4.

[180] Der Baumeister ließ halbe Wagenladungen voll Blumen in sein Haus führen.

»Was für ein Kleid soll ich anziehen?« fragte Anselma ihre alte Vertraute.

»Das weiße mit den Spitzen.«

»Ach nein, das hat eine so lange Schleppe.«

»Das rosarote mit dem breiten Gürtel.«

»Das ist zu laut.«

»Also das blaßblaue.«

»Ja, das blaßblaue.«[180]

»Und dann den Pelz darüber, denn die Abende sind schon kühl.«

»Ja, den Pelz darüber.«

»Wird der Herr Baumeister Sie abholen?«

»Nein, ich habe ihn gebeten, es nicht zu thun. Ich komme wie die anderen Gäste hin.«

– – – – – – – – – – – – – –

Es war ein wolkenloser Tag gewesen. Gegen Abend stieg der Mond hinter den Schwarzwaldbergen hervor. Anselma lag ganz still auf ihrem Sopha, bis es Zeit war; dann zog sie sich an. Allzu langsam und gelassen, wie es Lina vorkam.

»Er wird schon verschmachten nach Ihnen, lassen Sie ihn doch nicht so lange warten« ermunterte sie ihre Herrin. »Morgen um diese Zeit wird es schöner sein, da ist die Trauung vorüber und Sie sind allein mit ihm.«

»Ja, allein mit ihm! ... Du Lina!«

»Ja.«

»Weshalb hast du mir eigentlich das blaue Kleid angeraten?«

»Weshalb? Gott, ich riet Ihnen ja vorher zwei andere anzuziehen, die Sie aber nicht wollten.«

»Weißt du, was die blaue Farbe bedeutet?«

»Nein.«[181]

»Nein? Nein? Du, ist der Weg draußen trocken?«

»Wie sollte er nicht, es hat ja schon wochenlang nicht geregnet.«

»Richtig, du hast recht.«

»Übrigens, Sie fahren doch natürlich.«

»Fahren, fahren? – Nein, da bin ich zu schnell dort.«

»Aber Frau – – –«

»Ach laß mich, red kein Wort mehr. Gelt, bös bist du mir nicht?«

»Um Gott, weinen Sie doch nicht, liebe Frau, die Thränen verderben die Seide.«

»Ach, laß sie.«

Die Dienerin vollzog schweigend die letzten Handgriffe an der Toilette ihrer Herrin. Dann legte sie ihr den Pelzmantel um die Schultern.

»Sei wach, wenn ich wiederkehre.«

»Das brauchen Sie mir nicht zu sagen.«

»Leb wohl, meine brave, gute, alte Lina!«

Die junge Frau sank der Alten an die Brust, dann entfernte sie sich rasch. Der Weg war ganz mondbeleuchtet. Anfangs führte er durch einige Gassen, dann zwischen Gartenmauern hindurch, dann in Wiesen hinaus. Anselma schritt langsam vorwärts. Kein Laut war um sie rege. In der kleinen Stadt schliefen um diese Zeit schon die Leute.[182]

Die Stille that ihrem hämmernden Herzen wohl. Sie lüftete den Pelz über der Brust. Die Luft war voll herber Kühle, der Geruch sterbender Pflanzen lag in ihr. Von Zeit zu Zeit blieb die junge Frau stehen und sah sich um.

Ein weiter mit Sternen besäter Himmel spannte sich über das kleine Städtchen, die Gärten, die Wiesen. Unendlicher Friede nah und fern. Unendliches Licht, nicht grell blendend, mild, sanft, heilig, still.

Plötzlich tauchte ein Würfel mit glänzenden Punkten aus der Dämmerung.

Das Haus, ihr Haus, in dem heute Polterabend gefeiert werden soll.

Alle Fenster strahlen erleuchtet.

Hinter jedem glaubt sie festlich geputzte Menschen sich drängen zu sehen. Hinter jedem glaubt sie sein Gesicht zu erkennen, das voll liebender Ungeduld nach ihr späht. Voll von jener alle Hindernisse überstürmenden, hastenden, jagenden Ungeduld, die sie kennt, vor der die Menschen zittern, die zu reizen sie sich hüten. Sie glaubt den schwülen Duft all der Blumen zu atmen, die er ausgestreut hat, ihren Sinnen zu schmeicheln. Sie fühlt die sengende Glut seiner Augen ihren Körper hinabgleiten, wie er sie prüfend betrachtet, ob sie auch wirklich schön genug sei, sein Weib zu werden. All[183] das fühlt sie, und es benimmt ihr den Atem in der Brust.

Und darüber der stille weite Himmel mit seiner herben Luft, seinen fernen Sternen.

Anselma bleibt stehen. Will sie umkehren? Sie zaudert einen Augenblick lang, dann schreitet sie vorwärts. Die Lichtquadrate, die die erleuchteten Fenster auf der Erde bilden, werden größer, allerlei Gerüche nach frischen Speisen, nach Blumen, nach Firniß machen sich schon bemerkbar. Noch einige Sekunden, da ist das Haus. Sie hört den Jubel bei ihrem Eintritt, sie sieht Ralph auf sich zueilen .... eine Ohnmacht will ihre Sinne anwandeln, sie hebt den Fuß und .... schreitet vorüber. Vorüber an dieser Welt der Wärme, der Trautheit, die für sie erstanden ist, an dem Tisch, an dem für das Weib in ihr gedeckt ist – vorüber .... Die anfangs zagen Schritte werden leicht und elastisch. Sie werden wie beflügelt. Dort der Wald, der Hain, scheinen näher zu kommen.

Die schweigende Mondnacht wird noch stummer, tiefer, milder. Das Haus mit seinen grellen Fenstern versinkt .... Bäume steigen auf, hohe, schlanke, gerade. Ein Gitterthor. Es ist verschlossen, aber sie kennt das Geheimnis es zu öffnen. Ein Schritt, und sie ist im Hain der Toten. Nun läuft sie – wie ein Kind, das seinem Beschützer entgegeneilt. An einem[184] Grabhügel sinkt sie nieder. Er ist ganz in Licht getaucht, sodaß man die hochstieligen Blumen darauf erkennen kann.

»Engelbert, da hast du mich wieder. Siehst du mein blaues Kleid? Die Tropfen darauf sind Thränen, die deine Seele um mich vergoß. Aber jetzt braucht sie nicht mehr zu weinen. Ich bringe mich dir unversehrt wieder. Der Brand hat an mir geleckt, aber mich nicht ergriffen. Treue? Was ist Treue? Verdienst? Eigenschaft? Ach, sie ist nur ein Müssen, nichts weiter. Ihre Wurzeln liegen irgendwo hinter den Sternen, wo der wohnt, der alles Müssen geschaffen hat.« .... Sie legte das Gesicht in die feuchten großen Blumen auf dem Grabe. Es war still um sie, stiller als still. Minuten, Stunden vergingen. Da weckte etwas den Frieden des Hains. Der Schritt eines Menschen. Anselma erhob das Haupt. Über den Weg, der vom Gitterthor herführte, kam Ralph. Er mochte wohl gewartet, gewartet haben. Dann war er ausgezogen, sie zu suchen. Ach das Finden war nicht schwer. Wo konnte Anselma sein, wenn sie nicht in ihrem Hause war? Nur hier. Er blieb in einiger Entfernung vor ihr stehen. Sie fürchtete, er würde sie in die Arme nehmen, und mit ihr forteilen, wie er es früher im Scherz gethan hatte. Ohne einen Laut zu sprechen, eine Miene ihres Gesichtes zu verziehen, hob sie langsam die Rechte[185] und legte sie auf die Einfassung des Grabes. Er verstand. – – –

Langsam kehrte er um und verschwand jenseits des Gitterthors.

Sie aber blieb allein mit der Mondnacht und den kühlen großen Blumen vor ihr auf dem Erdhügel.[186]

Quelle:
Maria Janitschek: Kreuzfahrer, Leipzig 1897, S. 180-187.
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