

»Wollen wir wetten, daß sie kommt?«

»Thun wir's. Um was?«

»Kennst du einen interessanten Menschen, Leonhart, um dessen Haupt ich wetten könnte?«

»O ja, aber wette nicht nur um das Haupt, sondern um den ganzen Kerl.«

»Außer mir wüßte ich keinen, meine gnädige Frau, der es wert wäre –«

»Ahnst du, wen ich meine?«

»Doch nicht etwa –«

»Paul Bernhart.«

»Bernhart? Das ist vergeblich. Den bringt keine Gewalt der Erde in eine Gesellschaft.«

»Warum nicht?«[51]

»Er ist ein Misanthrop. Obgleich er erst siebenundzwanzig Jahre alt ist, glaubt er mit dem Leben abgeschlossen zu haben.«

»Welche Marke trägt er?«

»O! Das muß ich ihm wieder erzählen. Er macht in Chemie. Kann Ihnen radikale Mittel gegen Katzenjammer geben?«

»Er soll mein Beichtvater werden. Ist er blaß?«

»Blaß? Nein.«

»Er ist ein sehr schöner Mensch, Marie Therese. Nimm dich in acht vor ihm.«

»Ein lebensüberdrüssiger Giftmischer! er kann mir gefährlich werden.«

»Um Gotteswillen, halb acht Uhr. Leben Sie wohl, meine Gnädige! Verzeihen Sie mein langes Verweilen.«

»Also Sie kommen zu meinem Souper mit Bernhart. Die Geheimrätin hol' ich mir selbst.«

»Bernhart ist verheiratet. Adieu, gnädige Frau, adieu, Alter. Nein, begleit' mich nicht hinaus, ich find' mich schon zurecht.« –

»Wenn er nicht so häßlich wäre!«

»Findest du ihn so häßlich?«

»Klein, dick, eine Kartoffelnase, spärliches braungraues Haar, vom Tabak gelb gewordene Zähne.«

»Und seine Augen?«

»Ja, die versöhnen wieder. Zwei graue Meere, mit Ebbe und Flut und einer tiefen, lachenden Sonne darüber ...«[52]

Quelle:
Maria Janitschek: Frauenkraft. Berlin 1900, S. 48-53.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung

Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung

Der Held Gustav wird einer Reihe ungewöhnlicher Erziehungsmethoden ausgesetzt. Die ersten acht Jahre seines Lebens verbringt er unter der Erde in der Obhut eines herrnhutischen Erziehers. Danach verläuft er sich im Wald, wird aufgegriffen und musisch erzogen bis er schließlich im Kadettenhaus eine militärische Ausbildung erhält und an einem Fürstenhof landet.

358 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon