1.

Geo Weidmann steckte die Hände in die Taschen und blickte in den Spiegel. Der Mensch, der da heraussah, war ihm widerwärtig. Wenn er nicht in so nahem Verwandtschaftsgrad zu ihm gestanden hätte, würde er sich mit ihm geschlagen haben. So ging das nicht recht. Es hieß in guter Kameradschaft weiterleben. Was verlangte er übrigens?

War er nicht ein hübscher Bursche, besaß er nicht des Mammons genug, durfte er nicht thun und lassen, was er wollte? Dürfen, ja. Eine bitterböse Sache aber, wenn man vor Hunger den Appetit verloren hat. –

Herrn Geo Weidmanns Mutter war eine aus der Provence nach dem rauhen Norden Deutschlands versetzte Südländerin. Von ihr hatte er die großen, dunklen, traurigen Augen. Sie war längst tot, die schöne Mutter, aber der Vater, ein reicher Kaufherr in Bremen, lebte noch.[83]

Geo hielt sich nicht immer bei ihm auf. Er reiste ab und zu in andere nahe gelegene Großstädte und bemühte sich da, sein Geld unter die Leute zu bringen.

Er trank Weine, die vor Alter bitter schmeckten, aber sehr hoch im Preise standen, und lief Mädchen nach, die noch als unreife Früchte am Baume des Lebens hingen.

Manchmal machte er es auch umgekehrt, trank junge Weine und verliebte sich in alte Frauen, der Abwechslung wegen. –

Aber in ihm, ganz tief in ihm saß ein uralter Sybarit: seine Seele, oder wie man es sonst zu nennen beliebt, und machte zu allem, was er begann, ein unbefriedigtes Gesicht.

Dieses Ding in ihm wars, das er so nicht leiden mochte, mit dem er sich gerne gehauen hätte. –

Es guckte in unverschämter Sehnsucht aus seinen Augen und ließ sich gar nicht verleugnen. Manchmal machte es sich so intensiv bemerkbar, daß in den freundlichsten Augenblicken, zum Beispiel, wenn ein holdes Mädchen ihm den Becher kredenzte, die Schöne plötzlich ausrief: »Was ist Ihnen, was haben Sie? Weshalb sehen Sie so gottverlassen traurig vor sich hin? Fehlt Ihnen etwas? Sprechen Sie.« Er sah dann dem hübschen Mädchen mit einem Ausdruck in die Augen, der so viel bedeutete als: Bist du aber einfältig! Von so[84] etwas spricht man nicht, und zu hübschen Mädchen schon gar nicht. –

Dann kam die Zeit, wo Geo eine edle Regung anwandelte. Er wollte ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden.

Er lernte aber bald einsehen, daß die Gegenwart schon so viele nützliche Glieder besaß, daß er, Geo Weidmann, eigentlich recht überflüssig war. Kein Mensch wartete auf sein Eingreifen. Er ärgerte sich, daß er in einer so überaus reich begabten Zeit geboren war. War nicht fast jeder Mensch entweder Künstler oder Erfinder, oder zum mindesten ein verkanntes Genie? Pferdebahnkutscher machten Verse, Schuster fühlten den göttlichen Funken in sich und nannten sich: Fußbekleidungskünstler, Schafhirten wurden plötzlich zu medizinischen Autoritäten u.s.w. Um Kommerzienrat zu werden, dazu fehlte es Geo an Lust. Es giebt schon so viel treffliche Kommerzienräte auf der Welt. Desgleichen Ärzte, Rechtsanwälte, Seiltänzer etc. Auch merkte Geo, daß alle diese »Berufe« ihn unbefriedigt gelassen hätten. Sein Sybarit verlangte etwas anderes, mehr, etwas ganz Hohes, wofür man sich nicht bezahlen ließ, das man schenkte, aus sich herausholte und in fürstlicher Freigebigkeit unter die Menschheit streute.

Und einmal – es war in seiner prächtigen Villa am Osterdeich in Bremen, er hatte nach längerer Abwesenheit[85] eben seinen Vater besucht – sah er in die grauen vorüberziehenden Wolken und dachte nach.

Einen Augenblick vorher hatte er sich geärgert, daß er nicht alle diese entzückenden Backfische heiraten konnte, die einem in Bremen auf Schritt und Tritt begegnen, und plötzlich machte seine Phantasie einen weiten, weiten Sprung.

Wenn ihn andere Gebiete nicht genug lockten, wie wars eigentlich mit dem ewigen Reiche der Religion? Die Mutter hatte so köstliche, fromme provençalische Kirchenlieder gesungen, in denen der ganze Zauber der katholischen Wunderwelt wohnte, und der ehrwürdige Vater mit seinen weißen Brauen und dem wallenden Bart ging jeden Sonntag nach der alten Martinikirche und galt als der thatkräftigste Vertreter des Luthertums. Geo überlegte lange und fand, daß es an wirklich überzeugten religiösen Naturen just keinen Überfluß gab. Wie wärs, schloß er weiter, wenn du dich ganz mit Leib und Seele der Religion in die Arme würfest? Es war ihm von klein auf so viel Respekt vor allem Religiösen eingeimpft worden, daß ihn auf diesem Gebiete alle Frivolität verließ und er ganz ernsthaft wurde. Zumal er Tolstoj verehrte und noch einige andere, die praktische Religion lehrten. Geo wußte wohl, daß zu einem religiösen Genie mancherlei gehörte. Vor allem ein unerschütterlicher Glaube an sich selbst und die eigene[86] Sendung, dann eine tüchtige Portion Menschenkenntnis. Ihm mangelte beides. Aber dafür besaß er zähen Willen, Verehrung für alles Ubersinnliche – die Reaktion auf seine Vergangenheit – Geld, Zeit, Freiheit.

Der Vater war freudig überrascht über die Wandlung, die mit dem Sohne vorgegangen war. Er dachte, Geo würde nun Theologie studieren und Pastor werden wollen, und etwa dann einmal später an der Martinikirche angestellt werden.

Geo jedoch schüttelte den Kopf. Theologie studieren? Welche denn? Katholische, evangelische, jüdische? Er wußte nicht im mindesten, welchem Gotteskult er sich anschließen würde. Er wollte vorerst alle Religionen kennen lernen, reisen, lesen; an Ort und Stelle bei den Menschen, die ja der Ausdruck der Gottheit sind, die sie anbeten, Studien machen. Der Vater machte ein ungläubiges Gesicht und seufzte; da würde nun wohl nicht viel Gescheites dabei herauskommen.

Geo blieb einstweilen in Bremen und grübelte in sich hinein. Er hatte viel schlaflose Nächte. Der ernsthafte Himmel hier stimmte auch ihn ernsthaft. Er griff zu allerlei religiösen Schriften. Er überlegte, wohin er zuerst seine Schritte lenken würde.

Er gefiel sich darin, plötzlich ein Ziel vor Augen zu haben. Er wollte endlich etwas werden, ein Priester, das Höchste, das ein Mensch werden kann. Es war[87] ihm ein schmerzlich wollüstiges Gefühl, alle seine früheren Verbindungen aufzulösen, allem Luxus, aller Verschwendung ein Ende zu machen, um sich einem Unbekannten, Neuen, Gewaltigen hinzugeben. Er ahnte bereits, wie unendlich er das Neue lieben würde.

Empfindungen, deren er sich gar nicht für fähig gehalten hätte, erwachten in ihm. Ehrfürchtige Schauer durchzogen seine Brust, wenn er erwog, daß er sich von nun an nur mit dem Höchsten, Letzten beschäftigen würde.

Die überflüssige Fülle fiel von seinem Körper ab; er wurde schlank, und sein bisher stark gerötetes Gesicht erhielt eine feine, vornehme Blässe. Das Traurige in seinen Augen verschwand und machte einem milden Leuchten Platz. Wie alle, die in einen neuen Zustand treten, gab er sich ganz diesem Neuen hin und dachte an nichts Anderes mehr. Es war wie eine erste Liebe, was sich seiner bemächtigt hatte, und zwar wie eine Liebe, die nimmer nachläßt, wenn sie einmal da ist, vielleicht deshalb, weil ihr Gegenstand ein weit entfernter ist, den man nie an die Brust reißen und auf den gleichen Boden mit sich selbst stellen kann.

Kann man Gott wirklich so lieben? fragte sich Geo erstaunt. Und der Sybarit in ihm antwortete: O ja, wie die Sonne und den Sternenhimmel, und das ist eine echte Liebe, denn man wird hell und licht durch sie.[88]

Quelle:
Maria Janitschek: Kreuzfahrer, Leipzig 1897, S. 81-89.
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